„Bring Bivsi back!“

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Bis zum 29. Mai war Bivsi Rana aus Duisburg eine ganz normale Teenagerin. Sie besuchte die Klasse 9d auf dem Steinbart-Gymnasium, das einen Schwerpunkt auf Sport legt. Und nachmittags traf die 14-Jährige ihre Freundinnen. Ihr Vater arbeitete seit 17 Jahren als Sushi-Meister in einem Restaurant in Essen.

Gab es juristisch wirklich keine Alternative?

Aber am Morgen des 29. Mai änderte sich alles. An diesem Tag statteten zwei Mitarbeiter der Ausländerbehörde Bivsis Schule einen Besuch ab. Schulleiter Ralf Buchthal solle das Mädchen aus der Klasse holen, so die Anweisung. Wenige Stunden später saß die bis dahin ahnungslose Bivsi mit ihren Eltern in einem Flugzeug auf dem Weg nach Nepal. „Flugabschiebung“ lautet der Fachterminus. Solche Abschiebungen werden im Vorfeld nicht angekündigt.

Bivsis Eltern sind vor fast 20 Jahren aus Nepal nach Deutschland ausgewandert. Seitdem haben sie sich nicht nur ein Leben aufgebaut, eine Tochter und einen inzwischen volljährigen Sohn bekommen, der in Osnabrück studiert und von der Abschiebung unberührt bleibt. Die Eltern haben auch mehrfach Asyl beantragt, das letzte Mal im März 2016. Alle Anträge wurden abgelehnt. Auch eine Härtefall-Prüfung blieb erfolglos. Angeblich sollen die Eltern bei Einreise aus Angst vor Verfolgung falsche Namen angegeben haben, was sie aber selbst schon kurz darauf korrigierten. Das Verfahren gilt trotzdem als „abgeschlossen“. „Juristisch gab es für die Stadt keine Alternative mehr“, erklärt Daniela Lesmeister, Rechtsdezernentin der Stadt Duisburg gegenüber RP Online.

Das können die 1.000 SchülerInnen, Eltern und weitere UnterstützerInnen, die am Montag für Bivsis Rückkehr auf die Straße gegangen sind, ganz und gar nicht verstehen. Sie finden die Abschiebung der vollständig integrierten Familie Rana nicht nur herzlos. Sie stellen auch eine Rechtsprechung in Frage, auf deren Basis eine über Jahrzehnte in Deutschland lebende Familie von jetzt auf gleich abgeschoben werden kann – während Straftäter auf Grund der realitätsfernen Gesetzeslage weiterhin bleiben dürfen.

„Bring Bivsi back!“ fordern die Duisburger deswegen auf ihrer Demo durch die Innenstadt. Und: „Wir wollen die Ranas!“ Auch Oberbürgermeister Sören Link versprach nun, zumindest „persönlich alles zu tun, um eine Rückkehr zu ermöglichen“. Eine Online-Petition für Bivsis Heimkehr hat über 36.000 Unterschriften.

Bivsi selbst ist inzwischen in Kathmandu angekommen. Den Schock überwunden hat sie nicht. In einem Interview mit der WDR Lokalzeit berichtet sie unter Tränen von dem Tag der Abschiebung: „Wir mussten packen und hatten wenig Zeit. Und dann wurden wir in einem Wagen zum Flughafen gebracht. Ich habe mich gefühlt wie eine Schwerverbrecherin.“ Bivsi hat Angst, dass sie auf Grund der Sprachbarrieren in Nepal erst mal die Schule nicht beenden kann. Sie spricht ja fließend Deutsch und kaum Nepalesisch.

Auch ihre MitschülerInnen waren von dem rigorosen Vorgehen der Behörden geschockt. Nachdem sie erfuhren, dass die Freundin nicht mehr zurückkommen wird, brachen viele in Tränen aus. Ein „emotionales Trümmerfeld“ nennt Schulleiter Buchthal die Situation. Ein Notarzt und ein Religionslehrer kümmerten sich behelfsmäßig als Seelsorger um die Jugendlichen. Bis heute steht Bivsi mit ihrer Klasse über WhatsApp in Kontakt. „Ich bin so froh, dass ich solche Freunde habe“, sagt Bivsi. Und weint.

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