In der aktuellen EMMA

Leyla N.: Mein Weg in die Freiheit!

Leyla als Mädchen unter dem Einfluss von Mili Görüs. Und Leyla heute, dicht bei sich. - und heute,
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Ich war zwei Jahre alt, als ich 1977 mit meinen Eltern, meinen beiden Schwestern und meinem Bruder aus Kayseri in der Türkei in eine ländliche Gegend in Nordrhein-Westfalen kam. Ich war ein hübsches, nettes Mädchen mit wilden Locken und aufgeweckten, dunklen Augen. Wir waren eine typische Gastarbeiter-Familie, und ich hatte eine unbeschwerte Kindheit, in den ersten neun Jahren zumindest.

Dann wurde plötzlich alles anders. Ich war neun Jahre alt, als unser Vater beschloss, dass meine Geschwister und ich religiöse Unterweisung bekommen sollten. Bis dato hatte Religion weder in meiner Familie noch bei unseren türkischen Freunden und Nachbarn eine Rolle gespielt.

Wir wurden zu einem Hoca geschickt, einem islamischen Lehrer. Er war aber kein Lehrer, sondern ein ganz normaler Gastarbeiter wie mein Vater. Anfangs sollten wir kurze Suren, Gebete und religiöse Sätze auswendig lernen. Wir Mädchen mussten während des Unterrichts ein Kopftuch tragen, nach unten schauen und unsere Hände auf die Knie legen. Ich kannte sowas bis dahin nicht.

Dramatisch wurde es, als Millî Görüş 1984 in unser Leben trat. Wie es genau passierte, weiß ich nicht. Ich denke, meine Eltern hatten Angst, ihre türkische Identität zu verlieren.

Leyla als freies, kleines Mädchen.
Leyla als freies, kleines Mädchen.

Ich war zehn Jahre alt und habe die Welt nicht mehr verstanden. Es passierte schleichend. Meine Eltern aßen plötzlich kein Hähnchen mehr, weil es nicht halal geschlachtet worden war; mein Vater ließ sich einen Bart wachsen; meine Mutter, die zuvor ganz normale knielange Röcke getragen hatte, wie sie in den 1980ern Mode waren, zog das Kopftuch auf und lange, dunkle Gewänder an. Millî Görüş mischte sich bald in alles ein: Unsere Freunde, unsere Familie, unsere Kleidung, unser Geld, sogar wie wir auf Toilette zu gehen, und mit welcher Hand wir zu essen hatten.

Meine Eltern bezahlten Mitgliedsbeiträge an die Zentrale in Köln und an die Moschee vor Ort. Dazu kamen die Zekat und die Fitre im Ramadan (islamische Sozialabgaben). Darüber hinaus konnten jederzeit spontane Spendensammlungen stattfinden, zum Beispiel für die vergewaltigten Frauen in Bosnien. Da wurde dann besonders auf die Tränendrüse gedrückt. Dafür war die Frauenbeauftragte Güleser T. zuständig. Sie konnte besondere emotionale Reden halten. Nach ihren Predigten spendeten wir alles, was wir gerade dabei hatten – auch unser Gold. Aber leider befürchte ich, dass unser Geld und unser Gold niemals in Bosnien angekommen sind. Und natürlich wurde für die Refah Partei in der Türkei gesammelt. Erdoğan wurde 1994, auch finanziert durch unsere Spenden aus Deutschland, zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt.

Wir besuchten immer öfter die Moscheen von Millî Görüş, zunächst nur in unserer kleinen Stadt. Wir brachen den Kontakt zu andersdenkenden Freunden und Verwandten ab. Millî Görüş bestimmte fortan unser Leben. Der Anführer war Necmettin Erbakan, den meine Eltern und alle Millî Görüş Anhänger verehrten. Er predigte ein fundamentalistisches Weltbild, „Adil Düzen“ genannt, das bedeutet die gerechte Weltordnung nach dem Recht des Islam. Die Idee dahinter: Schrittweise, beginnend mit der Türkei, sollte der Islam die ganze Welt erobern.

Auch wir Kinder besuchten die Predigten für Erwachsene. Eine zentrale, immer wiederkehrende Botschaft war: „Frauen und Mädchen müssen sich bedecken, weite und lange Kleidung tragen. Sie müssen Gott fürchten und alle religiösen Vorschriften einhalten. Wenn sie auf der Straße gehen, sollen sie ihre Blicke nach unten senken. Ihre Schönheiten und Reize sind nur für ihren Ehemann bestimmt. Allah liebt die Gottesfürchtigen, die für ihn ihr Leben und ihren Besitz hergeben.“ Die Männer wollten „Mucahit“, und die Frauen wollten eine „Mucahide“ sein – KämpferInnen auf dem Weg zu Allah.

Leyla mit ihrem Vater.
Leyla mit ihrem Vater.

Uns Kindern wurde eingebläut, uns nicht mehr mit Ungläubigen zu treffen und ihre Lebensweise nicht nachzuahmen. „Kafir“ war das Wort für diese Menschen. Ein Kafir ist jemand, der die Wahrheit verdeckt, also den Islam ablehnt. Das gleiche galt für „Dinsiz“. Das sind Menschen ohne Religion. Fortan waren alle möglichen Menschen in meiner Umgebung Kafir oder Dinsiz. Die Muslime, die nicht Millî Görüş Anhänger waren, waren fehlgeleitete und keine echten Muslime.

In der Schule hatte ich einen Türkisch-Lehrer, den ich sehr mochte. Er hatte uns viel über Atatürk und den Laizismus beigebracht. In den Moscheen aber hörten wir Hasspredigten. Mädchen und Frauen sahen den Prediger nicht einmal. Wir saßen in Hinterzimmern zusammengepfercht und hörten die aggressiven Predigten über Lautsprecher. Um die Geschlechter-Apartheit der Moscheen zu verstehen, reicht ein einziger Blick: Die Gebetsräume für Männer sind heute wie damals vom Feinsten: hell, groß, weiche Teppiche, Glitzer und Gold an den Wänden. Die Gebetsräume für Frauen sind oft im Keller oder in den hinteren Räumen. Muffig, dunkel, mit Teppichen zweiter Wahl. Wie eine Abstellkammer.

In der Schule, es muss in der vierten oder fünften Klasse gewesen sein, gab es „Krieg im Klassenzimmer“. Die Funktionäre von Millî Görüş hetzten unsere Eltern auf, und die wiederum hetzten uns gegen den laizistischen Türkisch-Unterricht auf. Meine Welt brach zusammen, ich liebte diesen Unterricht und meinen Lehrer. Wir Kinder saßen wirklich zwischen allen Stühlen. Die Hauptlast lag auf den Schultern von uns Mädchen. In der Moschee wurde uns gesagt: „Wenn du deine Haare zeigst, dann wirst du im nächsten Leben ‚Ahiret‘, an den Haaren verbrennen. Kein einziges Haar darf sichtbar sein. Und wenn du deine Haut zeigst, wird in der Hölle heißes Öl über diese Hautstellen geschüttet.“ Ich fühle bis heute, wie diese Jenseitsbeschreibungen uns Kinder, vor allem uns Mädchen, Angst gemacht haben. Diese Furcht vor der Hölle und Qualen im Jenseits bin ich erst drei Jahrzehnte später – mit über 40 Jahren losgeworden.

Als ich 13 Jahre alt war und in die achte Klasse gehen sollte, sagte mir meine Freundin: „Nach den Sommerferien möchte ich das Kopftuch auch in der Schule tragen, möchtest du das auch?“ Natürlich wollte ich meine Freundin nicht enttäuschen. Ich spürte auch, dass meine Eltern und unsere Freunde aus der Moschee das erwarteten.

Millî Görüş hetzte unsere Eltern auf. Und wir denunzierten unsere Lehrer.

Nach den Sommerferien trug ich Kopftuch – und es blieb für 23 Jahre fest auf meinem Kopf. Meine Mitschüler mobbten mich deswegen. Das Kopftuch, die langen Kleider bei Mädchen und Frauen und die Bärte der Männer, das waren unsere Erkennungszeichen. Aber den Jungen sah man ihre Zugehörigkeit zu Millî Görüş oder dem Islam nicht an – bis heute. Wir Mädchen aber wurden mit dieser Uniform als „Kämpferinnen“ in die Schule entsendet. Ich konnte gar nicht anders.

Ich wurde zur Vorzeigemuslimin, engagierte mich als Erwachsene in vier Moscheen gleichzeitig, machte Führungen für Schulklassen und BesucherInnen. Und ich studierte Pädagogik. Studiert habe ich, weil die damalige Frauenvorsitzende von Millî Görüş, Güleser T., immer darauf bestand, dass wir Muslime studierte Frauen brauchen, um den Islam zu verbreiten. Ich war die erste Frau in meiner Familie mit Abitur und Studium. Nach dem Studium habe ich geheiratet und drei Kinder bekommen. Auch mein Mann war streng gläubig. Wir haben nach traditionellen und islamischen Regeln gelebt. Es war zeitweise durchaus eine schöne Ehe, wir waren ja auf derselben Wellenlänge.

Doch irgendwann habe ich erste Zweifel bekommen in dem, was ich tat und glaubte. Die alltägliche Doppelmoral, die ich in den Moscheen erlebte, setzte mir zu. Einerseits wurde die Wichtigkeit der muslimischen Gemeinschaft gepredigt, Ümmet genannt, aber in der Realität nicht eingelöst. Die Männer und Frauen um mich herum waren unaufrichtig. Der Imam predigte Bescheidenheit und Demut, fuhr aber selbst ein Luxusauto und legte großen Wert auf teure Dinge. Ich pflegte ehrenamtlich das Gemeindeleben und organisierte viel für Kinder. Doch wenn es drauf ankam, stand ich oft alleine da. Mitreden wollten viele, aber mitanpacken wollte fast niemand. Meine Meinung als Frau zählte nicht, ich hatte kein Mitspracherecht.

Leyla als "Vorzeigemuslimin".
Leyla als "Vorzeigemuslimin".

2010 wurde ich Vertretungslehrerin an einer öffentlichen Förderschule, ich hatte ja einen Universitätsabschluss in Pädagogik und wollte endlich Geld verdienen. Ich bekam die Stelle, durfte aber in der Schule kein Kopftuch tragen. Das erste Mal im Leben, als erwachsene selbständige Frau, legte ich das Kopftuch ab. Ich werde niemals diesen wundervollen Augenblick vergessen, als ich in der Pause auf dem Schulhof stand und den Wind und die Sonne auf meinem Kopf und in meinen Haaren spürte.

Als ich das Kopftuch nach meinem ersten Jahr im Schuldienst auch zuhause nicht mehr tragen wollte, begann die schwerste Zeit meines Lebens. Meine Ehe ging deswegen zu Bruch, meine Eltern sagten mir, ich sei auf dem falschen Weg, Freunde distanzierten sich. Der Şeytan, der Satan, sei hinter mir her.

Wie könnte ich ohne Kopftuch leben? Wer war ich? Es passte alles nicht mehr zusammen. Das Kopftuch war eben nicht nur ein Stück Stoff für mich und mein Umfeld, sondern zusammengewachsen mit mir. Es abzulegen, war wie die Amputation eines Körperteils.

In den Moscheen haben heutzutage die Islamisten freie Bahn.

Aber der Wunsch nach Veränderung, nach Freiheit überwog. 2014 legte ich das Kopftuch ganz ab.

Heute ärgert es mich, wenn das Kopftuch immer noch große Bedeutung für viele muslimische Mädchen und Frauen hat. Meiner Lebenserfahrung nach hat das Kopftuch nichts mit Religion oder Selbstbestimmung zu tun. Es ist ein Zeichen der Überlegenheit von Männern und oft auch ein politisches Statement. Ich bewundere Alice Schwarzers Mut, diese Tatsache immer wieder und gegen alle Widerstände zu benennen. Dass sie deswegen als „Rassistin“ verunglimpft wird, ärgert mich sehr.

Ich versuche Eltern aufzuklären, politischen Entscheidern die Augen zu öffnen. Denn Kinder und Jugendliche werden in Moschee- und Koranschulen immer noch und schlimmer denn je indoktriniert. Jeder, der ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, braucht ein polizeiliches Führungszeugnis. In den Moscheen aber haben Islamisten freie Bahn, niemand überprüft sie. Es gibt weder Richtlinien noch Kontrollinstanzen. Und auch via Social Media haben sie den perfekten Überwachungsapparat. Ich kenne Hocas, die mit Schülern und Schülerinnen im Alltag kommunizieren und sie miterziehen. Muslimische Eltern haben großes Vertrauen in sie und lassen sie gewähren. Das große Vorbild für viele Männer und Jungen ist Erdoğan. Die Moscheen von Millî Görüş und Diyanet sind wie seine Parteibüros. Seine vermeintliche Stärke und angebliche Macht faszinieren junge Türken. Er gibt ihnen das Gefühl von Überlegenheit. Und weil viele nicht richtig ankommen sind in ihrem Geburtsland Deutschland, suchen sie sich solche Vorbilder mit dem dazugehörigen unterwürfigen Frauenbild.

Leyla heute.
Leyla heute.

Seit einigen Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu den Moscheen. Ich bin eine Aussteigerin. Das Leben in der Millî Görüş-Gemeinde war ein Leben wie in einer Sekte, so empfinde ich es heute.

Was hätte mir damals geholfen? Ich denke, Einmischung von außen. Es hätte geholfen, wenn es in Schulen ein Kopftuchverbot gegeben hätte und keine Ausnahmen für uns Mädchen bei Klassenfahrten, Sport- und Sexualkundeunterricht gemacht worden wären. Es hätte geholfen, wenn die Behörden in die Moscheen gekommen wären und den Kinderschutz und die Tauglichkeit der Hocas überprüft hätten. Es hätte geholfen, wenn die Bürgermeister nicht nur zum Tag der offenen Tür, zum türkischen Tee gekommen wären, sondern sich kritisch mit Millî Görüş auseinandergesetzt hätten. Es hätte geholfen, wenn Polizei und Finanzamt den Verbleib von Millionen Spendengeldern kontrolliert hätten.

Und es hätte geholfen, wenn der Staatsschutz gekommen wäre. Denn bei jeder Predigt huldigten wir der islamischen Weltordnung und ließen die Kafir und ihr System zur Hölle fahren.

Ich möchte alle AussteigerInnen aus Moscheevereinen dazu ermutigen, nachzudenken und ihre Geschichte zu erzählen. Viele enttäuschte Muslime ziehen sich zurück und möchten mit dem Thema nichts mehr zu tun haben. Doch das ist nicht richtig. Die Öffentlichkeit muss wissen, was hinter den Moscheemauern passiert. Kinder und Jugendliche sollen frei und glücklich aufwachsen. Unsere Freiheit, die Gleichberechtigung und die Demokratie stehen auf dem Spiel.

Aufgezeichnet von Annika Ross.

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