Ohne diese Forscherin wäre DNA nicht entdeckt

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Die Engländerin Rosalind Franklin ist die Mitentdeckerin des Jahrtausend-Moleküls. Sie starb zu früh, um dafür geehrt zu werden.
Sie ist so bekannt wie Mona Lisa, genauso schön und schlicht und in ihrer Struktur einfach genial: Die wie eine Wendeltreppe anmutende Doppelhelix, heute ohne Zweifel die Ikone der modernen Wissenschaft. Ihr chemischer Name lautet Desoxyribonucleinsäure, abgekürzt DNS, international bekannt als DNA (das A steht für das englische Acid). Geschrieben ist das Genom mit nur vier Buchstaben – den Basen A(denin), T(hymin), G(uanin) und C(ytosin) – und zwar auf zwei Strängen, die sich zu einer Art gedrehter Strickleiter zusammenfügen.
Die DNS enthält beim Menschen 30.000 Gen-Abschnitte, die auf zweimal 22 Chromosomen und den beiden Geschlechts- chromosen X und Y gebündelt sind. Unser vollständiges Genom, das aus der Verschmelzung der Ei- und Samenzelle (haploide Chromosomensätze) entsteht, enthält außer dem kleinen  Unterschied auch alles andere, was uns ausmacht; was uns beispielsweise von einem Affen oder Regenwurm, einer Banane oder einem Baum unterscheidet. Das Makromolekül in Leiterform kann sich in der Mitte wie ein Reißverschluss öffnen, Blaupausen herstellen und so immer neue Genkombinationen erzeugen, ein unglaublich machtvoller Evolutionsmechanismus.
Die Entdeckung, wie die Erbinformation genau gebaut ist, lag Anfang der fünfziger Jahre in der Luft. Es waren schließlich die zwei jungen Wissenschaftler James D. Watson (24) und Francis Crick (36), die am 25. April 1953 in dem Fachblatt nature schrieben: "Wir möchten eine Struktur für das Salz der Desoxyribonucleinsäure vorschlagen. Diese Struktur hat neue Eigenschaften, die von beträchtlichem biologischen Interesse sind."
Doch diese Entdeckung hatte nicht nur zwei Väter, sondern auch eine Mutter. Das wichtigste Puzzleteil, das die beiden Forscher am Ende für die Lösung benötigten, war eine Röntgenaufnahme der Kristallstruktur des Moleküls, die das berühmte "helical cross" zeigt. Angefertigt hatte dieses heute legendäre Bild die damals 33-jährige physikalische Chemikerin Rosalind Franklin.
Hinter Franklins Rücken hatte ihr Chef, Maurice Wilkins, dem Kollegen Franklins Aufnahme gezeigt, vermutlich, weil er selbst zu einer Deutung nicht fähig war. Als im Jahr 1962 dann die Entdeckung der Doppelhelix mit einem Medizin-Nobelpreis geehrt wurde, stand die Wissenschaftlerin jedoch nicht etwa neben Crick und Watson auf der Bühne, sondern – ihr Chef. Franklins früher Krebstod im Jahre 1958 hatte verhindert, dass sie in die ihr ohne Zweifel zustehende, aber nur Lebenden verliehene Ehrung, eingeschlossen werden konnte.
Berühmt geworden veröffentlichte Nobelpreisträger Watson 1968 sein populäres Buch "Die Doppelhelix". Darin zeichnete er die Kollegin "Rosy" als üble Karikatur einer Wissenschaftlerin, verbissen und unattraktiv. Doch diese "dark lady" hatte nichts zu tun mit der echten Rosalind Franklin, die neun Jahre älter, reif und schön, dem unsicheren jungen Watson intellektuell mindestens ebenbürtig war.
"Wahrscheinlich hatte Jim – wie alle Männer – Angst vor Frauen mit solchen Eigenschaften, erst recht, wenn sie plötzlich in Männerwelten eindrangen", schreibt der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer. Seit den siebziger Jahren sind es vor allem Frauen, die die wahre Geschichte Franklins ausgegraben und erzählt haben.
Die epochale Entdeckung der Doppelhelix durch Watson, Crick und Franklin veränderte die Lebenswissenschaften rasant und von Grund auf: mit ihr begann im Frühjahr 1953 "die Biologie des 21. Jahrhunderts", wie es Jens Reich formuliert hat. Von den Außen- gelangte man im¬mer mehr zu Innenansichten, zuerst bei Mikroorganismen, schließlich beim Menschen.
Aus der Molekularbiologie hat sich die heutige Genomforschung entwickelt. Im Visier und im Griff ist seitdem der Bauplan des Lebens und damit die faszinierende Möglichkeit, in den genetischen Code direkt einzugreifen, also selbst zum Schöpfer/zur Schöpferin zu werden. "Wir waren daran gewöhnt zu glauben, dass unser Schicksal in den Sternen liegt", formulierte Watson griffig. "Jetzt wissen wir: Zu einem großen Teil liegt unser Schicksal in unseren Genen." Das schnelle Erklimmen der genetischen Wendeltreppe ging zeitweise einher mit einem neuen biologischen Determinismus: Gemeldet wurde Abstruses wie die Entdeckung eines "Homo(sexualitäts)gens" oder Genen, die zum Agressivsein oder Dicksein verurteilen sollten. Doch das Leben ist viel komplexer, kein Schicksal hängt allein an Genfäden.
Wie wenig sie letztendlich wissen, geben seriösere Forscher offen zu, obwohl sie diese oder jene Einzelgene, etwa für die Alzheimer Demenz, geortet haben. Der dafür relevante Abschnitt liegt auf dem Chromosom 21, das auch für das Downsyndrom verantwortlich ist, weil es bei dieser auch Trisomie 21 genannten Behinderung fälschlicherweise dreimal vorkommt. Mit der Entschlüsselung genau dieses Gens wurde die 39-jährige Genforscherin Marie-Laure Yapo bekannt, die am Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik arbeitet.
In einem ZEIT-Interview zog die gebürtige Französin das Fazit: "Wir haben unglaubliche Fortschritte gemacht und inzwischen eine Art Generalplan von dem Chromosom. Es enthält etwa 240 Gene, die jeweils eine oder mehrere Eiweißstoffe ausbilden können. Aber wie so häufig, stellt sich auch dieses Mal das Problem: Je genauer man nachsieht, desto mehr Fragen stellen sich. Nach wie vor kennen wir die Funktion der meisten Gene nicht, wir wissen noch nicht einmal genau, wie viele Gene wir haben. Und vor allem wissen wir nur sehr wenig darüber, wie das Ganze so exakt gesteuert wird." Was für Gen 21 gilt, stimmt auch für den Rest der Erbinformation.
Doch als im Jahr 2000 mit großem Mediengetöse die "Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes" gefeiert wurde, tönte das ganz anders. Dabei war es "nur" gelungen, die Reihung der über drei Milliarden Basenpaare (oder auch Stufen) unserer DNS aufzulisten. Zurzeit ist das nicht mehr als ein riesiger und obendrein fehlerhafter Buchstabensalat, weit entfernt davon ein lesbares "Buch des menschlichen Lebens" zu sein. Rätselhaft bleibt die Mona Lisa der Biogenetik also auch nach 50 Jahren intensivster Beforschung.
Den Dreh mit dem Gen hat noch niemand geschafft: Erste Gentherapieversuche scheiterten oder verliefen tödlich. Auch die Erschaffung eines Wunschmenschen Gen für Gen bleibt noch Wahn. Trotzdem: Was auch seriöse WissenschaftlerInnen heute noch abtun können als Science Fiction oder Allmachtsphantasien, hat im Kleinen längst begonnen. In der Tierwelt tummeln sich immer mehr nach der Dolly-Methode erzeugte Klone, zuletzt sorgte im Mai dieses Jahres das "erste geklonte Maultier" für Schlagzeilen.
Für in der Schale gezeugte Retortenbabys ist ein Gencheck in vitro, die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) im Angebot. Gentests für Brustkrebs oder angeborene Herzfehler werden erwartet. Leben am Ende nur noch Gen-TÜV-geprüfte Menschen, weil es die Versicherungen verlangen? Brauchen wir bald ein menschliches Copyright genauso wie das verbriefte Recht auf Nichtwissen, z.B. wenn es um Erbkrankheiten geht?
Natürlich gibt es auch positive Visionen: Wer hätte etwas gegen Züchtung von Organen aus körpereigenen Stammzellen, die nicht mehr abgestoßen werden, oder gegen maßgeschneiderte Medikamente, um wuchernde Krebszellen im (Zell-)Kern zu stoppen? Und gar nicht mehr wegzudenken aus dem Alltag ist heute die Fahndungsmethode nach dem "genetischen Fingerabdruck".
Hochentwickelte Gensequenzier-Maschinen erstellen in einer vor einem halben Jahrhundert noch unvorstellbaren Präzision und Geschwindigkeit die Muster der Genbanden, die für jedes Individuum einzigartig sind. Ein Hautpartikel, eine Blut- oder Spermaspur, mehr ist nicht nötig. Vielen Opfer von Gewaltverbrechen kann so noch nach Jahrzehnten Genugtuung widerfahren – letztlich dank der Doppelhelix von Rosalind Franklin.
Die Mona Lisa prangt heute auf T-Shirts und Einkaufstaschen; bereits 1993 brachte eine Firma ein Duftwasser heraus, das DNA hieß. Der Verweis der grassierenden Geneuphorie in ihre realistischen Forschungs- und Vermarktungsschranken, war das Erfreulichste an den zahlreichen Glückwünschen zum runden Jubiläum der Doppelhelix – und die breite Würdigung von Rosalind Franklin als Mitentdeckerin des Jahrtausend-Moleküls. Sie schrieb 1940 an ihren Vater: "Die Wissenschaft, so sehe ich es, erklärt das Leben nur zum Teil." So ist es.

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