1989 - Das Schlimmste waren die Schreie

Dar√ľber zu sprechen, f√§llt den meisten von ihnen noch heute, 40 Jahre danach, schwer. Der Schock sitzt bei den nach dem Krieg vergewaltigten Frauen so tief, dass sie¬†jahrzehntelang schwiegen. Nicht einmal den Freundinnen, Nachbarinnen oder den eigenen Ehem√§nnern konnten sie davon erz√§hlen.

"Das Schweigen zu diesem Thema hat viele Wunden zugedeckt, aber nicht geheilt. Man h√§tte √ľber die Vergewaltigungen sprechen sollen, damals, aber die Angst war zu gro√ü. Wir waren alle froh, dass es vorbei war." So beschreibt mir eine T√ľbingerin ihre Gef√ľhle am Telefon.

Auf einen Aufruf in der Lokalzeitung meldeten sich einige Frauen bei mir, die √ľber ihre Erfahrungen berichten wollten. F√ľr manche war es das erste Mal. Alte √Ąngste wurden wieder wach, schlimme Tr√§ume kehrten zur√ľck. Doch die meisten Anruferinnen waren trotzdem erleichtert, endlich einmal offen dar√ľber sprechen zu k√∂nnen: "Man muss √ľber die Vergewaltigungen reden, auch wenn's weh tut! Unsere Kinder wissen von all dem nichts. Doch wenn man aus der Geschichte lernen will, muss man alles wissen, nichts darf ausgelassen werden.''

In den meisten Darstellungen der Kriegs- und Nachkriegszeit fehlt jeglicher Hinweis auf die Vergewaltigungen. Susan Brownmiller weist in ihrem 1978 erschienenen, inzwischen zum unverzichtbaren Klassiker gewordenen Buch √ľber die Vergewaltigung, "Gegen unseren Willen", auf die enge Verbindung von Patriarchat, Krieg und Vergewaltigung von Frauen hin: "Der Krieg liefert den M√§nnern den perfekten psychologischen Freibrief, um ihrer Verachtung f√ľr Frauen Luft zu machen.'' Und sie analysiert die Vergewaltigung der Frauen der Besiegten auch als gezielte Dem√ľtigung des besiegten Mannes durch den Sieger.

Von Kriegshandlungen sind Frauen gew√∂hnlich ausgeschlossen, ihnen ist die Rolle des Opfers zugedacht. Frau W. erinnert sich: "Das Schlimmste beim Einmarsch waren die Schreie der Frauen. √úberall in T√ľbingen konnte man Frauen und M√§dchen laut um Hilfe schreien h√∂ren. Wir hatten alle furchtbare Angst."

Allein in T√ľbingen wurden mehrere hundert gemeldete F√§lle bekannt, - die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit sehr viel h√∂her. Aber auch in den kleineren Orten wie M√∂ssingen oder Du√ülingen wurden √ľber hundert Frauen und M√§dchen von den franz√∂sischen Soldaten vergewaltigt.

Um sich vor den √úbergriffen der einr√ľckenden Truppen zu sch√ľtzen, schliefen viele Frauen nachts bei den Eltern im Zimmer oder im Pfarrhaus, andere zogen den Schutz einer Scheune vor oder √ľbernachteten im Wald. Manches junge M√§dchen wurde von ihren Eltern tagelang auf dem Dachboden versteckt.

Frau B. berichtete von einer Nacht im Gemeindebackhaus, wo sie mit etwa 30 anderen auf engstem Raum Schutz suchte. Tags√ľber wagten sie sich vor allem in den ersten Tagen nur in alten zerrissenen Kleidern und in Begleitung anderer auf die Stra√üe: "Man hat dann den Schmuck runtergetan, ein altes Kopftuch und eine verflickte Sch√ľrze angezogen, und so ist man halt rumgelaufen, wenn's ging, nie allein. Egal wo man hinging, die Angst sa√ü einem st√§ndig im Nacken.''

Trotz aller Vorsichtsma√ünahmen wurden viele Frauen Opfer des "bataillon du choc", wie die vordersten Truppen hie√üen. Vom zw√∂lfj√§hrigen M√§dchen bis zur 70j√§hrigen Frau - jede konnte es treffen. Nur manchmal konnten Gewalttaten mit Hilfe von mutig auftretenden Verwandten oder Nachbarn verhindert werden. Eine Frau erz√§hlte mir, wie sie von ihrem Bruder in letzter Sekunde gerettet wurde. Er schrie den Franzosen, der sich bereits im Schlafzimmer auf seine Schwester gest√ľrzt hatte, auf franz√∂sisch an. Dies erschreckte den Angreifer derart, dass er von ihr ablie√ü und fluchtartig das Haus verlie√ü.

Viele Soldaten - das zeigen auch die Berichte vom Einmarsch der Russen in Berlin - k√ľmmerten sich allerdings nicht um die Anwesenheit des Ehemannes oder der Eltern, sondern zwangen sie oftmals sogar dazu, der Erniedrigung zuzusehen. So wird die "Kriegsbeute" den "rechtm√§√üigen Eigent√ľmern" weggenommen und sozusagen "entwertet". Manche Frauen wurden von mehreren Soldaten, die sich ihr Beutest√ľck kameradschaftlich teilten, nacheinander vergewaltigt...

Unter den wenigen in den schw√§bischen D√∂rfern zur√ľckgebliebenen deutschen M√§nnern breitete sich rasch ein starkes Ohnmachtsgef√ľhl aus. Susan Brownmiller erkl√§rt das¬†so: "Verteidigung der Frauen war lange Zeit Zeichen m√§nnlichen Stolzes, wie der Besitz einer Frau Zeichen m√§nnlichen Erfolges. Vergewaltigung durch erobernde Soldaten zerst√∂rt bei den M√§nnern der unterlegenen Seite alle verbliebenen Illusionen von Macht und Besitz. Der K√∂rper der gesch√§ndeten Frau wird zum zeremoniellen Schlachtfeld, zum Platz f√ľr die Siegesparade des √úberlegenen."

Viele der von uns in und um T√ľbingen befragten M√§nner schoben die Vergewaltigungen in ihrem Ort r√ľckblickend den "Dummheiten" der Frauen selbst zu. Die eine sei zu vorlaut gewesen, wird erz√§hlt. Sie habe sich n√§mlich beim Einmarsch laut gebr√ľstet, mit einem deutschen Offizier verheiratet zu sein. Oder eine andere sei trotz der drohenden Gefahr zum Wasserholen auf die Stra√üe gegangen. Und auch von Fl√ľchtlingsfrauen wird gern behauptet, sie h√§tten sich geradezu anbiedernd verhalten, es sei also kein Wunder, wenn es sie "erwischt" h√§tte: "Die waren ja schon geschminkt, als die Soldaten kamen, wollen wir mal so sagen."

Der Pfarrer von Baisingen notierte in seiner Chronik: ,, Auch tags√ľber kamen Vergewaltigungen vor, wenn ein M√§dchen sich nicht √§u√üerlich zur√ľckhielt." Wo der Sexismus zur Erkl√§rung nicht ausreicht, muss der Rassismus herhalten. Die vordersten Truppen in Schwaben bestanden zum gro√üen Teil aus Nordafrikanern. Noch heute wird von "f√ľrchterlichen Marokkanerhorden", "betrunkenen Negern" und "wilden Tieren" gesprochen, die sich √ľber die deutschen Frauen hergemacht h√§tten.

Tats√§chlich hatten die franz√∂sischen Offiziere meist die Nordafrikaner vorgeschickt und "die Drecksarbeit erledigen lassen". Frau E. erinnert sich: "Zur Belohnung durften sie dann ein paar Tage lang pl√ľndern und vergewaltigen. Sonst h√§tten die ja nicht mehr f√ľr Frankreich k√§mpfen wollen."

Was geschah mit den betroffenen Frauen? Zur sofortigen Behandlung von Verletzungen und Abwendung von nun drohenden Geschlechtskrankheiten wurden sie aus vielen D√∂rfern "lastwagenweise" in die T√ľbinger Frauenklinik gebracht. Einige Assistenz√§rzte machten - auf flehentliche Bitten der Frauen und gegen den Willen des Chefarztes - Abtreibungen. Im Ammerg√§u beauftragte sogar ein Pfarrer die Schwester Oberin, abtreibende Sp√ľlungen vorzunehmen. Andere Frauen gaben ihre so dem√ľtigend und gewaltsam entstandenen Kinder zur Adoption frei.

Doch auch bei den Frauen, die nicht schwanger wurden, hinterließ die Vergewaltigung Schäden, körperliche wie psychische, die von den damals oft noch jungen Mädchen zum Teil bis heute nicht verarbeitet sind.

Frau R. berichtet, dass ein Freund sie beim Einmarsch noch vor den fremden Truppen gewarnt habe: "Da hat der zu mir gesagt, ,Wehe Euch M√§dchen und Frauen, wenn es Euch so ergeht, wie's wir in Russland gemacht haben.' Sagt der. Das gibt's doch nicht. Ein deutscher Soldat kann doch nicht so handeln. ,Oh, wenn Sie w√ľssten', hat der gesagt .Ich habe gedacht, das gibt's nicht. Das habe ich nicht wahrhaben wollen. Dass also, dass die Deutschen genauso schlimm gehandelt haben wie die Ausl√§nder bei uns..."

Einige der T√ľbinger M√§nner sagen auch heute, nach 40 Jahren, noch selbst ganz offen: "Wenn man so eine Ortschaft oder eine Stadt eingenommen hat, da geht es eben rund. Kunterbunt geht es da eben zu." Oder: "Das ist eben so, beim Einmarsch geh√∂rt das dazu. Ein Mann kann das verstehen."

Die Frauen können es nicht verstehen. Auch heute, 40 Jahre danach, noch nicht.

In den N√ľrnberger Prozessakten sind die Kriegsverbrechen der Deutschen auf ihren Feldz√ľgen im Westen und besonders im Osten mit akribischer Genauigkeit festgehalten. Nicht nur die Einsatzkommandos der SS und Gestapo, sondern auch "gew√∂hnliche deutsche Wehrmacht", gingen mit √§u√üerster Brutalit√§t gegen die Zivilbev√∂lkerung im Osten vor. Ganze D√∂rfer wurden verbrannt, Kriegsgefangene erschossen, Frauen und Kinder vergewaltigt und entweder gleich get√∂tet oder zur Zwangsarbeit verschleppt.

Auch die Arbeit im Frontbordell gehörte dazu, eine Art legitimierte tausendfache Vergewaltigung auf Berechtigungsschein. Waren die Mädchen und Frauen "abgenutzt", wurden sie in einigen Fällen einfach erschossen und durch neues "Material" ersetzt.

Wie die Russinnen oder Polinnen oder Französinnen von deutschen Männern "erbeutet" wurden, so wurden die deutschen Frauen von Franzosen, Engländern, Amerikanern und Russen "erobert". Überall gelten Frauen - unabhängig von Nation, Religion oder Rasse - als Kriegsbeute der Sieger.

Wieviele der so "eroberten" deutschen Frauen wohl heute noch leben? Und wieviele wohl nie dar√ľber geredet haben? Nicht mit ihren Freundinnen, nicht mit ihren M√§nnern - ja, noch nicht einmal mit ihren T√∂chtern...

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