Vive Reiser!

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Es ist eine Art Wiedergutmachung, dass diese erste umfassende Retrospektive des 1983 mit nur 42 ­Jahren gestorbenen Jean-Marc Reiser nicht in Frankreich stattfindet, sondern in Deutschland. Denn der 1941 in Lothringen geborene Karikaturist war das Kind einer Putzfrau und eines unbekannten ­Erzeugers, der mit höchster Wahrscheinlichkeit ein deutscher Soldat war. Was in der Kriegs- und Nachkriegszeit alles andere als komisch war für Mutter und Kind, denn die französischen Geliebten deutscher Soldaten galten als „Vaterlandsverräterinnen“. Es hat dem kleinen Jean-Marc, der sich eh schon auf der Schattenseite des Lebens befand, noch zusätzliche Demütigungen eingetragen.

Jetzt also ein später Triumph des Zeichners, der in Frankreich seit 40 Jahren Legende ist und europaweit schlicht der Größte in einem recht undeutschen Genre: dem schwarzen Humor. Diesem Humor also, der den Stier bei den Hörnern packt und noch eins draufsetzt; der Bigotterie, Kleinherzigkeit und Unterdrückung durch krude Zuspitzung entlarvt.

Das Frankfurter Caricatura-Museum zeigt eine 240 Arbeiten umfassende Ausstellung, gleichzeitig werden alle 16 Reiser-Bände sukzessive auch auf Deutsch publiziert (in einem Schweizer Verlag). Und siehe da: Reiser ist auch fast 30 Jahre nach seinem Tode nicht von gestern, sondern mit seinen Themen aktueller denn je zuvor; und mit seinem Strich, der explosiv und reduziert zugleich ist, bis heute Avantgarde und vielfach kopiert.

Über Erniedrigung, Macht und Gewalt zwischen Menschen musste Reiser niemand etwas erzählen. Seine Welt ist nicht rosarot, sondern schwarz – so schwarz, dass auch der kleinste Hoffnungsschimmer noch zu sehen ist. Und sie ist absurd und übermütig. Sein Humor ist das, was man heute unkorrekt nennt, jedoch gleichzeitig immer zutiefst human. Das Lachen bleibt einem bei ihm meist im Halse stecken.

In Frankreich waren Reiser und Hara-Kiri, die Zeitschrift, in der der Autodidakt im Alter von 19 Jahren startete, in den 1960er Jahren ein Geheimtipp und in den 1970er Jahren Legende. Die wilden Jungs von Hara-Kiri hatten eine große Fresse, aber auch ein großes Herz. Sie gaben bei den 68ern in Sachen Humor den Ton an – auch wenn sie selbst, die quasi alle aus dem Proletariat oder gar Subproletariat kamen, lebenslang misstrauisch blieben mit den protestierenden „Bürgersöhnchen“.

Zum „Sympathisanten“ wurde Reiser erst mit dem Auftauchen des MLF, dem Mouvement de Libération des Femmes. Die Feministinnen mochten ihn und er mochte sie. Er verstand sie – und er durchschaute sie (siehe sein Buch „Unter Frauen“). Sie haben ihm, berichtet sein Biograf, „die Augen geöffnet“. Und er ­genoss „ihren wahnsinnigen Humor und ihre fantastische Spontaneität“. – Ich selber war übrigens in diesen Jahren in Paris eine enge Freundin von Jean-Marc Reiser, der in der Arbeit so brachial-einfühlsam und im Umgang so sanft-einfühlsam war.

Da war es für mich nicht ohne Komik, dass ausgerechnet Reisers Cartoons der Pornografie-Vorwurf gemacht wurde, als er Ende der 1980er Jahre erstmals in Deutschland erschien. Dabei lässt sich an kaum einem Künstler der Unterschied zwischen Kunst und Pornografie so eindeutig aufzeigen wie an Reiser. Denn er zeichnete zwar in Überschärfe auch sexuelle Ungleichheit und Gewalt, aber er glorifiziert oder propagiert sie nicht, sondern denunziert sie.

Reiser hasste jede Art von Doppel­moral. Jede Art von Hochmut. Jede Art von Gewalt. Egal, wem sie angetan wird. Frauen oder Männern, Tieren oder der Natur. In seinen späten Jahren wurde er zum engagierten Ökologisten.

Der Protagonist seines letzten Buches, der „Kotzbrocken“ (auf Deutsch sehr irreführend als „Der Schweinepriester“ übersetzt), ist die Verkörperung von allem, was ihm verhasst und vertraut zugleich war: ein ignoranter, selbstgefälliger ­Wider­ling, in hängenden, verpissten Unter­hosen, dessen aktuelle Ausgabe eher ­Calvin-Klein-Hosen trägt.

Diese Art von Widerling, die auch Reiser in seinem Leben wohl besser kennengelernt hat, als ihm lieb sein konnte. Ob als Pflegekind bei Bauern in der Normandie, als Sohn einer sich mit Putzen und Nebeneinkünften durchschlagenden Mutter, als Laufbursche in der Pariser Weinhandlung ­Nicolas, als Soldat in der französischen Armee – oder als sensibler Mann in einer Welt der „Macker“ und „Schlampen“.

Dieser Kotzbrocken ist Reisers Endzeitgestalt. Zum Einstieg allerdings empfehle ich eher seine so übermütigen wie verschlagenen, so mitreißenden wie kleinlauten Frauen.         

www.caricatura-museum.de – Alle Bücher von Jean-Marc Reiser auf Deutsch bei Kein & Aber, im französischen Original bei Glénat.

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