Adieu, Alexandra Kassen

Bettina Flitner hat Alexandra Kassen 2008 für ihr Projekt "Boatpeople" auf dem Rhein fotografiert.
Artikel teilen

Es war für die Bayerin nicht Liebe auf den ersten Blick. Köln in den Fünfzigern. Eine provinzielle Stadt, die sich erst langsam von den Folgen des Zweiten Weltkriegs ­erholte. Immer noch gab es viele zerstörte Häuser. Schutt und Trümmer. Zudem: Menschen mit einer seltsamen Sprache und einer abgöttischen Liebe zu einer komischen Tradition, dem Karneval. Alexandra Kassen, eine den schönen Künsten und dem schönen Leben zugewandte Tochter aus einer wohlhabenden Regensburger Familie, war wenig begeistertet, als ihr Mann vorschlug, in die Stadt am Rhein zu ziehen – um ein Kabarett-Theater zu gründen.

"Wir hatten eine schöne große Wohnung in München-Schwabing. Wir hatten Erfolg. Gerade war meine Tochter geboren. Und dann das." Eine Alexandra aber läuft nicht vor dem Leben davon. Und so ging sie 1959 mit ihrem Mann, einem ­gebürtigen Rheinländer und weltläufigen Künstler, der zur Nachfolgegruppe der Comedian Harmonists gehört hatte und Mitbegründer der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ­gewesen war. Das Ehepaar gründete das "Senftöpfchen". Denn: "So was kannten die Kölner ja noch gar nicht.

Ein halbes Jahrhundert später ist Alexandra Kassen immer noch in Köln. Und auch das "Senftöpfchen" gibt es noch. Mittlerweile ist es ihr eigenes Theater. Ein großes Kleinkunst-Theater, das in Köln so bekannt ist wie der Dom und das sich als Sprungbrett für Nachwuchskünstler einen Namen gemacht hat. Die Liste derer, die im "Senftöpfchen" zu Berühmtheit gelangt sind, ist lang: Dieter Nuhr, Konstantin Wecker, Hanns Dieter Hüsch, Eckart von Hirschhausen, Georgette Dee, Anka Zink und andere haben sich bei Kassen ihre ersten Brettl-Sporen verdient.

Zudem zeigte sich die einstige Klosterschülerin als visionäre Theatermacherin mit Mut zum Risiko, als sie mit den "Folies Parisiennes" die erste Travestierevue Anfang der Siebziger (!) an den Rhein holte und damit die konservativ-katholische Seele ­ordentlich durchrüttelte (siehe auch den Text von Alice Schwarzer in EMMA 2/78).

Im Herbst 2009 nun hat das "Senftöpfchen" sein 50. Jubi­läum gefeiert, mit einer fulminanten Geburtstagsfeier in der ­Kölner Oper. Es kamen viele derer, die Kassen berühmt gemacht hat. Dazu die Kölner Granden und Platzhirsche – und mitten drin dieses kleine Persönchen mit seinen gepuderten Wangen und glänzenden Augen, hinter denen sich ein scharfer Intellekt verbirgt.

Wie immer versprühte Kassen auch an diesem Abend eine Weltläufigkeit und Grandezza, die in Köln, wo man eher zum Deftig-Proletarischen neigt, exotisch wirkt. Ihre bunten Kleider sind stets schick, ohne pompös zu sein, ihre Hüte extravagant. "Et Hötche", das Hütchen, wird sie deshalb in der Kölschen Mundart genannt. Diese Exotik aber ist es, die Kassen am Rhein zum Erfolg gereicht hat. 

Denn der Kölner liebt seine Originale. So gelang es Kassen, einen Platz im "kölschen Männerverein" zu ergattern. "Ein bisschen klüngeln gehört dazu", sagt sie und lächelt.

86 Jahre alt ist sie mittlerweile. Seitdem ihr Mann Fred 1972 plötzlich verstarb, leitet sie das "Senftöpfchen", das seit 1986 in der Nähe von Dom und Rhein im Herzen der Altstadt residiert, zusammen mit ihrer Tochter Alexandra Franziska. Kassen: ­"Damals konnte man sich nicht so viele Was-wäre-wenn-Gedanken machen. Ich musste ja meine Familie ernähren." Sie legte los, modernisierte das Programm, machte das "Senftöpfchen" zum Laboratorium für Neuentdeckungen und schiffte das Haus durch Stürme und Krisen. Starthelfer für eine erfolgreiche neue Ära war Alfred Biolek, der ab 1974 in dem alten "Senftöpfchen"-Haus an der Pipinstraße seine Talkmaster-Karriere startete und der heute den 1986 von ihm gegründeten Förderverein des Theaters als Vorsitzender leitet. Kassen listig: "Ich ­gehöre noch zur Generation von Frauen, die sich nicht scheut zu sagen, dass sie von Männern gerne gelernt hat."

Das Theater ist Kassens Leben und ihr Zuhause. Auch heute noch sitzt die 86-Jährige jeden Tag im mit Arbeit vollgestapelten Büro und jeden Abend in den Vorstellungen; an einem Tisch neben der Tür. Bei Premieren trippelt die Prinzipalin mit schnellen Schritten zur Bühne, um die KünstlerInnen mit Blumen zu beschenken. Und es ist sehr spät, wenn sie nachts nach Hause geht. Häufig reist die Theaterchefin durch die Republik, um nach brauchbarem Nachwuchs Ausschau zu halten.

Kassen hat für ihr Theater nie öffentliche Fördergelder erhalten. Da ist es fast ironisch, dass sie vom Staat mehrfach für ihren Einsatz in der Kultur und wohl auch für ihr Durchhaltever­mögen ausgezeichnet worden ist – unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, verliehen von Roman Herzog im Schloss Bellevue. "Alexandra die Große", wie Kassen vom um die Ecke wohnenden Kabarettisten Hüsch ­genannt wurde, würde sich trotz eines halben Jahrhunderts am Rhein eines – möglichst fernen – Tages gern an der Isar zur Ruhe setzen. Ihre Familie, Enkel und Urenkel leben in München, erzählt sie. Ihr Sohn sogar am berühmten Gärtnerplatz. Richtig urban sei es dort. "Mit dem Theater, all den Nutten, Schwulen, Gammlern. Das gefällt mir."

Auf die Frage, wer denn das "Senftöpfchen" nach ihrem Tod weiterführen wird, antwortet die Prinzipalin: "Wir arbeiten daran." Kurze Pause. "Aber der liebe Gott hat mir bereits verraten, dass ich noch sehr lange leben werde."

www.senftoepfchen-theater.de

Artikel teilen