Ask Alice!

Ask Alice! Meine Freundin mag es dominant

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Lieber Michael,

das ist eine echt heikle Frage. Gefühle, wie das Begehren, sind in der Tat nicht immer auf der Höhe unserer verstandesmäßigen Erkenntnisse – sie kommen von weit her und haben tiefe Wurzeln. Was ich sagen will: Unser sexuelles Begehren ist nicht nur vom aktuellen Bewusstsein geprägt, sondern auch von unserer sexuellen Identität und unserer Geschichte.

Traditionell war das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ein Gewaltverhältnis. Dem folgte die romantische Liebe und sodann die sexuelle Leidenschaft – in ihr taucht nun die Gewalt wieder auf, diesmal als Gewaltphantasie. Zugegeben, das ist jetzt ein sehr flotter Ritt durch die Kulturgeschichte der Sexualität, aber in etwa trifft es zu.

Nicht zuletzt in Reaktion auf die Forderung nach Gleichheit der Geschlechter gibt es heute wieder eine Renaissance des Mythos vom (männlichen) Erobern und (weiblichen) Erobertwerden, bis hin zur Verharmlosung sadomasochistischer Praktiken; zumindest in Artikeln, Romanen bzw. Filmen, was an den Menschen nicht spurlos vorübergeht. 

Gleichzeitig haben Sie selbstverständlich recht mit Ihrer Haltung: Zu einem gleichberechtigten Leben gehört eine gleichberechtigte Sexualität! Doch die Art des Begehrens lässt sich eben nicht einfach verordnen. Es geht verschlungene Wege.

Mein Rat: Versuchen Sie spielerisch umzugehen mit dem Bedürfnis Ihrer Freundin, erobert, ja, „genommen“ zu werden. Doch vergessen Sie darüber nicht ganz Ihr eigenes Begehren: das nach einer gegenseitigen, kommunikativen Sexualität.

Machbar? 

Mit herzlichen Grüßen
Alice Schwarzer

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