Das Schlimmste waren die Schreie

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Darüber zu sprechen, fällt den meisten von ihnen noch heute, 40 Jahre danach, schwer. Der Schock sitzt bei den nach dem Krieg vergewaltigten Frauen so tief, dass sie jahrzehntelang schwiegen. Nicht einmal den Freundinnen, Nachbarinnen oder den eigenen Ehemännern konnten sie davon erzählen.

"Das Schweigen zu diesem Thema hat viele Wunden zugedeckt, aber nicht geheilt. Man hätte über die Vergewaltigungen sprechen sollen, damals, aber die Angst war zu groß. Wir waren alle froh, dass es vorbei war." So beschreibt mir eine Tübingerin ihre Gefühle am Telefon.

Auf einen Aufruf in der Lokalzeitung meldeten sich einige Frauen bei mir, die über ihre Erfahrungen berichten wollten. Für manche war es das erste Mal. Alte Ängste wurden wieder wach, schlimme Träume kehrten zurück. Doch die meisten Anruferinnen waren trotzdem erleichtert, endlich einmal offen darüber sprechen zu können: "Man muss über die Vergewaltigungen reden, auch wenn's weh tut! Unsere Kinder wissen von all dem nichts. Doch wenn man aus der Geschichte lernen will, muss man alles wissen, nichts darf ausgelassen werden.''

In den meisten Darstellungen der Kriegs- und Nachkriegszeit fehlt jeglicher Hinweis auf die Vergewaltigungen. Susan Brownmiller weist in ihrem 1978 erschienenen, inzwischen zum unverzichtbaren Klassiker gewordenen Buch über die Vergewaltigung, "Gegen unseren Willen", auf die enge Verbindung von Patriarchat, Krieg und Vergewaltigung von Frauen hin: "Der Krieg liefert den Männern den perfekten psychologischen Freibrief, um ihrer Verachtung für Frauen Luft zu machen.'' Und sie analysiert die Vergewaltigung der Frauen der Besiegten auch als gezielte Demütigung des besiegten Mannes durch den Sieger.

Von Kriegshandlungen sind Frauen gewöhnlich ausgeschlossen, ihnen ist die Rolle des Opfers zugedacht. Frau W. erinnert sich: "Das Schlimmste beim Einmarsch waren die Schreie der Frauen. Überall in Tübingen konnte man Frauen und Mädchen laut um Hilfe schreien hören. Wir hatten alle furchtbare Angst."

Allein in Tübingen wurden mehrere hundert gemeldete Fälle bekannt, - die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit sehr viel höher. Aber auch in den kleineren Orten wie Mössingen oder Dußlingen wurden über hundert Frauen und Mädchen von den französischen Soldaten vergewaltigt.

Um sich vor den Übergriffen der einrückenden Truppen zu schützen, schliefen viele Frauen nachts bei den Eltern im Zimmer oder im Pfarrhaus, andere zogen den Schutz einer Scheune vor oder übernachteten im Wald. Manches junge Mädchen wurde von ihren Eltern tagelang auf dem Dachboden versteckt.

Frau B. berichtete von einer Nacht im Gemeindebackhaus, wo sie mit etwa 30 anderen auf engstem Raum Schutz suchte. Tagsüber wagten sie sich vor allem in den ersten Tagen nur in alten zerrissenen Kleidern und in Begleitung anderer auf die Straße: "Man hat dann den Schmuck runtergetan, ein altes Kopftuch und eine verflickte Schürze angezogen, und so ist man halt rumgelaufen, wenn's ging, nie allein. Egal wo man hinging, die Angst saß einem ständig im Nacken.''

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wurden viele Frauen Opfer des "bataillon du choc", wie die vordersten Truppen hießen. Vom zwölfjährigen Mädchen bis zur 70jährigen Frau - jede konnte es treffen. Nur manchmal konnten Gewalttaten mit Hilfe von mutig auftretenden Verwandten oder Nachbarn verhindert werden. Eine Frau erzählte mir, wie sie von ihrem Bruder in letzter Sekunde gerettet wurde. Er schrie den Franzosen, der sich bereits im Schlafzimmer auf seine Schwester gestürzt hatte, auf französisch an. Dies erschreckte den Angreifer derart, dass er von ihr abließ und fluchtartig das Haus verließ.

Viele Soldaten - das zeigen auch die Berichte vom Einmarsch der Russen in Berlin - kümmerten sich allerdings nicht um die Anwesenheit des Ehemannes oder der Eltern, sondern zwangen sie oftmals sogar dazu, der Erniedrigung zuzusehen. So wird die "Kriegsbeute" den "rechtmäßigen Eigentümern" weggenommen und sozusagen "entwertet". Manche Frauen wurden von mehreren Soldaten, die sich ihr Beutestück kameradschaftlich teilten, nacheinander vergewaltigt...

Unter den wenigen in den schwäbischen Dörfern zurückgebliebenen deutschen Männern breitete sich rasch ein starkes Ohnmachtsgefühl aus. Susan Brownmiller erklärt das so: "Verteidigung der Frauen war lange Zeit Zeichen männlichen Stolzes, wie der Besitz einer Frau Zeichen männlichen Erfolges. Vergewaltigung durch erobernde Soldaten zerstört bei den Männern der unterlegenen Seite alle verbliebenen Illusionen von Macht und Besitz. Der Körper der geschändeten Frau wird zum zeremoniellen Schlachtfeld, zum Platz für die Siegesparade des Überlegenen."

Viele der von uns in und um Tübingen befragten Männer schoben die Vergewaltigungen in ihrem Ort rückblickend den "Dummheiten" der Frauen selbst zu. Die eine sei zu vorlaut gewesen, wird erzählt. Sie habe sich nämlich beim Einmarsch laut gebrüstet, mit einem deutschen Offizier verheiratet zu sein. Oder eine andere sei trotz der drohenden Gefahr zum Wasserholen auf die Straße gegangen. Und auch von Flüchtlingsfrauen wird gern behauptet, sie hätten sich geradezu anbiedernd verhalten, es sei also kein Wunder, wenn es sie "erwischt" hätte: "Die waren ja schon geschminkt, als die Soldaten kamen, wollen wir mal so sagen."

Der Pfarrer von Baisingen notierte in seiner Chronik: ,, Auch tagsüber kamen Vergewaltigungen vor, wenn ein Mädchen sich nicht äußerlich zurückhielt." Wo der Sexismus zur Erklärung nicht ausreicht, muss der Rassismus herhalten. Die vordersten Truppen in Schwaben bestanden zum großen Teil aus Nordafrikanern. Noch heute wird von "fürchterlichen Marokkanerhorden", "betrunkenen Negern" und "wilden Tieren" gesprochen, die sich über die deutschen Frauen hergemacht hätten.

Tatsächlich hatten die französischen Offiziere meist die Nordafrikaner vorgeschickt und "die Drecksarbeit erledigen lassen". Frau E. erinnert sich: "Zur Belohnung durften sie dann ein paar Tage lang plündern und vergewaltigen. Sonst hätten die ja nicht mehr für Frankreich kämpfen wollen."

Was geschah mit den betroffenen Frauen? Zur sofortigen Behandlung von Verletzungen und Abwendung von nun drohenden Geschlechtskrankheiten wurden sie aus vielen Dörfern "lastwagenweise" in die Tübinger Frauenklinik gebracht. Einige Assistenzärzte machten - auf flehentliche Bitten der Frauen und gegen den Willen des Chefarztes - Abtreibungen. Im Ammergäu beauftragte sogar ein Pfarrer die Schwester Oberin, abtreibende Spülungen vorzunehmen. Andere Frauen gaben ihre so demütigend und gewaltsam entstandenen Kinder zur Adoption frei.

Doch auch bei den Frauen, die nicht schwanger wurden, hinterließ die Vergewaltigung Schäden, körperliche wie psychische, die von den damals oft noch jungen Mädchen zum Teil bis heute nicht verarbeitet sind.

Frau R. berichtet, dass ein Freund sie beim Einmarsch noch vor den fremden Truppen gewarnt habe: "Da hat der zu mir gesagt, ,Wehe Euch Mädchen und Frauen, wenn es Euch so ergeht, wie's wir in Russland gemacht haben.' Sagt der. Das gibt's doch nicht. Ein deutscher Soldat kann doch nicht so handeln. ,Oh, wenn Sie wüssten', hat der gesagt .Ich habe gedacht, das gibt's nicht. Das habe ich nicht wahrhaben wollen. Dass also, dass die Deutschen genauso schlimm gehandelt haben wie die Ausländer bei uns..."

Einige der Tübinger Männer sagen auch heute, nach 40 Jahren, noch selbst ganz offen: "Wenn man so eine Ortschaft oder eine Stadt eingenommen hat, da geht es eben rund. Kunterbunt geht es da eben zu." Oder: "Das ist eben so, beim Einmarsch gehört das dazu. Ein Mann kann das verstehen."

Die Frauen können es nicht verstehen. Auch heute, 40 Jahre danach, noch nicht.

In den Nürnberger Prozessakten sind die Kriegsverbrechen der Deutschen auf ihren Feldzügen im Westen und besonders im Osten mit akribischer Genauigkeit festgehalten. Nicht nur die Einsatzkommandos der SS und Gestapo, sondern auch "gewöhnliche deutsche Wehrmacht", gingen mit äußerster Brutalität gegen die Zivilbevölkerung im Osten vor. Ganze Dörfer wurden verbrannt, Kriegsgefangene erschossen, Frauen und Kinder vergewaltigt und entweder gleich getötet oder zur Zwangsarbeit verschleppt.

Auch die Arbeit im Frontbordell gehörte dazu, eine Art legitimierte tausendfache Vergewaltigung auf Berechtigungsschein. Waren die Mädchen und Frauen "abgenutzt", wurden sie in einigen Fällen einfach erschossen und durch neues "Material" ersetzt.

Wie die Russinnen oder Polinnen oder Französinnen von deutschen Männern "erbeutet" wurden, so wurden die deutschen Frauen von Franzosen, Engländern, Amerikanern und Russen "erobert". Überall gelten Frauen - unabhängig von Nation, Religion oder Rasse - als Kriegsbeute der Sieger.

Wieviele der so "eroberten" deutschen Frauen wohl heute noch leben? Und wieviele wohl nie darüber geredet haben? Nicht mit ihren Freundinnen, nicht mit ihren Männern - ja, noch nicht einmal mit ihren Töchtern...

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