Die Anti-Heldin

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Sie ist die Trainerin der besten Fußballerinnen der Welt. Aber keine Sorge: Das wird ihr nicht zu Kopf steigen. Pfarrerstochter Tina Theune-Meyer ist nämlich chronisch bescheiden. Und Mutter Theune-Meyer schmuggelte Streuselkuchen zur Siegesfeier nach L.A.

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Die Frau ist eine Anti-Heldin. "Spröde", "scheu" oder "verschlossen" sind die Adjektive, mit denen die Presse sie gern tituliert. Und auch die Erfolgstrainerin selbst, seit 1996 Chefin des Nationalteams, sagt: Ich stehe nicht gern im Rampenlicht.

Ein cholerischer "Ich habe fertig"-Ausbruch à la Trappatoni? Undenkbar.

Ein Platzverweis wegen Randalierens am Spielfeldrand wie Winfried Schäfer? Niemals. Ein beim Wutausbruch umgemähter Kameramann wie Otto Rehhagel? Gott bewahre. Doch nicht Theune-Meyer.
Ausgerechnet in Deutschlands Gröhl-Sport Nummer eins, wo das Alpha-Wolf-Gebaren und die Befehle-Brüllerei des Trainers erste Pflicht zu sein scheinen, zeigt die stille Frau mit den Lachfältchen, dass es auch anders geht. Aber wie? Sie tritt ganz ruhig auf. Alles wird sachlich angesprochen, erklärt Stürmerin Pia Wunderlich Theune-Meyers Prinzip der stillen Fehleranalyse. Und wenn am Spielfeldrand wirklich mal geschrieen werden muss, dann delegiert Theune-Meyer das an ihre Co-Trainerin, die Ex-Nationalspielerin Silvia Neid, die vom Temperament her dafür besser geeignet ist.

Den Ehrgeiz und Siegeswillen der Teamchefin deshalb zu unterschätzen, wäre allerdings ein Fehler. Sicher, wenn Tina Theune-Meyer zum Beispiel sagt: Wir werden mit Haut und Haaren um die erfolgreiche Titelverteidigung kämpfen klingt das wie: Es wäre doch nett, wenn morgen die Sonne schiene. Aber es ist trotzdem verdammt ernst gemeint. Nicht umsonst hängt im Gruppenraum der Nationalfrauschaft das Plakat: Never train for a second place Trainiere niemals für den zweiten Platz.
Tina Theune-Meyer war schon öfter die erste, nicht nur bei Meisterschaften. Sie war der erste weibliche Fußballtrainer Deutschlands überhaupt, und das 1985. Und das erste fußballernde Mädchen in Kevelaer am Niederrhein, und das in den 50er Jahren. Der Deutsche Fußballbund kann heute von Glück sagen, dass die Eltern der kleinen Tina zwar an Gott, nicht aber an die vom DFB damals noch verkündete Schädlichkeit des Fußballspiels für Mädchen glaubten. Im Gegenteil: Papa Theune war nicht nur Pfarrer, sondern auch Leichtathlet, und Mama Theune nicht nur Hausfrau, sondern auch Handballerin. Und Oma Theune hatte sich schon um die Jahrhundertwende rebellisch aufs Fahrrad gesetzt, als diese Fortbewegungsart für Mädchen noch als äußerst unschicklich galt.
So tobten also im Kevelaer Pfarrhaus die fünf Theune-Mädchen wie die Jungs durch die Gegend: Wir haben Fußball, Rollhockey und Tischtennis gespielt. Als Belohnung gab es von unseren Eltern oft einen neuen Ball, erinnert sich die Trainerin, die heute einen Pokal nach dem anderen holt. Klein Tina spielte abwechselnd Kirchenorgel und Fußball, entschied sich nach ihrem Lehramtsstudium aber doch für letzteren. Und trug als Nationaltrainerin mit unermüdlichem Engagement, besonders in der Nachwuchsförderung, zu seinem exponential steigenden Erfolg bei. Sie kann in Deutschland alle zwischen 12 und 32 beim Namen rufen, die einen Ball geradeaus schießen können, wurde sie einmal in der Presse gelobt.
Nach den Folgen des fünften EM- Titels für den deutschen Frauenfußball gefragt, antwortet die Nationaltrainerin mit einem ihrer typischen Theune-Meyer-Sätze: Ich bin mir sicher, dass er positive Auswirkungen haben wird. Wer die verhaltene Trainerin kennt, weiß, dass das bedeutet: Sie ist vor Freude und Stolz schier außer sich.
EMMA September/Oktober 2001
Die komplette Serie "Die Hälfte vom Ball für die Frauen!" in EMMA: Januar/Februar - Juli/August 1998.

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