Alicia Keys & die sexy Burka-Ballerina

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Im Prinzip haben wir es mit einer Erfolgsgeschichte zu tun: Vor drei Tagen hat die weltberühmte Soulsängerin Alicia Keys auf Twitter das Foto eines Konzeptkünstlers aus dem Oman geteilt. Wir sehen: Eine kurvige Frau, verhüllt in einem eng anliegenden schwarzen Niqab. Von ihrem Gesicht sind nur die Augen zu sehen. Und ihr nacktes Bein ragt aufreizend aus einem Schlitz hoch bis zur Hüfte hervor, der Fuß steckt in einem Ballettschuh. Das Bild zeigt die ganze Skala der Frauenunterdrückung: Hier die verschleierte, da die pornographisierte Frau. Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Keys Kommentar dazu: „Unsere Macht beruht auf unserer Vielfalt / Wir sind so schön / Alle von uns / Wenn wir uns gegenseitig betrachten / Sehen wir uns selbst..."

Stoff für Diskussionen: Der Tweet von Keys.
Stoff für Diskussionen: Der Tweet von Keys.

Doch Alicia Keys, die bekennende Feministin, die sich kürzlich auch beim Women’s March in Washington zu Wort meldete, bekam heftigen Gegenwind. Schon kurz nach Veröffentlichung ihres Tweets meldeten sich die Frauen zu Wort, die wissen, was es bedeutet, den Niqab tragen zu müssen. Eine Frau in Saudi-Arabien, die ihr nacktes Bein in der Öffentlichkeit präsentiert, riskiert damit ihr Leben.

Eine, die sich im Netz Nikkaal nennt, macht ihrer Wut auf Keys naiven Kommentar zu dem Foto deswegen folgendermaßen Luft: „Du solltest dich schämen. Du hast keine Ahnung, was für ein Leiden diese schwarze Scheiße für die Frauen im Nahen Osten bedeutet. Du darfst ein Symbol der Unterdrückung nicht verteidigen." Eine andere erklärt: "Das ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie westliche Feministinnen uns betrogen haben! Ich bin sehr enttäuscht."

Die in der Schweiz lebende ägyptische Ärztin Alyaa Gad, die mit ihren YouTube-Videos über sexuelle Aufklärung zum Internet-Star in der arabischen Welt avancierte, brachte die Kritik mit einer Karikatur der palästinensischen Künstlerin Laila Shawa auf den Punkt: Sie zeigt eine Gruppe Frauen, sie alle sind in farbenfrohe Burkas gehüllt. Zu sehen sind auch diesmal nur die Augen, aber sie blicken traurig auf den Boden. Denn die Frauen halten Eiswaffeln in der Hand – aber sie können nicht essen. Ihre Münder sind hinter dem Gesichtsschleier verborgen. Ihnen wird nicht nur der Genuss vorenthalten. Sie sind auch zum Schweigen verdammt. „Schöne Vielfalt am Arsch!“, schreibt Alyaa Glad an die Adresse von Alicia Keys.

Der Künstler, der das Foto gemacht hat, heißt Ali Al Sharji. Er wurde 1993 in Maskat geboren, in eine konservative muslimische Familie. Bis heute lebt er in der omanischen Hauptstadt. Er schreibt Gedichte, seit er zwölf Jahre alt ist und fotografiert seit sieben Jahren. Ob sein Foto nun eine Kritik oder eine Hommage an die Vollverschleierung sein soll, dazu äußert er sich nicht. „Ein Kunstwerk, das Diskussionen und Kontroversen hervorruft, ist ein Erfolgreiches“, so lautet einer der zahlreichen Kommentare, die er im Zuge der Debatte auf Twitter geteilt hat. „Lasst die Frauen doch selbst entscheiden, was sie tragen“, lautet ein anderer. Die kritischen Tweets der arabischen Frauen scheinen ihm nicht so zu gefallen: Davon hat er keinen mit einem Retweet bedacht.

Alicia Keys aber hat offenbar verstanden. Sie hat das Foto und den Kommentar inzwischen gelöscht.

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Alicia Keys: Schluss mit Make Up!

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Einen gemusterten Schal um den Kopf gewickelt, große silberne Creolen und ein auffordernder Blick in die Kamera. Ihr Gesicht ungeschminkt, wir sehen Sommersprossen und leichte Augenringe. So sieht Alicia Keys also aus, wenn sie gerade frisch vom Sport kommt - und so erschien die Sängerin auch zum Fotoshooting für ihr neues Album „In Common“. Da dachte sie noch, dass sie gleich erst mal in der Maske verschwinden würde, wie üblich. Aber Fotografin Paola Kudacki hatte ganz andere Pläne. Sie wollte Alicia genau so ablichten: ungeschminkt. Keys stimmte zu, allerdings nur widerwillig. Als sie dann das Resultat sah, merkte sie: „Ich habe mich nie stärker, freier oder schöner gefühlt!“

Sie ist eine weltweit ge-
feierte Soul-Musikerin ...

Darüber hat die Soul-Musikerin jetzt einen Essay für den „Lenny Letter“ geschrieben, Lena Dunhams feministisches Newsletter-Magazin. Titel: „Time to uncover“ – etwa: Zeit, (seine Schönheit) aufzudecken. Oder auch: Zeit, sichtbar zu werden.

Alicia Keys war ja bisher nicht unbedingt für ein sparsames Make-Up bekannt. Aber seit ihres Aha-Moments beim Foto-Shooting erscheint sie überall quasi ungeschminkt. Bei der Vanity Fair genauso wie bei der Eröffnungszeremonie des UEFA Champions League Finale Ende Mai; oder gerade erst bei einer italienischen TV-Show.

Sie sei - das überrascht nicht - genau so unsicher wie so viele Mädchen und Frauen, erklärt Keys. Früher, da hat sie ihren wilden Afro sogar noch in einen strengen Pferdeschwanz gezwängt. Hat sich „unwohl“ gefühlt und „unsichtbar“ zwischen ihren „aufgestylten Mitschülerinnen“.

Mit 16 Jahren unterschrieb Alicia Keys ihren ersten Plattenvertrag. Aufgewachsen ist die Tochter einer schottisch-italienischen und alleinerziehenden Mutter in Clinton. Ein Stadtteil von Manhattan, der auch bekannt ist unter dem Namen „Hell’s Kitchen“ – unter anderem wegen der Bandenkriminalität, die dort bis in die frühen 1980er Jahre wütete. Alicia kam also aus der harten New Yorker Straßenszene und landete in der ebenso harten Unterhaltungswelt. Eine „schroffe“ Welt, schreibt Keys, die stets „urteilt“. Keys: „Ich wurde immer mehr zum Chamäleon. Ich war niemals vollständig ich selbst und habe mich ständig angepasst, damit alle mich akzeptieren.“ Alicia überschminkte ihre Unsicherheiten einfach. Mit sehr viel Make-Up.

... und hat keinen Bock mehr auf die ganzen Zwänge.

Inzwischen ist sie einer der größten Stars der Soulszene, hatte mehrere internationale Hitsingles („Girl on Fire“, „Fallin“) und verkaufte über zehn Millionen Platten. „In Common“ ist ihr sechstes Album. Nur zufrieden ist sie irgendwie nicht. „Ich schrieb eine Liste mit all den Dingen, die mich nerven. Zum Beispiel, wie sehr uns Frauen eingetrichtert wird, dass wir dünn, sexy, begehrenswert oder perfekt sein müssen. Die ständige Beurteilung der Medien, die uns dazu bringt zu denken, eine normale Kleidergröße wäre nicht normal. Oder dass sexy zu sein bedeutet, sich so nackt wie möglich zu zeigen". Alicia Keys findet: "Das ist verdammt frustrierend!“

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