Schweden: Den Trans-Train stoppen!

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Für Angela Sämfjord wurde das Ganze zu einer Gewissensfrage. Viele Jahre lang hatte die schwedische Psychiaterin Jugendliche in der Lundströmmottagning behandelt, einer Spezialambulanz für Menschen mit „Geschlechtsdysphorie“, also solchen, bei denen das biologische Geschlecht nicht mit dem Geschlechtsempfinden übereinstimmt. Gemeinsam mit ihrem Team erstellte die Medizinerin Gutachten, die den Jugendlichen den Zugang zu geschlechtsangleichenden Hormonbehandlungen und Operationen ermöglichen.

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Doch über die Jahre wuchsen die Zweifel in ihr, ob sie immer das Richtige tat. Vor allem bei ihren weiblichen Patienten. „In den vergangenen Jahren kamen mehr und mehr biologische Mädchen in unsere Praxis. Viele von ihnen hatten andere Diagnosen wie Autismus, Essstörungen oder traumatische Belastungsstörungen. Trotzdem wurde von uns erwartet, dass wir den Wunsch dieser Patienten nach einer geschlechtsangleichenden Behandlung erfüllen.“ 2019 zog Sämfjord die Reißleine und kündigte ihren Job. „Ich hatte Angst, jungen Menschen unwiderruflichen Schaden zuzufügen.“

Als Sämfjord dies im schwedischen Fernsehen erklärte, war im Land gerade eine heftige Debatte darüber entbrannt, ob der Weg, den die schwedische Regierung in Sachen Transsexualität eingeschlagen hatte, wirklich der richtige ist. Im August 2018 hatte die rotgrüne Regierung, die sich selbst stolz als „feministisch“ bezeichnet, einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Jugendlichen den Zugang zu sogenannten „geschlechtsangleichenden“ Operationen von 18 auf 15 Jahre senken sollte. In Einzelfällen sollten die OPs sogar ohne Einwilligung der Eltern möglich sein. Kinder ab zwölf Jahren sollten die Möglichkeit bekommen, ihren Geschlechtseintrag zu ändern.

Mit dem Gesetz wolle man verhindern, dass sich Trans*-Jugendliche während der langen Wartezeit auf eine OP das Leben nehmen, hieß es in der Begründung für das Gesetz. Eine Gefahr, die Transgender-Gruppen heraufbeschworen hatten, die für das Gesetz lobbyiert hatten. Allen voran der „Reichsverband für sexuelle Gleichberechtigung“ (RFSL), die größte schwedische Organisation für Homosexuellen- und Transrechte.

Eine Zeitlang sah es so aus, als ob das Gesetz problemlos durchgewunken würde. Doch dann meldeten sich immer mehr Gegenstimmen zu Wort, und der schwedische „Trans Train“ geriet aus voller Fahrt ins Stocken.

„The Trans Train“ heißt eine zweistündige Dokumentation, die im April und Oktober 2019 im schwedischen Fernsehen lief, und einen äußerst kritischen Blick auf die gängige Praxis in den Gender-Ambulanzen warf. Im sogenannten KID-Team der Karolinska Uniklinik waren die Fälle seit Gründung des Teams im Jahr 2000 von damals fünf bis zehn pro Jahr auf jährlich 200 explodiert, die meisten davon Mädchen. Psychologinnen und Ärzte, Eltern, aber auch Trans-Beratungsstellen und sogenannte De-Transitioner beklagten die Leichtfertigkeit, mit der 14-jährigen Mädchen in der Uniklinik die Brüste amputiert wurden, ohne dass eventuelle andere Ursachen für deren Unbehagen mit dem eigenen Körper angemessen abgeklärt oder gar behandelt worden wären. Sie komme sich „wie ein Versuchskaninchen vor“, erklärt in der Dokumentation eine junge Frau, die sich zum Transmann machen ließ. „Sie experimentieren ohne wissenschaftliche Evidenz mit jungen Menschen. Das ist verantwortungslos und macht mich wahnsinnig wütend!“

Im Svenska Dagbladet warnte Christopher Gillberg, Psychiater an der Universität Göteborg, die Hormon- und chirurgischen Behandlungen an Kindern seien „ein großes Experiment“, das womöglich „einer der größten Medizinskandale des Landes“ werden könnte.

Auch Eltern meldeten sich zu Wort. Mit 16 hatte Jannika Häggströms jüngste Tochter ihrer Mutter mitgeteilt, dass sie ein Mann sei. Die Mutter verweigerte ihre Einwilligung zu einer geschlechtsangleichenden Behandlung. Mit 18 ließ sich die volljährige Tochter die Brüste amputieren und nahm Testosteron. „Mit 20 Jahren, also schon zwei Jahre später, hat sie erkannt, dass das das alles nur eine fixe Idee war.“

2018 hat Häggström gemeinsam mit anderen betroffenen Eltern die Initiative „Gender Identity Challenge Sweden“ (GENID) gestartet. Ein Grund für die Gründung war auch, dass die Schwedin einen beunruhigenden Trend beobachtet hatte: „Kaum eine Mutter oder Vater trauen sich, ihrem Kind die Zustimmung zu chirurgischen Eingriffen zu verweigern. Dieser Wunsch wird kaum noch hinterfragt, weil viele Eltern berichten, dass ihre Kinder den Kontakt zu ihnen abgebrochen haben, weil ihnen andere Trans-Jugendliche im Internet dazu geraten haben.“ Zwei Elternpaare hätten zudem berichtet, vom Jugendamt angemahnt orden zu sein, weil sie sich geweigert hatten, das Kind mit dem „richtigen Pronomen“ anzusprechen.

Inzwischen hat das Netzwerk um die hundert Mitglieder. „Wir wollen verhindern, dass Ärzte weiter Experimente an unseren Kindern durchführen“, erklärt Jannika Häggström im Interview mit EMMA. „Die Operationen und Hormonbehandlungen sind ein Experiment, es gibt bisher keine wissenschaftlichen Langzeituntersuchungen zu den Folgen solcher Eingriffe. Die Jugendlichen können also gar kein informiertes Einverständnis geben.“ GENID fordert ein Mindestalter von 25 Jahren für chirurgische Eingriffe.

Schließlich stoppte die schwedische Regierung den „Trans Train“. Sie beauftragte die Agency for Health Technology Assessment, die Datenlage zum Anstieg der Zahl der Teenager mit GenderDysphorie noch einmal zu überprüfen. Ergebnis: Es gebe sehr wenig Daten, sowohl zu den Gründen für den Anstieg als auch zu den Risiken oder Vorteilen von Hormonbehandlungen und OPs.

Dafür ergab ein Bericht der nationalen Gesundheitsbehörde, dass bei jedem dritten 13- bis 17-jährigen Mädchen mit Gender-Dysphorie eine Angststörung diagnostiziert worden war, bei einem weiteren Drittel eine Depression. Jede fünfte litt an ADHS und jede siebte an Autismus. Schließlich kam auch eine Analyse der schwedischen Sozialbehörde „Socialstyrelsen“ zu dem Ergebnis: Es hat mehr Nachteile als mögliche Vorteile, das Mindestalter für geschlechtsangleichende Operationen zu senken.

„Wenn Jugendliche eine Geschlechtsangleichung als Lösung für ihre Identitätsprobleme während der Pubertät sehen, läuft etwas ganz grundsätzlich falsch“, sagt Aleksa Lundberg. Die 39-Jährige aus Stockholm lebt seit fast 20 Jahren als Frau und hat sich viele Jahre öffentlich für die Rechte von Transmenschen auf freien Zugang zu geschlechtsangleichenden Behandlungen eingesetzt. Inzwischen sieht sie ihren Einsatz kritisch.

Heute, nach jahrelanger Psychotherapie, kann Aleksa öffentlich darüber sprechen, dass sie nach ihrer Operation, die sie mit Anfang 20 hat machen lassen, monatelang mit Depressionen kämpfen musste. „Als ich aufwachte und mir klar wurde, dass ich einen wichtigen Teil meines sexuellen Empfindens verloren hatte, war das ein echter Schock für mich.“ Sie würde, sagt sie, heute anders entscheiden. „Mir ist klar geworden, dass ich eigentlich ein femininer homosexueller Mann bin, der das Gefühl hatte, seinen Körper verändern zu müssen, um akzeptiert zu werden.“

Und noch etwas sei ihr klar geworden: „Dass Jugendliche ihre Entscheidung für oder gegen eine Behandlung auch auf die Sonnenscheingeschichten stützen, die wir Transmenschen in den Medien erzählen. Und ich habe den Menschen einen wichtigen Teil meiner Geschichte vorenthalten.“

Inzwischen hat die Regierung ihren Gesetzentwurf bis auf weiteres zurückgezogen.

CHRISTINE WESTERHAUS

INFORMATION: "The Trans-Train" gibt es auf Youtube zu sehen.

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