Alice Schwarzer schreibt

Krieg nebenan: Dario hat Angst

Polnische SchülerInnen bekunden ihre Solidarität. Foto: Beata Zawrzel/NurPhoto/IMAGO
Artikel teilen

Meine Nachbarn auf dem Land, zwei Häuser weiter, sind Deutsch-Polen. Heute Morgen in aller Frühe klingelte Andrej bei mir. Unter irgendeinem Vorwand. In Wahrheit wollte er mit mir über den Krieg sprechen. „Wofür habe ich mir das alles hier in den letzten neun Jahren aufgebaut?“, sagte er. „Damit es jetzt einfach zerstört werden kann?“ Und, dass sein zwölfjähriger Sohn Dario Angst hat, Angst vor Krieg.

Anzeige

Mitten in Europa, im 21. Jahrhundert, haben Kinder Angst vor Krieg. Wieder mal. Und wenn es ukrainische Kinder sind, wissen sie schon, was Krieg bedeutet. Denn sie sind vielleicht vier Tage lang neben ihrer Mutter zur Westgrenze gelaufen, mit nassen Schuhen und leerem Magen.

Wie konnte es so weit kommen? Durch Macho-Säbelrasseln auf allen Seiten!

Niemand hat das Recht, so etwas zu tun! Krieg ist immer und unter allen Umständen falsch. Die einzigen, die etwas davon haben, sind die Waffenindustrie und Konsorten. Und diejenigen, die es geil finden, den Poker der Macht zu spielen.

Das tut Putin gerade. Doch wie es aussieht, wird er nicht gewinnen. Er wird von der ganzen Welt verurteilt, sogar die Chinesen hüsteln befremdet. Verschärfend kommt hinzu, dass Ukrainer und Russen eigentlich Brüder und Schwestern sind. „Wir lieben uns doch, wir Ukrainer und Russen“, hat eine Frau im Fernsehen gesagt. „Ist Genosse Putin verrückt geworden? Wie kann er sowas machen!“ Stimmt. Schließlich waren Russland und die Ukraine über Jahrhunderte ein Land, ja ist die Ukraine eigentlich die kulturelle Wiege Russlands.

Wie also konnte es so weit kommen? Durch ein dramatisches Versagen der Diplomatie und das Macho-Säbelrasseln auf allen Seiten! Putin, daran muss erinnert werden, hatte dem Westen vielfach ein Bündnis oder zumindest Verhandlungen angeboten. Vielleicht nicht immer zu akzeptablen Bedingungen, aber darüber hätte man reden müssen. Zuerst 1991 mit seiner Rede vor dem deutschen Bundestag. Im Juni 2021 mit seinem unverlangt eingesandten Text in der Zeit - für einen Präsidenten unangemessen bescheiden. Zuletzt im Dezember 2021 mit seiner Forderung einer NATO-freien Ukraine und dem Rückzug der NATO in die Grenzen von 1997. Alles wurde vom Westen zurückgewiesen. Die Fortsetzung kennen wir.

Hätte man nicht genauer hinsehen müssen und sich fragen: Welche Forderungen sind aus Sicht Putins legitim – und welche unter keinen Umständen akzeptabel für den Westen? Jetzt ist das Drama da. Kinder in der Ukraine fliehen. Kinder mitten in Westeuropa liegen nachts wach. Von den Erwachsenen ganz zu schweigen.

Nun muss endlich die Stunde der Diplomatie schlagen! Es muss verhandelt werden!

Nun muss endlich die Stunde der Diplomatie schlagen! Es muss verhandelt werden – um eine weitere Eskalation um jeden Preis zu verhindern. Eine neutrale Ukraine, ein Brückenstaat wäre angemessen, auch historisch – dessen zerstrittener West- und Ostteil ein Bündnis knüpft, das allen Interessen ein Stück gerecht wird.

Denn ein friedliches Zusammenleben erfordert immer Kompromisse. Auch zwischen Völkern. Die gegenseitige Dämonisierung bringt nicht weiter. Putin verteufelt den Westen – der Westen verteufelt Putin. Wo soll das enden? Beide sind schließlich hochgerüstet bis an die Zähne und verfügen über Atomwaffen.

Also, auch wenn es schwerfällt: Unsere PolitikerInnen müssen jetzt verstehen und handeln. Vielleicht könnte ich meinem zwölfjährigen Nachbarsjungen dann schon bald reinen Herzens sagen: Dario, du brauchst keine Angst mehr zu haben.

ALICE SCHWARZER

Artikel teilen
 
Zur Startseite