Ricarda Louk: Mutter für immer
Um 6.30 Uhr ging der Raketenalarm los, in Israel nichts Ungewöhnliches. Der 6. und 7. Oktober waren Feiertage, Ricarda Louk hat ihre Familie in Jerusalem zu Besuch. Tochter Shani hatte kurzfristig abgesagt, die 22-Jährige wollte lieber aufs Musikfestival und später kommen.
Doch plötzlich machen Bilder auf Social Media die Runde. Erschreckende Bilder. Bewaffnete Hamas-Terroristen haben die Grenzanlangen nach Israel durchbrochen. „Das ist die Shani“, schreit Ricardas Sohn auf, als er ein Video sieht, das schon bald um die ganze Welt gehen soll. Es zeigt Shani, wie sie auf einem Pick-up-Truck liegt, umringt von vier bewaffneten Männern, die mit ihr durch den Gaza-Streifen fahren, den blutenden Kopf an den Dreadlocks der jungen Frau wie eine Trophäe hochziehen und bespucken. Der Bruder hat die Schwester an den Tätowierungen erkannt. Er bricht zusammen. „Wir dachten, es kann nicht sein, dass das unser kleines Mädchen ist“, sagt Ricarda Louk.
Solange sie noch einen Funken Hoffnung hat, will die Mutter die Tage und Wochen danach nicht aufgeben. Aber Polizei und Armee sind überfordert, zu viele Tote, zu viele Gräueltaten. Auch die deutsche Botschaft kann nicht helfen. Ricarda ist Deutsche, Tochter Shani hatte die doppelte Staatsbürgerschaft. Die Mutter hofft auf deutsche Medien, aber auch die wissen nichts.
Drei Wochen später klopft es an der Tür. Davor stehen Soldaten und Sozialarbeiterinnen. „Sie erklärten uns, dass man ein Stück von Shanis Schädelknochen gefunden hatte, noch auf israelischem Gebiet, und dass sie nicht mehr am Leben gewesen sein konnte, als sie verschleppt wurde“, erzählt Ricarda. Das Video von Shanis Verschleppung wurde zum Symbol der grenzenlosen Gewalt dieses Tages. Erst nach sieben Monaten findet die israelische Armee Shanis Körper, eingegraben in einem Tunnel im Gaza-Streifen.
Seither kämpft Ricarda Louk unermüdlich für das Andenken an ihre Tochter und gegen das Vergessen der Hamas-Verbrechen. Sie hält Vorträge auf der ganzen Welt, erzählt Shanis Geschichte. Sie will nicht zulassen, dass diese Verbrechen der Hamas relativiert, vergessen werden. Besonders in Deutschland nicht. „In Israel wollte niemand Krieg – aber das ging einfach nicht anders nach so einem Massaker“, sagt sie heute. Sie fragt sich, warum Deutschland sich eigentlich so wenig für die deutschen Geiseln in Gaza interessiert habe. Auch beobachtet sie mit großer Sorge, wie die islamistische Unterwanderung besonders in deutschen Großstädten und an deutschen Universitäten ihren Lauf nehme und Islamisten und Linke eine antisemitische Allianz bildeten. „Dass so etwas nochmal in Deutschland möglich ist, hätte ich nicht gedacht“, sagt sie.
Ricarda ist in Ravensburg aufgewachsen. Sie lernte ihren späteren Mann, Nissim Louk, einen gebürtigen Tunesier, bei einem Urlaub in Thailand kennen. Anfang der 1990er Jahre zog sie mit ihm nach Israel und konvertierte zum Judentum. Neben Shani gibt es noch die ältere Tochter Adi (28) und die jüngeren Söhne Amit (23) und Or (16). Die Familie lebt in der Nähe von Jerusalem. Mit Ravensburg sind sie alle eng verbunden, Ricardas Familie lebt noch dort. Auch Ravensburger Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins trauern um Shani. Die hatte allein in Tel Aviv gelebt, Grafikdesign studiert und arbeitete als Künstlerin.
„Wir sehen, wie viele Familien es zerrissen hat. Das hätte Shani nicht gewollt. Wir müssen nach vorn schauen“, sagt die Mutter. Es tut ihr gut, über ihre Tochter zu sprechen. „Sie war so ein starkes, unabhängiges und lebensfrohes Mädchen.“
Ricarda Louk arbeitet in einem Software-Unternehmen, zusammen mit Palästinensern. „Nicht alle Palästinenser stehen zur Hamas“, sagt sie. Vor dem Überfall habe das Zusammenleben von Juden und Muslimen in vielen Gegenden gut geklappt. Heute werde in vielen westlichen Medien so getan, als sei Israel ein Apartheidsstaat. „Das stimmt nicht“, sagt Ricarda. „Die große Mehrheit beider Seiten wollte immer in Frieden leben und will es noch.“
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