Meine Geschichte

Mit Courage gegen Sexismus

Artikel teilen

Man wird durchaus wahrgenommen als Aktivistin im Kampf gegen den Alltagssexismus, aber dieser Kampf wird nicht immer positiv bewertet. Da gibt es die Mutter eines Siebtklässlers, die sich beim Schulleiter beschwerte, als sie meinen Schulaufgaben-Text gesehen hatte: Lauren Groff über den Ausgang der fatalen US-Wahl. Offenbar selbst Trump-Fan fand sie es notwendig, auf meine unpassende Beeinflussung der Schülerschaft aufmerksam zu machen …

Da gibt es den Zehntklässler, der mich fragte, ob ich die Amazon-Rezension zu meinem Buch (Fuck Porn! Wider die Pornografisierung des Alltags, Tectum 2013) schon gesehen hätte. Der Schüler wies mich darauf hin, dass auch Männer einer Art Schönheitswahn unterlägen und Pornos doch gar nicht so schlimm seien.

"Der Kampf gegen Sexismus wird nicht immer positiv gesehen"

Da gibt es die Kollegin, die in der Teeküche fragte, ob ich wieder mal ein „Büchlein“ schreiben wolle und ob ich Männer nicht mögen würde … Und dann die Kollegin, die darauf hinwies, dass sie als Mutter mehr für die Gesellschaft leiste …

Aber! Es gibt auch die Schülerin einer zehnten Klasse, die von sich aus das Referatsthema „Feminism oder Sexism oder so was“ vorschlug und einen beeindruckenden Vortrag hielt, voller Belege misogyner Videos (herausgekommen war schließlich der Titel „Sexism in youtube-videos“). Die anschließende Diskussion war eine der besten und echtesten, die ich je in einem Klassenzimmer erlebt habe – und das nach zehn Jahren im Dienst.

Natürlich saßen da zahlreiche junge Porno-Konsumenten, das wurde auch im Gespräch klar, aber immerhin wurden sie aufgerüttelt, man sah förmlich, wie es in ihrem Hirn arbeitete … Sie erfuhren, dass es Mädchen in ihrer Klasse gab, die die Normalität von Pornografie in Frage stellten – nicht nur ihre Englischlehrerin.

Natürlich gibt es auch Schüler, an die man nicht herankommt, Schüler, deren Väter Frauen als Nutten betiteln (selbst erlebt), denen die Abwertung alles Weiblichen von Geburt an eingeimpft wird. Daher braucht es idealerweise Eltern, die sich der Problematik bewusst sind und auch Kolleginnen und Kollegen, die nicht in grüner Manier Prostitution als einen „Beruf wie jeden anderen“ abtun. Es braucht auch einen Chef, der nicht blockt, wenn man als Studienrätin und nicht als Studienrat auf Listen erscheinen will. Eine Gleichstellungsbeauftragte, die dieses Unterfangen unterstützt und nicht kommentiert mit Worten wie „Ist das so wichtig?“

"Und wenn ich das ganze Jahr eine Pussy-Mütze tragen muss...!"

Der Beruf der Lehrkraft zieht leider auch viele Frauen an, die in erster Linie daran interessiert sind, „Familie und Beruf gut unter einen Hut“ bringen zu können (und das ist ja ihre Aufgabe, nicht etwa die ihres Partners …). Es braucht darum eine umfassende Aufklärung der Kollegenschaft! Denn was die nicht wissen, können sie nicht an unsere Schülerinnen und Schüler weitergeben, sodass individuelle feministische Kämpfe leichter als „Spinnereien“ Einzelner abgetan werden.

Wenn man den SchülerInnen vor Augen führt, dass Sexismus-Bekämpfung ebenso wichtig ist wie die selbstverständliche Rassismus-Bekämpfung (auch an unserem Gymnasium prangt das Schild „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“), dann kann man was erreichen. Und wenn ich dafür noch den Rest des Schuljahrs mit Pussy-Mütze erscheinen muss – denn dann wird gefragt, man erklärt und schon ist man drin im lebenswichtigen Dialog.

Dr. Verena Brunschweiger, Lehrerin für Deutsch, Englisch und Ethik, Bayern

Artikel teilen