"Wim, hör auf zu reden - handle!"
Wir schreiben das Jahr 1974. Er ist ein 29-jähriger Jungfilmer, sie ist ein 13-jähriges Kind. Die Szene zeigt, wie sie von einem Mann ins Gesicht geschlagen und dann gestreichelt wird. Das Kind ist entblößt, man sieht den pubertären Busen. Solche Bilder sieht man in der Zeit zuhauf. Die von den erwachsenen Frauen und ihren Forderungen nach Emanzipation überstrapazierten Männer haben die „Kindfrau“ entdeckt. Die kindlichen Mädchenkörper mit den Knospenbrüsten sind angesagt. Und es sind nicht lüsterne alte Böcke, die ihnen hinterher hecheln, sondern rebellische junge Männer. Solche wie Klaus-Rainer Röhl, der Chefredakteur von konkret, der vorwiegend mit Kindfrauen titelt; oder Jungfilmer Wim Wenders, der die Kindfrau in seinem bejubelten Film „Falsche Bewegung“ einsetzt.
Die 13-jährige Nastassja Kinski ist eine der beiden Töchter des Schauspielers Klaus Kinski. Der hat in seinen späteren Memoiren ganz offen über sein „inzestuöses Verhältnis“ zu seinen Töchtern geschwafelt. Seine Tochter Pola hat das Schweigen gebrochen und 1977 mit mir darüber geredet, dass ihr Vater sie missbraucht hat, über 14 Jahre lang. Die 13-jährige Nastassja kannte also schon damals mindestens den inzestuösen Blick des Vaters. Wenn nicht mehr. Sie hat in den Jahren danach, nach dem Leben mit diesem Vater und dem Film mit Wenders, als Schauspielerin eine internationale Karriere gemacht und ist lange die besabberte Kindfrau geblieben.
Nastassja Kinski bittet seit Jahren, die Szene rauszuschneiden. Vergeblich.
52 Jahre später bittet die vielfach missbrauchte Nastassja Kinski um den Gnadenakt, die zwei Minuten ihrer öffentlichen Erniedrigung endlich aus dem Film von Wenders rauszuschneiden. Sie bittet darum seit Jahren. Sie tut es seit Jahren vergeblich.
Der vielgeehrte und viel geachtete Regisseur hat lange dazu geschwiegen. Aber Zeiten ändern sich. Der öffentliche, missbräuchliche Umgang mit einem Mädchen stößt nach Epstein heutzutage auf Missfallen.
Gerade erhielt Wim Wenders einen weiteren Preis. Die „Ehren-Lola“. Er hätte sagen können: Ich schäme mich, früher so gedacht und gehandelt zu haben. Ich bitte Nastassja Kinski um Verzeihung. Und selbstverständlich schneide ich die Szene morgen raus.
Er hat das nicht gesagt. Der Geehrte entschied sich für einen anderen Weg. Er machte stattdessen einen Ausflug in die große weite Welt des Films und in die unbekannte Welt des anderen, so fernen Geschlechts. Er habe sich als Regisseur schon immer schwer getan mit Schauspielerinnen. „Ich wusste nicht genug von Frauen. Ich kannte die Seele einer Frau nicht“, räsonierte er. Und wie solle man denn überhaupt „mit einem Filmerbe“ umgehen? Und weiter, drohend: „Angenommen, ich kürze den Film, ist das ein Präzedenzfall, der euch alle betrifft.“
Nein, lieber Wim Wenders, es geht nicht darum, Säuberungsattacken des Political-Correctness-Terrors abzuwenden. Es geht nur um deinen Film. Der Film entspricht zwar dem Zeitgeist, er ist aber alleine deine Verantwortung. Denn merke: Man muss nicht immer dem Zeitgeist gehorchen, es gibt zu allen Zeiten in allen Bereichen immer auch Menschen, die das nicht tun. Und mit dem Film ist auch nicht das gesamte Filmerbe bedroht, glaube mir. Vergiss nicht: Du hattest schon immer einen Hang zum Kitsch und zur Selbstüberhöhung.
Kurzum, Wim: Höre auf zu reden – und handle! Schneide endlich diese verdammten zwei Minuten raus aus deinem Film!
ALICE SCHWARZER
Aktualisierung am 3.6.:
PS "Wenders zieht den Film nach Schwarzer-Kritik vorerst zurück", meldet der Wiener Standard. Das habe die Wim Wenders Stiftung mitgeteilt. - Der Film werde "aus allen aktuellen Auswertungsfomen zurückgezogen". EMMA hört nach, ob das Nastassja Kinski genügt.

