Unterwegs in Kanadas Wildnis!

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Platsch. Jedes Mal, wenn die Ruder im Gleichtakt das Wasser teilen: platsch. Untermalt von dem leisen Rauschen, während das Kanu über den spiegelglatten Tom-Thomson-See gleitet. Die Sonne hat gerade den Frühnebel durchbrochen. Und direkt vor unserem Kanu schüttelt ein rotäugiger Loon (der hier so typische Seetaucher, der auch die Vorderseite der kanadischen Dollar-Münze ziert) das Wasser aus seinem schwarz-silbernen Gefieder. Nur, um dann gleich wieder abzutauchen, auf der Suche nach Nahrung.

Es ist 7 Uhr morgens und wir befinden uns auf der Suche nach einem Elch. Herzlich Willkommen in der Wildnis des Algonquin Provincial Parks.

Es ist unmöglich, Kanada zu verstehen, ohne seine Wildnis erkundet zu haben, heißt es. Denn die macht ja den größten Teil des Landes aus. Und wer einmal kurz in diese Wildnis eintauchen möchte, den schicken zumindest die KanadierInnen aus der Provinz Ontario auf eine Tour in den 8.000 Quadratkilometer großen Algonquin Park, etwa vier Autostunden von Toronto entfernt.

Unser Zeltlager liegt direkt am Tom-Thomson-Lake. Der ist nur einer von rund 25.000  Seen in dem gesamten Areal, die sich hervorragend für Kanu-Touren eignen.

Ich bin gerade auf so einer Tour, zusammen mit einer fünfköpfigen kanadischen Familie und einem Paar aus den Niederlanden - und unserem Guide, einem kanadischen Naturburschen. Weg von allem, so lautete das Versprechen. In der Tat bricht kurz hinter der Parkgrenze das Handynetz zusammen. Ab jetzt gibt es nur noch  Luft, Wasser und Wald.

Die wichtigste News des Tages ist das Wetter. Die Schlafgelegenheiten am Seeufer unter Fichten-Bäumen, die wir nach vier Stunden Paddeln erreichen, sind sportlich. Für dringende Bedürfnisse hat die Parkverwaltung über einem Loch im Boden eine kleine Holzbox gezimmert, die  "Thunderbox". Also Donnerbox. Haha. Geschlafen wird in Zelten, gegessen am Lagerfeuer, und wer sich waschen möchte, hüpft in den See.

Jeden Abend werden die Lebensmittel in einer großen, blauen Tonne verstaut und via Seilzugsystem hoch in einen Baum gehievt. Damit die Bären sie nicht fressen. Die feine Nase der Bären ist auch verantwortlich für die Packliste unseres Tourguides. Darauf stehen vor allem Dinge, die man bzw. wohl eher frau bitte nicht einpacken soll: keine Schminke, keine Cremes, kein Deo, kein Parfüm, kein Haarwaschmittel und kein Duschgel zum Beispiel. Sprich: Alles, was irgendwie lecker riecht. 

Und während ich entspannt in einer Hängematte liege und auf den See blicke, wird mir klar, dass so ein Wildnis-Ausflug für Frauen eigentlich doppelt so weit weg von allem ist wie für Männer. Wir lassen nicht nur unseren Job und die Stadt zurück. Sondern auch diesen ganzen Ballast der Mode- und Schönheitsindustrie. Im Algonquin Park gibt es keine Spiegel. Es ist erstaunlich, wie viel Lebenszeit frau gewinnt, wenn sie ihren Körper nicht schmückt - sondern ihn einfach benutzt: zum Schwimmen, zum Klettern, zum Pilze-Suchen, zum Wandern - oder um morgens im Kanu auf Elch-Safari zu gehen.

Machmal hänge ich auch mit der frechen, sechsjährigen Tochter aus der kanadischen Familie rum, nennen wir sie Meghan. Meghan macht mit ihren Brüdern abends Feuer, und wenn sie beim Rennen über Baumwurzeln stolpert und der Länge nach hinfällt, steht sie einfach wieder auf und rennt giggelnd weiter. Sie stapft ohne zu murren durch tiefen Schlamm, klettert über Felsen und fordert, dass ihr Kanu immer ganz vorne fährt in unserem Trupp. Selbstverständlich hat Meghan ein eigenes Paddel, das sie mit Elan ins Wasser schlägt. Das Paddel überragt das Mädchen um mindestens zwei Köpfe. Meghans Mutter ist so etwas wie der Gegenentwurf der deutschen Helikopter-Mutter. Das scheint dem Mädchen nicht zu schaden.

Einen Elch haben wir leider nicht gesehen. Und als ich auf dem Rückweg nach Toronto an einer Raststätte das erste Mal nach meiner mehrtägigen Kosmetik-Abstinenz in den Spiegel blicke, denke ich: Verrückt, ich seh ja aus wie immer.
 

Alexandra Eul kämpft derzeit mit rund 35 Mückenstichen (pro Bein) - und berichtet im Rahmen des Arthur F. Burns Stipendiums aus Kanada. 

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5. Brief aus Kanada

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Im Schlagloch-Slalom. Vorbei an riesigen SUV-Kutschen, die irgendwie viel zu breit sind für die eher schmalen Straßen in der kanadischen Metropole. Toronto hat wirklich sehr viele sehr hübsche Seiten, über die die "Torontonians" sich freuen. Die Nebenstraßen mit den schönen  viktorianischen Häusern zum Beispiel. Aber diese zerklüfteten Straßen, die zählen mit Sicherheit nicht dazu.

Die Erlösung kommt immer dann, wenn ich in der 351 King Street East ankomme, dem Redaktionsgebäude von The Globe and Mail, meiner Gastredaktion. Ein beeindruckender, bei der herrschenden Sommer-Schwüle angenehm klimatisierter Glaspalast, in den die Redaktion selbst erst vor ein paar Monaten  umgezogen ist.

Gerade habe ich bei "National" angefangen

Das Team ist jung und emsig, zum Umzug ins neue Gebäude kam auch noch eine Umstrukturierung des Newsrooms hinzu. Hin zu einem flexibleren Modell aus "Gathering“, „Audience“ and „Experience“. Also die, die Inhalte ranschaffen; die, die deren Nutzung kontinuierlich analysieren und mit den Nutzern interagieren; und die, die auf Basis dieses Wissens das Programm für die verschiedenen Globe-Plattfomen - Print wie Mobile - planen.

Ich wechsele von Ressort zu Ressort. Gerade habe ich bei „National“ angefangen. Vorher war ich bei „Opinion“. Meinen ersten Kommentar habe ich über das sexistische Google-Manifest geschrieben, das ein Google-Mitarbeiter verfasst und damit weltweit für Aufregung gesorgt hat. Dafür habe ich mir auf der Globe-Webseite gleich einen kleinen Shitstorm eingefangen: Ich solle doch bitte endlich verstehen, "dass Sarkasmus keine gute Grundlage für eine Diskussion ist", schreibt einer. "Die ist doch keine Journalistin!" schimpft ein anderer. Von "reflexartigem Feminismus" ist die Rede. Und ein weiterer rät mir, meinen "Wertekosmos" zu überdenken. Schließlich wolle "niemand zukünftig unter meiner Ideologie leben".

Jede 5. Anzeige bei sexueller Gewalt wird fallengelassen

Aber Shitstorms sind mir als EMMA-Redakteurin ja vertraut. Wir fassen die in der Regel als Kompliment auf. Wenigstens regen die Menschen sich auf. Und auch Internet-Trolle gibt es im sonst eher freundlich gestimmten Kanada offenbar ganz wie zu Hause!

Eines der größten journalistischen Projekte, die der Globe in diesem Jahr umgesetzt hast, ist eine 20-monatige Langzeitrecherche, von der Frauen in Deutschland bisher nur träumen können. "Unfounded" lautet der Titel des Projekts, was so viel bedeutet wie: haltlos oder unbegründet. Ein Team aus ReporterInnen und DatenjournalistInnen hat anhand der Datensätzen von insgesamt 870 Polizeiwachen im ganzen Land den Umgang der kanadischen Polizei mit sexualisierter Gewalt analysiert. Ergebnis: Jede fünfte Anzeige wird fallen gelassen (gilt also als "unfounded"), weil der Polizist dem mutmaßlichen Opfer nicht glaubt.

Das heißt auch: Diese Anzeige taucht in keiner Statistik mehr auf. Die Tatsache, dass die Zahlen je nach Region stark schwanken, sei ein weiterer Beweis für ein "kaputtes System", schreiben die Globe-JournalistInnen.

Ich recherchiere gerade zu den über Tausend verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen in Kanada. Ein düsteres Kapitel, das das angeblich so glückliche Kanada nochmal in ein zwielichtiges Licht rückt. Mal sehen, wo mich meine Recherche hinführt.

Alexandra Eul berichtet im Rahmen des Arthur F. Burns Fellowship aus Kanada.

 

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