Meghan Markle: Die Feministin

Foto: Andrew Parsons/Imago
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Meghan Markles Verwandlung von einer selbstbestimmten Frau zum adeligen Anhängsel schien bei der Verlobung mit Prinz Harry nicht aufzuhalten. Nach dem Heiratsantrag des britischen Royals verkündete die Kalifornierin im Sekundentakt: das Ende ihrer Schauspielkarriere, den Umzug nach London und ihren Abschied von der Frauenorganisation der Vereinten Nationen. Markles Lifestyle-Blog „Tig“ wurde eingestampft, ihre Seiten bei Instagram und Twitter gelöscht. Die Kommunikation der 36-Jährigen, hieß es, übernehme von nun an die Presseabteilung des englischen Königshauses.

Auch das offizielle Verlobungsinterview Ende November ging in die Richtung. „Ich wechsle gerade von meinem Beruf in eine neue Rolle“, erklärte eine nervös lächelnde Markle dem Hofberichterstatter Mishal Husain. Neue Rolle? Als herzögliche Händeschüttlerin, als Prinz Harrys bessere Hälfte oder als Repräsentantin einer konstitutionellen Monarchie, die politisch schon seit Generationen nur noch symbolische Bedeutung hat? Diesseits und jenseits des Atlantiks gingen Debatten über die Vereinbarkeit von Markles Prinzessinnenrolle und ihren früheren Bekenntnissen zu Feminismus und Unabhängigkeit los.

Doch die KritikerInnen sind inzwischen leiser geworden. Seit der Hochzeit Mitte Mai, bei der Markle in der St. George’s Chapel die erste Hälfte des Wegs zum Altar ohne Begleitung zurücklegte, trauen diese Feministinnen der Kalifornierin zumindest symbolische Reformversuche hinter den 400 Jahre alten Palastmauern zu.

Schon das eher schlichte Brautkleid und die bei Hochzeiten des britischen Hochadels bisher unbekannte Gospelmusik verhieß Modernität. Auch die Idee der früheren „Suits“-Darstellerin, bei der Feier nach der Zeremonie in Windsor nicht allein den männlichen Royals das Wort zu überlassen, sondern selbst auch eine Rede zu halten, erregte Aufsehen. Noch ungewöhnlicher war Markles Ehegelübde. Die übliche Gehorsamsformel gegenüber dem Ehemann ließ die neue Herzogin von Sussex einfach aus – und beschränkte sich auf das gegenseitige Treueversprechen.

Markles Widerstand gegen patriarchale Konventionen wurzelt in ihrer Kindheit. Die Tochter einer afroamerikanischen Psychologin und eines weißen Lichttechnikers besuchte in Hollywood einen für seine progressiven Erziehungsmethoden berühmten Montessori-Kindergarten. Als sie auf einem Schulformular ihren ethnischen Hintergrund angeben sollte, fühlte sie sich weder in den Kategorien „Caucasian“ noch „Black“ richtig aufgehoben. Aufmüpfig gab die Schülerin das Formular ab, ohne eine Schublade gewählt zu haben. Ihr Vater Thomas Markle brachte sie damals auf die Idee, auf Formularen die Kategorie „mixed race“ einzufügen.

Auch das Wertesystem der Jugendlichen zwischen allen Stühlen wurde immer wieder herausgefordert. Nach der Scheidung ihrer Eltern besuchte sie vormittags die katholische Privatschule Immaculate Heart. Die Nachmittage verbrachte sie am Set der sexuell anzüglichen Sitcom „Eine schreckliche nette Familie“, dem Arbeitsplatz ihres Vaters.

Sie war elf Jahre alt, als sie gegen einen Spot für Spülmittel, der Frauen als Abwaschfeen zeigte, aktiv wurde. In einem Beschwerdebrief an den Hersteller, mit Kopie an die damalige First Lady Hillary Clinton und die Frauenrechtlerin Gloria Allred, wetterte Markle über das sexistische Rollenverständnis der Werber. Nach ein paar Wochen legte Procter & Gamble den Spot tatsächlich neu auf – dieses Mal mit spülenden „People“ anstelle von „Women“. Im selben Jahr wurde das Mädchen das wohl jüngste Mitglied der National Organization for Women (NOW).

Neben ihrem Studium an der Northwestern University und dem Versuch, in Hollywood Fuß zu fassen, engagierte sich Markle für Obdachlose und Arme. Nach dem Durchbruch als Rachel Zane in der Anwaltsserie „Suits“ 2011 nutzte sie ihre Prominenz, um sich gegen Benachteiligung und Sexismus auszusprechen. Bei der Konferenz One Young World 2014 verurteilte Meghan Hollywoods holzschnittartige Darstellung von Frauen. Ein Jahr später wies sie vor Millionen FernsehzuschauerInnen den schleimigen Versuch des Moderators Larry King zurück, sich auf ihre äußerlichen Attribute reduzieren zu lassen. „Jeder Mensch sollte ernst genommen werden, unabhängig von Äußerlichkeiten“, stellte Markle klar.

Am 20. Jahrestag der Weltfrauenkonferenz in Peking erinnerte die ehemalige Studentin Internationaler Beziehungen einige Wochen später an die Notwendigkeit, Mädchen und Frauen den Weg an die Konferenztische der Politik zu ebnen. „Und wenn sie dort keinen Platz finden, müssen sie eben ihre eigenen Tische aufstellen“, forderte Markle. Fast unbemerkt war ihre Ehe mit dem Produzenten Trevor Engelson damals bereits gescheitert. Im Gegensatz zu den meisten SchauspielkollegInnen hatte sie sich nicht drängen lassen, die Trennung öffentlich auszubreiten. Auch die Liaison mit Prinz Harry hielt Markle nach dem ersten Treffen bei einem Blind Date in London 2016 monatelang geheim. Erst nach der Verlobung eineinhalb Jahre später schwärmte sie über das soziale Engagement des 33-Jährigen, das die beiden sofort verbunden habe. „Harry und ich sind beide Feministen“, ließ sie immer wieder wissen.

Die nächsten Jahre zeigen, ob Markle im Käfig des Königshauses genug Raum bleibt, um die Gleichstellung von Frauen weiter voranzutreiben. Obwohl die Queen politische Statements von Familienmitgliedern grundsätzlich ablehnt, scheint die Newcomerin aus Kalifornien zumindest die erste Schlacht für sich entschieden zu haben. „Ich bin stolz, Frau und Feministin zu sein“, schrieb Markle nach der Märchenhochzeit auf der offiziellen Website des Kensington Palace. Ihre tote Schwiegermutter Prinzessin Diana durfte von so viel Eigenständigkeit nicht einmal träumen – aber sie wäre zweifellos stolz auf diese Schwiegertochter.

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