© Bettina Flitner
© Bettina Flitner

Denn wir sind kölsche Mädchen...

Wer am Samstagmittag am Kölner Hauptbahnhof unterwegs war, konnte ihn weder übersehen noch überhören: den Frauenprotest gegen das, was sich in der Silvesternacht hier zugetragen hatte.

Über 1.000 Frauen – und einige Männer – haben die große Treppe vor dem Kölner Dom besetzt. Punkt zwölf Uhr beginnen sie zu lärmen. Mit Trillerpfeifen, Trommeln, Schnarren. Das Signal ist klar: Heute gehörte der wichtigste öffentliche Platz in der Millionenstadt nicht den enthemmten, übergriffigen Männern, sondern den Frauen. Die Frauen haben sich den Platz zurückerobert.

Die Frauen erobern sich den Platz vor dem Dom zurück!

„Keine Gewalt gegen Frauen“ steht auf einem von vielen Plakaten. „Wir sind in Gedanken bei euch, den Opfern dieser Nacht“ auf einem anderen. „Sexuelle Belästigung gegen Frauen wird nicht toleriert!“ steht auf einem Pappschild auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Schon lange hat Köln keine so mächtige Frauendemo mehr erlebt. Der Schock über den Silvesterskandal ist groß.

"Wie kann es passieren, dass auf einem öffentlichen Platz an Silvester so viele Männer Frauen einkreisen und bedrängen“, sagt eine Teilnehmerin. „Ich bin total schockiert, dass das möglich ist!“ Es sei „unfassbar“, sagt eine andere. Diese Fassungslosigkeit hat sich bei den Demonstrantinnen heute in Wut verwandelt. “Wir müssen für unsere Werte geradestehen und zeigen, dass man die nicht einfach überrennen darf“, klagen Denise und Julia. Und diese Werte lauten: „Frauen sind kein Objekt! Jeder Mensch muss Respekt vor Frauen haben!“ Die beiden jungen Frauen sind mit einer Gruppe Freundinnen hier und erwarten, dass man ihre Forderungen den Männern in den Flüchtlingsheimen klarmacht. Julia ist nicht optimistisch: „Ich fürchte, da scheitert’s schon. Es ist ja alles total unterbesetzt.“

Auch ein paar Vertreterinnen der Kölner Politik sind da, darunter die Kölner Gleichstellungsbeauftragte Christine Kronenberg (CDU). Sie findet: „Es wird zu wenig über die Opfer dieser Nacht gesprochen. Wir wissen gar nicht, ob sie gut versorgt sind und Hilfsangebote in Anspruch genommen haben.“  Und: "Die ganzen Plakate müssen weg, die für Großbordelle werben." Stimmt, auch das ist ja sexuelle Gewalt. Und da können Männer für ein paar kleine Scheine legal tun, was sie auf dem öffentlichen Platz illegal angezettelt hatten. ‚100 Girls in einer Nacht’ steht zum Beispiel auf diesen Großplakaten. Das hätte gut das Motto der Täter an Silvester gewesen sein können.

Ein Karnevals-
lied wird zur feministischen Hymne

Nach etwa zwanzig Minuten geschieht das in Köln Unvermeidliche: Die Frauen haken sich ein und beginnen zu schunkeln. Und sie stimmen ein Karnevalslied an, das unter Kölner Frauen Kultstatus hat. In diesem Moment wird der Song zur feministischen Hymne zur Lage: „Denn wir sind kölsche Mädscher, han Spitzebützche an, wir lassen uns nit dran fummele, wir lassen keenen dran!“ Ein befreites Lachen geht durch die Menge. Diese Frauen werden sich das Karneval-Feiern nicht vergraulen lassen.

Gegen ein Uhr zieht die Frauentruppe singend und lärmend auf die andere Seite des Bahnhofs, den Breslauer Platz. Hier ist es noch voller als auf der Dom-Treppe. Denn hier versammeln sich gerade all jene, die gegen die angekündigte Pegida-Demo protestieren wollen. Es wehen quadratmetergroße Fahnen der Jusos und Dutzende Fahnen der Grünen und der Linken. „Refugees welcome“ steht auf einem der Transparente. „Immer, wo Rechte in der Überzahl sein können, müssen wir da sein!“ erklärt Christian von den „Jusos Oberberg“. Und warum sind sie dann nicht auch an der Seite der Frauen? „Wir waren vorhin auch kurz drüben“, versichert Christian.

Auch die jungen Fahnenträger der Grünen sind „gegen sexualisierte Gewalt“ Sie finden es aber vor allem schlimm, dass das jetzt so "instrumentalisiert" werde für "die Hetze gegen Flüchtlinge". Bei der Frauendemo waren sie nicht. „Aber einige grüne Frauen waren dabei."

Ebenfalls aufgerufen zu der Anti-Pegida-Demo hatte die Kölner Initiative „Arsch huh, Zäng ussenander“ (Arsch hoch, Zähne auseinander), eine Initiative von Linken, die Anfang der 1990er mit Solidaritätskonzerten gegen Ausländerhass Flagge zeigten. 100.000 Menschen nahmen damals teil, und auch zum 20. Jahrestag von "arsch huh" waren es ähnlich viele. Bei der Frauendemo glänzten die kämpferischen Linken durch Abwesenheit. „Ich habe Wolfgang Niedecken vorhin noch mit seinen Hunden im Park gesehen“, sagt eine Teilnehmerin spöttisch.

"Arsch huh"
war nicht
anwesend

Stattdessen hatte sich „Arsch huh“ auch noch am Dienstag nicht etwa über die brutalen Übergriffe durch Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Kulturkreis echauffiert, sondern über die „reißerische Berichterstattung“. Die suggeriere „eine Massendemonstration sexueller Gewalt. Fakt ist jedoch, dass es sich um Kleingruppen von Kriminellen handelte, die nach Auflösung einer Menschenansammlung durch die Polizei um den Bahnhof herum aktiv waren und neben den sexuellen Übergriffen vor allem für Diebstähle verantwortlich waren.“

Inzwischen allerdings klingt das schon anders. Jetzt verurteilt „Arsch huh“ die Übergriffe der Silvesternacht „aufs schärfste“. Und erklärt:  " Gewalt gegen Frauen ist immer ein Verbrechen!“ immer. Klar doch. Egal ob der Täter Araber ist oder Deutscher. Aber nun geht es gerade mal über die spezifische Gewalt dieser Ausländergruppe - eine bandenmäßig organisierte sexuelle Gewalt, wie wir sie in Deutschland tatsächlich noch nie erlebt haben.

Eine Frauengruppe auf dem Breslauer Platz hat ein Megafon dabei und gibt die Parolen aus: „Wir erobern uns die Nacht zurück!“ „Frauen, wehrt euch!“ und „Frauen gemeinsam sind stark!“ Es sind die Parolen, die die Frauenbewegung der 1970er Jahre skandierte, als sie das Ausmaß sexueller Gewalt aufdeckte und deutlich machte, dass sie kein Kavaliersdelikt ist. Diese Frauen hätten wohl nicht gedacht, dass sie diese Sprüche 40 Jahre später noch einmal hervorholen müssen.

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