1977 - Vergewaltigung: Krieg gegen Frauen

So ist es stets gewesen: Vergewaltigung war die Begleiterscheinung von Religionskriegen: WĂ€hrend des ersten Kreuzzuges schĂ€ndeten Ritter und Pilger auf ihrem Weg nach Konstantinopel nebenbei Frauen. Vergewaltigung begleitete auch Revolutionskriege: George Washington berichtete am 22. Juli 1780 in seinen Aufzeichnungen von einem Thomas Brown aus dem siebenten Pennsylvanian Regiment, der als WiederholungstĂ€ter fĂŒr eine Vergewaltigung in dem Ort Paramus zum Tode verurteilt wurde. Zu Vergewaltigungen kommt es in Kriegszeiten unabhĂ€ngig davon, ob man den jeweiligen Krieg fĂŒr „gerecht“ oder „ungerecht“ hĂ€lt.

Vergewaltigungen gehörten im Ersten Weltkrieg zu den Terrormitteln der deutschen Truppen in Belgien. Mit Vergewaltigungen rĂ€chte sich die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg auf ihrem Marsch nach Berlin an den Deutschen. Vergewaltigt wird in Kriegszeiten immer und ĂŒberall, unabhĂ€ngig von NationalitĂ€t und geographischer Lage. Als die pakistanische Armee in Bangladesh kĂ€mpfte, waren die Vergewaltigungen „bedauerlicherweise“ nicht unter Kontrolle zu halten, wie sich der Außenminister spĂ€ter Ă€ußerte. In Vietnam erreichte die Vergewaltigungswelle ihren Höhepunkt, als die amerikanischen Gis bei ihren Such- und Vernichtungsaktionen im vietnamesischen Bergland aus purer Langeweile ĂŒber die Frauen herfielen.

Doch Vergewaltigungen in Kriegszeiten sind qualitativ etwas anderes als Bomben, die ihre militĂ€rischen Ziele verfehlen, als unpersönliches PlĂŒndern und Brandschatzen, geplante Angriffe aus dem Hinterhalt, als Massenmord und Folter bei Verhören, auch wenn Elemente von all dem darin enthalten sind. Es ist mehr als ein Kriegssymptom oder als Beweis seiner Gewaltexzesse. So alt die Handlung ist, so alt sind die Entschuldigungen dafĂŒr.

Der Krieg liefert den MĂ€nnern einen vollkommenen psychologischen Hintergrund, um ihrer Verachtung fĂŒr Frauen Luft zu machen. Die MĂ€nnlichkeit des MilitĂ€rs - die brutale Waffengewalt, ausschließlich in ihren HĂ€nden liegend, das geistige Band zwischen Mann und Waffen, die mĂ€nnliche Disziplin des Befehlegebens und des BefehledurchfĂŒhrens, die simple Logik der hierarchisch geordneten Befehlsgewalt - das alles bestĂ€tigt den MĂ€nnern, was sie bereits lange ahnten: NĂ€mlich dass Frauen nur unerhebliche Nebensache sind in einer Welt, in der es auf andere Dinge ankommt, nur passive Zuschauer des Geschehens im inneren Kreis.

MĂ€nner, die im Krieg vergewaltigen, sind ganz normale Alltagstypen, die anomal geworden sind, als sie in den exklusivsten MĂ€nnerclub der Welt eintraten. Siege, mit Waffengewalt vermitteln der Gruppe ein MachtgefĂŒhl, von dem man im Zivilleben nur trĂ€umen kann. Macht allein fĂŒr MĂ€nner. Die unwirkliche Situation einer Welt ohne Frauen wird zur eigentlichen RealitĂ€t. Leben zu zerstören erscheint wesentlicher, als Leben zu zeugen; das Gewehr in der Hand bedeutet Macht. Die Perversion des Krieges verstĂ€rkt sich selbst. Gewisse Soldaten mĂŒssen ihre neu errungene Überlegenheit unter Beweis stellen mĂŒssen sie einer Frau, sich selbst und anderen MĂ€nnern beweisen. Der Krieg gibt den MĂ€nnern im Namen des Sieges und der Macht aus den GewehrlĂ€ufen stillschweigend die Erlaubnis, zu vergewaltigen. Und beides, Tat und Entschuldigung, angefĂŒhrt fĂŒr Vergewaltigung in Kriegszeiten, offenbaren ohne TĂŒnche von „Ritterlichkeit“ oder Zivilisation die mĂ€nnliche Psyche in ihrer unverschĂ€mtesten AusprĂ€gung.

FrĂŒhgeschichtliche primitive StĂ€mme fĂŒhrten Krieg, um sich Frauen zu beschaffen, genauso wie sie Krieg fĂŒhrten, um sich Nahrung zu beschaffen, und in einigen Teilen der Welt wird das heute noch so gehandhabt. Die praktisch orientierten HebrĂ€er, stets bemĂŒht, fĂŒr alles und jedes ein geschriebenes Gesetz zu besitzen, machten nicht viel Federlesens mit dem Status von Frauen, die sie auf KriegszĂŒgen gefangengenommen hatten. Weibliche Gefangene konnten als Sklavinnen und Nebenfrauen gehalten werden, aber sie sollten möglichst nicht geheiratet werden. Im Gegensatz zur Ehe mit einer jĂŒdischen Frau konnte die Ehe mit einer gefangenen Frau ohne Grund und grĂ¶ĂŸere UmstĂ€nde geschieden werden.

Auch bei den alten Griechen war Vergewaltigen ein im Rahmen der Regeln des Krieges gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten. Krieger brauchten keine Stigmatisierung zu fĂŒrchten, wenn sie bei Eroberungen Frauen als rechtmĂ€ĂŸige Beute betrachteten und sie als Frau, Nebenfrau, Arbeitssklavin oder SiegestrophĂ€e benutzten.

Der Trojanische Krieg war, wie in der Ilias beschrieben, der Versuch des Spartaners Menelaos, sich Helena zurĂŒckzuerobern, die ihm samt ihrem Vermögen von Paris gestohlen worden war. Tausend Schiffe liefen fĂŒr ein schönes Gesicht vom Stapel. Da Helena eine Königin war, hielt Paris sie in Troja als seine Frau. Weniger hochgestellte Frauen genossen in Kriegen beileibe nicht solche Vorteile.

 „Dem Sieger gehört die Beute!“ Und seit der schönen Helena wurden unter Beute auch Frauen verstanden: allerdings wurde der bloße Besitzwert der Frauen mit der Zeit durch ein weit subtileres Wertesystem ersetzt. Vergewaltigungen bedeuten Triumph ĂŒber Frauen, und dieser Triumph wurde mit der Zeit Maßstab des Sieges, mit dem der Soldat MĂ€nnlichkeit und Erfolg unter Beweis stellen konnte und sich fĂŒr geleistete Kriegsdienste entschĂ€digen konnte. VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber Frauenkörper, die aus Zeiten stammt, in denen Frauen tatsĂ€chlich Eigentum waren, wird als Lohn des Krieges angesehen. „Booty und beauty“ nannte es General Andrew Jackson wĂ€hrend des Krieges 1812 in New Orleans (was so viel heißt wie „Beute und MĂ€dchen“).

Wenn eine siegreiche Armee vergewaltigt, ist der Rausch der Siegesfreude nur ein Teilaspekt der Tat. TatsĂ€chlich lĂ€sst sich Vergewaltigung als auffĂ€lliger Bestandteil eines Systems von nationalem Terror und UnterdrĂŒckung ansehen. Ich sagte „tatsĂ€chlich“, weil der eigentliche Impuls zur Vergewaltigung keiner raffinierten politischen Motivation bedarf, die ĂŒber die allgemeine Missachtung der körperlichen IntegritĂ€t der Frauen hinausginge. Doch neben diesem Impuls haben Vergewaltigungen im Krieg zweifellos einen militĂ€rischen Sinn: sie schĂŒchtern den Gegner ein und demoralisieren die Opfer.

MĂ€nner eines besiegten Landes werten die Vergewaltigung „ihrer Frauen“ traditionsgemĂ€ĂŸ als grĂ¶ĂŸte Erniedrigung, als sexuellen coup de grace, als Gnadenstoß. Denn abgesehen von ihrer echten menschlichen Sorge fĂŒr Frauen und Töchter sehen sie in Vergewaltigungen durch Sieger den zwingenden Beweis fĂŒr den Status maskuliner Impotenz des Besiegten.

Verteidigung der Frauen war lange Zeit Zeichen mĂ€nnlichen Stolzes, wie der Besitz einer Frau Zeichen des mĂ€nnlichen Erfolges. Vergewaltigung durch erobernde Soldaten zerstört bei den MĂ€nnern der unterlegenen Seite alle verbliebenen Illusionen von Macht und Besitz. Der Körper der geschĂ€ndeten Frau wird zum zeremoniellen Schlachtfeld, zum Platz fĂŒr die Siegesparade des Überlegenen. Und die Tat, die an der Frau verĂŒbt wird, ist eine Botschaft unter MĂ€nnern - deutlicher Siegesbeweis fĂŒr den einen, Dokument, der Niederlage fĂŒr den anderen. Wenn im Krieg vergewaltigt wird, werden EhemĂ€nner oder VĂ€ter fĂŒr gewöhnlich gezwungen, der Tat zuzuschauen. HĂ€ufig ist es der Fall, dass die EhemĂ€nner sich mit Abscheu von ihren geschĂ€ndeten Frauen abwenden - wie die massenweise Ablehnung der Frauen in Bangladesh (nach dem Krieg mit Pakistan).

Im Krieg wie im Frieden bĂŒrden die EhemĂ€nner ihren Frauen den grĂ¶ĂŸten Teil der Schuld an dem schrecklichen Ereignis auf. Die geheiligten Besitzrechte sind verletzt worden, und das BesitzstĂŒck selber trĂ€gt die Schuld daran.

Der gelegentliche Geschichtsleser wird schnell feststellen, dass Vergewaltigungen selbst in Kriegszeiten kaum erwĂ€hnt werden. Angesehene Historiker haben sich nur selten damit abgegeben, Vergewaltigungen in Kriegszeiten zu dokumentieren, einerseits weil das Thema nicht ihren Geschmacks- und ihren WertmaßstĂ€ben entsprach, andererseits weil es nur selten stichhaltiges Beweismaterial gibt.

Das vollstĂ€ndigste Faktenmaterial ĂŒber Vergewaltigung im Ersten Weltkrieg verdanken wir dem britischen Historiker Arnold Joseph Toynbee, der als junger Gelehrter in Oxford den Ausbruch des Krieges erlebt hatte. 1917 veröffentlichte Toynbee zwei kleine BĂ€nde, einen ĂŒber die ersten Kriegsmonate in Belgien, den anderen ĂŒber den Krieg in Frankreich. Beide BĂŒcher sind im Grunde nichts anderes als HandbĂŒcher deutscher Greueltaten, die von UntersuchungsausschĂŒssen der Alliierten gesammelt und mit vorhandenen deutschen Dokumenten verglichen worden waren.

Ausschreitungen deutscher Soldaten gegen Frauen sind so hĂ€ufig gewesen, dass man unweigerlich zu der Überzeugung gelangt, dass sie von deutschen Offizieren geduldet und geradezu gefördert wurden
Wenigstens fĂŒnf Offiziere haben sich solche Verbrechen selber zuschulden kommen lassen, und wo die Offiziere das Beispiel gaben, taten ihre Leute das gleiche ... In einem Fall liegt so eindeutiges Beweismaterial vor, dass jedes Gericht sich damit zufriedengeben wĂŒrde. Ein junges MĂ€dchen von neunzehn Jahren wurde von einem Offizier vergewaltigt, wĂ€hrend der andere die Mutter mit gezogenem Revolver bei der Gurgel hielt. Anschließend tauschten die Offiziere die Rollen. Offiziere und Soldaten jagten meist zu zweit. Eintritt in HĂ€user verschafften sie sich entweder dadurch, dass sie vorgaben, Quartiere zu suchen oder sie drangen einfach mit brutaler Gewalt ein. Oft wurden die Opfer getreten und geschlagen, immer aber mit geladenem Revolver bedroht. Durch die geschickte Art und Weise, mit der die Alliierten die SchĂ€ndung der Französinnen und Belgierinnen fĂŒr eigene Zwecke ausgenutzt haben, spielten diese Frauen tatsĂ€chlich eine Rolle bei der Verteidigung ihrer LĂ€nder. Falls der Leser aber annehmen sollte, dieser ungewöhnliche Beitrag, der das Maß dessen, wozu ein Mensch verpflichtet ist, weit ĂŒbersteigt, sei in der Geschichte gebĂŒhrend anerkannt worden, so irrt er sich.

Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, mit der Vergewaltigung anderer umzugehen, und die ist im Ersten Weltkrieg auch genutzt worden. Man leugnete ganz einfach, dass es ĂŒberhaupt zu Vergewaltigungen gekommen ist.

Da Vergewaltigung die deutlichste Handlung darstellt, mit der ein Mann einer Frau demonstrieren kann, dass sie durch seine ĂŒberlegene StĂ€rke und Macht erobert - besiegt - ist, war es im Rahmen des Faschismus nur zu logisch, wenn der deutsche Soldat durch Vergewaltigung zu beweisen suchte, dass er ein Herrenmensch war. Ja, es wĂ€re geradezu unlogisch gewesen, wenn der deutsche Soldat Vergewaltigung nicht in seinem Waffenarsenal gehabt hĂ€tte. Vergewaltigung hat ja fĂŒr die Deutschen, und weitgehend auch fĂŒr die Japaner, bei ihrem Vorhaben der totalen Erniedrigung und Ausrottung „minderwertiger Völker“ und der Festigung ihrer eigenen vermeintlichen Herrenrasse eine wichtige Rolle gespielt.

Über massenhafte Vergewaltigungen jĂŒdischer Frauen wurde zum ersten Mal berichtet wĂ€hrend der insgeheim angeordneten „spontanen“ Pogrome vom November 1938, der sogenannten Kristallnacht: Sie war eine zuerst in MĂŒnchen ausgelöste, dann ganz Deutschland erfassende organisierte Reaktion auf die Ermordung eines unbedeutenden deutschen Botschaftsangestellten in Paris durch einen Juden. Die Kristallnacht wurde zum Modell, nach dem spĂ€ter, wĂ€hrend des Krieges, in vielen anderen StĂ€dten verfahren wurde.

Wenn die deutsche Wehrmacht ein polnisches oder russisches Dorf besetzt hatte, wurde stets nach gleichem Schema verfahren. Erste Phase der Gewaltanwendung: PlĂŒnderung vor allem der jĂŒdischen HĂ€user, Aussonderung jĂŒdischer MĂ€dchen fĂŒr Folterungen und Vergewaltigungen, oft vor den Augen der Eltern.

Eigentlich war es den Deutschen verboten, Juden zu vergewaltigen. Die NĂŒrnberger Rassengesetze von 1935 zum Schutz arischen „Blutes“ belegten in ihrer verdrehten Logik mit dem Begriff der „Rassenschande“ nicht nur Ehen und außereheliche Beziehungen, sondern auch NotzĂŒchtigungen. Die Angst vor Festnahme wegen Rassenschande hat offensichtlich eine Reihe von Soldaten in akute Konflikte gestĂŒrzt.

Eine Überlebende von Bergen- Belsen namens Sala Pawlowitsch beschreibt in ihren veröffentlichten Memoiren ein schreckliches Erlebnis auf der Polizeistation ihres von den Deutschen besetzten polnischen Heimatortes Lask. Sie war unter irgendeinem Vorwand dorthin befohlen worden. Vor versammelter Mannschaft wurde sie von der Gestapo gezwungen, sich auszuziehen, und dann stieß man sie eine zeitlang herum, bis einer voll den Gestapoleuten sie in einen angrenzenden Raum zog.

 „Ich stand in einem kleinen Amtszimmer. Der Deutsche hatte eine große schwere Peitsche in der Hand. „Du kannst nicht gehorchen... Ich werd’s dir zeigen. Weil du ein dreckiges Judenschwein bist, kann ich dich nicht haben, verdammt nochmal.“ Immer wieder holte er mit der Peitsche aus, und ich fiel in Ohnmacht.“

Als Sala Pawlowitsch wieder zu sich kam, lag sie nackt und blutend auf der Straße. In ihren Memoiren schreibt sie, dass die Nazis allnĂ€chtliche StreifzĂŒge durchs Getto unternahmen, um sich jĂŒdische MĂ€dchen zu holen. Trotz der verzweifelten Versuche ihrer Mutter, sie zu verstecken, konnte sie der Aufmerksamkeit der Deutschen nicht entgehen. Sie hatte das GefĂŒhl, dass dies in den Rahmen der allgemeinen sadistisch-sexuellen DemĂŒtigung der jĂŒdischen Bevölkerung gehörte. TagsĂŒber veranstalteten die Deutschen „aus Spaß“ massenhafte Entkleidungsszenen, bei denen MĂ€nner, Frauen und Kinder sich ausziehen und hinlegen mussten. „Sie gingen dann lachend durch die Reihen und machten schmutzige Bemerkungen. Sie schlugen uns mit Peitschen auf den nackten RĂŒcken und jagten uns durchs Getto. Was sie taten, beschĂ€mte mich tief.“

Als die Deutschen den Druck auf das Warschauer Getto verstĂ€rkten, spielte dabei auch die sexuelle DemĂŒtigung der Juden eine Rolle: Im Getto verabreichten GynĂ€kologen den Opfern deutscher Notzuchtverbrechen routinemĂ€ĂŸig Tetanusspritzen, wie ein jĂŒdischer Arzt aus Warschau berichtet. In seiner Aussage heißt es: „Wir hielten die Namen der Opfer natĂŒrlich geheim... In der Swietokerskastraße kam es in einem GlaswarengeschĂ€ft zu einer Massenvergewaltigung. Die Deutschen griffen sich die schönsten und gesĂŒndesten MĂ€dchen von der Straße und ließen sie in dem GeschĂ€ft Spiegel verpacken. Nach der Arbeit wurden die MĂ€dchen vergewaltigt.“

In einer anderen eidesstattlichen ErklĂ€rung wird von einem Ă€hnlichen Vorfall in der Franciszkanskastraße berichtet, bei dem „vierzig jĂŒdische Frauen in ein Haus geschleppt wurden, das von deutschen Offizieren besetzt war. Sie wurden gezwungen, Alkohol zu trinken, dann mussten sie sich ausziehen und vor ihren Peinigern tanzen. Sie wurden geschlagen, missbraucht und vergewaltigt. Erst um drei Uhr morgens ließ man sie wieder gehen.“ Diese Zeugenaussagen sind in „Schwarzbuch des polnischen Judentums“ gesammelt. Das Buch erschien 1943 vor der endgĂŒltigen Vernichtung des Gettos in New York. MerkwĂŒrdigerweise habe ich keinen ausfĂŒhrlichen Bericht ĂŒber das Warschauer Getto ausfindig machen können, weder Sachbuch noch Roman, der FĂ€lle von Vergewaltigung eingehender schildert. Möglich, dass solche Taten von der Geschichte einfach ĂŒbersehen wurden oder dass die fĂŒrchterliche Zerstörung des Gettos und der letzte verzweifelte Widerstand der Juden die frĂŒheren Berichte ĂŒber vergewaltigte Frauen ĂŒberschattet haben, doch ich bin eher geneigt, die Angelegenheit ein wenig skeptischer zu beurteilen.

Das „Schwarzbuch des polnischen Judentums“ wurde zu Propagandazwecken publiziert, als Schrei um Hilfe. Vielleicht bestand nach dem Kriege keine politische Notwendigkeit mehr, den Worten von Frauen Glauben zu schenken oder dem Schicksal von Frauen irgendeine besondere Wichtigkeit beizumessen. Ich wĂŒrde gerne mit Überzeugung sagen können, dass die alliierten Befreiungsarmeen des Zweiten Weltkriegs sich erheblich "anders gegenĂŒber Frauen verhalten haben als die Eroberungs- und Unterwerfungsarmeen und dass das Prozessmaterial von NĂŒrnberg und Tokio diese Unterschiede schlĂŒssig belege. Doch liegt es in der Natur jeder Institution, die MĂ€nner von Frauen trennt und ihnen das Machtmittel der Waffe in die Hand gibt, dass sich die geballte Macht gegen alle Frauen wenden kann, denn Frauen werden im Krieg nicht deswegen zum Opfer von Vergewaltigungen, weil sie zum Feindeslager gehören, sondern weil sie Frauen und deshalb Feinde sind.

Es ergab sich, dass die richtige Seite gewann, und das Böse, ĂŒber das man zu Gericht saß, hatte zweifellos ein extremes Ausmaß erreicht; wer sich mit der Literatur ĂŒber Massenvernichtung im Zweiten Weltkrieg genauer beschĂ€ftigt hat, der hat die Erkenntnis davongetragen, dass er einen Blick in die unterste Hölle geworfen hat. Aber die in NĂŒrnberg und Tokio zu Gericht saßen, waren die Sieger des Krieges. Die andere Seite hatte Rechenschaft abzulegen. Kein internationales Tribunal befasste sich mit Kriegsverbrechen der Alliierten, Frauen „des Feindes“ gaben keine Aussagen ĂŒber Verbrechen zu Protokoll und keine geheimen Dokumente von alliierter Seite wurden ans gnadenlose Licht der Öffentlichkeit gezogen.

In Hildegard Knefs „Der geschenkte Gaul“ schildert sie in ihrer leidenschaftlich geschriebenen Autobiographie den Fall Berlins aus der Sicht einer Frau. Die Knef stand in einem Hausflur, als Lastwagen mit Frauen und Kindern „vorbeiklappern“, die aus Frankfurt an der Oder, Strausberg und Spindlersfeld geflohen waren. Im VorĂŒberfahren riefen die Frauen von ihren Wagen herunter: „Haut ab, die Russen vergewaltigen euch, schlagen euch tot!“ Die Knef zog sich daraufhin eine Wehrmachtsuniform an, „um nicht vergewaltigt zu werden“, wie sie schreibt.

SpĂ€ter saß sie mit ihren mĂ€nnlichen Kameraden zusammengekauert in einem Behelfsbunker und hört: „Schreie, grauenvolle, fĂŒrchterliche, spitzhohe, schrille Schreie. Ich ruf rĂŒber, ruf leise, auf zum nĂ€chsten SchĂŒtzenloch: Seid ihr da? Ja! Ja, was ist das? Russen — sind in dem Haus da - nehmen sich die Frauen vor - Scheiß, gottverdammte!!!“ Cornelius Ryan, einer der wenigen Historiker, die das PhĂ€nomen Vergewaltigung im Krieg von der richtigen Warte her sah, hat in seinem grĂŒndlich recherchierten Buch „Der letzte Kampf“ den Fall Berlins beschrieben. Am Anfang heißt es: „Die Angst vor Vergewaltigung lag wie eine dĂŒstere Wolke ĂŒber Berlin.“ Nach annĂ€hernd sechs Kriegsjahren war Berlin gleichsam eine Frauenstadt.

Bei den Vergewaltigungen deutscher Frauen und MĂ€dchen durch sowjetische Soldaten und Offiziere handelt es sich um ein Massenvergehen im wahrsten Sinne des Wortes, keineswegs um EinzelfĂ€lle. Abgesehen von den physischen und psychischen SchĂ€digungen, die die Vergewaltigungen fĂŒr die ungeheure Zahl der betroffenen deutschen Frauen bedeuteten, haben besonders die BrutalitĂ€t und Schamlosigkeit, mit der sich diese VorgĂ€nge oft vollzogen, zur Verbreitung von Angst und Schrecken unter der deutschen Bevölkerung beigetragen. Admiral Dönitz zitiert in seinen Memoiren ein angebliches Ehrenburg-Flugblatt wie folgt: „Tötet, Tötet! Es gibt nichts, was an den Deutschen unschuldig ist, an den Lebenden nicht und an den Ungeborenen! Folgt den Weisungen des Genossen Stalin und zerstampft fĂŒr immer das faschistische Tier in seiner Höhle. Brecht mit Gewalt den Rassenhochmut der germanischen Frauen. Nehmt sie als rechtmĂ€ĂŸige Beute. Tötet, ihr tapferen, vorwĂ€rtsstĂŒrmenden Rotarmisten!“

Ryan fand heraus, dass Ehrenburg von der Armeezeitung „Roter Stern“ einmal fĂŒr seinen maßlosen Propagandastil gerĂŒgt worden war. Ich glaube, das war der Grund, warum Ryan das Flugblatt fĂŒr echt hielt. Ich bin mir da nicht so sicher, dafĂŒr habe ich mich zuviel mit der Geschichte gefĂ€lschter FlugblĂ€tter beschĂ€ftigt. Schließlich war Ehrenburg Jude, und der teuflische Aufruf, der ein wenig nach den skurrilen Protokollen der Weisen von Zion klingt, musste den geschlagenen Nazis gut in den Kram passen.

In Kriegszeiten werden die Grenzen zwischen Vergewaltigung und Prostitution unscharf. Als die SS-MĂ€nner dem jĂŒdischen MĂ€dchen erklĂ€rten, sie werde das nĂ€chste Mal drankommen und fĂŒnf Zlotys erhalten, versuchten sie, einen Akt der Notzucht in einen Akt der Prostitution zu verwandeln, fĂŒr den das Opfer mitverantwortlich wĂ€re. Das gleiche schwebte dem japanischen Kommandanten vor, der seinen Leuten den Rat gab, sie sollten, um Ärger zu vermeiden, die MĂ€dchen entweder bezahlen oder nachher umbringen. Soweit ich weiß, haben die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg keine Frauen zusammengetrieben und zur Prostitution gezwungen. Der klingende Dollar war fĂŒr die ausgehungerten Frauen der befreiten LĂ€nder Zwang- und Lockmittel genug. Der Unterschied zwischen Prostitution und Vergewaltigung im Krieg ist insofern etwas Reales, als es immer MĂ€nner gibt, die lieber vergewaltigen. „Vergewaltigung hĂ€ngt nicht davon ab, ob willige Frauen oder Prostituierte zur VerfĂŒgung stehen“, erklĂ€rte mir ein Mitglied des US-MilitĂ€rgerichts fĂŒr RevisionsfĂ€lle in Washington. „Überall, wo Soldaten sind, gibt es in einem Krieg auch Prostituierte.“

Nicht nur in den zwanzig Jahren Krieg, an dem die USA beteiligt waren, sondern von Anfang an, bereits wĂ€hrend der UnabhĂ€ngigkeitskĂ€mpfe gegen die französische Kolonialmacht, war Vietnam ein soziologischer Schmelztiegel fĂŒr Vergewaltigung. Es zeigte sich, dass bestimmte Gruppen von Menschen sich anders als andere verhalten haben, und diese Tatsache vermag uns Aufschluss darĂŒber zu geben, welche MentalitĂ€t zu Vergewaltigungen fĂŒhrt. In einer Hinsicht unterschied sich allerdings auch dieser Krieg nicht von anderen: Nur selten, wenn ĂŒberhaupt, hat ein auslĂ€ndischer Korrespondent Vergewaltigungen fĂŒr berichtenswert gehalten.

Im Dezember 1972, als die Pariser „Friedens“- GesprĂ€che schließlich in eine intensive Phase traten, fĂŒhrte ich in New York einige lange Interviews mit Peter Arnett, der acht Jahre lang als Korrespondent der Associated Press (AP) in Vietnam tĂ€tig war. Wie die anderen auslĂ€ndischen Korrespondenten in Saigon hat auch er, dieser mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Journalist, niemals einen Bericht ĂŒber Vergewaltigungen in Vietnam geschrieben, obwohl er wie seine Kollegen sicherlich davon gehört hatte.

Peter Arnett hat erzĂ€hlt, „dass Prostitution eine lange Tradition hatte. Gewisse FamilienvĂ€ter wĂŒrden keine Sekunde zögern, ihre Töchter regelmĂ€ĂŸig zu verschachern, wenn sie Geld brauchen“. Je lĂ€nger der Krieg andauerte, desto mehr wurde die Prostitution fĂŒr Tausende von Vietnamesinnen die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. 1966 hatte das Problem ein solches Ausmaß angenommen, dass einige hundert Lehrerinnen, Schriftstellerinnen und Sozialarbeiterinnen ein „Komitee zur Verteidigung der MenschenwĂŒrde und der Rechte der vietnamesischen Frau“ bildeten. Der Grund, warum die US- StreitkrĂ€fte sich auf die Prostitution einließen, lag eher darin, dass man die GIs beruhigen und ablenken wollte, und nicht in der Vorstellung von irgendeinem mĂ€nnlichen UrbedĂŒrfnis nach Frauen, das zufriedengestellt werden musste. Die Wehrdienstzeit in Vietnam betrug ein Jahr, also keine unzumutbar lange Zeit, die man ohne Frau leben musste; sexuelle Spannungen konnten durch Masturbation gelöst werden, und ich nehme an, dass dies auch regelmĂ€ĂŸig geschah. Ein amerikanischer Kriegsgefangener erklĂ€rte bei seiner Heimkehr im Februar 1973: „Dieser Quatsch, von wegen ohne Sex nicht leben können, ist absoluter Blödsinn. Ich habe von Essen und Medikamenten getrĂ€umt.“

Der New Yorker Journalist Daniel Lang beschreibt detailliert einen spezifischen Fall von Gruppenvergewaltigung durch US-Soldaten in Vietnam. Im November 1966 nĂ€herte sich eine aus fĂŒnf Mann bestehende Patrouille dem kleinen Dorf Cat Tuong im Zentralen Hochland. Sie hatten den auf fĂŒnf Tage befristeten Auftrag, das Gebiet nach Vietkong-Soldaten abzusuchen, doch als sie in das Dorf kamen, suchten sie sich stattdessen lieber ein MĂ€dchen, das sie fĂŒnf Tage lang zum „Bumsen“ mit sich nehmen konnten. FĂŒr die MĂ€nner war klar, dass sie das MĂ€dchen nach fĂŒnf Tagen umbringen und die Leiche verstecken mussten. Lang verwendet Pseudonyme fĂŒr die fĂŒnf Soldaten; den Namen ihres Opfers, Phan Thi Mao, hörten die Soldaten zum ersten Mal wĂ€hrend des MilitĂ€rgerichtsprozesses.

Die Soldaten hatten sich Mao ausgesucht, weil sie einen Goldzahn in ihrem Mund lustig fanden. Sie war vielleicht zwanzig Jahre alt, und die Frauen des Dorfes wussten so gut wie die US-Soldaten, was gespielt wurde. Als dem MĂ€dchen die HĂ€nde auf dem RĂŒcken zusammengebunden wurden, kauerten sie sich auf den Boden, weinten und klammerten sich aneinander, und als Mao fortgefĂŒhrt wurde, lief ihre Mutter den Soldaten mit dem Schal der Tochter nach - eine der ergreifendsten Szenen des Vorfalls und die einzige Handlung, die der Frau zum Schutz ihrer Tochter blieb. Einer der Soldaten nahm den Schal und band ihn dem gefangenen MĂ€dchen um den Mund.

Nur einer der fĂŒnf MĂ€nner, der Gefreite Sven Erikson, beteiligte sich nicht an den Vergewaltigungen und an der Ermordung des MĂ€dchens. Die QuĂ€lereien und in einzelnen Akten ĂŒberflĂŒssige Grausamkeit, die an Mao begangen wurden, stellt Lang als Wettbewerb um die mĂ€nnliche Hackordnung dar. Erikson wurde wegen seiner Weigerung, sich an den Vergewaltigungen zu beteiligen, vom Einsatzleiter, Feldwebel Tony Meserve, als Schwuler und SchwĂ€chling verhöhnt.

Auch bei der grĂ€sslichsten Ausschreitung des Vietnamkriegs, dem My-Lai-Massaker vom 16. Mai 1968, spielte Vergewaltigung eine Rolle. Seymor M. Hersh, der ĂŒber die Ermittlungen des Massakers seitens der US-Armee und ĂŒber den MilitĂ€rgerichtsprozess gegen Leutnant William L. Calley in der Presse berichtete, verfasste spĂ€ter auch einen ausfĂŒhrlichen Bericht ĂŒber die Vernichtung von My Lai, der einen Eindruck von der fortwĂ€hrenden Gewalt gegen Frauen verschafft.

Laut Hersh, sowie Joseph Lelyveld von der „New York Times“ und anderen Journalisten hat die sogenannte „Charly“-Kompanie unter dem Kommando von Hauptmann Medina bereits einen Monat vor der Zerstörung von My Lai damit begonnen, in der NĂ€he ihres StĂŒtzpunktes in der Provinz Quang Ngai Frauen zu missbrauchen. Obwohl jeder in der Einheit von diesen Vergewaltigungen wusste, wurde von offizieller Seite nichts dagegen unternommen. Die gemeinsame Vergewaltigung einer BĂ€uerin, die auf dem Feld gearbeitet hatte, ihr Baby bei sich tragend, wurde von einem TĂ€ter in allen Einzelheiten samt der anschließenden Ermordung der Frau mit einer Kleinbildkamera aufgenommen.

Das systematische Erschießen von alten MĂ€nnern, Frauen und Kindern in My Lai hatte zur FrĂŒhstĂŒckszeit begonnen. Um zehn Uhr dreißig Ortszeit war das Blutbad an den unbewaffneten Menschen beendet. (SchĂ€tzungen ĂŒber die Zahl der Opfer schwanken zwischen 109 und 567 Toten; die Strafermittlungseinheit der Armee einigte sich auf die Zahl von 347.) Die Soldaten regten sich langsam wieder ab, schlenderten umher, rauchten, und dann steckten sie die noch stehenden HĂŒtten und HĂ€user in Brand und töteten mit kurzen FeuerstĂ¶ĂŸen herumirrende und verwundete Dorfbewohner. Zu diesem Zeitpunkt wurden die US-Soldaten Jay Roberts und Ron Haeberle, beide als MilitĂ€rreporter im Auftrag des Pentagons dabei, die „Operation“ von My Lai zu photographieren, Zeugen der ersten versuchten Vergewaltigung an diesem Tage. Einige Soldaten machten sich an einem etwa fĂŒnfzehnjĂ€hrigen MĂ€dchen zu schaffen. Eine Ă€ltere Frau warf sich dazwischen.

Als einer der US-Soldaten einen der Armeephotographen bemerkte, beendete er den Vorfall abrupt, indem er beide Frauen erschoss. Zwei Sekunden vor dem Doppelmord hatte Haeberle noch eine Aufnahme geschossen, die 21 Monate spĂ€ter, als das Massaker von My Lai bekannt wurde, in der Zeitschrift „Life“ veröffentlicht wurde.

Arnett gehörte zu den Reportern, die Schreie gehört hatten, wenn Spezialeinheiten Frauen in den Wald schleppten, und er war wie andere auch der Sache nie nachgegangen. Seine Art von soziologischer ErklĂ€rung fĂŒr das Verhalten der Soldaten lautete: „Die SĂŒdvietnamesen tun solche Dinge nicht gern in aller Öffentlichkeit. Es geschah immer insgeheim. Öffentliche Gruppenvergewaltigungen wĂ€ren eher von Amerikanern als von ihnen zu erwarten gewesen.“ Arnett hatte auch die typische ErklĂ€rung von Journalisten zur Hand, dass Vergewaltigungen „schwer zu beweisen“ seien, allerdings gab er zu, dass „gegen Ende des Krieges alle Frauen, die aus MilitĂ€rgefĂ€ngnissen entlassen wurden, erklĂ€rten, dass sie vergewaltigt worden waren“.

Das „Time Magazine“ stellte im Dezember 1972 in einem Bericht ĂŒber Saigons politische HĂ€ftlinge vorsichtig fest: „Horrorgeschichten sind reichlich im Umlauf, und die meisten Leute in Saigon halten sie fĂŒr wahr. Eine kĂŒrzlich aus dem Polizeihauptquartier entlassene Frau berichtete, beim Verhör sei ihr ein GummiknĂŒppel in die Vagina gestoßen worden.“

Folterungen weiblicher politischer Gefangener sind schon immer mit Vergewaltigungen oder anderen sexuellen Misshandlungen verbunden gewesen. Ob nun sadistische Folter automatisch zu sexuellen QuĂ€lereien fĂŒhrt oder das Herauspressen politischer Informationen nur den Vorwand liefert fĂŒr aggressive Sexualakte — fĂŒr die betroffenen Frauen ist das Endergebnis fast unvermeidlich. Wie die Deutschen 1944 Angehörige des französischen Maquis folterten und vergewaltigten und wie zehn Jahre spĂ€ter die Franzosen fĂŒhrende Mitglieder des algerischen Widerstands folterten und vergewaltigten, so erfuhr man 1972 außer von den Grausamkeiten bei Verhören in SĂŒdvietnam von Elektroschocks und Vergewaltigungen politischer HĂ€ftlinge in Argentinien und von . SchlĂ€gen und Elektroschocks, die inhaftierten MĂ€nnern und Frauen in Brasilien verabfolgt worden waren. Einschließlich der doppelt rachsĂŒchtigen Handlung, dass man Frauen in Gegenwart ihrer EhemĂ€nner vergewaltigt hatte! Sechs Monate spĂ€ter das gleiche seitens der Portugiesen in ihren Kolonien Angola und Mosambique und ein Jahr spĂ€ter seitens des MilitĂ€rregimes in Chile. Frauen ĂŒberall auf der Welt sind unter dem Vorwand der Beschaffung politischer Informationen vergewaltigt worden.

Politisch unparteilich, erklĂ€rte mir Peter Arnett (ĂŒbrigens NeuseelĂ€nder), den auslĂ€ndischen Korrespondenten in Saigon sei allgemein bekannt, dass der Vietkong und die nordvietnamesische Armee kaum vergewaltigten. „Der Vietkong benutzte zwar den Terror als ĂŒbliches Kampfmittel“, erklĂ€rte er unverblĂŒmt. „Sie stellten die fĂŒhrenden MĂ€nner eines Dorfes in einer Reihe auf und köpften sie wie etwas SelbstverstĂ€ndliches. Doch Vergewaltigungen gehörten nicht zu seinen Strafaktionen. PlĂŒndern, Stehlen von Lebensmitteln und Vergewaltigung waren verboten. Der Vietkong gab Exekutionen wegen Vergewaltigungen öffentlich bekannt. Vergewaltigung galt als schweres Verbrechen. Überdies wurde es als schwerer politischer Fehler betrachtet, zu vergewaltigen und zu plĂŒndern. Deshalb kam das kaum vor. Frauen, die von Angehörigen der Gegenseite vergewaltigt worden waren, erklĂ€rte man zu Heldinnen, als Beispiele fĂŒr die Greueltaten des Feindes.“

Arnett bedachte auch, dass bei militÀrischen Operationen die Vietkong-Frauen eine wichtige Rolle spielten und dass die Gegenwart von Frauen, die mit den MÀnnern gleichberechtigt Seite an Seite kÀmpften, die sexuelle Erniedrigung und Misshandlung von den Frauen verhinderte.

Zu jener Zeit gingen in den USA Frauenbewegung und Kriegsgegnerbewegung ihre eigenen Wege. Beide Bewegungen waren derart mit den eigenen Fragen beschĂ€ftigt, dass sie die Ziele der jeweils anderen Bewegung aus dem Blick verloren. Ich bin in dieser Zeit einige Male gebeten worden, meine Schwestern zur Teilnahme an Demonstrationen zu bewegen und die „SolidaritĂ€t der Frauenbewegung mit der Friedensbewegung“ zu bekunden. Da ich mich ganz und gar der feministischen Sache verschrieben habe, lautete meine Antwort, dass ich mich mit Sicherheit an solchen Aktionen beteiligen wĂŒrde, wenn die Friedensbewegung dafĂŒr Sorge trage, dass Vergewaltigung und Prostitution in Vietnam zur Sprache kĂ€men. Ich stieß damit auf eisiges Schweigen, denn die Schlagworte der Antikriegsaktivisten hießen damals „Anti-Imperialismus“ und „amerikanische Aggression“.

FĂŒr sie bedeutete der Slogan „Schluss mit der Vergewaltigung von Vietnam“ - der auf Ansteckknöpfen auftauchte - Schluss mit der Erntevernichtung, aber nicht Schluss mit der Gewalt gegen Frauen. Ich bedauere es, dass die Friedensbewegung die Vergewaltigung von Frauen in Vietnam nicht fĂŒr ein Thema hielt, das wichtig und spezifisch genug ist, um fĂŒr sich selbst zu sprechen. Und ich bedauere es, dass wir in der Frauenbewegung im Kampf um unsere UnabhĂ€ngigkeit nicht die Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Frauen im Krieg zu lenken vermochten. Die Zeit dafĂŒr war noch nicht gekommen.

 

Susan Brownmiller
Werbung

Neuen Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.