Algerien: Schicksalsland für Europa?

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Quasi täglich maile und telefoniere ich mit „meiner Familie“. Über Wochen und Wochen haben sie demonstriert: meine Freundin Djamila, die Journalistin, und ihre Nichten und Neffen, die nicht nur Algerien kennen, sondern viel in der Welt gereist sind. Sie alle lieben ihr Land, aber träumen davon, dass sich etwas ändert. Raus aus der Erstarrung und Resignation, rein in die Öffnung und Demokratie!

Die Demonstrationen, erzählen sie, waren bisher fast familiär. Die Stimmung war fröhlich, die Frauen haben ihre berühmtem „Youyous“ aus­gestoßen, diese arabischen Jodler, und manche haben sogar getanzt. Und die Anwohner von Algier haben riesige Platten mit Couscous und Krüge mit Wasser auf die Straße getragen: für die angereisten Demonstranten.

Auch aus Algier kamen die aus Diktaturen bekannten Bilder: Die Demonstranten überreichen Polizisten Blumen: „Ihr gehört doch zu uns!“ Sie wissen: Die Haltung von Polizei und Armee wird entscheidend sein für ihre Zukunft.

Nach den ersten Wochen, Mitte April, waren die meisten schon weniger optimistisch. Zwar war der heute verhasste – und einst geliebte – Präsident Bouteflika inzwischen zurückgetreten. Doch sein Nachfolger, Parlamentspräsident Abdelkader Bensalah, ist ein Vertreter der alten Garde. Er soll bis Mitte Juli Neuwahlen organisieren. Aber was dann?

Das postsozialistische Regime hatte bisher jede erstarkende Opposition erstickt. Jetzt scheint es niemanden zu geben, der die Verantwortung übernehmen und das zu lange autokratisch regierte Land kraftvoll in die Freiheit führen kann.

Algerien ist das größte Land Afrikas und des Mittelmeerraumes. Es ist ein Schlüsselland für die arabische Welt und ein „Schutzwall“ zwischen Schwarzafrika und Europa. Es könnte also auch zum Schicksalsland für Europa werden. Durch ein schwaches Algerien würden Ströme von Flüchtlingen aus Schwarzafrika Richtung Europa ziehen.

Bisher war Algerien neutral mit einer Neigung zu den postsozialistischen Ländern, wie Russland. Wer aber wird nun zur Macht greifen? Der Westen? Oder gar die Islamisten? Beides will eine überwältigende Mehrheit der AlgerierInnen nicht! Sie ­wollen endlich mündig sein, ihren eigenen Weg gehen.

Die Bilder im Fernsehen zeigen inzwischen überwiegend protestierende Männer. Die Frauen werden weniger. Noch am 8. März waren sie Hunderttausende. Denn sie haben einen doppelten Grund zu protestieren.

In Algerien, das sich 1962 vom französischen Kolonialherren befreit hat, gilt bis heute das „islamische Familienrecht“, das Frauen zu Unmündigen macht. Frauenrechtlerinnen kämpfen seit 50 Jahren dagegen. Bisher (fast) erfolglos. An der Seite ihrer Brüder und Freunde gehen nun die Enkelinnen der einstigen Unabhängigkeitskämpferinnen auf die Straße, um gegen das Macho-Regime zu protestieren. Sie fordern gleiche Rechte.

Auslöser für die Proteste waren die ursprünglich für den 18. April angekündigten Wahlen. Zu denen hatte sich nach 20 Jahren an der Macht zum fünften Mal der schwerkranke Präsident Abd al-Aziz Bouteflika präsentiert, der längst nicht mehr regierungsfähig war und von einer mafiösen Clique manipuliert wurde. Er trat Anfang April zurück.

Bouteflika war kein Diktator. Er war einst die Hoffnung des Landes nach einer sozialistischen Militärregierung. Und nach den „Schwarzen Jahren“ in den 1990ern, in denen der von Islamisten angezettelte Bürgerkrieg über 200.000 Tote gekostet hat. Was das Land wie durch ein Wunder überlebt hat. „Es könnte uns gehen wie den Syrern“, sagen die AlgerierInnen heute mit Blick zurück.

Doch das Volk ist dennoch schwer traumatisiert. Und die Jugendarbeitslosigkeit ist groß. Hinzu kommt, dass das postsozialistische Land heute im Würgegriff einer religiös begründeten Rigidität ist: Alkoholverbot, Kopftuchwahn, Ramadan etc.

Jetzt ist der Knoten geplatzt. Und die Frauen spielten dabei zunächst eine zentrale Rolle. Der 8. März war für sie der Moment, Algerien und der ganzen Welt zu zeigen: Wir sind vollwertige Bürgerinnen! Die Straße gehört auch uns! Wir wollen frei sein!

Wie geht es weiter? Niemand weiß es. Auch die hellsichtige Djamila nicht, die während der „Schwarzen Jahre“ fünf Jahre lang in Köln im Exil war. Als erste im Visier: die JournalistInnen. Jeder und jede vierte wurde ermordet.

Heute, am 12. April, schreibt Djamila mir aus Algier: „In drei Monaten sind Wahlen. Die werden sie natürlich manipulieren. Die Menschen hier sind sehr, sehr wütend. Das Regime spielt auf Zeit. Am 6. Mai beginnt der Ramadan. Sie hoffen, dass die Leute dann nach Hause gehen und die Politik vergessen. Das wird nicht so sein. Wir machen weiter! Aber niemand weiß, was die Zukunft bringt.“

Weiterlesen: Alice Schwarzer: Meine algerische Familie, (KiWi, 22€, s.S.113)

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