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Sr. Katharina: Provoziert den Papst

Foto: Markus Hauck
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Im Mai 2019 bat Papst Franziskus zur Audienz, und die 850 Repräsentantinnen von fast 800.000 Ordensfrauen aus aller Welt folgten – wieder einmal. Drei Jahre zuvor hatte die „Internationale ­Vereinigung der Generaloberinnen“ (UISG) dem Papst das Anliegen vorgetragen, die Zulassung von Frauen zum Diakonenamt zu prüfen. Was dabei herauskam, hatte Franziskus einige Tage zuvor quasi beiläufig ausgeplaudert: Nichts. Jedenfalls nichts, was der Hoffnung von Sr. Katharina Ganz auf eine geschlechtergerechte Kirche nähergekommen wäre.

Die Ordensfrau aus dem Kloster Oberzell bei Würzburg hatte sich in der Audienzhalle im Vatikan einen Platz am Rand der langen Sitzreihen gesucht. Als Franziskus unangekündigt um Fragen aus dem Auditorium bittet, ist die deutsche Generaloberin als erste am Mikrofon. „Ich spreche für viele Frauen, die sich danach sehnen, gleichberechtigt dem Volk Gottes zu dienen“, sagt sie. Sie möchte wissen, wie „Bruder Franziskus“ die Frauenfrage zu lösen gedenke. Franziskusʼ weitschweifige Antwort gipfelt in der Aussage: Wenn ihr diese Kirche nicht passe, könne sie sich doch eine andere suchen.

Diesen Gefallen wird die selbstbewusste Ordensfrau dem Papst nicht tun. Konfrontiert mit dem guten Rat des Heiligen Vaters und der Frage, ob sie sich denn nun eine „andere Kirche“ suchen wolle, antwortete sie der FAZ gelassen: „Die Frage ist, wer auf eine andere Kirche hinarbeitet.“ Schließlich gäbe es ja kaum noch Priester. „Es können einfach keine Sakramente gespendet werden. Die Kirche marginalisiert sich selbst.“

Wer ist die rebellische Schwester Katharina? Geboren ist sie in Willanzheim, einem Dorf in Unterfranken. Seit hundert Jahren hingen die Schlüssel der Willanzheimer Dorfkirche in der Küche der Küster-Familie Ganz. Katharina, die damals noch Erika hieß, wird erste Messdienerin und erste Lektorin. Ihre Sommer verbringt sie bei ihrer Großtante in Davos, einer Benediktinerin, in der das Mädchen eine „Seelenverwandte“ findet. „Für mich war das Ordensleben eine ganz normale Lebensform“, erinnert sich die 48-Jährige.

Nach dem Abitur studiert sie Theologie und Sozial­pädagogik und geht, nach einer privaten Enttäuschung, ein Jahr lang als „Missionarin auf Zeit“ in die Zentralafrikanische Republik. Schließlich findet sie in der Kirche den Ort, nach dem sie sich gesehnt hatte: ein Leben in einer Gemeinschaft aus Frauen und für Frauen. 1995 schließt sie sich den Oberzeller Franziskanerinnen an, wie die „Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu“ im Volksmund genannt werden, und bald wird aus Erika Schwester Katharina.

Schon damals war die Gemeinschaft überaltert. Das ist seither nicht besser geworden. Im deutschen Zweig der weltweit noch etwa 140 Schwestern zählenden Kongregation sind nur noch zehn jünger als 70. Doch bei allem, was Sr. Katharina erzählt, ist nicht der leiseste Hauch von Fatalismus in ihrer Stimme. Im Gegenteil. Sie strahlt Entschiedenheit aus, bis in den Händedruck.

Denn mag die Zahl der aktiven Schwestern auch von Jahr zu Jahr kleiner werden, so ist das Charisma der Gründerin Antonia Werr (1813 – 1868) in den „Werken“ der Gemeinschaft lebendiger denn je: der Einsatz für Frauen in benachteiligenden Lebenssituationen. Hier eine sozialtherapeutische Jugendhilfeeinrichtung, da Häuser für Frauen in Lebenskrisen, dort die Arbeit mit Geflüchteten, und mittendrin Sr. Katharina mit ihrem Herzensanliegen: der spirituellen Fortbildung der MitarbeiterInnen. „Die Welt ist mein Kloster“, sagt sie in Anspielung an den Hl. Franz von Assisi.

Mittendrin ist die Ordensfrau inzwischen aber auch dort, wo es um die benachteiligenden Lebenssituationen für Frauen in der Kirche geht. Zur Vorbereitung des „Synodalen Wegs“, einem Beratungsprozess in der katholischen Kirche in Deutschland, wurde Sr. Katharina in das Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ eingeladen – nicht trotz, sondern wegen ihrer Ansichten. „Die Deutungshoheit über das, was Kirche ist, haben ausschließlich geweihte Männer“, sagt sie. „Also müssen Frauen die Machtfrage stellen.“

Der Autor leitet das Ressort Die Gegenwart bei der FAZ.

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