"Es ist skandalös und widerlich!"
Kulturwandel passieren schleichend und unter dem Radar. Sie bleiben lange unsichtbar. Niemand nimmt Notiz, bis sie plötzlich in die politische Wirklichkeit eingreifen. Einen derartigen Moment der Wahrheit erlebte Großbritannien, als Premierminister Keir Starmer nach monatelangem Appeasement endlich den Mut fand, sich mit der amerikanischen Regierung anzulegen.
Es ging dabei nicht um Zölle, nicht den Angriff auf Venezuela oder um Drohungen gegen Grönland. Nein. Was den Premierminister entschlossener denn je auftreten ließ seit Donald Trumps Wiederwahl, war Pornografie. „Es ist skandalös, widerlich und nicht hinnehmbar“, sagte Starmer über die pornografischen KI-Bilder auf X. Verbündete des amerikanischen Präsidenten hatten zuvor mit Sanktionen gedroht, sollten die Briten gegen die Plattform vorgehen. Statt sich davon einschüchtern zu lassen, legte Starmer nach: „Es ist falsch, illegal und wir werden es nicht tolerieren.“
Ein so großes Risiko, den wichtigsten Verbündeten zu verstimmen, war der Premier noch nie eingegangen. Doch das war ihm das Thema offenbar wert: Starmers Warnung, X im Extremfall sogar zu sperren, beweist, wie ernst die Auswüchse von Pornografie in London genommen werden und wie wenig sich die Regierung leisten kann, sie zu ignorieren. In Deutschland ist kaum vorstellbar, dass Bundeskanzler Friedrich Merz inmitten geopolitischer Krisen Stellung nimmt zu sexualisierten Bildern von Frauen und Kindern. In Großbritannien dagegen ist es Chefsache.
So sehr hat sich also verschoben, was sagbar ist und was nicht. Lange waren die Briten als prüde und schamhaft verschrien, als blass, gehemmt, zugeknöpft und viktorianisch. „No sex please, we’re British“ war das selbstironische Motto, mit dem man der sexuellen Revolution im Rest der westlichen Welt begegnete. Unter einer Fönfrisur, die noch steifer war als Margaret Thatchers, kämpfte die Moral-Apostelin Mary Whitehouse gegen jeden baren Busen und sorgte dafür, dass Sex weitgehend aus dem öffentlichen Leben verbannt wurde. Pink Floyd verewigte Whitehouse in einem Song als „bestehend aus verschlossenen Lippen und kalten Füßen“.
Im Schatten dieses Klischees hat sich jedoch ein Wandel vollzogen. Dass die Briten angeblich nur im Vollrausch Sex betreiben und darüber reden können, stimmt nicht mehr. Die Wirklichkeit hat das Vorurteil endgültig eingeholt und das beste Beispiel dafür ist Pornografie.
Ausgerechnet im Umgang mit dieser toxischen Branche zeigt sich, dass Großbritannien andere Länder überholt hat: Weil Sexualität kein Tabu mehr ist, ist auch Pornografie ein Thema, mit dem sich die Öffentlichkeit kritisch auseinandersetzt – und sind die Briten aufgeklärter, problembewusster und politisch progressiver als andere Nationen. Die Regulierung ist zwar auch hier noch lange nicht perfekt. Doch sie ist weiter als in anderen Ländern.
Dieser Vorsprung ist ironischerweise auch dem Erfolg von britischen Porno-Vertreibern zu verdanken. Denn Aufmerksamkeit beendet Stillschweigen, verbietet Wegsehen und sorgt dafür, dass erschreckende Abgründe vermessen werden.
So haben die Milliardenumsätze eines von zwei Brüdern und ihrem Vater gegründeten Familienunternehmens dazu geführt, dass die Branche in die Schlagzeilen kam. Die Rede ist von OnlyFans. Mit der Gründung dieser Plattform realisierten die Stokelys in einem Pendlerstädtchen außerhalb von London die Geschäftsidee ihres Jüngsten: Für eine Gebühr von 20 Prozent verbindet die Plattform Porno-Darsteller direkt mit dem zahlenden Publikum. Damit ist der Vertrieb revolutioniert worden und hat direkte pornografische „Dienstleistungen“ übers Internet möglich gemacht.
Je genauer die britische Presse hinsah, desto offensichtlicher wurde die Spirale der Eskalation. Mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen verfolgten die Briten, wie die Porno-Darstellerin Bonnie Blue dieses Geschäftsmodell mit immer extremeren Inhalten im vergangenen Jahr auf die Spitze trieb. Der Fernsehsender Channel 4 drehte einen Dokumentarfilm darüber. Unter der Bedingung, beim Sex gefilmt zu werden, bot Blue allen interessierten Studenten der Nottingham Trent Universität Geschlechtsverkehr an. Ihr bislang größter Stunt war der Rekord, sich von mehr als tausend Männern an einem Tag vor der Kamera penetrieren zu lassen.
Etwa zur selben Zeit machte die britische Produktion „Adolescence“ zum Thema, wie lebensgefährlich frauenverachtende Pornos sein können. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mörders. Der Dreizehnjährige war tief abgerutscht in die sogenannte Manosphere im Internet, wo unter anderem die endlose Zufuhr von Pornografie die Nutzer radikalisiert. Die Netflix-Serie erschütterte weltweit mehr als 100 Millionen Zuschauer.
Die Tatsache, dass das Thema derart präsent ist, ermutigt auch die Politik, weiter zu gehen. Mit dem „Online Safety Act“ aus dem Jahr 2023 hat der britische Gesetzgeber schon jetzt eine stärkere Handhabe gegen Gewalt-Pornografie als andere Länder. Das Gesetz verfügt, dass die meisten Regeln, die außerhalb des Internets gelten – etwa das Verbot der Darstellung von Vergewaltigung, Inzest, Sodomie und Nekrophilie oder die Verbreitung von intimen Bildern ohne Zustimmung der Abgebildeten („Revenge Porn“ und „Deep Fakes“) – auch fürs Internet gelten. Außerdem darf keine Pornoseite mehr geöffnet werden, bevor der Nutzer oder die Nutzerin mit Hilfe eines Selfies oder Fotoausweises nicht bewiesen hat, volljährig zu sein. Internetanbieter, die gegen die Regeln verstoßen, können von der Regulierungsbehörde Ofcom mit Geldstrafen von bis zu zehn Prozent des Umsatzes belegt werden.
Allerdings ist Ofcom bei der Umsetzung genauso hoffnungslos überfordert wie andere nationale Regulierer. Es stimmt zwar, dass der größte Vertreiber von Internet-Pornos einen Rückgang von Zugriffen um 77 Prozent meldete, als die Altersbeschränkung im vergangenen Sommer in Kraft trat. Insgesamt soll der Internetverkehr auf Porno-Seiten laut Ofcom um ein Drittel geschrumpft sein. Doch dieser beeindruckende Rückgang wird relativiert durch die zeitweise um 1.800 Prozent gestiegene Nachfrage nach VPNs, also Verschlüsselungstechniken, mit denen die Zugangsbeschränkungen problemlos umschifft werden können. Die Zahl der Porno-Seiten in Großbritannien wird auf mehr als 200.000 geschätzt. Ofcom hat bislang nur gegen 92 Untersuchungen eingeleitet. Weniger als eine Handvoll musste wegen Verstöße gegen die Altersgrenze Strafe zahlen. Illegale Inhalte sind also nach wie vor frei verfügbar.
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern sind sich die Briten der mangelhaften Regulierung allerdings immerhin bewusst. Nach einer Umfrage ist selbst die überwältigende Mehrheit von Porno-Nutzern (80 %) dafür, dass gewalttätige und andere illegale Inhalte gelöscht werden. Noch ist die Forderung, den Posten eines Parlamentarischen Staatssekretärs für Pornografie zu schaffen, zwar nicht erfüllt. Aber seit vergangenem Sommer gibt es eine parteiübergreifende Pornografie-Taskforce. Sie wird von der konservativen Abgeordneten des Oberhauses, Gabby Bertin, geleitet und besteht aus 17 Mitgliedern aus Polizei, Frauenorganisation und Werbeindustrie. Repräsentanten der Pornoindustrie seien nicht dabei, sagt Bertin, damit die Branche „nicht ihre eigenen Hausaufgaben korrigiert“.
Eine der Empfehlungen, die Bertin ausgesprochen hat, ist bereits umgesetzt worden: Nach Umfragen werden Frauen beim Sex immer häufiger stranguliert und verletzt. Experten gehen davon aus, dass die gefährliche Praxis aus der Pornografie kommt. Großbritannien ist das erste Land, in dem Würge-Pornos deshalb seit kurzem gesetzlich verboten sind.
Darüber hinaus hat Elon Musk der britischen Anti-Porno-Bewegung einen bemerkenswerten Dienst erwiesen. Die Gesetzeslücke, die bislang zwischen „echten“ und KI-generierten Inhalten bestand, soll im Eiltempo geschlossen werden. Dass Frauen und Kinder von Musks KI-Maschine entblößt und die sexualisierten Bilder legal in Umlauf gebracht werden können, ist so alarmierend, dass die empörte Öffentlichkeit die Regierung zum Handeln zwingt: Künftig soll nicht nur die Produktion von illegalen KI-Pornos verboten werden, sondern auch deren Verbreitung. In gewisser Weise ist es also Musk zu verdanken, dass Großbritannien auch die neuesten technischen Möglichkeiten in der Pornografie zu unterbinden versucht.
Diesmal hinken die Briten der sexuellen Revolution nicht hinterher, sondern führen sie an. Das neue Motto geht einem zwar nicht mehr so leicht über die Lippen, aber der alte Spruch muss in Zukunft heißen: „No toxic AI-porn please, we’re British“.
EVA LADIPO
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