Glücksfall Geburtenrückgang

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...denn ihm haben wir es zu verdanken, dass wir älter werden dürfen, ohne uns gegenseitig totzutrampeln. Und außerdem: Kinderreiche und kinderlose Gesellschaften ergänzen sich vortrefflich.
"Die Deutschen sterben aus!“ Unter dem Motto hat sich eine demografische Gefahrenbeschwörungsgemeinschaft gebildet. Sie geißelt die Generation der Gebärschwachen, die auch die folgenden Generationen herabziehen werde in die biologische und finanzielle Verdammnis. Dabei haben die Frauen den schwarzen Peter, besonders die erwerbstätigen Frauen. Als ob sie es wären, besonders die erwerbstätigen Frauen, die für die Kinderarmut verantwortlich seien. Dagegen zeigt sich in der Forschung, dass vor allem die Männer sich dem Kinderzeugen entziehen oder die Familienplanung nach hinten schieben.
Gestritten wird über Kindergeld und Kinderkrippen, Ehegattensplitting und Erziehungsurlaub... Und die alten ideologischen Schlachten werden geschlagen gegen Rabenmütter und Übermütter. Hinter den Fronten aber herrscht Hilflosigkeit. Denn so wenig man mit erhöhten Tabaksteuern aus Rauchern Nichtraucher macht, so wenig macht man mit Geburtenförderungsprogrammen aus Nichteltern Eltern.
Bei genauer Betrachtung ist der Geburtenrückgang jedoch weniger ein Problem, als eine Lösung für viele Probleme. Er ist ein entscheidender Schritt zur Entwicklung moderner Gesellschaften.
So ist der Geburtenrückgang untrennbar verbunden mit der grandiosen Verlängerung der Lebenserwartung. In Deutschland hat sie sich innerhalb des letzten Jahrhunderts fast verdoppelt; bei den Männern von 41 Jahren auf 75 Jahre und bei den Frauen von 44 Jahren auf 81 Jahre. Länger leben, das ist ein uralter Menschheitstraum. Er war nur möglich, weil die Zahl der Geborenen in etwa dem gleichen Maße zurückging wie die Lebenserwartung anstieg. Der Fall der Geburtenrate erhöht zwar den Altenanteil an der Bevölkerung – „Vergreisung", rufen die Kassandras -, verhindert aber, dass sich heute in Deutschland zwischen 100 und 200 Millionen Menschen drängeln.
Dennoch grassiert die Angst, dass die Bevölkerung schrumpfe. Bevölkerungswachstum und Wirtschaftswachstum scheinen historisch zusammenzugehören. Dabei bezieht die deutsche Wirtschaft einen Großteil ihrer Nachfrage von außen, von einer wachsenden Weltbevölkerung. Und was den prognostizierten Mangel an Arbeitskräften angeht, haben die Unternehmen sich noch bei jeder Knappheit zu helfen gewusst. Insbesondere das Reservoir der Frauen und der Fremden ist noch lange nicht erschöpft.
Entscheidend aber ist, dass das Wirtschaften selbst - mit geringerem Aufwand ein günstigeres Ergebnis erzielen - ein sozialer Prozess ist, der sich von demographischen Schwankungen unabhängig macht. Je besser die Wirtschaft funktioniert, desto weniger Menschen braucht sie. Einfache Arbeit wird rationalisiert und durch qualifizierte ersetzt, Arbeit durch Kapital, Kapital durch Einfallsreichtum. Produktivitätssteigerung der Arbeit nennt man das. Nicht zufällig weisen die greisen Gesellschaften in Deutschland und Japan das weltweit höchste Produktivitätsniveau auf.

Moderne Familien werden nicht kleiner, sondern größer. Die Einsamkeit wird weniger.

Und das Problem Arbeitslosigkeit? Auch das wird durch eine niedrige Geburtenrate gelöst. Die hochproduktive Volkswirtschaft hat Menschen satt. Sie stößt sie aus, als Arbeitslose und Frührentner. Kein Problem also für die Wirtschaft, sehr wohl aber für die Systeme der sozialen Sicherung.
Diese werden zusammenbrechen, wenn nicht mehr Junge geboren werden, um die Last der Alten und Arbeitslosen zu tragen, prophezeit das demographische Panikorchester. Das klingt plausibel - und ist doch schon im Ansatz irreführend. Denn es sind nicht die Jungen, die die Altenlast tragen, sondern die Hochleister der mittleren Jahre,. Sie sind durch Alte (k)und Junge belastet.
Diese Doppellast trifft Frauen stärker als Männer. Sie wird sogar zu einer dreifachen Mehrbelastung, wenn man bedenkt, dass Frauen innerhalb jeder Generation oft mehr aufgebürdet wird als den Männern: Trotz Berufstätigkeit übernehmen Frauen, bei gleicher Berufsbelastung, mehr Aufgaben im Haushalt. Wenn nun auch noch Kinder hinzu kommen, sind es wiederum die Frauen, die den Hauptteil der Erziehungsarbeit leisten und, wenn nötig, den größeren Pflegeaufwand für die Elterngeneration leisten.
Keine Kinder zu bekommen, bedeutet für Frauen also nicht nur Verzicht, sondern auch Entlastung. Würden die Geburtenraten tatsächlich so hoch steigen, wie es als wünschenswert deklariert wird, dann hätten die mittleren Frauenjahrgänge noch mehr zu schultern als bisher. Geburtenrückgang ist also sozialpolitisch gesehen kein Problem, sondern eine Problemlösung. Er verschafft der Hochleistungsgesellschaft Luft und Leistungsraum.
Eine kurzsichtige Lösung; auf längere Sicht werde sie das Problem verschärfen, erklären die Wortführer der demographischen Angstgemeinschaft. 2030 müssen zwei Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen. Diese Zahl soll das Fürchten lehren. Aber sie lehrt etwas anderes. Nämlich dass mit der "Verschlechterung" des Altersquotienten eine ungeahnte Wohlstands- und Rentensteigerung einhergegangen ist. Produktivitätssteigerung macht’s möglich.
Wenn die hochproduktive, unablässig rationalisierende Wirtschaft nur noch junge Eliten in den Unternehmen belässt, kreiert sie Arbeitslose und Alte und schiebt sie im gleichen Atemzug auf die Systeme der sozialen Sicherung ab. Aber ist das ein demographisches Problem? Nein, es ist in erster Linie durch die Wirtschaft gemacht, und zwar nicht durch ihr Erlahmen, sondern durch ihre Effizienz.
Es ist zweitens ein Problem der offenen Gesellschaft, das die Politik auf die Sozialsysteme übergewälzt hat. Sie hat, in den vergangenen 15 Jahren, die Bundesrepublik geöffnet wie nie zuvor: für 17 Millionen DDR-BürgerInnen, dazu SpätaussiedlerInnen und ÜbersiedlerInnen aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion, dazu eine zunächst unerwartete Zahl von Asylsuchenden aus aller Welt. Summa summarum eine politische Erfolgsgeschichte, in der sich die Probleme des Kalten Krieges endlich lösen - auf Kosten, unseligerweise, der Systeme sozialer Sicherung.
Die gibt es seit Bismarcks Zeiten. Sie binden die Leistungsträger der Gesellschaft - Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Steuerzahler - zu einer Dreifaltigkeit zusammen: eine geniale Konstruktion organisierter Solidarität zugunsten der Alten, Schwachen und Jungen. Die Brüder und Schwestern im Osten und die Menschheit schlechthin waren allerdings nicht mit eingeplant. Die Zerreißprobe, auf die das deutsche Sozialsystem jetzt gestellt wird, hat wenig mit Geburten- und Sterbeziffern zu tun, aber viel mit politisch überdehnter und überforderter Solidarität.
Erstaunlicherweise hat das System dennoch bisher gehalten. Das Verfahren war denkbar einfach: Beiträge und Steuern wurden erhöht. Das geht nicht mehr. Der Grund ist wiederum die gesellschaftliche Öffnung, die Globalisierung: Wir alle erleben Wohl und Wehe der internationalen Konkurrenz über billigere Waren und niedrigere Löhne. Höhere Löhne, Nebenkosten und Steuern können wir den eigenen Unternehmen nicht abverlangen - es sei denn, wir wollten sie vertreiben und die Arbeitslosigkeit steigern.
Das Sozialsystem hilft sich anders: Statt Beiträge zu erhöhen, werden nun Leistungen gesenkt, Lasten von Leistungsträgern auf Leistungsempfänger verschoben: „Bei der jährlichen Rentenanpassung wird jetzt berücksichtigt, wie viele Rentner auf wie viele Beitragszahler kommen, mehr Rentner bedeuten geringeren Rentenzuwachs, mehr Beitragszahler machen höhere Renten möglich.“ (Originalton Bundesregierung). Im Klartext: Solange die Zahl der Beschäftigten nicht steigt, wohl aber die der Alten und Arbeitslosen, haben diese die Kosten des Generationsausgleichs zu tragen. Und die Beschäftigten, die sich zusätzlich privat versichern sollen.
Gleichwohl, durch diese Verschiebung der Lasten wird das System organisierter Solidarität nicht ausgehebelt, sondern stabilisiert - gegen internationale Märkte und gegen die "Bedrohung" durch eine steigende Lebenserwartung. Dass eventuell alle Generationen kürzer treten müssen, ist weniger demographischen Faktoren geschuldet als Veränderungen im Leistungsgefüge der Weltwirtschaft. Die westlichen Industrienationen haben keinen göttlich verbrieften Anspruch, ihren ökonomischen Vorsprung gegenüber den armen und aufstrebenden Gesellschaften auf alle Zeit zu halten.
Wirtschaft und soziale Sicherung steuern also mithilfe eigener Anpassungsmechanismen durch die demographischen Klippen hindurch. Die Familien jedoch scheinen von ihnen buchstäblich aufgefressen zu werden. „40 Prozent aller Akademikerinnen bleiben kinderlos!", tönt der Chor der demographischen Tragödie. Und noch bevor wir von besonnenen Statistikern erfahren, dass diese Zahl völlig ungesichert ist, haben sich ihre vermeintlichen Folgen schon in unsern Köpfen festgesetzt: Nicht nur die Frauen selbst werden allein sterben, sondern mit ihnen auch ihre Familien. Und wo Frauen nur ein Kind haben, schrumpft die Familie.
Doch der demographischen Schreckenslogik zum Trotz wird die moderne Familie nicht kleiner, sondern größer. Wer zur Familie gehört, definieren nämlich nicht Demographen, sondern die Familien selbst. Im Abstand von 50 Jahren wiederholte das Allensbacher Institut für Demoskopie die Frage „Wen rechnen Sie zu Ihrer Familie?“
Während Ehegatten der Familie verloren gehen (die Nennungen fallen von 70 auf 58%), werden Eltern, (Ur)Großeltern, Onkel und Tanten und andere Verwandte heute häufiger zur Familie gezählt als vor einem halben Jahrhundert. Geburtenrückgang und Langlebigkeit führen dazu, dass Familien sich weniger in die Breite, sondern in die Länge dehnen, als „Bohnenstangenfamilien". Auch Menschen ohne Kinder können, sich an Verwandte und Freunde anschließend, ihre Familie „machen“.
Entgegen den Vorurteilen von der zerfallenden und verstreuten Familie sind Familienbande heute eher wichtiger und dichter als vor einem halben Jahrhundert. 90 Prozent der älteren Menschen wohnen nicht mehr als zwei Stunden von ihren Kindern entfernt, 70 Prozent stehen mit ihnen mehrmals pro Woche in Kontakt. Man unterstützt sich finanziell, bei Hausbau und Hausarbeit, bei der Versorgung von Kindern und Alten, bei Berufs- und Reiseplänen, im Krankheitsfall. Man berät sich im Alltag. Man feiert zusammen. Man zankt sich, man liebt sich.
Eine andere Angst aber ist damit nicht gebannt. Wo immer weniger Kinder geboren werden, da wird auch die Zahl derjenigen immer kleiner, die die kulturellen Lebensformen tragen, die uns zur Gewohnheit und zum Wert schlechthin geworden sind. Demographisch scheint das Schicksal der westlichen Kulturen, Amerika eingeschlossen, bereits besiegelt: Nur von einer Minderheit der Weltbevölkerung werden sie getragen, und diese schrumpft weiter.
Allerdings befinden sich auch die Geburtenraten der nichtwestlichen Kulturen im freien Fall. Sie nähern sich denen des Westens an. Schuld daran sind Geburtenkontrolle, steigendes Selbstbewusstsein der Frauen, Bildung und Wirtschaftswachstum, kurz: die Werte des Westens. Während der Westen demographisch schrumpft, expandiert er kulturell. Während er Werte und Waren exportiert, importiert er Menschen. So füllt er sein demographisches Defizit.
Aber Freude kommt nicht auf, nur neue Angst. Die Einwanderer bringen ihre Herkunftskultur mit. Und sie erschaffen eine Kultur zwischen den Kulturen: Ethnizität, bisweilen Ghettos, in denen die westliche Kultur entmachtet und zur Minderheit, manchmal zum Feind wird. Dies umso mehr, je mehr Zuwanderer aus nur einer Ethnie kommen, je stärker ihre Herkunftsbindung durch ständige Hin- und Rückwanderung aufgefrischt wird, je weniger sie in den hiesigen Arbeitsmarkt passen. Das alles ist Realität und doch nur eine Randerscheinung. Wanderungen zwischen Kulturen folgen vielen Kräften und bleiben doch, wie das Beispiel der klassischen Einwanderungsländer zeigt, politisch steuerbar.
Trotzdem wird der Kampf der Kulturen nicht in erster Linie politisch und militärisch, auch nicht demographisch ausgetragen, sondern moralisch. Die wichtigsten Waffen sind Werte: Anziehungen und Abstoßungen. Dass der Westen die Menschen anderer Kulturen anzieht, ist seine größte Stärke. Dass er sich ihnen öffnet, seine zweite. Dass er ihnen die Chance zum Erfolg gibt, die dritte. Dass er Erfolg nur denen gewährt, die sich ihm anverwandeln - wenn auch nicht allen von ihnen -, die vierte.
Kultur kennt keine Gnade. Sie ist weder wohltätig noch selbstlos. Sie grenzt aus und schließt ein. So erhält und steuert sie sich selbst. So zwingt sie ihre Lebensformen und
-werte in die Zuwandernden hinein: mit sanfter Gewalt. Sie macht auch diejenigen zu ihren Trägern, die sie nicht selbst geboren hat, und bleibt doch sie selbst. Wie Bayern München, das Bayern München bleibt, auch wenn kaum ein Spieler noch aus München oder Bayern stammt. Dass Kultur sich vom Geburtenschwund unabhängig macht und ihre Träger aus anderen Kulturen bezieht, hat seine Kehrseite:
Kultur, die nicht mehr mit der Muttermilch aufgenommen wird, muss Einwanderer aufnehmen, erziehen, „kultivieren". Das geht nicht ohne Kosten, Konflikte, Krisen, Fehlschläge. Aber beide Seiten gewinnen auch dabei. Die aufnehmende Kultur, weil Einwanderer in der Regel tatkräftiger, tüchtiger, unternehmender sind als Zurückbleibende. Und weil sie anders sind. So erklärt sich der große Erfolg der Immigranten aus konfuzianischen Kulturen im christlichen Amerika. Die Herkunftskulturen profitieren von dem, was die Auswanderer zurückschicken und zurückbringen.
Aus der Sicht der betroffenen Personen kommt es häufig zur „Erfolgsbiografie“ – neben Identifikationskonflikte treten auch Bereicherungen. Dass beide Seiten gewinnen können, wird zu wenig beachtet. Allerdings dürfen die Krisen und Konflikte nicht ausgeblendet werden, die sich aus den Gegensätzen von Kulturen ergeben; zum Beispiel die Existenz von Parallelgesellschaften oder auch der unterschiedliche Status von Frauen. Zwangsehen oder Ehrenmorde sind nur die Spitze eines Eisbergs.
Gerade die Frauen der zuwandernden Familien sind auch in diesem Falle wieder die Hauptlast- und Leidtragenden. Zwischen den Ehemännern, die manchmal rigide an den Normen der Herkunftsgesellschaft festhalten, und den Wünschen der eigenen Kinder, die sich stärker an Gleichaltrigen der aufnehmenden Kultur orientieren, müssen sie vermitteln. Auch in der jungen Generation sind es die Töchter, die diese innerfamilialen Konflikte stärker spüren als die Söhne. Sie tragen den Konflikt um die Rolle der Frau mit ihren männlichen Verwandten aus: zum Kulturkonflikt kommt ein Konflikt der Geschlechter hinzu.
Was heute an den demographischen Klagemauern bejammert wird - Geburtenrückgang, Vergreisung, Migration -, sind also nicht Irrläufer oder Ausläufer der Evolution. Eher kündigt sich darin eine neue Entwicklungsstufe mit neuen Problemlösungen an. Gesellschaften stellen ihre Nachwuchssicherung um: von vielen, riskanten und kurzen: auf wenige, sicherere und längere Lebensläufe; von Quantitäten auf Qualitäten; von biologischer auf soziokulturelle Reproduktion; von Autarkie auf Arbeitsteilung.
Die neue Arbeitsteilung zwischen produktiven und reproduktiven, kinderarmen und kinderreichen Gesellschaften gilt womöglich nur für eine Übergangsphase von 50 bis 100 Jahren. Nach und nach werden alle Kulturen sich umstellen: von einer breiten Reproduktionsbasis mit hoher Sterblichkeit auf eine schmale Basis lang lebender Individuen.
Dies zu begreifen und zu akzeptieren fällt uns schwer. Es entspricht nicht unserer biologisch geprägten Vorstellung, dass der evolutionäre Erfolg einer Spezies, aber auch einer Kultur sich misst an der Zahl ihrer überlebenden Nachkommen. Der Gedanke, dass fortschreitende Arbeitsteilung sich weltweit nicht nur auf Güter und Dienste, sondern auch aufs Kinderkriegen erstrecken könnte, widerstrebt dem tief verwurzelten Vorrang, den wir eigenen Kindern geben. Dass Outsourcing nicht nur eine Option für die Produktion von Weizen, Oberhemden, Computerchips und elektronischen Telefonbüchern, sondern auch für die Reproduktion der eigenen Lebensformen und ihrer lebendigen Träger, erscheint mehr als befremdlich.
Die Chance, die daraus erwachsen könnte, wäre die Aufwertung der Lebensoption der Kinderlosigkeit in einem transnationalen gesellschaftlichen Rahmen. Die heutige gesellschaftliche Abwertung und unausgesprochene Selbstabwertung von kinderlosen Frauen könnte im Rahmen transnationaler Arbeitsteilung sogar zu einer höherwertigen Option werden.
Im Wettbewerb konkurrierender Lebensformen mag die Politik die „Rahmenbedingungen“ für kinderreiche und gegen kinderlose Familien setzen: durch Gesetze, Subventionen, Vereinbarkeitsregelungen in bezug auf Familie und Beruf. Und sie mag symbolische Zeichen setzen, etwa durch die ständig geforderte „Wertediskussion“. Beides dient der politischen Selbstbestätigung. Ob es darüber hinaus Wirkungen hat, bleibt abzuwarten. Oder genauer zu untersuchen.
Zu Wirkungen gehören auch immer die ungewünschten. Sie bleiben deshalb gern unbedacht: Was Kindern dienen soll – Mutterschutz, Erziehungsurlaub, Teilzeit-Beschäftigung für Mütter und Väter – kann Eltern schon im Vorhinein den Job kosten. Was auf die schwierige Lage der jungen Familien hinweisen soll – die öffentlich vorgerechneten Kosten für jedes Kind - , schreckt erst recht vom Kinderkriegen ab. Was Politiker, Professoren und Kirchenfürsten als Werte der Familie betonen, entwertet sich durch die Betonung selbst.
Um es zuzuspitzen: In der Weltgesellschaft braucht deren modernster Teil nicht mehr Nachwuchs, als er aus sich selbst und aus dem Rest der Welt ohnehin bekommt. Zumindest braucht er keine Kinder-Subventionspolitik. Seine unterschiedlichen Lebenssphären – Wirtschaft, soziale Sicherheit, Wissenschaft, Politik, Religion, Familie, Kultur - verfügen über eine erstaunliche Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren. Sich selbst überlassen, entwickeln sie womöglich einen Erfindungsreichtum und gegenseitige Inspirationen, die der Moderne würdig sind.
Was für systemische Einheiten gilt, das gilt erst recht für die Menschen als Individuen. Schließlich sind, allen Systemzwängen zum Trotz, immer noch wir es, die Kinder zeugen, bekommen und großziehen. Wir sind dazu nicht mehr gezwungen, sondern können frei entscheiden – und zwar erst in allerletzter Zeit. Die Freiheit, keine Kinder zu haben, wird noch größer werden. Die Freiheit zu wirklichen Wunschkindern auch.
Rabea Krätschmer-Hahn und Karl Otto Hondrich
Von Prof. Hondrich, der Soziologie in Frankfurt lehrt, erschien 2004 ‚Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft’ (Edition Suhrkamp).

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