Marlies Krämer: Die Kundin

Unerschütterlich hartnäckig: Marlies Krämer auf ihrer Küchenbank in Sulzbach.
Artikel teilen

Wer fürchtet, dass Marlies Krämer mit ihren inzwischen 84 Jahren etwas von ihrem Kampfgeist verloren hätte, kann gänzlich beruhigt sein. „Also, die Karlsruher Richter, die ticken ja ned rischtisch!“ poltert sie in die Kamera und lässt keinen Zweifel daran, dass sie das Urteil des Bundesgerichtshofs keineswegs zu akzeptieren gedenkt.

Anzeige

2018 hatten die RichterInnen die Klage von Marlies Krämer abgewiesen. Die Kundin der Sparkasse im saarländischen Sulzbach wollte in Formularen nicht länger als „Kunde“ und „Kontoinhaber“ angesprochen werden. „Damit sind wir sprachlich ausgegrenzt – so als gäbe es uns gar nicht“, erklärt Kundin Krämer. „Die rein männliche Form ist Ausdruck der Unterdrückung der Frau.“ Dafür ging sie durch alle Instanzen. Und machte damit Schlagzeilen in aller Welt – sogar in einer mexikanischen Zeitung erschien ein Interview mit der Rentnerin aus Sulzbach.

Regisseur Barrero sah im TV, wie Marlies Krämer mit Bushido stritt. Er war sprachlos

„Die Kundin“ hat Camilo Berstecher Barrero seinen Film über Marlies Krämer genannt. Es ist der Abschlussfilm des deutsch-kolumbianischen Absolventen der Hochschule der Künste Saar, der seine Heimat aus politischen Gründen verließ. Der Filmemacher hatte Marlies Krämer in einer Maischberger-Sendung über gendergerechte Sprache gesehen, in der sie mit Bushido stritt. „Ich war sprachlos“, sagt Barrero. Gleich am nächsten Tag rief er Marlies Krämer an. Das Ergebnis: Eine liebevolle Hommage, pardon: Femmage, an die unermüdliche Kämpferin.

Marlies Krämers Kampfzentrale ist ihre Küchenbank. Von hier aus schrieb sie mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit mindestens 500 Briefe an Frauenbeauftragte, ans Innenministerium und ans Kanzleramt, um eine „Falschaussage“ in deutschen Personalausweisen zu berichtigen. „Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher“. 1997 beschloss der Bundestag nach jahrelangem Krämer‘schem Dauerfeuer die „Parallelformulierung“: „Unterschrift der Inhaberin/des Inhabers“. Oder die Sturmtiefs, die immer weiblich waren, bis Marlies auf den Plan trat. Dank ihr sind Hochs und Tiefs inzwischen quotiert.

Der Startschuss für den Feldzug der Marlies Krämer fiel 1972. Damals starb ihr Mann, Marlies stand allein und ohne Ausbildung mit vier Kindern da. Vorher hatte sie ein traditionelles Frauenleben gelebt, Motto: „Saubere Fenster sind das Spiegelbild einer guten Hausfrau“. Damit war es jetzt vorbei. Krämer musste die Kinder durchbringen und wurde, flankiert von der Frauenbewegung, zur Feministin. Sohn Guido, der im Film ausführlich zu Wort kommt, unterstützt seine umtriebige Mutter heute, wo er kann. Die will weitermachen, bis sie eine „Kundin“ sein darf. Nächste Etappe: der Europäische Gerichtshof.    

„Die EMMA-Redaktion wartet gespannt auf neue Nachrichten aus Sulzbach“, hatte EMMA 1997 unter ein Porträt  von Marlies Krämer geschrieben, die die Redaktion damals mitsamt ihrer Aktenordner mit der Pass-Korrespondenz besucht hatte. Diesem Satz ist auch heute nichts hinzuzufügen.

„Die Kundin“ läuft noch bis 23. Mai beim DOK.fest München. Streaming über https://embed.cdn.pantaflix.com/latest/#/dok/playlist/2183/

Außerdem findet am 20. Mai 2021 um 16 Uhr eine digitale Podiumsdiskussion statt. "Frau Dich *! Wem gehört die deutsche Sprache?" Streaming über www.diekundin.com/podium 

 

 

Artikel teilen
 
Zur Startseite