„Die Polizei hat von Weitem zugeschaut…“

„Ich war mit meiner besten Freundin und noch ein paar anderen in einer Bar in Köln Silvester feiern. Wir kommen aus Koblenz und wollten in derselben Nacht noch zurück. Um 3.45 Uhr sind wir am Hauptbahnhof angekommen - wenige Minuten später ging unser Zug, wir waren spät dran. Wir sind also durch den Hauptbahnhof gerannt, um den Zug nicht zu verpassen. Auf der Treppe zum Bahnsteig sind wir dann schon von einer Gruppe Männer angepöbelt worden. Aber ich war so in Eile, ich habe das gar nicht so richtig ernst genommen. Bis klar war: Wir haben den Zug verpasst! Und der nächste kommt erst in drei Stunden.  

Also haben wir erstmal den Info-Schalter in der großen Eingangshalle gesucht, weil wir unser Ticket umbuchen wollten. Der Mann hinter dem Schalter hat uns völlig entgeistert angeschaut und gefragt: „Was macht ihr denn hier?! Seht ihr nicht, was hier los ist?!“ Von den Randalen zuvor hatten wir ja gar nichts mitbekommen. 

Sie haben uns
als 'Schlampe'
oder 'Bitch'
beschimpft

Ich war an dem Abend total nüchtern. Und als ich mich umgesehen habe, fiel mir das erste Mal auf, dass an dem Bahnhof auch um vier Uhr morgens immer noch hunderte Männer rumlungerten. Aber was sollte schon passieren?! dachte ich. Also haben meine Freundin und ich in der Bahnhofshalle auf unseren Zug gewartet. Und dann ging es los. 

Einige Männer haben uns umstellt und uns beobachtet. Andere haben uns mehrfach angesprochen. Wenn wir sie weggeschickt haben, haben sie uns als ‚Schlampe’ oder als ‚Bitch’ beschimpft. Die meisten sprachen kein Deutsch. Sie sind an uns vorbeigelaufen und haben uns angefasst – und als wir woanders hingegangen sind, sind sie uns gefolgt. Wir standen uns gegenüber, nahe beieinander. Sara bat mich permanent, sie anzuschauen, griff nach meinen Händen und wollte mich festhalten. Mir standen die Tränen in den Augen!

Ich bin normalerweise nicht auf den Mund gefallen, aber ich hatte solche Angst, dass ich lieber die Klappe gehalten habe. Wir konnten ja auch nirgendwo hingehen, um die Zeit hat am Bahnhof kein Café mehr offen. Und die Polizei, ja... Die habe ich natürlich gesehen. Die waren auf den gesamten Bahnhof verteilt, in unserer Nähe waren höchstens acht Beamte. Die haben uns von Weitem mitleidig dabei zugeschaut, wie wir versucht haben, diese Männer abzuwehren. Aber gekommen ist keiner von diesen Polizisten, eingegriffen hat schon gar keiner.

Keiner von den zuschauenden Polizisten hat eingegriffen

Nach 15 Minuten sind wir dann raus auf den Bahnhofsvorplatz gegangen und haben uns neben einen Sicherheitsbeamten gestellt. Der hat gefragt: „Was tut ihr hier?! Nehmt euch lieber ein Taxi!“ Dann hat er uns in einen anderen Bereich des Bahnhofs gebracht, an dem nicht so viel los war. Da haben schon fünf Jungs gewartet, die bestohlen worden waren. ‚Passt mal auf die Mädchen auf!’ hat der Sicherheitsmann noch gesagt. Das haben sie getan, bis viertel nach sechs Uhr morgens. Dann sind wir in ein Café, das öffnete. Einem der Typen ist das Handy geklaut worden, aber von den Übergriffen auf Frauen hatten diese Männer nichts mitbekommen. Ich hätte ja auch niemals gedacht, dass mir so etwas jemals passiert!
 
Am schlimmsten waren die Hilflosigkeit und die Schutzlosigkeit. Wir konnten uns nicht wehren! Das habe ich auch den Polizisten bei der Koblenzer Polizei erzählt, bei denen ich gestern Anzeige erstattet habe. Die hatten von den Vorfällen in Köln gar nichts mitbekommen. Das mussten die doch wirklich erst Mal googeln! Zu der Anzeige habe ich mich durchgerungen, als ich die ganzen Berichte über die Übergriffe gelesen habe. Eigentlich hatte ich nicht vor, zur Polizei zu gehen. Aber mittlerweile finde ich es wichtig, dass Betroffene erzählen, was ihnen passiert ist. Und sich auch zeigen! 

Klar habe ich Angst davor, dass mich jetzt dann jemand rassistisch findet. Aber ich bin selbst multikuli, meine Ur-Oma kommt aus Kroatien, meine Oma ist aus Österreich und ein angeheirateter Onkel ist Rumäne. Und wenn es deutsche Männer gewesen wären, dann würde sich doch auch niemand über die Empörung wundern!"

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