In der aktuellen EMMA

Das goldene Matriarchat!

Hysteria-Aufmarsch vor der Universität in Wien.
Artikel teilen

An diesem Tag kamen Burschenschafter, Mitglieder der rechts­populistischen FPÖ und andere Rechte zum Akademikerball in der Wiener Hofburg zusammen. Sie tranken, tanzten Walzer, lauschten den Reden und bemerkten gar nicht, dass ein paar ihrer Gegnerinnen es in die Hofburg ­geschafft hatten. Am späten Abend entrollten dann zwei Damen im langen Abendkleid plötzlich am Tanzparkett ein Transparent mit der Aufschrift „Willkommen am Burschenschaft-Hysteria-Ball“.

Via Facebook verkündete die Burschenschaft anschließend selbstbewusst, sie hatten den Akademikerball gerettet! „Die starke Hand der Hysteria setzt genau dort an, wo die Erziehung versagt hat: an ihren widerspenstigen Pobacken! Jemand muss endlich für Zucht und Ordnung in der Hofburg sorgen. Deshalb erklärt die Burschenschaft Hysteria den Akademikerball mit sofortiger Wirkung zum alljährlichen ‚Hysteria-Ball zu Erziehung und Schutz des Mannes‘.“ Bilder und Videos der Aktion verbreiteten sich schnell in den sozialen Medien. Der gekaperte Akademikerball ist nur eine der zahlreichen Aktionen, mit denen die selbsternannte Burschenschaft seit über einem Jahr in Österreich von sich reden macht.

Erstmals tauchte die Hysteria am 10. Januar des vergangenen Jahres auf Facebook auf. Bereits im Frühjahr 2016 regnete es Mitgliedsanfragen, erklärten die Damen. Ihren ersten real-öffentlichen Auftritt hatte die weibliche Burschenschaft im Juni 2016 anlässlich einer Aufführung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ im Wiener Rathaus. Hysteria übernahm den „Saalschutz“. Kurz zuvor hatten rechtsextreme Identitäre eine Aufführung des Stückes, bei dem auch geflüchtete Menschen mitwirken, im Audimax der Universität gestürmt.

Was ist diese Hysteria? Eine Parodie auf rechtsextreme Burschenschaften, deren Stil und Methoden sie imitiert? Eine krawallfeministische Aktionismustruppe wie Pussy Riot? Am Ende gar nur ein ­Satireprojekt? Oder eine kluge Mischung aus all dem? In jedem Fall lieferte Hysteria das bisher erfolgreichste und originellste Debüt in der Arena des Kulturkampfes zwischen links und rechts: ironisch, lässig, feministisch.

Wer mehr wissen will, findet viele, wenn auch nicht alle Antworten im Internet. Die Damen der Burschenschaft lehnen Medienanfragen rigoros ab. Argument: Wir wollen uns selbst nicht noch einmal interpretieren. Die virtuelle Legende muss reichen.

Auf ihrer Facebook-Seite bezeichnet sich Hysteria als „die älteste bestehende Burschenschaft Österreichs“. Wofür sie steht? Für „starke, ideelle Werte, die ­Unterdrückung Andersdenkender und aktiven Vaterlandsverrat“.

Die Burschenschaft, die ausschließlich aus Frauen besteht, hat klare Forderungen, zum Beispiel: 50.000 Euro für das Ableisten einer Geburt! Die Einschränkung des Männerwahlrechts auf Bezirksebene! Schleierzwang für Männer in der Öffentlichkeit! Sowie ein Verbot von heterosexuellem Geschlechtsverkehr, bei dem die Frau nicht zum Orgasmus kommt! Als Strafe für Letzteres wird die Amputation eines Hodens angekündigt. Den Wirkungsbereich des Mannes sieht die Hysteria vorrangig im Privaten – nicht zuletzt zum Schutz seines „unkontrollierten, emotionalen Wesens“. Deswegen brauche der Mann die Obhut der burschenschaftlichen Frau.

Tritt die Burschenschaft Hysteria öffentlich auf, tragen die Burschen, wie sie sich selbst nennen, rote Deckel und schwarze Jacken mit ihrem Wappentier drauf: einer schreienden Hyäne. Das Wappentier ist nicht zufällig gewählt. In Hyänen-Clans sind meistens Weibchen der Kern der Gruppe: Sie bestimmen die Hierarchie und dominieren das Kollektiv. Die Männchen sind den Weibchen untergeordnet. Genauso will Hysteria das auch für Menschen.

Dass die Hysteria die Burschenschaften und deren Gedankengut so ad absurdum führt, gefällt diesen natürlich gar nicht. Die schlagende Burschenschaft Hansea zu Wien quittierte ein Facebook-Posting der Hysteria mit dem Aufruf #linkeweiberausknocken. Unter dem Hashtag wurde über Monate zu Gewalt gegen politisch links bzw. feministisch engagierte Frauen aufgerufen. Hysteria-Mitglieder seien „Besucher*Innen vom Planeten der Unbeschlafenen“, höhnten die Burschen.

Die in Österreich noch recht verbreiteten deutschnationalen Burschenschaften bestehen ausschließlich aus Männern. Frauen ist der Beitritt versagt, da diese als „nicht satisfaktionsfähig“ gelten, also keine Ehre besitzen, die sie in den traditionellen Fechtkämpfen verteidigen könnten. Zwar gibt es auch so genannte Mädelschaften, die sind den Burschenschaften jedoch untergeordnet, fechten keine Mensur und kochen auch schon mal für sie.

Die Burschenschaft Hysteria kehrt auch diese Tradition um. Sie lässt Männer die Mahlzeiten bei ihren Versammlungen kochen und startet dazu regelmäßig Aufrufe auf Facebook: „Gerne könnt ihr die Köstlichkeiten mit einem Freund zubereiten, um mal wieder zu klatschen und zu tratschen. Als Dank winkt die Befreiung des Mannes im goldenen Matriarchat“.

Die bekanntesten Mitglieder der Hysteria sind die Autorin Stefanie Sargnagel und die Künstlerin Marianne Vlaschits. Sargnagel hat mit ihren brachialen Sprüchen auf Facebook Kultstatus erreicht; Vlaschits mit ihrer farbenfrohen, verspielt-radikalen Kunst. Im Juli 2016 dankte die Autorin Sargnagel der Burschenschaft Hysteria dafür, dass sie ihr mit ihrer Propaganda-Maschinerie zum Bachmann-Publikumspreis verholfen habe. Bei der Preisverleihung waren auch Mitglieder der Burschenschaft anwesend.

Innerhalb der Burschenschaft gibt es auch einen militanten Flügel, die Discordia. Mitglieder dieser Splittergruppe sollen für eine Aktion verantwortlich gewesen sein, bei der am Rande einer Lesung des österreichischen Autors Thomas Glavinic Flugzettel mit seiner vermeintlichen Handynummer verteilt wurden.

Auf den Flyern stand: „Thomas ist ein Mann, der gerne seine normierenden Evaluationen von Frauenkörpern teilt.“ Glavinic hatte Sargnagel zuvor öffentlich als „Rollmops“ bezeichnet. Die Burschenschaft Hysteria distanzierte sich zwar von dieser Aktion, warnte aber zwei Tage zuvor auf ihrer ­Facebook-Seite:

„Vorsicht bei der Lektüre von alten, verbitterten, alleinstehenden und vor allem kinderlosen Männern!“

Beim „Totenmarsch für das Patriarchat“, den Mitglieder der Burschenschaft im September 2016 in der Prater-­Hauptallee abhielten, trugen sie zum Trommelrhythmus symbolisch, uniformiert und im Gleichschritt, das Patriarchat zu Grabe. „In memoriam masculinum“ oder „Auf zum goldenen Matriarchat!“ war auf Fahnen zu lesen. Dazu sangen sie ihr eigenes Burschenlied mit dem Text „Glücklich schätzt sich jeder Mann, der uns mit Demut dienen kann“. Männern war die Teilnahme nur in Verschleierung und Begleitung ­einer Frau gestattet.

Zuletzt suchten die Damen nach „Praktikanten“, die sich einen Vorgeschmack auf das Zeitalter des Matriarchats holen wollen. Man suche nach „jungen Herren mit Stil“. Vor allem seien Männer gefragt, die der Umgang mit hochkarätigen Frauen nicht verunsichert und denen Selbstdarstellung und Aufmerksamkeitshascherei nie in den Sinn kommen würden. Was die Anwärter dafür bekommen? „Das Wohlwollen der mächtigsten Frauen der Welt und ein Blick hinter die Kulissen der einflussreichsten Burschenschaft Österreichs.“

Wer weiß, vielleicht besteht für die jungen Herren mit Stil im Herbst ja die Möglichkeit, einen der ehrenhaften Burschen zum Akademikerball zu begleiten.

Der hier leicht gekürzte Text erschien zuerst im Falter.

Ausgabe bestellen