Prostitution: "Es geht um Macht!"

Foto: Anne Rose
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Was war der Auslöser für Ihre einjährige Recherche im Rotlichtmilieu?
Das sind ja immer noch Orte, die mir als Frau verschlossen sind, sofern ich mich nicht selbst dort anbiete – eine Männerwelt. Und für mich war die Frage: Was passiert dort? Gibt es Bereiche, in denen so genannte „sexuelle Dienstleistungen“ möglich sind, ohne die Frauen zu entwürdigen?    

Und was kam dabei heraus?
Mein ursprünglich offener Blick ist zunehmend kritisch geworden. Das Prinzip: „Wenn ich dafür zahle, habe ich auch die Macht“ hat sich schon in der Table-Dance-Bar gezeigt. Dabei ist das ja noch ein vergleichsweise harmloser Ort. Da wedelt ein junger Mann mit einem Schein vor einer Tänzerin herum wie vor einem dressierten Hund und meint, sich über die Regel hinwegsetzen zu dürfen, dass er die Frau nicht anfassen darf.

Sie haben auch mit Freiern gesprochen.
Ja, und das waren zunächst mir gar nicht unsympathische, intelligente Männer, die sich mir gegenüber sehr nett verhalten haben. Aber in den Frauen, die sie gekauft haben, haben sie kein Gegenüber gesehen, sondern einen Körper zur Triebabfuhr. Sie haben mir Sätze gesagt wie: „Ich rette meine Ehe, indem ich hier Sex kaufe.“ Dabei haben sie in Wahrheit bloß die Probleme, die sie mit ihren Frauen hätten besprechen sollen, ins Bordell outgesourct. Ich habe den Begriff „notgedrungen“ immer wieder gehört. Viele Freier haben offensichtlich die Vorstellung, dass die Gesellschaft dafür zuständig ist, dass ihnen ein Körper zur Befriedigung ihrer Lüste zur Verfügung gestellt wird. Und mich hat überrascht, dass diese Vorstellung so tief sitzt. Die ist wie festbetoniert.

Haben Sie mal erlebt, dass ein Freier sich ­gefragt hat, welchen Preis die Prostituierte zahlt?
Manche machen sich schon Gedanken, aber nie so weit, dass es ihnen wirklich weh tun würde und sie ihr Handeln ernsthaft hinterfragen. Eine beliebte Variante ist: „Eigentlich ist es für sie schon Scheiße. Aber wenn ich bei ihr bin, dann geht es ihr zumindest in dieser Stunde ganz gut.“

Welche Reaktionen haben Sie auf Ihr Buch bekommen?
Nach Lesungen kamen ältere Herren zu mir, die mir erklären wollten, wie es sich mit der weiblichen Sexualität wirklich verhält. Außerdem gab es Mails von Freiern, die so beleidigend waren, dass ich meine E-Mail-Adresse geändert habe. Einer schrieb zum Beispiel, es gäbe gar keine Zwangsprostitution, weil „die geldgierigen Luder bis nach Transsylvanien“ schon wüssten, wie das Geschäft hier funktioniert. Übrigens sind ja auch die Freierforen so ziemlich das Schlimmste, was man im Internet lesen kann. Von Frauen wie von Männern habe ich aber auch viele positive Reak­tionen bekommen.

Sie haben extreme Situationen gesehen, zum Beispiel eine Gang Bang Party. Am meisten aber, schreiben Sie, hat Sie das Gespräch mit Angelina und Bina berührt, zwei Prostituierten aus Ungarn, die in einem Stundenhotel an der Berliner Kurfürstenstraße anschaffen.
Was mich sehr erschüttert hat, war, dass die beiden kaum ein schlechtes Wort über Freier oder ihre aktuellen Zuhälter verloren haben. Sie haben diese Männer eigentlich immer in Schutz genommen. Von einem Mann etwa sprachen sie immer als „gutem Mann“. Und es stellte sich heraus, dass sie das deshalb fanden, weil er sie – im Unterschied zu früheren Zuhältern – nicht schlug. Einen Freier haben sie als „wirklich tollen Kunden“ gelobt, weil der immer nur Oralverkehr verlangt. Allerdings so heftigen, dass sie davon noch am nächsten Tag Schmerzen hatten. Sie haben Sätze gesagt wie: „Eigentlich möchte ich weinen, aber ich lache, denn wenn ich weine, gehen die Kunden an mir vorbei.“

Das Zauberwort im Zusammenhang mit Prostitution lautet ja „Freiwilligkeit“.
Das ist ein sehr schwammiger Begriff. Zwänge in der Prostitution zeigen sich ja nicht nur, wenn man eindeutig Zwangspros­titution als Straftat nachweisen kann – was ja ohnehin schon schwierig genug ist. Es gibt eben auch ökonomische Zwänge. Oder auch so stark verinnerlichte Vorstellungen davon, dass ich als Frau für meinen Mann alles tun muss. Die Frau wird wahrscheinlich empfinden, dass sie das freiwillig tut.  

Hat sich in diesem Rotlicht-Jahr etwas für Sie verändert?
Ich habe in diesem Jahr angefangen, Menschen vor allem als Körper wahrzunehmen, gar nicht mehr als Person. Und Sexualität als eine Art olympische Aufgabe: Man muss alles Mögliche ausprobiert, geschafft und geleistet haben. Am deutlichsten ist es mir bei meinem letzten Besuch geworden, auf einer privaten Sexparty mit vier Freiern und zwei Prostituierten. Ich stand die ganze Zeit in der Küche und unterhielt mich mit der Anbieterin dieser Party. Ich habe im Hintergrund das Stöhnen gehört und wenn ich einen Blick aus der Küche geworfen habe, konnte ich auch kurz sehen, was dort passierte. Am nächsten Tag habe ich gemerkt, dass es mich tief verstört hat. Weil Intimität etwas ist, was unseren Wesenskern berührt. Und das bedarf eines großen Schutzes. Ich hinterfrage inzwischen diese lockere Libertinage, und zwar auch jenseits von Prostitution.  

Nora Bossong: Rotlicht (Hanser, 20 €)

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