Silvia Bovenschen ist tot

Foto: Imago / Christian Thiel
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Die Sache mit dem berühmt-berüchtigten Flugblatt war ihr eher peinlich. Nur widerstrebend wollte sie an diesem Augusttag darüber sprechen, wie sie an der Frankfurter Uni damals, im November 1968, dieses Pamphlet fabriziert hatten. Sechs Penisse wie Jagdtrophäen an eine imaginäre Wand genagelt, davor eine Frau mit Axt, das Ganze gekrönt mit dem Slogan: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“

Sie wollte sich nie zum Neben-
widerspruch deklarieren lassen

Der Satz gilt bis heute als Symbol für den Aufstand der Studentinnen gegen ihre Genossen. Die wollten anno 1968 zwar noch den letzten kolumbianischen Bauern befreien, ließen aber ihre Genossinnen Kaffee kochen, Flugblätter tippen und in den Versammlungen nicht zu Wort kommen.

Silvia Bovenschen war eine dieser Genossinnen. Sie wurde, weil sie sich von ihren Genossen keinesfalls zum „Nebenwiderspruch“ deklassieren lassen wollte, Mitbegründerin des Frankfurter Weiberrats. Später beschäftigte sich die Literaturwissenschaftlerin und Soziologin in ihren Werken („Die imaginierte Weiblichkeit“) immer wieder mit der „Frauenfrage“.

Wie die Tochter aus gutem Hause zur Feministin wurde, darum soll es an diesem Tag im Sommer 2017 gehen. Der Kölner „FrauenMediaTurm“ hält mit einem „Oral Herstory“-Projekt die Geschichten der Zeitzeuginnen fest, die die Frauenbewegung ins Rollen brachten. Obwohl Silvia Bovenschen schon sehr krank ist, hat sie zugesagt. Schon mit Mitte 20 wurde bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert, später hat sie mehrere Krebserkrankungen überlebt.

In ihrer Charlottenburger Wohnung empfängt sie uns, die Fotografin und Filmemacherin Bettina Flitner und mich, auf ihrem dekorativen Diwan, den sie kaum noch verlässt. Dort liest, schreibt und raucht sie, alle drei Dinge augenscheinlich ununterbrochen. Sehr dünn ist sie, aber ihre Sprache fein und geschliffen, wie man es aus ihren Büchern gewohnt ist. Aus „Älter werden“ zum Beispiel, einer ebenso klugen wie humorvollen Gedankensammlung, die 2006 zum Beststeller wurde. Oder aus „Sarahs Gesetz“, in dem Bovenschen 2015 die Geschichte ihrer Liebe zu der Künstlerin Sarah Schumann, mit der sie hier lebt, dezent und berührend erzählt.

An diesem Nachmittag erzählt Silvia Bovenschen, wie aus der Tochter eines Direktors einer Aktiengesellschaft und einer gesangsbegabten Mutter, die das Singen für die Kinder aufgibt, eine Frauenrechtlerin wurde. Sie erzählt, wie sich das „sehr aufsässige Mädchen“, das viel liest, darüber aufregt, dass in ihren Büchern „die interessanten Protagonisten immer Männer sind“. Mit der „lächerlichen Schwester von Winnetou“ könne man sich schließlich nicht identifizieren.

Bovenschen berichtet über ihre „Fassungslosigkeit“ als angehende Literaturwissenschaftlerin darüber, „dass ich nichts über Olympe de Gouges, Hedwig Dohm oder Luise Otto-Peters wusste“. Und sie erzählt über die Wut, die die Adorno-Schülerin im „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) überkommt, als die „SDS-Häuptlinge“ die aufbegehrenden Frauen in die Schranken weisen wollen.

Nur das Flugblatt war ihr peinlich. „Das kann man heute so oder so sehen“, sagt sie gedehnt. Offenbar findet Bovenschen, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Sprache wie Symbolik des Pamphlets im Nachhinein etwas grobschlächtig geraten.

Überhaupt störte sich Bovenschen, der Feingeist, an der Grobheit, mit der die Gesellschaft heutzutage in Rastern denkt. „Es ist ganz schlimm geworden“, sagte sie. „Sie sortieren einen alle dauernd.“ Wenn sie äußerte, dass sie es verstörend findet, wenn „Frauen sich voll verschleiern, ist man auf einmal AfD“, klagte sie. Auch das 68er Label, das man ihr verpasst hat, mochte sie nicht. Vom der Schublade „Lesbe“, in die man sie nach „Sarahs Gesetz“ steckte, ganz zu schweigen. Man sei doch nie nur das eine, sagte sie. "Man ist doch viel mehr.“

Und sie störte sich an der Grobheit des rasterhaften Denkens

Ja. „Silvia Bovenschen war eine der wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit – und noch viel mehr als das. Sie hat eine ganze Generation von Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftlern, von Kritikerinnen und Kritikern tief geprägt“, schreibt Jörg Bong, Verleger der S. Fischer Verlage, bei dem Bovenschens Bücher erscheinen. „Seit den siebziger Jahren war sie eine der bedeutendsten kritischen Denkerinnen der Bundesrepublik, die sich durch große Eigenständigkeit, scharfe Weitsicht, leidenschaftliche Kraft und energisches Engagement auszeichnete. Sie war aber eben auch eine große Schriftstellerin. Aus essayistischen Formen entwickelte sie über die Jahre ein genuin dichterisches Schreiben. Eine Verbindung von höchster Sprachkraft, ungeheurem Gedankenreichtum – und intelligentem Humor. Die deutsche Literatur verliert eine ihrer Größten.“

Am Ende ihres Buches „Älter werden“ schrieb Silvia Bovenschen über „Versäumnisse“. „Einmal fragte mich jemand, ob ich glaube, in meinem Leben etwas versäumt zu haben. Ich war erstaunt, dass mir gar nicht so viel einfiel.“ Schließlich fiel ihr doch noch etwas ein: „Ich konnte nie auf zwei Fingern pfeifen.“

Silvia Bovenschen wurde 71 Jahre alt.

Chantal Louis

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