Serap Güler: Die Politikerin

Foto: Günther Ortmann/Imago
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Selbstverständlich schlägt Serap Güler Köln-Mülheim für ein Treffen vor. Der rechtsrheinische volkstümliche Stadtteil ist seit fünf Jahren ihr Zuhause. Ihre Themen findet die NRW-Staatssekretärin für Integration also quasi vor der Haustür: Mit einem Migrationsanteil von 53 Prozent treffen in Mülheim gelungene und weniger gelungene Integration aufeinander. Auf der Mülheimer Keupstraße explodierte 2004 auch die Nagelbombe des rechtsradikalen NSU.

2012 startete die Gastarbeitertochter und studierte Kommunikationswissenschaftlerin Serap Güler ihre politische Karriere: Sie kandidierte als Abgeordnete im Landtagswahlkreis Köln-Mülheim – und zog ins NRW-Parlament in Düsseldorf ein. Da war es gerade mal fünf Jahre her, dass der heutige Ministerpräsident ­Armin Laschet, damals noch NRW-Integrationsminister, die Hochschulabsolventin als Referentin in sein Büro geholt hatte. Heute ist die 37-Jährige nicht nur Staatssekretärin für Integration unter ­Laschet, sie ist auch Mitglied im Bundesvorstand der CDU.

Und damit wären wir also beim Bemerkenswerten angekommen: Serap Güler, Tochter eines türkischen Bergmanns und einer Putzfrau, aufgewachsen in einer Gastarbeitersiedlung im Ruhrpott, ist nicht etwa eine glühende SPD-Genossin geworden, sondern trat in Merkels CDU ein. „Die SPD fand ich zu heuchlerisch. Und die wesentlichen Schritte in Integrationsfragen kamen damals ausgerechnet von der Partei, bei der sich Migrantinnen und Migranten dachten: Die wollen uns doch gar nicht“, sagt Serap Güler. „Ich persönlich war auch nie uneingeschränkt für die doppelte Staatsbürgerschaft. Und die Familienpolitik der CDU fand ich auch gut.“

Jetzt sitzt Serap Güler im Mülheimer Kult-Café Jakubowski vor mir, trinkt eine Rhabarbersaftschorle, raucht und redet viel und laut. Wie eine typische Staatssekretärin sieht sie nicht aus mit den knallroten Fingernägeln, der blauen Bluse, der Stretch-Hose und den Turnschuhen. Aber klar ist: Hier kommt eine, die anpacken kann und die sich nicht ins Bockshorn jagen lässt.

Wenn sie Zeit habe, komme sie gerne in dieses Café, sagt ­Güler. Aber die Zeit wird immer rarer. Vor dem Treffen mit EMMA noch schnell ein Interview mit dem WDR, danach geht es weiter nach Düsseldorf. Güler ist gefragt.

Doch nicht jedem gefällt der resolute und wortreiche Auftritt der jungen Frau. 2017 bescherte Serap Güler dem Landtag NRW eine echte Sexismus-Debatte. Der damalige SPD-Integrationsminister Rainer Schmeltzer hatte die CDU-Abgeordnete Güler bei einem Festakt als „gut aussehende schwarzhaarige Dame“ bezeichnet, deren Pressemitteilungen „Gott sei Dank“ niemand abdrucke. Seine öffentliche Entschuldigung nahm Güler nicht an.

Aber auch bei den Konservativen stößt die Deutsch-Türkin manchmal auf Ablehnung. „Auf einem Ortsverein-Treffen der CDU hat mich mal ein Mann nach meinem Glauben gefragt. Ich bin Muslimin, habe ich geantwortet. Da wollte er wissen, wann ich konvertiere.“

Güler bezeichnet sich selber als „Kulturmuslimin“, Glaube ist für sie Privatsache. Fasten zu Ramadan? Das ist für sie kein Zwang. Im Frühjahr hat die Staatssekretärin mit ihrer Forderung nach einem Kopftuch-Verbot in Schulen und Kitas bundesweit für Wirbel gesorgt. „Einem jungen Mädchen ein Kopftuch überzustülpen ist keine Religionsausübung, sondern pure Perversion!“, schrieb die Deutsch-Türkin auf Facebook.

Als Facebook ihren Beitrag daraufhin kurzzeitig löschte – „aus Versehen“, wie das Unternehmen eilig erklärte –, ging die Debatte erst recht hoch. Güler bekam Zuspruch, besonders von Musliminnen. Aber auch Gegenwind, vor allem von Muslimen. „Wenn Männer mich auf Twitter unter dem Hashtag #NichtOhneMeinKopftuch beschimpfen, dann belastet mich das nicht“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Gülers Mutter trägt Kopftuch. „Von ihr habe ich meine ganze Stärke“, sagt die Tochter. Die sollte es besser haben – und als erste in der Familie studieren. Medizin, das war der Wunsch der Mutter. Doch Serap entschied sich nach dem Abi für eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Erst während ihres Studiums der Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen begann sie, sich für Politik zu interessieren. „Meine Familie war ja völlig unpolitisch.“

Wenn Serap von ihrer Kindheit in der Gastarbeitersiedlung in Marl erzählt, schwärmt sie vom Zusammenhalt der Familien. „Bei uns zu Hause wurde Türkisch gesprochen. Deutsch habe ich von der Oma nebenan gelernt. Und die beste Freundin meiner Mutter kam aus der DDR. Sie war es, die meine Mutter so darin bestärkt hat, mich zu fördern.“ Praktisch sah das so aus: ­Seraps Eltern besuchten den Elternsprechtag, notierten die wichtigsten Begriffe und ließen sie sich zu Hause von der deutschen Freundin übersetzen.

Seit acht Jahren ist Serap Güler verheiratet. Als sie vor drei Jahren in einem Interview erklärte, Kinder wären in ihrer damaligen Situation ein „Karrierehindernis“, musste sie sich innerhalb ihrer Partei dafür rechtfertigen. Darüber ärgert Güler sich bis heute. „Ein Mann wäre für eine ähnliche Aussage nicht kritisiert worden.“

Wenn sie mal Abstand will, dann verreist Serap Güler gern, nach wie vor auch in die Türkei. Dafür muss sie immer wieder Kritik von allen Seiten einstecken. Güler antwortet: „Erdoğan ist für mich nicht die Türkei! Und ich habe ja auch Familie, die dort lebt.“ Auch bei ihr nimmt die Sorge zu, dass sie als Erdoğan-­Kritikerin irgendwann Schwierigkeiten bekommen könnte. Seit 2010 hat Serap Güler einen deutschen Pass.

Die Rhabarbersaftschorle ist schon länger ausgetrunken. Die Staatssekretärin muss langsam los. Noch ein Selfie? „Klar!“, sagt sie und nimmt das Handy selbst in die Hand. „Ich mach das schnell!“ Dann eilt Serap Güler weiter. Es gibt noch viel zu tun.

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