© Holde Schneider

Die "neue Dimension der Gewalt" ist altbekannt

Es dauert 22 Minuten, bis die Straßenbahnlinie 4 vom Appellhofplatz im Herzen der Kölner FußgĂ€ngerzone an der Haltestelle ‚MĂŒlheim Berliner Straße‘ ankommt. Von der Kölnarena, in der sich Weltstars von Pavarotti bis Williams tummeln, sind es sogar nur zwölf Minuten. Aber wenn die Bahn dann mit einem ZischgerĂ€usch ihre TĂŒren öffnet, ist die deutsche Welt aus Stars und Shopping zu Ende. Auf der Berliner Straße, die sich durch den Kölner Stadtteil MĂŒlheim schlĂ€ngelt, shoppt man nicht bei H&M, sondern im ‚Karadag Supermarket‘. Man surft im InternetcafĂ© ‚DigitĂŒrk‘, und in der ‚Pizzeria Xanthi‘ isst ein Mann mit Turban gerade Spagetti. Gut die HĂ€lfte der 140 Klingelschilder des Wohnblocks Nummer 128 hat mindestens ein Ü oder Ö im Namen. In MĂŒlheim, so heißt es, kann man dreißig Jahre lang leben, ohne Deutsch zu sprechen.

Hier, wo jedeR fĂŒnfte Jugendliche eineR mit ‚Migrationshintergund‘ ist, haben sich vor einigen Monaten Banden namens Stegerwald-Gang, Keupstraßen-Power oder Ghetto-TĂŒrken StraßenkĂ€mpfe geliefert. Ab und zu fielen auch SchĂŒsse. Passanten ergriffen schleunigst die Flucht.

„Die MĂŒlheimer hatten Angst“, erzĂ€hlt Angelika Rasquin, seit acht Jahren Erzieherin im Jugendzentrum ‚Don Bosco Club‘. Sie und ihre KollegInnen hatten damals entdeckt, dass sich einige ihrer Besucher als ‚Don Bosco Club Gangsta‘ per Internet zu den Gang-SchlĂ€gereien verabredeten. Und zwar vom Computerraum des Jugendzentrums aus. „Jede Gang hatte ihre Website. Und auf denen haben sie sich inszeniert – vor ihren Autos posiert, sich gegenseitig Waffen an den Kopf gehalten und Ă€hnlich martialische Dinge.“ Über die Internetseiten konnte die Polizei die SchlĂ€ger ermitteln.

Sie nennen sich Stegerwald-Gang oder Ghetto-TĂŒrken

Bei einigen der Jungs hatte Angelika Rasquin, „die Geli“, nach der Sache verschissen. Schließlich war sie eine „VerrĂ€terin“. „Ich wurde von ein paar Jungen bedroht.“ Aber es gab auch andere. „Viele waren froh, dass sie mit der Polizei zu tun gekriegt hatten, weil sie jetzt sagen konnten: ‚Ey, ich kann jetzt nicht mehr mit euch abhĂ€ngen!‘ Das haben sie sich vorher wegen des Gruppendrucks nicht getraut.“

Antonino, Radhouan und Ilias waren nicht dabei, als die Gangs im FrĂŒhjahr in den Straßen ihres Viertels Angst und Schrecken verbreiteten. „Sowas machen wir nicht mehr“, erklĂ€ren die 19-JĂ€hrigen im Club mit ernsten Mienen. Die Zeiten sind vorbei. „Wir haben hier genug Junkies auf der Straße abkacken sehen, und irgendwann sagst du dir: So willst du nicht enden.“ Aber klar, frĂŒher haben sie sich natĂŒrlich auch geprĂŒgelt und vielleicht, da drĂŒcken die drei sich nicht ganz so deutlich aus, auch mal krumme Sachen gemacht.

Es bleibt einem hier schließlich nichts anderes ĂŒbrig, wenn man bestehen will. „Wenn es so kommt, dann kommt es so“, sagt Radhouan, der Tunesier. „Hier wird man abgehĂ€rtet“, sagt Ilias, der Serbe. „Es ist schlimmer geworden“, sagt Antonino, der Italiener. Warum? „Auf den Straßen sind zu viele Heroes unterwegs.“

Heroes. Helden. Harte MĂ€nner. Gewalt, die als mĂ€nnlich gilt. Das allzu Offensichtliche wird in all den Analysen ĂŒber das wieso und warum der Krawalle allzu selten ausgesprochen: Diejenigen, die in Vierteln wie MĂŒlheim, Kreuzberg oder Clichy-sous-Bois prĂŒgeln oder Autos und Schulen abfackeln, sind stets – MĂ€nner. MĂ€nner, die „auffallend von einer Macho-Kultur geprĂ€gt sind, in der Gewalt als legitim gilt“.

Gewalt gilt in dieser Macho-Kultur als legitim

Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen (KFN) ist einer der wenigen, der wagt auszusprechen, dass diese Macho-Kultur vor allem bei TĂŒrken, Ex-Jugoslawen und Russland-Deutschen boomt. Rund 10.000 Jugendliche hat Pfeiffer in westdeutschen GroßstĂ€dten befragt. Und dabei herausgefunden, was herkömmliche Statistiken nicht herausfinden dĂŒrfen: Jeder zehnte tĂŒrkische Jugendliche – sprich: Junge – ist ein MehrfachtĂ€ter, einer, der mehr als fĂŒnf Gewaltdelikte begangen hat. Bei Jungen aus dem ehemaligen Jugoslawien ist es jeder zwölfte, bei Aussiedlern aus den GUS-Staaten jeder 15. – bei den Deutschen ‚nur‘ jeder 33.

Auch in Köln kommt die Kriminalstatistik zu ganz Ă€hnlichen Ergebnissen: Der Anteil der sogenannten Nichtdeutschen an der Gesamtbevölkerung der Einmillionenstadt betrĂ€gt 17 Prozent, ‚Nichtdeutsche‘ machen aber 35 Prozent der TatverdĂ€chtigen aus.

Keine Frage, Migranten und ihre Kinder sind auch doppelt sozial benachteiligt. JedeR zweite Kölner HauptschĂŒlerIn hat keinen deutschen Pass, aber nur jedeR neunte GymnasiastIn. Wer aus MĂŒlheim kommt, hat die Arschkarte gezogen und findet schon qua Wohnviertel nur schwer eine Lehrstelle. Aber all das gilt auch fĂŒr die MĂ€dchen – doch die treten bei Straßenschlachten Ă€ußerst selten in Erscheinung. Die ErklĂ€rung muss also noch woanders liegen. Die von Christian Pfeiffer lautet: „Die Jungen retten ihre angeknackste IdentitĂ€t in eine Macho-Inszenierung. Und das stĂ€rker als je zuvor.“

Wer aus MĂŒlheim kommt, hat die Arschkarte gezogen

Das Pfeiffer-Institut befragte Jungen und MĂ€dchen, Deutsche und Nichtdeutsche, nach acht sogenannten „gewaltlegitimierenden MĂ€nnlichkeitsnormen“. Zum Beispiel: „Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, ist ein SchwĂ€chling.“ Oder: „Als Vater ist ein Mann das Oberhaupt der Familie und darf sich notfalls auch mit Gewalt durchsetzen.“ Oder: „MĂ€nnern sollte es erlaubt sein, Schusswaffen zu besitzen, um Familie oder Eigentum zu beschĂŒtzen.“

Immerhin: Auch jeder 25. deutsche Junge war begeistert von solchen MachosprĂŒchen (doch nur jedes 200. deutsche MĂ€dchen!). Aber: Jeder vierte tĂŒrkische und jeder fĂŒnfte ex-jugoslawische Junge stimmte den Aussagen zu (und nur jedes 20. tĂŒrkische bzw. ex-jugoslawische MĂ€dchen). Und jeder zehnte GUS-Aussiedler war pro (aber nur jede 100. GUS-Aussiedlerin).

Von denjenigen, die „gewaltlegitimierende MĂ€nnlichkeitsnormen“ ablehnen, gehört nur jeder 100. zu den IntensivtĂ€tern; von denjenigen aber, die ihnen zustimmten, war jeder vierte ein Mehrfach-GewalttĂ€ter. Pfeiffers Fazit: „Diese MĂ€nnlichkeitsnormen sind der Faktor, der das Verhalten von GewalttĂ€tern stĂ€rker prĂ€gt als alles andere.“

„Viele dieser Jugendlichen kennen vermutlich weniger Konfliktlösungsstrategien“, erklĂ€rt auch Kriminaloberkommissar Wolfgang Wendelmann, Jugendbeauftragter der Kölner Polizei. NatĂŒrlich sei der Anteil der MĂ€dchen, die an den „Konflikten“ beteiligt sind, „verschwindend gering“. DafĂŒr spielten sie als Auslöser bei den Gang-SchlĂ€gereien eine gewisse Rolle, wie ĂŒberhaupt die AnlĂ€sse typisch mĂ€nnliche sind: „Da geht es um Eifersucht, Imponiergehabe oder es hat die eine Gang ĂŒber die andere einen verĂ€chtlichen Rap-Text gemacht.“ Die ‚Attitude‘ der motherfuckenden GroßmĂ€uler aus Harlem und Kreuzberg hat mittlerweile auch Einzug in den Kölner „Stadtteilen mit Erneuerungsbedarf“ gehalten – bei den ‚Ossendorfer Gangstas‘ oder den Chorweiler ‚Cash-Money-Brothers‘.

Die Jungen haben ĂŒberhaupt keinen Respekt vor Frauen

FrĂŒh ĂŒbt sich, was ein Macho werden will. Besonders nach den Ferien in der TĂŒrkei „mĂŒssen wir die kleinen Jungen erst mal wieder von ihren Pascha-AllĂŒren runterholen. Das bedeutet erneute KĂ€mpfe ums AbrĂ€umen des FrĂŒhstĂŒckstisches“, erzĂ€hlt eine Kita-Leiterin aus Köln-Porz. „Als ich hier angefangen habe, hatten die Jungen ĂŒberhaupt keinen Respekt vor Frauen. Die fanden, ‘ne Frau hat zu Hause zu bleiben und die WĂ€sche zu waschen. Wenn ich wollte, dass die was machen, musste ich immer einen mĂ€nnlichen Kollegen dazu holen“, erzĂ€hlt Angelika Rasquin. „Das erste halbe Jahr hab ich gedacht: Das halt ich hier nicht durch.“

Aber ‚Geli‘ hat sich „mit denen grĂŒn und blau diskutiert“ und sich so den Respekt der Jungs, damals zu 80 Prozent TĂŒrken, erkĂ€mpft. Die sind heute ab 20 aufwĂ€rts und mit „Frauen mit Kopftuch verheiratet, die zu Hause auf die Kinder aufpassen“. Aber: Sie sind immerhin nicht in Drogenhandel und ZuhĂ€lterei gelandet, haben Jobs und Familie. Mit Sorge beobachtet die Erzieherin eine „neue Generation“ tĂŒrkischer Jugendlicher: „Bei den 14- bis 16-JĂ€hrigen rutschen viele ab. Die kriegen wir nicht gehalten.“

„Wir nennen sie macho-islamische MĂ€nner der zweiten und dritten Generation. Die machen bei uns etwa ein Drittel der tĂŒrkischen Jugendlichen aus, und deren Verhalten macht uns Kopfzerbrechen“, bestĂ€tigt Dirk Cromme, Leiter des Berufskollegs Deutzer Freiheit, das einen Stadtteil neben MĂŒlheim liegt. „Die Gewaltbereitschaft dieser Jugendlichen hat deutlich zugenommen.“

Das Kriminologische Institut Niedersachsen hat einen direkten Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und hĂ€uslicher Gewalt festgestellt. Und auch die kommt in tĂŒrkischen Familien hĂ€ufiger vor: So hat gut jeder vierte tĂŒrkische Jugendliche gesehen, wie der Vater die Mutter schlĂ€gt – aber ‚nur‘ jedeR 15. deutsche. Jeder dritte tĂŒrkische Jugendliche war selber als Kind Opfer schwerer elterlicher Gewalt.

Jeder 3. tĂŒrkische Jugendliche wird von den Eltern geschlagen

„Bei auslĂ€ndischen Jugendlichen sind Kampfspiele und Gewaltfilme sowie die Identifizierung mit deren Helden stark verbreitet“, sagt Pfeiffer. Zwei Drittel der zehnjĂ€hrigen tĂŒrkischen Jungen haben eine eigene Spielkonsole im Kinderzimmer. „Gerade in den Familien, in denen geschlagen wird, beobachten wir eine Flucht aus dem Wohnzimmer in die Phantasiewelt der Gewaltfilme und -spiele.“

Und dann kommt noch ein Faktor hinzu. „Seit einiger Zeit ist zu beobachten, dass sich junge TĂŒrken re-islamisieren und sich dabei auch islamistischen Organisationen zuwenden“, warnt der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer. Es liegt auf der Hand, dass die Faszination fĂŒr „gewaltlegitimierende MĂ€nnlichkeitsnormen“ und die zunehmende NĂ€he tĂŒrkischer Jugendlicher zum islamischen Fundamentalismus zusammen hĂ€ngen. So stimmte jeder vierte der von Heitmeyer befragten Jugendlichen der Ansicht zu, die politische Durchsetzung religiöser Ziele mit Gewalt sei in Ordnung.

Der Soziologe: „Gerade jene Jugendliche, denen in der Familie immer noch MaßstĂ€be einer traditionell patriarchalischen Gesellschaft vermittelt werden, wollen die von der deutschen Umgebung erzeugte Unterlegenheit mit eigenen Überlegenheitsphantasien bekĂ€mpfen.“ Die islamistische Überlegenheitsfantasie beginnt in den eigenen vier WĂ€nden. „Die Unterordnung der Frau ist Teil der Botschaft.“

Als einer mal Sercans Schwester beleidigt hat, hat er den gefragt, was das soll. Der andere hat gesagt, er wĂŒsste nichts von einer Beleidigung. „Da hab isch den geschlagen.“ Sercan weiß nicht, ob er jetzt stolz gucken oder verlegen lĂ€cheln soll. Die Verlegenheit siegt. Sercan ist gerade 14 geworden, seine Schwester ist ein Jahr jĂŒnger als er. Sie ist heute Nachmittag nicht hier in der JugendbegegnungsstĂ€tte Waldbröl, kurz: JUBS. Es sind ĂŒberhaupt keine tĂŒrkischen MĂ€dchen hier, heute nicht und auch sonst nie. „Meine Schwester muss nachmittags zu Hause bleiben, meiner Mutter helfen“, erklĂ€rt Sercan. Wie er das findet? „Gut.“

Studie: Die Unterordnung der Frau ist Teil der Botschaft

Waldbröl liegt rund fĂŒnfzig Kilometer östlich der Metropole Köln. 1977 wurde in der bergischen Kleinstadt eine Außenstelle des Auffanglagers Unna-Maassen eingerichtet. Seither ist der Bevölkerungsanteil der Zugezogenen aus den sogenannten GUS-Staaten und Polen stĂ€ndig gestiegen. Heute liegt er bei rund 35 Prozent. Nur 2,5 Prozent der Waldbröler BĂŒrgerInnen hat einen tĂŒrkischen Pass.

Deutsche Freunde hat Sercan auch, klar, kein Thema. „Aber keine Weicheier.“ Was genau ist ein Weichei? „Na, so ein Muttersöhnchen, das nisch mit seinen Kumpels abhĂ€ngt.“ Ganz angekommen ist Sercan aber noch nicht in der Welt der großen starken BrĂŒder. „Die TĂŒrken“ sagt er, „die machen oft ‘n Dicken. Aber isch nisch. Isch mach das nisch so gern.“

Mag sein, dass der kleine Pascha die Kurve noch kriegt. Das wĂ€re dann wohl maßgeblich Christel Kirsch zu verdanken. Die 51-jĂ€hrige Mutter zweier Töchter ist hier eine Art Mutter der Kompanie. Sie mag ihre Jungs, auch wenn sie manchmal verdammte Machos sind, und ihre MĂ€dchen sowieso. Aber bei Christel gelten strenge Regeln: „Bitte und Danke sagen, Deutsch reden, und zwar in ganzen SĂ€tzen, und sich bemĂŒhen, andere so zu lassen, wie sie sind.“

Nur manchmal macht die JUBS-Betreuerin eine Ausnahme von Regel Nummer zwei. Wenn die russischen Jungen allein im Zentrum sind, dann dĂŒrfen sie auch schon mal ĂŒber die Anlage Volksmusik aus ihrem Heimatland hören, an das sich die meisten von ihnen schon gar nicht mehr erinnern können. „Das klingt wie der Musikantenstadel, aber dann sitzen diese harten Jungs hier und denen rollen die TrĂ€nen ĂŒber die Wangen. Und dann darf man die auch mal in den Arm nehmen.“

Die Momente, in denen der Panzer Risse zeigt, sind selten. Das Image der russischen Aussiedler-Jungs ist schlecht in Waldbröl. „Wir sind die schlimmste Stadt ĂŒberhaupt“, meint der rotblonde Jakob. Wieso? „Das steht in der Statistik.“

In der Statistik steht, dass die KriminalitĂ€tsrate im letzten Jahr wieder gestiegen ist, um 17 Prozent. Nicht in der Statistik steht, wie viele der ‚SachbeschĂ€digungen‘ oder ‚Rohheitsdelikte‘ auf das Konto von Aussiedlerjugendlichen gehen, denn russlanddeutsche TatverdĂ€chtige werden neuerdings in Waldbröl nicht mehr getrennt ausgewiesen. Im Gegensatz zur NRW-Landes-Kriminalstatistik – die fĂŒhrt seit dem 1. Januar 2004 „tatverdĂ€chtige SpĂ€taussiedler“ erstmalig separat auf. Christel Kirsch begrĂŒĂŸt das. „Wenn man ein Problem hat, muss man’s auf den Tisch packen. Sonst kann man es nicht lösen.“

Man muss das Problem auf den Tisch packen, um es zu lösen

Gemunkelt wird, dass in Waldbröl drei Viertel der ‚Körperdelikte‘ und der EinbrĂŒche auf das Konto von russlanddeutschen Jungen gehen. Man hört auch, dass es in Waldbröls grĂ¶ĂŸter Aussiedler-Siedlung ‚Im Eichen‘ Schutzgelderpressungen geben soll. Was davon Vorurteil und was Wahrheit ist, ist schwer zu sagen.

Sicher ist jedenfalls, dass die „Beschreibung der Ausgangslage“ in der Bewerbung der Eichener Grundschule Isengarten um den „Landespreis fĂŒr Innere Sicherheit 2005“ folgendermaßen klingt: „Die Familiensituation im Stadtteil ist geprĂ€gt von Sozialhilfe, Arbeitslosigkeit und Migrationshintergrund. Insbesondere die MĂŒtter verfĂŒgen oft ĂŒber keine oder lediglich rudimentĂ€re Deutschkenntnisse. In den Familien erleben die Kinder VĂ€ter mit hohem Alkoholkonsum und FĂ€lle hĂ€uslicher Gewalt. Die Erziehung der Kinder ist oft von BrutalitĂ€t gekennzeichnet.“ Beispiele aus dem Schulalltag: „Kinder aus Aussiedlerfamilien reagieren nicht auf verbale Anweisungen, wenn in der Familie nur mit Körperstrafen sanktioniert wird.“ – „TĂŒrkische Jungen haben aufgrund ihrer Erziehung hĂ€ufiger Probleme, die Anweisungen von Lehrerinnen zu befolgen.“ – „Kinder dĂŒrfen aus religiösen GrĂŒnden nicht an Klassenfahrten teilnehmen.“

Das gilt in Waldbröl nicht nur fĂŒr tĂŒrkische Kinder, genauer: MĂ€dchen, sondern manchmal auch fĂŒr russlanddeutsche. Zum Beispiel fĂŒr Elisabeth. Bankkauffrau will die RealschĂŒlerin werden, die schon seit einer Stunde den Internet-Platz im Erdgeschoss der JUBS besetzt hĂ€lt. Sie chattet. Wenn gleich um 13 Uhr der Bus kommt, muss sie sofort nach Hause, der Chat ist ihr Tor zur Welt. Elisabeth muss ihre langen blonden Haare immer zusammenbinden, Hosen darf sie nicht tragen. Auf Christel Kirschs DrĂ€ngen hin durfte die 16-JĂ€hrige schließlich doch noch mit in die Jugendherberge, aber ihre Eltern bestanden darauf, sie jeden Abend abzuholen und morgens wieder hinzubringen.

Das sind Vorstellungen aus dem letzten Jahrhundert

Damit haben die muslimischen Fundamentalisten nichts zu tun – aber die christlichen. Das 20.000-Einwohner-StĂ€dtchen Waldbröl hat neben den gewohnten katholischen und evangelischen Kirchen nicht nur zwei Moscheen, sondern auch eine Baptisten- und eine Mennoniten-Gemeinde. Im Kinderraum der Baptistenkirche sind der einzige Wandschmuck ein Engel und ein Teufel. „Jakob hat heute seine Hausaufgaben nicht gemacht und bekommt deshalb einen Teufel“, steht dort. Der Jugendraum dagegen hĂ€ngt voller Hochzeitsfotos mit Brautpaaren, von denen ein nicht unbedeutender Teil sehr jung, wenn nicht minderjĂ€hrig aussieht.

Die Mehrheit der Waldbröler Aussiedlerjugendlichen sind „religiös geprĂ€gt“, schĂ€tzt JĂŒrgen Hennlein, Lehrer an der Waldbröler Gesamtschule. Er erzĂ€hlt von „viel zu braven, ĂŒberangepassten MĂ€dchen“. Auch die Jungen verhielten sich oft angepasst. „Aber wenn die ausflippen, dann richtig. Da wird dann nochmal nachgetreten.“ Schwer aufzubrechen seien diese Rollenmuster. „Das sind Vorstellungen aus dem letzten Jahrhundert“, sagt Hennlein resigniert. „Und deshalb werden wir auch mehr als eine Generation brauchen, um die zu knacken.“

Das ‚Bundesamt fĂŒr auslĂ€ndische FlĂŒchtlinge und Migranten‘ (BAFL) hat das ‚Sprachzentrum‘ in Eichen vor vier Jahren geschlossen, wo die AussiedlerInnen – im Gegensatz zu ihren tĂŒrkischen MitbĂŒrgerInnen – nicht nur Deutsch lernen konnten, sondern auch vom Arbeitsamt und bei der Wohnungssuche betreut wurden. Die BĂŒrgergemeinschaft ‚Wir in Eichen‘ versucht, mit Stadtteilfesten und Hausaufgabenbetreuung die verhĂ€rteten Fronten zwischen Deutschen, TĂŒrken und Russlanddeutschen aufzuweichen, damit letztere den TĂŒrken nicht lĂ€nger „AuslĂ€nder raus!“ auf ihre HauswĂ€nde sprĂŒhen. An der Grundschule Isengarten gibt es seit Mai dieses Jahres eine „Ordnungspartnerschaft“ aus Schule, BĂŒrgergemeinschaft und Polizei. RegelmĂ€ĂŸige Elternabende, strenge Pausenaufsichten und Anti-Gewalt-Unterrichtseinheiten mit Polizisten sollen den Gewaltpegel senken. Und auch im ‚Waldbröler Netzwerk‘, in dem sich mehrere soziale VerbĂ€nde unter der TrĂ€gerschaft der Stadt zusammengefunden haben, ist am 1. Dezember ein Projekt mit dem etwas sperrigen Titel ‚Innovative Sozialbetreuung bei straffĂ€lligen und gefĂ€hrdeten Jugendlichen mit Migrationshintergrund‘ gestartet. Ob man die zehn Prozent „IntensivtĂ€ter“, die Christian Pfeiffer in seiner Befragung ausgemacht hat, damit von ihren Taten abhĂ€lt? Einen Versuch ist es wohl wert.

Der AchtjÀhrige in der Bahn spielt mit einem Messer

In Köln versucht die Polizei, mit einem speziellen Konzept zumindest die „MitlĂ€ufer“ von der schiefen Bahn wieder auf den rechten Weg zu bringen. Seit Mai 2003 verabredeten sich in einschlĂ€gigen Vierteln immer öfter Jungengangs zu SchlĂ€gereien. Als dafĂŒr sogar Molotow-Cocktails gebastelt wurden, grĂŒndete die Polizei die ‚Ermittlungsgruppe Molli‘. Die ‚EG Molli‘ nahm die Personalien aller Beteiligten auf, auch die der nicht straffĂ€lligen, die normalerweise unerkannt durchs Netz geflutscht wĂ€ren. Diese rund 300 Jungen besuchten die BeamtInnen nun zu Hause. „Den Eltern wurde da oft zum ersten Mal klar, was ihr Sohn eigentlich treibt“, erzĂ€hlt Wolfgang Wendelmann. Das Konzept: Die Isolation des harten Kerns.

Denn diese Minderheit der Machos, das wissen auch MĂ€nnerforscherInnen, machen in Jungencliquen das Gesetz. „Wir mĂŒssen die Jungen aus diesen problematischen Gruppen rausholen. Dann werden die wenigsten straffĂ€llig.“

TatsÀchlich ist kaum ein Junge auf Wendelmanns Liste innerhalb eines Jahres wieder einschlÀgig aufgefallen.

Auch bei den MĂŒlheimer Bandenkriegen wandte die Polizei das Prinzip PrĂ€ventivgesprĂ€ch an. Interessanterweise funktioniert es bei tĂŒrkischen Jungen am besten. „In diesem Fall kann man sich die zum Teil stark patriarchalische Struktur der Familie zunutze machen“, erklĂ€rt Wendelmann. „Da nimmt der Vater sich den Sohnemann zu Brust, und das nĂŒtzt in der Regel. Aber es gibt natĂŒrlich auch Familien, in denen das nicht mehr funktioniert“, klagt Wendelmann. Dann muss das Kommissariat fĂŒr IntensivtĂ€ter ran.

Radhouan, der Tunesier, Antonino, der Italiener, und Ilias, der Serbe, gehören zu denen, die es geschafft haben. Ihre Freundinnen hĂ€tten einen guten Einfluss auf sie, sagen sie, und ihre Eltern haben ihnen die Hölle heiß gemacht. Radhouan geht jetzt auf die Höhere Handelsschule, Antonino macht seinen Realschulabschluss nach, Ilias sogar Abitur.

Auf dem RĂŒckweg von der ‚MĂŒlheim Berliner Straße‘ ĂŒber die Kölnarena zum Appellhofplatz steigt eine tĂŒrkische Mutter mit Kopftuch mit ihrem Sohn in die Straßenbahn. Der Kleine ist nicht Ă€lter als acht. Er spielt mit einem Plastikmesser. Das Logo auf seiner Jogginghose: ‚Airbase Hero‘.

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Kommentare

Im Prinzip pulverisieren sich hier doch 30 Jahre Errungenschaften der Emanzipation. Wenn diese zahlenmĂ€ssig starken Gruppen sich durchsetzen, dann verschwindet ein uns lieb gewonnener Teil unserer Kultur einfach wieder. Ich seh niemanden, der diesen Entwicklungen wirklich ernsthaft was entgegensetzt. Und wenn man mal ehrlich ist, wir haben uns das alles importiert. Und vergessen, die Leute eichtig zu integrieren, um solche Entwicklungen zu vermeiden. Aber dafĂŒr halte ich unsere Legislative zustĂ€ndig, die sich aber mal wieder nur in SelbstbeweihrĂ€ucherung ĂŒbt.

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