In der aktuellen EMMA

Sie warnt vor gewaltlosem Dschihad

Protest der "One Law for all"-AktivistInnen 2014 in London.
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Gina Khan sagt über sich, sie sei ein „Brummie at heart“, aus ganzem Herzen Brummie. „Brum“, das ist der Kosename von Großbritanniens zweitgrößter Stadt Birmingham. Die Tochter pakistanischer Einwanderer ist dort aufgewachsen. Hier lebte zuletzt auch der Attentäter Khalid Masood, der am 22. März auf der Westminster Bridge mit einem gemieteten Hyundai in eine Menschenmenge raste – und anschließend einen Polizisten auf dem Gelände des Westminster-Palastes erstach. Fünf Menschen kamen ums Leben, 50 weitere wurden verletzt.

Inzwischen wissen wir: Khalid heißt mit bürgerlichem Namen Adrian Russell Elms, ist 52, Lehrer und schwarz. Er wurde 1964 in einer Kleinstadt im ländlichen Kent geboren, seine Mutter Janet war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt. Über ­seinen leiblichen Vater ist nichts bekannt.

Dennoch verlief Adrians Jugend wohlbehütet, seine Mitschüler beschreiben ihn als einen, der sportlich war, gerne gefeiert hat und Chancen bei den Mädchen hatte. Aber Adrian war aggressiv und mehrfach vorbestraft, mal wegen Waffenbesitz, mal wegen Körperverletzung. Als er 2000 einem Mann vor ­einem Pub ein Messer ins Gesicht rammte, kam er drei Jahre ins Gefängnis. Dort, heißt es, sei er zum Islam konvertiert und habe sich radikalisiert. Nach seiner Haftstrafe unterrichtete Khalid, wie er sich nun nannte, zwei Jahre Englisch in Saudi-­Arabien. Nach seiner Rückkehr aus der islamistischen Diktatur zog er vielfach um, zuletzt nach Birmingham. Da war ­Khalid Masood dem Geheimdienst MI5 schon als potenzieller Extremist bekannt – aber sie hielten ihn nur für eine „Rand­figur“. Bis zu diesem Mittwoch im März 2017.

Für Gina Khan, 50, alleinerziehende Mutter eines Sohnes und einer Tochter, klingt das alles nicht überraschend. Sie weiß, warum Birmingham heute einen Ruf als „Djihadisten-Hauptstadt“ Großbritanniens hat. Sie kommt aus einer muslimischen Familie und hat seit ihrer Jugend in Birmingham unzählige Männer gesehen, die sich auf die gleiche Art radikalisiert haben wie Adrian Russell Elms – nicht zuletzt ihr eigener ­Vater. Und sie warnt schon lange vor dieser Entwicklung. ­

Nur, dass ihr keiner zuhören wollte. Heute verschafft Gina Khan sich Gehör, als eine der Sprecherinnen der Kampagne gegen Scharia-Gerichte in Großbritannien: „One Law For All“. Ein Gesetz für alle!

Gina, als Sie von dem Attentat in Westminster gehört haben - was war Ihr erster Gedanke?
Ich habe ja inzwischen gelernt abzuwarten, so wie wir alle. Es hätte ja auch kein Muslim sein können. Aber am Ende des Tages dachte ich: Es ist soweit, sie stehen vor unseren Toren. Sie sind hier, im Herzen unserer Demokratie, die sie so sehr hassen. Dieser Mann war ja nicht einfach irgendein Muslim, er war ein Konvertit! Ein in Großbritannien geborener, schwarzer Lehrer, der zum Islamismus und zum Dschihadismus bekehrt wurde.

Frauenrechtlerin Gina Khan aus Birmingham: Polygamie ist Missbrauch!
Frauenrechtlerin Gina Khan aus Birmingham: Polygamie ist Missbrauch!

Inwiefern sind diese Attacken nur die Spitze des Eisbergs?
Was wir gerade überall erleben ist etwas, das ich den gewaltlosen Dschihad nenne. Eine intellektuelle Strömung, die den Menschen eine Ideologie nahe bringt, die inzwischen sogar unsere Schulen und unsere Universitäten unterwandert hat. Und diese Ideologie ist die Rampe zum gewalttätigen Dschihad. Die Generation meiner Eltern, die vor 40 Jahren aus Pakistan nach Europa gekommen ist, hat den Westen nicht gehasst. Sie sind nach Großbritannien gezogen, weil sie sich eine Zukunft erhofft haben, einen guten Job, mit dem sie Geld verdienen können. Warum haben Menschen irgendwann angefangen, ihre Nachbarn zu hassen? Weil sie ideologisch verhetzt worden sind, und diese Ideologie kommt aus Saudi-Arabien und aus dem Nahen Osten.

Der Attentäter kommt aus der Umgebung von Birmingham. Sie sind dort aufgewachsen.
Ja, ich bin in einer damals noch sehr beschaulichen Ecke groß geworden. Für uns PakistanerInnen war das in den 70er und 80er Jahren eine aufstrebende Gegend, viele haben Grundstücke gekauft und Geschäfte eröffnet. Ich komme aus einer sehr liberalen muslimischen Familie. Wir sind in Museen gegangen, wir haben Musik geliebt, ich habe mir meine Jeans erkämpft. Und wenn meine Eltern meinen Bruder mal wieder bei einem Disco-Besuch erwischt haben, hielt sich der Ärger in Grenzen. Meine Mutter war eine Feministin, eine sehr gebildete Frau. Sie hat nie ein Kopftuch getragen, meine Großmutter auch nicht. Kein Mann in unserer Familie wäre auf die Idee gekommen, uns dazu aufzufordern. Ich bin mit Kindern aus Jamaika, aus China, aus Indien und aus Griechenland aufgewachsen. Das war alles sehr multikulti. Wir haben einander akzeptiert, wir waren integriert.

Gab es auch Hürden für Sie als junge, britisch-pakistanische Frau?
Ja, die Unterschiede habe ich häufig im Kleinen bemerkt. Meine Mutter hatte nie einen Bikini an. Ich erinnere mich noch, wie ich die Mutter einer Freundin das erste Mal in einem Bikini gesehen habe, da sind mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Meine beste Freundin durfte einen Freund haben, ich nicht. Wegen meiner Religion, hat meine Mutter gesagt. Denn natürlich waren die Tradition und die Religion trotzdem ein Thema bei uns. Die Philosophie meiner Eltern war: Wir bringen dir alles bei, was wir über den Islam wissen - wie und wann man betet, wie man den Koran liest. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung.

Dann hat sich die Gegend, in der Sie aufgewachsen sind, verändert. Woran haben Sie das gemerkt?
Daran, dass die Mullahs meinen Vater zum Islamisten gemacht haben. Nicht in Pakistan, sondern mitten in Birmingham! Da war er schon Pensionär. Er hat sich vorher nie für Religion interessiert. Aber plötzlich ist er immer häufiger in eine bestimmte Moschee gegangen. Dann ist er nach Mekka gereist, wollte, dass meine Mutter ihm zu Hause aus dem Koran vorträgt und dass sie indische Saris trägt. Mein Vater und ich, wir waren uns sehr nah. Ich war erst 13, aber ich war seine Vertraute. Mit mir hat er über alles geredet. Über seinen Hass auf Juden. Dass der Islam bald die Welt übernehmen wird. Dass es dann überall Moscheen geben wird. Mein Vater hat das alles geglaubt.

Wie ging es weiter?
Sie haben ihn überzeugt, eine Koranschule in Pakistan zu bauen. Wissen Sie, was sie ihm erzählt haben? Dass sieben Generationen seiner Familie direkt in den Himmel kommen, wenn er diese Schule baut. So haben sie ältere Menschen in Großbritannien bekommen. Nachdem meine Mutter gestorben war, hat mein Vater seinen ganzen Besitz in diese Koranschule gesteckt. Diese Schule gibt es heute noch. Er ist auf dem Gelände sogar begraben. Uns Kinder hat er irgendwann gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Es ging nur noch um das Leben nach dem Tod.

Und wie haben Sie, seine Tochter, reagiert?
Mir hat das Angst gemacht. Juden, Christen, all diese Menschen, die von den Dschihadisten diskriminiert wurden, waren ja meine Freunde. Sie gingen bei uns ein und aus. Meine Mutter kam aus einer Generation, die in einer Demokratie leben wollten - nicht unter der Scharia. Viele Pakistaner wussten ganz genau, dass die Mullahs gefährlich waren, dass sie uns ins Mittelalter zurückwerfen wollten. In den 1980er Jahren sind sie mit ihren schweren Mercedes-Wagen durch das Viertel gefahren und mein Bruder hat immer nur gesagt: Wie kann das sein, dass die hier in ihren dicken Wagen rumfahren, während alle anderen um sechs Uhr aufstehen müssen, um wenigstens noch Milch und Brot kaufen zu können?

Aber warum hat Ihre Community nicht reagiert?
Die Menschen hatten auch große Angst, vor allem um ihre Töchter. Sie dachten anfangs, dass der Islam ihre Töchter schützt. In den 1990er Jahren sind die Mullahs in Birmingham dann immer einflussreicher geworden. Da, wo früher noch Geschäfte waren, gab es plötzlich Moscheen. Und es kam immer mehr extremistische Literatur auf den Markt. Und eine Flut von Koranen.

Und wie hat sich das auf das Leben der muslimischen Frauen ausgewirkt?
Das kam ganz auf die Familie an. Und auf die Moschee, in die sie gegangen sind. Es gab Familien, die den Islamismus in all seinen Facetten akzeptiert haben. Die Frauen sollten sich plötzlich verschleiern und keine Jeans mehr anziehen, weil das angeblich unislamisch wäre. Früher gab es ja gar keine Regeln, was Musliminnen zu tragen haben. Zumindest solange nicht, bis diese Männer behauptet haben: Es gibt nur noch den einen Islam! Niemand hat zu dem Zeitpunkt begriffen, dass wir von Wahhabiten und von Salafisten unterwandert werden, von einer extremen Ideologie, die nicht mit einer säkularen Demokratie vereinbar ist. Ich habe beobachtet, dass die häusliche Gewalt, dass Zwangsheiraten, dass Ehrenmorde, dass die Geschlechtertrennung und auch dass die Genitalverstümmelung bei Mädchen zunimmt. Dass die Mädchen nicht in die Schule geschickt werden. Und dann habe ich den Feminismus entdeckt, Frauen aus Ägypten und aus Indien, die etwas ändern wollten. Und je mehr ich wusste, umso wütender wurde ich. Als ich, eine Pakistanerin aus Birmingham, vor Jahren auf diese Veränderung hingewiesen habe, wurde ich als islamophob und anti-islamisch beschimpft. Mir wurde vorgeworfen, dass ich die Community verrate.

Wir haben auch in Deutschland das Problem, dass jede Kritik am radikalen Islam sofort als islamfeindlich denunziert wird.
Ja, und vergessen Sie nicht: Das haben sie als allererstes den Muslimen eingetrichtert! Wenn Frauen wie ich auftreten, bekommen wir Todesdrohungen. Sie wollen uns zum Schweigen bringen. Dennoch melden sich immer mehr Ex-Musliminnen zu Wort.

Es gibt auch innerhalb der westlichen feministischen Bewegung Frauen, die den Islamismus verteidigen, im Namen des Anti-Rassismus.
Ja, das erlebe ich auch immer wieder. Gerade erst in Birmingham mit einer muslimischen Frauenorganisation. Ich finde es ja lobenswert, dass sie den Koran unter feministischen Aspekten interpretieren. Aber dafür müssen sie nicht finanziell gefördert werden. Als wir zum Beispiel die Anti-Scharia-Kampagne gestartet haben, haben viele dieser Frauen das Thema nicht einmal mit den Fingerspitzen angefasst. Das hat mich wirklich getroffen, weil ich eine Schwester habe, die die Scharia das Leben gekostet hat. Sie haben den Frauenhass kleingeredet. Sie reden es klein, wenn ein Prediger erklärt, dass eine Vierjährige in der Schule einen Hidschab tragen muss. Sie haben die Polygamie komplett ignoriert. Sie verteidigen die Scharia, anstatt sie zu entlarven!

Was hat Ihre "One law for all" Kampagne bisher bewirkt?
Wir versuchen, den muslimischen Frauen klar zu machen, dass das britische Gesetz sie schützt. Das sage ich aus Erfahrung, ich war selbst Opfer von häuslicher Gewalt und Polygamie. Die Vielehe ist Missbrauch! Das eskaliert fast immer in physische Gewalt. Was tun Männer, um ihre Frauen in Schach zu halten? Sie schlagen sie! Viele dieser Frauen sind nicht mal legal verheiratet. Und das alles rechtfertigen die Männer dann mit ihrer Religion. Warum kommen diese Männer damit durch?

Und: Warum?
Bevor wir es selbst begreifen konnten, wurden wir plötzlich nicht mehr nach unser Herkunft bezeichnet, wir wurden alle in eine Schublade gesteckt: die Muslime. Sie haben uns unsere Identität weggenommen. Vor zwanzig, dreißig Jahren hat die Religion gar keine große Rolle gespielt für uns. Jeder aus meiner Generation kann sich daran noch erinnern! Heute gibt es in Birmingham zum Beispiel eine muslimische Organisation, die eine 70-seitige Policy erstellt hat, wie muslimische Kinder erzogen werden sollen. Die Mädchen müssen den Hidschab tragen und es soll feste Gebetszeiten geben. Wissen Sie, jemand wie ich hätte geheult, wenn ich als Mädchen einen Hidschab hätte tragen müssen. Den Ratgeber haben sie dann an den Schulen verteilt.

Was muss Ihrer Meinung nach jetzt passieren?
Wir müssen uns endlich gemeinsam gegen den Dschihadismus positionieren, MuslimInnen wie Nicht-MuslimInnen. Der Islamismus ist die gefährlichste Ideologie, mit der wir es heute zu tun haben. Wir dürfen dieses Thema nicht nur den Rechten überlassen! Wir müssen diese menschenfeindliche Ideologie klar benennen, weil das der einzige Weg ist, die Islamisten von den Muslimen zu unterscheiden. Denkt an den Kampf unserer Mütter! An den Kampf der Iranerinnen. Den Kampf vieler Frauen im arabischen Raum. Sie alle haben umsonst gekämpft, wenn wir im Westen uns nicht endlich an ihre Seite stellen. Dass wir das bisher nicht getan haben, ist beschämend. Vor allem die muslimischen Frauen müssen sich endlich positionieren! Steht ihr auf der Seite der Mullahs oder auf der Seite der Menschenrechte?

Das Gespräch führte Alexandra Eul

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Aktualisiert am 24.4.2017

 

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Alice Schwarzer schreibt

Der gekränkte Mann

Foto: Patrick Lienin/photocase
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In Deutschland wurden im Jahr 2015 rund 117.000 Frauen vergewaltigt; jede Fünfte vom eigenen (Ex)Ehemann bzw. (Ex)Freund. Etwa 643.000 Frauen wurden Opfer von Gewalt in Beziehungen (verschleiernd „häusliche Gewalt“ genannt). Und 320 wurden getötet; jede Zweite vom eigenen Ehemann bzw. Freund. Woher die Zahlen kommen? Ganz einfach: Es handelt sich um reale Fälle (bei den Toten) oder um erstattete Anzeigen mal zwölf. Denn, so erforschte das Bundes­frauenministerium in einer breit angelegten Studie: Nur jedes zwölfte Opfer von ­(sexueller) Gewalt erstattet Anzeige.

Und da reden wir weder von Flüchtlingen, noch von Migranten, noch vom Islamismus. Diese epidemische, strukturelle Männergewalt in unserer christlich geprägten Demokratie ist hausgemacht. Sie ist das dunkle Geheimnis im Herzen des Machtverhältnisses der Geschlechter. Allerdings ist diese private Gewalt gegen Frauen sanktioniert in den westlichen Demokratien; doch auch hier seit noch gar nicht so langer Zeit (Das Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe zum Beispiel wurde erst 1997 eingeführt). Die Frau oder die Welt will nicht so, wie Er will. Also greift Er zur Gewalt. Der gekränkte Mann.

Hie immer mehr Staatschefinnen. Da immer mehr Frauen unter dem Schleier. Das zerreisst uns. 

Was aber ist der Unterschied dieser Gewalt zwischen den Geschlechtern zu dem, was wir an Silvester in Köln erlebt haben – und seither immer mal wieder auf öffent­lichen Veranstaltungen? Zuletzt im Juli bei einem Kulturfest in Bremen, wo 24 Anzeigen erstattet wurden wegen sexueller Übergriffe nach der Methode „Höllenkreis“ (Dabei umzingelt eine Gruppe von in der Regel jungen Männern eine Frau und ­begrabscht sie bis hin zur Vergewaltigung).

Was ist der Unterschied zwischen unserer alltäglichen Gewalt und den öffentlichen Gewaltorgien im Namen Allahs zum Beispiel in Ochsenfurt, wo der Täter seinem letzten Opfer die Axt ins Gesicht hieb und die Worte gerufen haben soll: „Ich mach dich fertig, du Schlampe!“?

Der Unterschied ist die weitgehende ­Legitimierung von Gewalt in den patriarchalen Herkunftsländern der Täter, sie kennen keine Frauenbewegung und keine Gleichberechtigung. In ihren Ländern sind Frauen rechtlos und ist Gewalt ein Herrenrecht. Verschärfend hinzu kommt die Befeuerung dieser traditionellen Frauenverachtung durch die islamistische Propaganda, sie gießt Öl ins Feuer. 

Die heimliche private Gewalt gilt nur dem einen Individuum – die demonstra­tive öffentliche Gewalt soll uns alle in Angst und Schrecken versetzen. Das gilt für islamistisch motivierte Attentäter ebenso wie für Amokläufer. In beiden Fällen ist der Täter der narzisstisch gestörte, der ­gekränkte Mann. 

Aber private und politische Gewalt können sich auch mischen. Wie im Fall des homosexuellen Omar Mateen. Dieser Sohn eines homophoben afghanischen Taliban-Anhängers ermordete im Juni in Orlando in der Schwulen-Disco, in der er selber verkehrte, 49 Menschen. Aus (Selbst)Hass. Im letzten Augenblick überhöhte er die Tat mit der Behauptung, er sei ein Soldat des IS (Wofür es bis heute kaum Belege gibt).

Oder wie im Fall des 21-jährigen Ahmed in Reutlingen. Der Syrer hatte zunächst seine Freundin erstochen, die ihn anscheinend verlassen wollte. Ein klassischer Fall „privater“ Beziehungsgewalt. Aber sodann war er mit dem Messer wild fuchtelnd und drohend durch die Straßen der schwäbischen Kleinstadt gerannt. 

Doch der Islam ist nicht der Grund für die Welle der öffentlichen Gewalt, auch wenn sie mit ihm begründet wird. Die islamistische Propaganda ist lediglich die Ideologie der Stunde, die diese Gewalt gegen Frauen und „Fremde“ rechtfertigt; implizit, also unterschwellig, oder aber explizit, also offensiv.

Implizit verstand es sich bei den jungen Männern aus Marokko oder Algerien an Silvester in Köln. Deren Länder sind in den vergangenen Jahren von einer gemäßigten Religiosität in einen maßlosen Islamismus gekippt. Diese verhetzten Männer kennen nur noch Heilige und Huren. Die Heilige ist zuhause eingesperrt und möglichst verschleiert – die Hure bewegt sich im öffentlichen Raum.

Warum ist die Tat von Ochsenfurt noch beunruhigender als die Massaker von Paris?

Explizit wurde die Gewalt in Ansbach wie Ochsenfurt gerechtfertigt. Diesen sich gedemütigt fühlenden Männern kommt Allah gerade recht. Der Islamismus bietet ihnen einen Kontext. Er ist, ganz wie der Faschismus, ein Hort von Männlichkeitswahn und Autoritätshörigkeit. Im Namen des „Vaters“ rotten sich die real wie vermeintlich gekränkten Söhne zusammen und schwören Rache.

Für seine Leader – vom Islamischen Staat bis hin zu den Ideologen im Westen – ist der Islamismus eine Machtstrategie; für ihr Fußvolk ist er das Gebräu, das sie trunken macht. Und hochmütig gegenüber Fremden und Frauen, diesen ersten „Fremden“ in der patriarchalen Hierarchie. Sicher, der Islamismus hat ganz wie der Faschismus komplexe Gründe, aber er ist ganz wie er auch eine Antwort auf die Erstarkung der Frauen. Hie immer mehr Staatschefinnen – da immer mehr Frauen unterm Schleier. Das muss unsere Welt ja zerreißen.

Die Tatsache, dass der Westen an der Entwurzelung der Menschen in Nahost und Nordafrika seinen satten Anteil hat, macht das Problem nicht geringer. In der Tat hat Amerika in den 1990er Jahren die Taliban in Afghanistan überhaupt erst ­aufgerüstet, für den Kampf gegen die Sowjetunion. Und der Westen hat die Kriege in Irak und Afghanistan angefangen und damit auch Syrien destabilisiert; um sodann, offensichtlich unfähig dazuzulernen, auch noch Libyen ins Chaos zu stürzen. Ohne Amerika kein Islamischer Staat, das räumen inzwischen sogar die Interventionisten selber ein. So gestand jüngst Obama, dass die Irakkriege „ein Fehler waren“. Sorry.

Doch als würde das alles nicht genügen, verschließen wir im Westen bis heute die Augen vor dem 1979 in Khomeinis Iran ­gestarteten, weltweiten Eroberungsfeldzug des politisierten Islam. Die Wirtschaft macht munter weiter Geschäfte mit Saudi-Arabien, Iran & Co., den Hauptfinanziers des Terrors. Und Politik wie Gesellschaft ignorieren oder verharmlosen seit Jahrzehnten die Offensive des politischen Islam mitten unter uns. 

Anstatt die aufgeklärten und fortschritt­lichen MuslimInnen zu unterstützen, führen wir verlogene „Dialoge“ mit rückwärtsgewandten, schriftgläubigen Muslimverbänden und deren Lobbyisten und Lobbyistinnen (die nicht selten KonvertitInnen sind). Mit dieser Strategie haben wir in den vergangenen 20 Jahren nicht zuletzt die Mehrheit der nicht-radikalen Muslime und ­Musliminnen im Stich gelassen. Die sind aus Angst vor den Radikalen verstummt – oder aber sie radikalisieren sich, wie wir bei der Pro-Erdoğan-Demonstration in Köln sehen konnten sowie in jüngsten Umfragen. Da erklären neuerdings sage und schreibe 50 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland, dass für sie die „islamischen Gebote“ über dem Gesetz stehen (das ergab eine aktuelle Emnid-Umfrage). 

Es ist also Zeit. Höchste Zeit, dass wir endlich unterscheiden lernen zwischen Islam und Islamismus, zwischen Glauben und Ideologie. Das eine ist eine Religion, bei der Selbstkritik und Reform nottut, aber das ist Sache der Muslime. Das andere ist eine totalitäre, faschistoide Ideologie, deren Kern die Frauen- und Fremdenverachtung sowie Autoritätshörigkeit ist. Und das fängt nicht erst beim offenen Terror an, sondern hat seine Wurzeln in der Schriftgläubigkeit und im Hochmut gegenüber den Frauen und „Ungläubigen“.

Die Probleme begannen ja nicht erst mit den Flüchtlingen, sondern schon in den 1990er Jahren. Stichwort: Kopftuch. Stichwort: Geschlechtertrennung in Schulen beim Schwimmunterricht. Stichwort: Halal und Ramadan. Doch die eine Million ­Menschen aus Kriegsgebieten, viele davon brutalisiert bzw. traumatisiert, haben das Problem dramatisch verschärft. 

Inzwischen wissen wir: Manche vor­gebliche Flüchtlinge wurden offensichtlich ­geschickt mit der Absicht, den Krieg nach Deutschland zu tragen. Es wird eine verschwindende Minderheit sein. Und es ist falsch, die Mehrheit dafür verantwortlich zu machen. Aber mit dieser Minderheit müssen wir uns beschäftigen. 

Als würde das alles nicht genügen, verschließen wir im Westen bis heute die Augen

Männer wie Riaz Khan Ahmadzai, dieser vielleicht beunruhigendste Terrorist von allen. Der angeblich 17-Jährige war vor einem Jahr nach Deutschland gekommen und zwei Wochen vor seiner Axtattacke zu einer Pflegefamilie gezogen. Im Haus dieser Familie, in seinem Zimmer, hat Riaz das Bekennervideo aufgenommen. Es wurde wenige Stunden nach seiner Tat von einem IS-nahen Sender verbreitet und rasch als ­authentisch identifiziert. Der Text, den der Täter mit einem Messer in der Hand deklamierte, weist den jungen Mann als islamistischen Vollprofi aus. Sein Bekenntnis ist von alttestamentarischer Wucht und strategisch auf den Punkt.

Riaz’ Videoappell benennt die neue Etappe der infamen IS-Strategie sehr klar: „Wie ihr seht, habe ich in eurem Land ­gelebt“, sagt er da. „Ich habe in euren Häusern meinen Plan gemacht und werde euch in euren Häusern und auf der Straße töten, sodass ihr Frankreich vergessen werdet. Ich werde euch mit meinem Messer töten und eure Köpfe mit meiner Axt spalten, so Gott will.“

Von dem Terroristen in Ochsenfurt hieß es zunächst, er sei zuvor „unauffällig“ gewesen, und habe sich anscheinend „turbo-­radikalisiert“. Auch bei dem Tunesier in Nizza war am Anfang von einer „raschen Radikalisierung“ die Rede. Innerhalb von zwei Wochen sollte der 31-jährige Mohamed Lahouaiej-Bouhlel vom Drogen, Alkohol und Frauen wie Männer konsumierenden Tunichtgut zum bärtigen Gotteskrieger mutiert sein. Inzwischen ist klar: Beide hatten die Anschläge seit mindestens einem Jahr vorbereitet; anscheinend bis zur letzten Sekunde vor den Taten eng geführt von Strategen des Islamischen Staates.

Doch warum ist die Tat von Ochsenfurt noch beunruhigender als die Massaker von Paris, Brüssel oder Nizza? Weil sie aus ­unserer Mitte kam, aus unseren eigenen Häusern kroch! Und weil der junge Afghane ein Jahr lang als so besonders freundlich, nett und integrierbar galt.

Das Doppelleben war ihm offenbar selber zunehmend schwergefallen. Auf Facebook (wo er unter anderer Identität tausende von Beiträgen gepostet hatte) schrieb er am 24. April 2016: „Offener Hass ist besser, als heuchlerische Beziehungen zu pflegen.“ Es sollte noch drei Monate dauern, bis er die Maske fallen ließ. Aber ­immerhin: Er ließ seine Gastfamilie leben – und erfüllte damit den im Bekenner­video (selbst)erteilten Auftrag nicht in ­seiner ganzen grausigen Konsequenz. 

Auch bei David S. in München lag, vier Tage nach dem Attentat von Ochsenfurt, zunächst der Verdacht auf einen islamistischen Hintergrund nahe. Doch nach wenigen Stunden war klar: Der Amokläufer war ein Einzeltäter und sein Vorbild war nicht der Islamische Staat, sondern waren so ­genannte Ego-Shooter wie „Counterstrike“; so wie Tim Kretschmer, der Amokläufer von Winnenden, und Anders Breivik in Oslo. Auch David S. hatte die Tat seit mindestens einem Jahr vorbereitet. Auch er war ein gekränkter Mann.

Bei fast allen Tätern, ob Gotteskrieger oder Amokläufer, lesen wir in den Medien gerne immer als erstes, die Täter seien „einsam“ gewesen und „depressiv“ (Das war 2015 auch bei dem Piloten Andreas Lubitz so, der 149 Menschen geplant mit in den Tod gerissen hat). Mag sein. Aber viele Menschen sind einsam. Und viele neigen zur Traurigkeit. Ein Zustand, der zweifellos verstärkt wird, wenn man aus einem (Bürger)Kriegsland kommt, seine Familie zurückgelassen hat und als Opfer oder/und Täter schon viel Traumatisches erlitten oder auch verbrochen hat.

Aber bedeutet eine solche Argumentation nicht, die wahren Gründe durch eine systematische Pathologisierung der Täter zu verschleiern? Wir sollten den Tätern nicht auch noch das letzte Stück Menschenwürde absprechen, das sie haben: die Freiheit der Verantwortung!

Es sind immer Männer. Es sind fast immer jüngere Männer, die nicht eingebunden sind in eine Familie. Es sind immer entwurzelte und gekränkte Männer. Erfahrene Psycho­logen diagnostizieren bei diesen Männern ­weniger eine Depression (die ja auch eher passiv macht), sondern eher eine „narzisstische Störung“. In den Augen der Umwelt sind sie klein, sie aber halten sich für groß. 

Eine solche narzisstische Kränkung in ­Aggression nach außen zu wenden, auch das ist typisch männlich. Narzisstisch gestörte Frauen wenden in der Regel ihre Aggressionen nach innen, gegen sich selbst.

Jetzt ist viel von Aufrüstung die Rede: der Polizei, der Sicherheitsmaßnahmen. Es ist richtig, dass Großveranstaltungen in diesen Zeiten besonders gesichert werden müssen. Aber das allein kann es nicht sein. 

Wir sollten den Tätern nicht die Verantwortung absprechen, ihr letztes Stück Menschenwürde

Auch die Prävention muss weit über das von Bundeskanzlerin Merkel geforderte „Frühwarnsystem“ hinausgehen. Sie darf nicht erst bei den ersten Anzeichen ansetzen, da ist es meist schon zu spät. Sie muss früher einsetzen. Und zwar sowohl bei den wütenden, herrschsüchtigen Männern aus den patriarchalen, ­islamischen (Bürger)Kriegsgebieten; wie auch bei der Minderheit der hier geborenen Söhne der Migranten, die sich radikalisieren. 

Was können wir tun? Der salafistischen Agitation in den Flüchtlingslagern und Parallel­gesellschaften muss strikt Einhalt ­geboten werden. Die Muslim-Verbände, die bisher mit ihrer rückwärtsgewandten, schriftgläubigen Propaganda eher den Islamisten in die Hände gespielt haben, müssen verpflichtet werden, aktiv zu Aufklärung und Integration beizutragen. 

Die „verlorenen Seelen“ (Kamel Daoud) schließlich müssen eine reale Chance zur Integration bekommen und verpflichtet werden, Rechtsstaat und Gleichberechtigung der Geschlechter zu respektieren. Gegen die unrettbar an die fanatischen Gotteskrieger „verlorenen Seelen“ allerdings muss in aller Entschiedenheit und mit allen Mitteln vorgegangen ­werden. Denn der gekränkte Mann kann gefährlich werden. Lebensgefährlich. 

Alice Schwarzer

Der Text erschien zuerst im "Spiegel".

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