Raphaela wird Feministin

Cellistin Raphaela Gromes: "Die Platte hat mich zur Feministin gemacht!" Foto: Georg Thum
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Wer Raphaela Gromes einmal hat spielen sehen, der vergisst ihren Anblick nicht so schnell. Ihre geschlossenen Augen, die tiefe Versenkung in die Musik, die leidenschaftliche Umarmung ihres Instruments, so, als würde ihr Körper gleich mit dem Corpus ihres Cellos verschmelzen. Ein Kritiker schrieb nach einem Konzert: „Eine Stunde voller Glück“ und „ein seltener Grad an Perfektion“. Die erst 31-Jährige gilt als „die erfolgreichste deutsche Cellistin der Gegenwart“ (Rondo Magazin).

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In diesen Tagen erscheint Gromes’ neue CD und schon am Titel lässt sich erkennen, dass ihr Glücksversprechen immer auch gesellschaftspolitisch gedacht werden soll. „Femmes“ heißt das Doppelalbum, auf dem sie die Werke von 23 Komponistinnen aus neun Jahrhunderten Musikgeschichte interpretiert, vom Mittelalter bis zur Moderne, von Hildegard von Bingen bis Billie Eilish. „Ein Kaleidoskop genialer Frauen“, schwärmt Gromes im Gespräch und erklärt: „Die Platte hat mich zur Feministin gemacht!“

Die klassische Musik wird endlich kräftig durchgerüttelt. Ein halbes Jahrhundert nach der Wiederentdeckung der historischen Pionierinnen durch die Neue Frauenbewegung, die es immer schon gab und die man dennoch nur selten hören konnte, werden sie nun auch von Gromes wieder lebendig gemacht.

Eine Jugendfreundin von Gromes, die bei einem großen Konzertveranstalter arbeitet, hat die 31-jährige Cellistin darauf gebracht. „Warum spielst du nie Musik von Frauen? Gibt es keine Komponistinnen?“, fragte sie naiv. „Ein Aufweckungserlebnis“, sagt Gromes. Und begann mit der Recherche, die ihr „Weltbild ins Wanken gebracht“ hat. Sie stieß auf eine aktuelle Studie des von der Dirigentin Mascha Blankenburg 1979 initiierten Archivs „Frau und Musik“ und der 1987 gegründeten Initiative „musica femina München“, danach werden weniger als zwei Prozent Werke von Komponistinnen in den Programmen deutscher Profiorchester aufgeführt. Weltweit gesehen kommt die Stiftung „Donne – Women in Music“ nach einer Umfrage unter 111 Orchestern in 31 Ländern auf knapp acht Prozent Kompositionen von Frauen. „Ich war schockiert, was uns über Jahrhunderte an wunderbarer Musik entgangen ist in einer Kultur, die Kompositionen von Frauen einfach ausblendet“, erzählt die Cellistin.

Irritiert ist Raphaela Gromes auch über sich selbst. Darüber, dass ihr diese historischen Zusammenhänge erst jetzt so richtig bewusst werden. Sie sei „völlig gleichberechtigt aufgewachsen“, erzählt Gromes, in Freising bei München großgeworden, lebt sie heute am Starnberger See. „Mir war nicht klar, dass ich nicht der Normalfall bin“.

Beide Eltern sind ebenfalls Profimusiker, auch sie Cellisten, aber es war Mutter Astrid, die die Richtung vorgab, eine „durchsetzungsstarke Persönlichkeit“. Von ihr erhielt Raphaela mit vier Jahren den ersten Cellounterricht. Ihr Solo-Debüt gab sie mit 13, mit 14 wurde sie Jungstudentin in Leipzig, nach dem Abitur folgten München und Wien. Auch in Schule und Studium war Raphaela immer von Frauen umgeben, nie hatte sie das Gefühl, ihr Geschlecht würde benachteiligt. Erst jetzt falle ihr auf, sagt Gromes, dass „in ihrem Musikstudium gar keine Komponistinnen vorkamen“.

Einer ihrer Professoren an der Münchner Musikhochschule war ausgerechnet Siegfried Mauser, der mehrfach Musikerinnen sexuell genötigt hatte und gerade eine knapp dreijährige Haftstrafe absitzt. Für Mauser „waren Frauen entweder Musen oder Geliebte, nie ernsthafte Künstlerinnen“, sagt die Cellistin.

Auf „Femmes“ tritt Raphaela Gromes den Gegenbeweis an. Sie hat großartige Komponistinnen des 19. und 20. Jahrhunderts eingespielt, die meist weder studieren noch auftreten durften und sich dennoch durchgesetzt haben. Bekannte Frauen wie Clara Schumann, Lili und Nadia Boulanger, aber auch weniger bekannte wie Pauline Viardot-Graciá oder Henriëtte Bosmans, „die genauso genial waren wie Mozart oder Brahms, und das gilt es jetzt endlich anzuerkennen“. Die Qualität dieser vergessenen, übergangenen, ungespielten Frauen sicht- und hörbar zu machen, darum geht es der Neufeministin Raphaela Gromes. „Femmes Vol. 2“ ist längst in Planung.

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