Mary Bauermeister: Die Kunstmagierin

Ein neuer Blick auf die Kunst der Mary Bauermeister Foto: déjà-vu film
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Wikipedia weiß viel über Mary Bauermeister, und auch mit reichlich Abbildungen ihres Werkes versorgt das Internet die Interessierten. In den großen deutschen Museen hingegen scheint man die Künstlerin nicht zu kennen. Spät erwarb das Kölner Museum Ludwig anlässlich ihres 70. Geburtstags ein einziges ihrer so verschiedenartigen Werke: „Needless Needles“, ein Nähbild von 1963, aus den geflickten Laken sizilianischer Bäuerinnern gefertigt, mit einer absteigenden Reihe großer Holz-Nadeln. Da offenbar jede künstlerische Äußerung das Etikett einer Bewegung tragen muss, damit sie eingeordnet und vermarktet werden kann, weiß der Kunstbetrieb mit den so vielfältigen Arbeiten dieser Künstlerin bis heute wenig anzufangen.

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Ihre Prägung ließ es nicht zu, Kunst nur des schnöden Mammons willen zu machen

Bleibt Mary Bauermeister die ewige „Großmutter der Fluxus-Bewegung“, weil sie Anfang der 1960er Jahre in ihrem Atelier in der Kölner Lintgasse die zukünftigen Größen der Neuen Musik und Bildenden Kunst zusammenführte? War sie eine „Vorläuferin der Landart“, als sie in Amerika begann, mit Sand und Steinen zu  arbeiten? Der Op-Art, weil sie optische Linsen verwendet? Ist die von der amerikanischen Kunstkritik früh bewunderte, damals strohblonde „Miss Cornflakes“, etwa ihrem frühen Ruhm davon gelaufen? Schließlich waren ihre Bilder im Amerika der 1960er Jahre von Galeristen, Sammlern sowie den großen US-Museen erworben worden.

Die Klangplastik „Legalisierung von Maria-you-jana“, Amsterdam 1971.
Klangplastik „Legalisierung von Maria-you-jana“, Amsterdam 1971 von Mary Bauermeister.

Ist es wirklich wichtig zu wissen, dass sie, die als elegante „Six-foot-tall Lorelei“ dem Geliebten in die USA gefolgt war, ihm bald schon in Gedanken untreu wurde, was sie 50 Jahre später in einem Buch über diese Jahre freimütig bekennt? Inwiefern war es für ihre (und seine) Kunst prägend, dass diese schöne, freie und vielfältig begabte Künstlerin für kurze Zeit in einer Dreierbeziehung mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen und seiner ersten Frau lebte, ihn später heiratete, zwei Kinder gebar und nach der Scheidung zwei weitere Kinder von zwei anderen Männern bekam? Und was bedeutete es schließlich für Mary Bauermeisters Werk, dass sie als sorgende Mutter in Forsbach bei Köln sesshaft wurde, sich mit Heilern, Gurus und einer Fangemeinde umgab und ein paar Jahre lang mit Grenzwissenschaften beschäftigte?

Gleichzeitig arbeitete die Künstlerin immer weiter und schuf – von der Kunstwelt weitgehend ignoriert – wunderbar fantasievolle, bisweilen auch spirituell aufgeladene Werke. Heute zieht eine humorvoll distanzierte Mary Bauermeister Bilanz. Spirituelle Führer, Meister, Vorbilder brauche sie nun nicht mehr, sagt sie. Sie sei endlich bei sich angekommen. Und sie weiß jetzt genau, dass sie New York und den eigenen Erfolg nicht allein der Liebe wegen verlassen hat, sondern vor allem, weil ihre humanistische Prägung es nicht zuließ, Kunst nur um des schnöden Mammons willen zu machen. Eine Haltung, die später der Erziehung ihrer Kinder zugute kommen sollte.

Diese so unabhängige Frau und Autodidaktin ist immer ihren eigenen Weg gegangen. Es gelang Mary Bauermeister, von ihrer Arbeit zu leben, sich, ihren Kindern und den vielen Gästen ein großzügiges Atelierhaus zu bauen und die wundervollsten Gärten anzulegen.

Mary Bauermeister war ihr Leben lang gleichermaßen kreativ wie fleißig. Ihre Arbeiten sind kleinteilig, sie verlangen vom Betrachter Ruhe und Geduld, sie zu erschließen. Starkfarbige abstrakte Pastelle entstanden in den Lehr- und Wander - jahren. Ihre „Wabenbilder“, in denen manche den Zellenaufbau der Natur versinnbildlicht sehen, wechselten unter Quarzlampen die Farbe. Aus einem „Magnetbild“ ließen sich durch die variable Anordnung der Teile viele machen.

Diese von mathematischen Berechnungen begleiteten Bilder waren ein Versuch, die serielle Musik auf die Malerei zu übertragen. Doch die Pünktchenstruktur der Oberflächen blieb für das weitere Werk bestimmend. „Konstruktiven Tachismus“ hatte das Max Bill in der Ulmer Hochschule für Gestaltung genannt; nach einem Jahr entfloh Mary seiner zu strengen Herrschaft. Wichtig ist, dass alles bei scheinbarer Geordnetheit ständig im Fluss ist, dass eins auch das andere sein kann, Emotionales und Transzendentes einander bedingen.

Jeder Strich, jede Farbe, jedes Element wird letztlich Teil einer Installation

Mary Bauermeister hat eine starke mathematische Begabung, doch ihre Fantasie gewinnt immer wieder die Oberhand. Zu den Punkten kamen gezeichnete Kreise und beschriebene Kugeln, optische Linsen und flache, runde Steine, die sie an Stränden fand und aufeinander türmte. Aus Strohhalmen klebte sie ganze Wälder, aus Schwämmen, Waben und Angeschwemmtem nie gesehene Landschaften. Dann schwanden die Chemiefarben aus ihren Bildern, die mehr und mehr zu weißgrundigen Objekten wurden, auf denen sie zeichnete und schrieb. Das natürliche Licht warf durch Linsen und Prismen seine Spektralfarben auf die Rätsel und Zeichen. In der Rückschau wird immer deutlicher, welch großen Anteil das grafische Element in dem Gesamtwerk hat. Mary Bauermeister ist ganz wesentlich eine Zeichnerin, eine Schreiberin, eine Künstlerin, die sich schwarz auf weiß mitteilt. Sie ist eine Erzählerin, eine Assoziiererin, deren Zeichenfeder zur Schreibfeder, deren Linie zum Wort wird, deren Punkte zu Kreisen, Stifte zu Stäben und Plastiken werden. Jedes Element, das sie aufnimmt, drängt in eine andere Dimension, wird letztlich Teil einer Installation.

Ihr Haus und Garten sind der Anfang einer neuen Künstlerkolonie

Im Fluxus-Museum in Potsdam hatte sich Mary Bauermeister zu aller Erstaunen 2012 anlässlich des Themenjahrs „Friedrich 300“ mit dem Preußen - könig kritisch auseinander gesetzt. Mit ihrer Rauminstallation „Zopf ab“, in der ein langer, schwarz-rot-goldener textiler Zopf sich durch den Raum wand und dabei immer dünner und schließlich abgeschnitten wurde, trat sie einem alten Deutschlandbild entgegen, das schwarzrotgold flaggt. Die Künstlerin schlägt vor, die Reihenfolge der Farben umzukehren, also: das Schwarz, das die Erde, Schwerkraft und Materie symbolisiert, nach unten; das Gold als Sinnbild von Licht, Sonne, Freiheit und Transzendenz nach oben; während das Rot in der Mitte für Leben, Blut, Liebe, Mitgefühl und Vitalität steht.

Das Forsbacher Atelierhaus bei Köln, in dem Mary Bauermeister einst mit ihren Kindern gelebt hat, ist heute ein Museum, aus dem die Künstlerin ihre persönlichen Dinge entfernt hat. Jetzt lebt die so junge 80-Jährige in einem ehemaligen Gestüt im Oberbergischen. Und obwohl sie erst seit anderthalb Jahren dort ist, sind Haus und Garten schon jetzt ein Gesamtwerk von Mary Bauermeister: mit eigenen Arbeiten; mit denen anderer KünstlerInnen, die sie ausstellt; mit „Gastateliers“ für junge KünstlerInnen, so wie die Chinesin, die jüngst drei Monate lang bei ihr gezeichnet hat; mit einer Bühne, wo auch getanzt werden kann und Veranstaltungsräumen, wo experimentell musiziert wird; mit einem Garten, der Natur und Kunst zugleich ist. Ganz wie Mary Bauermeister. „Das ist der Anfang einer neuen Künstlerkolonie“, sagt sie strahlend. „So hat es ja immer angefangen.“ Und so geht es bei ihr weiter.

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