Leihmutterschaft: Die Babys von Kiew

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Das herzzerreißende Video löste weltweit Bestürzung aus: Dutzende Babys liegen schreiend in aneinandergereihten Bettchen. Leihmütter haben sie ausgetragen, ihre biologischen Eltern leben im Ausland. Wegen der Corona-Pandemie können sie die Säuglinge nicht in Kiew abholen: AusländerInnen ist die Einreise in die Ukraine aktuell verwehrt.

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Mit dem Video habe er öffentlichen Druck erzeugen wollen, sagte Albert Totschilowski, Chef der größten ukrainischen Leihmütteragentur BioTexCom, in einem Interview. Das hat funktioniert: Die ersten Elternpaare aus dem Ausland durften in den vergangenen Tagen nun doch einreisen. Zugleich machte das Video auf ein Geschäft aufmerksam, das bislang im Schatten ablief. Seit dem Verbot der Leihmutterschaft in Indien und Thailand boomt das Geschäft in der Ukraine. Laut Schätzungen ukrainischer Medien kommen dort jährlich zwischen 500 und 2000 Babys zur Welt, die von Leihmüttern ausgetragen wurden. Die meisten KäuferInnen sind AmerikanerInnen, EuropäerInnen oder ChinesInnen. Sie zieht es in die Ukraine, weil diese "sensible Dienstleistung" in ihren Heimatländern sehr teuer ist oder verboten – wie in Deutschland und Frankreich. Auch deutsche KäuferInnen fahren am liebsten in die Ukraine - und hoffen, dass an der Grenze niemand kontrolliert. Ebenfalls schwer in Corona-Zeiten.

Gebärkliniken und unzählige Vermittlungsorganisationen arbeiten eng zusammen. BioTexCom ist die größte Leihmutterschafts-Firma in der Ukraine, betreibt in Kiew eine Gebärklinik und hat Vertretungen in vielen Ländern. Eltern mit Kinderwunsch können verschiedene Pakete buchen - zwischen 50.000 und 70.000 Euro kostet das Baby dann. Die Firma gehört Albert Totschilowskyj. Selbst in der Ukraine ist er umstritten: Gegen ihn wurde wegen Menschenhandels ermittelt. Zeitweise stand er unter Hausarrest.

Gegen den Betreiber wird wegen Menschenhandel ermittelt

2011 ließ ein italienisches Ehepaar von einer ukrainischen Leihmutter ein Baby austragen, die in einer BioTexCom-Klinik künstlich befruchtet wurde. Doch in Italien wurde das Ehepaar nicht als Eltern anerkannt. Ein von den Behörden verlangter DNA-Test bestätigte nicht, dass der Mann auch der genetische Vater des Kindes war. Schließlich wurde das Baby von einer anderen Familie in Italien adoptiert.

Embryonen seien im Reagenzglas vertauscht worden - oder die Katheter während des Eingriffes, sagt der Unternehmer dazu den internationalen Medien. Und er ergänzte: "Die Leihmutterschaft in der derzeitigen Art wird aussterben. Frauen, die ihre Kinder nicht selbst austragen können, werden dann ihre Eizellen in Brutkästen geben. In den nächsten zehn Jahren werden solche Brutkästen erfunden werden." Denn Brutkästen sind ja auch pflegeleichter als Frauen. Kein Genörgel, kein Geheule, wenn das Baby ohne einen letzten Gruß weggenommen wird, keine Klagen, wenn die Kauf-Eltern das Baby wegen einer möglichen Behinderung doch lieber abtreiben lassen wollen.

Swetlana Burkoswka war früher selbst Leihmutter. Heute betreut und unterstützt sie mit ihrer kleinen Hilfsorganisation "Strength of Mothers" Leihmütter in der Ukraine. Immer wieder würden diese betrogen, viele Kliniken gäben den Leihmüttern keine ordentlichen Verträge, sagt sie den Medien. Und immer wieder gibt es Probleme mit den Vermittlern, die sich nicht um die Neugeborenen kümmern. "Im Herbst gab es so einen Fall", erzählt Burkoswka. "Der Vater holte das Kind nicht ab. Bei der Geburt hatte es Komplikationen gegeben. Das Kind wurde von Wohnung zu Wohnung, von Kindermädchen zu Kindermädchen geschoben. Schließlich starb es."

Immer wieder wird versucht, das Geschäft mit menschlichem Leben salonfähig zu machen

Die Lobby für Leihmutterschaft ist derweil riesig. Die besten Werbebotschafter sind Stars wie Elton John oder Ricky Martin, die stolz ihren Nachwuchs präsentieren. Immer wieder wird versucht das Geschäft mit menschlichem Leben salonfähig zu machen. Sogar von der Leopoldina, der ältesten naturwissenschaftlich-medizinischen Gelehrtengesellschaft im deutschsprachigen Raum. Die Akademie sprach sich Ende 2019 dafür aus, die "rechtliche Situation der Eltern zu erleichtern, die ein von einer Leihmutter im Ausland geborenes Kind in Deutschland als ihr eigenes eintragen lassen wollen".

Im Klartext: Die Leopoldina möchte deutsches Recht umgehen und die Hintertür, die längst heimlich von vielen Leihmutter-KundInnen genutzt wird, zur offenen Vordertür machen. Gegen diesen Vorstoß der Leopoldina, der übrigens auch von der FDP flankiert wird, machten Wissenschaftlerinnen, Publizistinnen und Journalistinnen Front und forderten ihrerseits das Verbot von "Eizellspende und Leihmutterschaft aufrechtzuerhalten". Das Netzwerk möchte die recht eingeschlafene Diskussion um Leihmutterschaft neu entfachen. Auch das Netzwerk GenEthik hat sich angeschlossen. Die Aktivistinnen stellen klar: "Es geht um den Schutz vor Frauen vor Ausbeutung". Sie sollen vor Eingriffen bewahrt werden, die nur Dritten nützen.

Sigrid Graumann, Rektorin der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Mitglied des Deutschen Ethikrates und eine der Initiatorinnen der Stellungnahme, sagte dazu: "Wir schenken allen Familienmodellen Anerkennung, solange nicht Dritte in Mitleidenschaft gezogen werden. Eizellspende und Leihmutterschaft sind inakzeptabel, weil sie nicht ohne die Ausbeutung von Frauen zu haben sind." Die Autorinnen der Stellungnahme weisen zudem darauf hin, dass die beiden reproduktionsmedizinischen Verfahren ohne die globalen sozialen Ungleichheitsverhältnisse nicht zu realisieren wären. Die feministische Forderung nach reproduktiven Rechten habe nie ein explizites Recht auf ein eigenes Kind gemeint.

Neoliberale argumentieren mit der Wahlfreiheit der Frau

Von Seiten der BefürworterInnen wird genau dieser Anspruch ins Feld geführt: das Recht auf ein eigenes Kind. Und das Argument: Andere Länder machen es doch auch. Neoliberale und auch so manche Feministin argumentieren sogar gern mit der „Wahlfreiheit“ der Frau – genau wie im Prostitu­tions­gewerbe. „Ist es deine freie Wahl, wenn dein Ehemann dich zur Leihmutterschaft zwingt, weil dein Jahresgehalt als Näherin in einer indischen Kleidungsfabrik nur ein Bruchteil von dem ist, was du als Mietmutter in neun Monaten verdienen kannst?“, fragt dagegen Renate Klein. Die schweiz-australische Biologin und Frauengesund­heitsaktivistin hat eine umfassende Studie zu dem Thema „Mietmutterschaft“ herausgegeben, in der die Abgründe des Baby-Marktes deutlich werden.

Auch die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim betonte auf einer Tagung in Heidelberg: „Eine Leihmutter erbringt eine Dienstleistung, die prekärer und intimer nicht sein könnte. Leihmutterschaft muss verboten werden - auf der ganzen Welt!"

Hier den Appell gegen Leihmutterschaft unterzeichnen!

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Front gegen Leihmutterschaft

Foto: biky/imago images
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Gegen diesen Vorstoß der Leopoldina, der übrigens auch von der FDP flankiert wird, machten nun Wissenschaftlerinnen, Publizistinnen und Journalistinnen Front und forderten ihrerseits das Verbot von "Eizellspende und Leihmutterschaft aufrechtzuerhalten". Das Netzwerk möchte die recht eingeschlafene Diskussion um Leihmutterschaft neu entfachen. Und die Aktivistinnen stellen klar: "Es geht um den Schutz vor Frauen vor Ausbeutung". Auch das Netzwerk GenEthik hat sich angeschlossen. Sie sollen vor Eingriffen bewahrt werden, die nur Dritten nützen. "Invasive und risikobehaftete medizinische Eingriffe, die nicht dem Wohl der Patientin, sondern der Erfüllung des Kinderwunsches Dritter dienen, sind ethisch fragwürdig", heißt es in einer Stellungnahme. Eine Legalisierung solcher Praktiken stelle eine Abkehr vom zentralen Prinzip ärztlicher Ethik, den Patientinnen nicht zu schaden, dar. Hormongaben, Vollnarkose, die Operation zur Eizellentnahme oder die Risiken einer Schwangerschaft seien nicht mit einem Nutzen für Fremde zu rechtfertigen. Auch eine Einwilligung der Spenderinnen schaffe dieses grundlegende Problem nicht aus der Welt.

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Das Verbot muss aufrecht erhalten bleiben!

Sigrid Graumann, Rektorin der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Mitglied des Deutschen Ethikrates und eine der Initiatorinnen der Stellungnahme sagte dazu: "Wir schenken allen Familienmodellen Anerkennung, solange nicht Dritte in Mitleidenschaft gezogen werden. Eizellspende und Leihmutterschaft sind inakzeptabel, weil sie nicht ohne die Ausbeutung von Frauen zu haben sind." Die Autorinnen der Stellungnahme weisen zudem darauf hin, dass die beiden reproduktionsmedizinischen Verfahren ohne die globalen sozialen Ungleichheitsverhältnisse nicht zu realisieren wären. Die feministische Forderung nach reproduktiven Rechten habe nie ein explizites Recht auf ein eigenes Kind gemeint.

Von Seiten der BefürworterInnen wird genau dieser Anspruch ins Feld geführt: das Recht auf ein eigenes Kind. Und das Argument: Andere Länder machen es doch auch. Und sie lassen es sich gut bezahlen. Je nach Land und Betreuungsprogramm kostet das Austragen eines fremden Embryos zwischen 25.000 US-Dollar (in Indien), 30.000 Euro (in der Ukraine) und 45.000 bis 100.000 US-Dollar (in den USA). Der Löwenanteil des Geldes fließt allerdings an die Fruchtbarkeitsklinik. Wie viel die Leihmutter erhält, ist je nach Land und Vertrag unterschiedlich. In Indien sind es zwischen 2.000 und 5.000 Euro, in der Ukraine um die 10.000 Euro, in den USA können es bis zu 80.000 Euro sein.

Die größten Märkte sind die ärmsten Länder

Die größten Märkte für Leihmutterschaft sind mit Ausnahme der USA die ärmsten Länder: Die Ukraine, Russland, Indien (eingeschränkt), Georgien, Mexiko, Südafrika, Zypern. In der Regel mieten Menschen aus wohlhabenden Ländern die Leihmütter in ärmeren Ländern.

Oft werden der Wunsch-Mutter Eizellen entnommen, der Wunsch-Vater gibt seinen Samen. Die Leihmutter ist sozusagen nur noch der Brutkasten. Das genetische Nicht-Verwandt-Sein mindert dann den Rechtsanspruch der Leihmutter und selbstverständlich wollen die KäuferInnen für möglichst „gute Erbanlagen“ sorgen, sich „fortpflanzen“. Deutsche Paare mit Kinderwunsch ordern die „Ware“ neuerdings in der Ukraine. Die besetzt zurzeit international Platz Nummer 1 als Babyfabrik.

Neoliberale und auch so manche Feministin argumentieren hingegen gern mit der „Wahlfreiheit“ der Frau – genau wie im Prostitu­tions­gewerbe. „Ist es deine freie Wahl, wenn dein Ehemann dich zur Leihmutterschaft zwingt, weil dein Jahresgehalt als Näherin in einer indischen Kleidungsfabrik nur ein Bruchteil von dem ist, was du als Mietmutter in neun Monaten verdienen kannst?“, fragt dagegen Renate Klein. Die schweiz-australische Biologin und Frauengesund­heitsaktivistin hat eine umfassende Studie zu dem Thema „Mietmutterschaft“ herausgegeben, in der die Abgründe des Baby-Marktes deutlich werden.

Hier den Appell gegen Leihmutterschaft unterzeichnen!

 

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