Der Garten der Frauen
Eine schwere Arbeit ist getan“ – so lautet die Bedeutung des Akanthusblattes. Ein solches Blatt aus Stein liegt auf dem Grab von Domenica Niehoff, Hamburgs wohl bekanntester Prostituierten. Nachdem Domenica aus der Prostitution ausgestiegen war, half sie Kolleginnen, das Gleiche zu tun. Und sie sprach offen über das, was diese „schwere Arbeit“ für Frauen bedeutet. Nur wenigen hat sie erzählt, was das alles mit ihr gemacht hat.
Als Domenica im „Garten der Frauen“ bestattet werden sollte, machte ein Mann aus ihrem Umfeld einen Vorschlag für einen Grabstein: eine Granit-Stele mit zwei rosafarbenen Steinkugeln, die ihre Brüste symbolisieren sollten. Aber nicht mit Rita Bake. Die Historikerin hatte die Idee zum „Garten der Frauen“, sie ist seine Gründerin und seine Wächterin. Also ließ sie das Akanthusblatt machen und ein Porträt von Domenica auf dem Grabstein anbringen. „Sie hatte in dem Interview mit Alice Schwarzer auf die Frage gesagt, wie man sich posthum an sie erinnern soll, sie wolle mit einem Porträt im Hamburger Rathaus hängen“, erzählt Rita Bake. Nun hängt ihr Porträt hier.
„Der Garten der Frauen“ ist kein normaler Friedhof. Er ist ein steinernes Museum, ein Ort der Würde, des Respekts, der Anerkennung und ein Monument gegen das Vergessen. Denn das passiert ja bei Frauen bekanntlich ziemlich schnell, das Vergessen.
„Der Garten der Frauen“ liegt nahe dem historischen Wasserturm, im nordöstlichen Teil des Friedhofs Ohlsdorf, einem der bekanntesten Friedhöfe Deutschlands. „Große“ Söhne Hamburgs wie Helmut Schmidt, Hans Albers, Heinz Erhardt, Wolfgang Borchert, Karl-Heinz Köpcke, Jan Fedder, James Last oder Gustaf Gründgens liegen hier.
Seit 2001 haben nun auch die Töchter Hamburgs dort ihren eigenen Ort. Und der ist etwas ganz Besonderes. Wer ihn betritt, spürt es gleich. Es ist dort lieblicher, freundlicher, ja feierlicher als auf dem Rest des Friedhofs. Es gibt keine Stiefmütterchen und Petunien, sondern alte Bäume, üppige Stauden, Blumen der Jahreszeit, Rosenbögen, einen plätschernden Brunnen, viele Bänke zum Verweilen.
In all dem steckt eine klare Botschaft. Eine Botschaft der Sichtbarkeit und Würde. Hier geht es um Frauen, an die wir uns erinnern sollen. >Ein Blick auf die Friedhöfe dieser Welt zeigt, an wen sonst dramatisch erinnert wird – und wer nicht selten im Namen des Ehemannes oder Vaters unsichtbar wird.
„‚Der Garten der Frauen‘ war mir ein politisches Anliegen. Ich wollte einen Ort schaffen, der Frauen sichtbar macht, an sie erinnert und ihre Leistung neu definiert“, sagt Rita Bake. Die Tochter einer Binnenschifferin und eines Fischgroßhändlers war an der Universität Hamburg Lehrbeauftragte für Frauengeschichte am Studiengang „Frauenstudien/Frauenforschung“ und stellvertretende Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung. Neben ihrem Herzensprojekt, dem „Garten der Frauen“, setzt sie sich für die Benennung von Hamburger Straßen nach Frauen ein.
2000 gründete Bake zusammen mit Silke Urbanski und Helga Diercks-Norden diesen weltweit einzigen „Garten der Frauen“, der in diesem Jahr im Juli sein 25. Jubiläum feierte. Getragen, gestaltet und betreut wird das Areal vom Verein, den die drei Frauen gegründet hatten. 526 Mitglieder hat der Verein „Der Garten der Frauen“.
Wir haben die Pflicht an diese Frauen und ihren Mut zu erinnern
Auf rund 1.700 Quadratmetern entstand ein Gelände mit historischen Grabsteinen, Gedenksteinen und Grabstellen für Frauen, die mit Hamburg verbunden waren. Ständer mit Aluminiumtafeln erzählen vom Leben dieser Frauen.
Da wäre zum Beispiel Emmy Beckmann (1880 – 1967), Hamburgs erste Oberschulrätin. Als Bürgerschaftsabgeordnete (FDP) forderte sie 1952, dass in die neue Hamburger Verfassung der Satz aufgenommen werden muss: „Dem Senat müssen Frauen angehören“ – damals noch eine Seltenheit. Oder Gerda Gmelin, die Schauspielerin, Regisseurin und Prinzipalin des Hamburger „Theater im Zimmer“ (1919 – 2003). Viele dieser musealen Grabsteine stammen von Gräbern auf dem gesamten Friedhof Ohlsdorf, deren Nutzungszeit abgelaufen ist, und die dann in den „Garten der Frauen“ umgesetzt werden.
Immer wieder gibt es auch Feste und Veranstaltungen im "Garten der Frauen". Und dann sind da die Grabsteine von Widerstandskämpferinnen im Nationalsozialismus. Etwa von Yvonne Mewes oder Olga Brandt-Knack. „Ihre Grabsteine wären sonst geschreddert und für den Straßenbau verwendet worden. Sowas darf doch nicht passieren!“, empört sich Rita Bake. „Wir haben die Pflicht, an diese Frauen und ihren Mut zu erinnern!“
Ein weiterer Gedenkort im „Garten der Frauen“ ist die „Erinnerungsspirale“, zusammengesetzt aus einzelnen Gedenksteinen für Frauen, die keine Grabsteine hatten oder deren Steine bereits entsorgt wurden. Da wird zum Beispiel an Erna Hoffmann und mit ihr an die Euthanasieopfer des NS-Regimes erinnert, die man einfach verhungern ließ. Oder an Margaretha Rothe. Sie hatte während der NS-Zeit in Hamburg heimlich die Flugblätter der Geschwister Scholl verteilt. Ein zu einer Schwalbe gefaltetes Flugblatt liegt in ihrem ausgehöhlten Stein.
Die dritte Art Gräber besteht aus Gemeinschaftsgrabanlagen, auf denen flach auf den Boden liegende Steinwellen eingelassen sind. Hier sind Frauen der Gegenwart bestattet, die Mitglied des Vereins waren. Auch junge Frauen, Alleinstehende und Witwen liegen dort. Manche Frauen wollten nicht in die Familiengruft und lieber in die Gemeinschaft der Frauen. Nachdem die Grabstellen auf den Gemeinschaftsgrabflächen aufgelöst werden, wandern die Namen der Frauen auf eine blaue Glastafel auf einem im Garten stehenden großen alten Grabstein. „Eine von uns“ steht drauf.
Trauer ist ein Teil des Lebens, der Garten hilft, die Schwere zu nehmen
Den Angehörigen helfe die Gemeinschaft der Frauen, in der die Verstorbenen nun sind. „Trauernde können sich hier begegnen. Trauer ist ein Teil des Lebens. Der Garten ist lebendig und er hilft, die Schwere zu nehmen“, sagt Rita Bake. Häufig gibt es auch Veranstaltungen und Ausstellungen, hier im „Garten der Frauen“.
Und immer wieder muss Rita Bake als seine Wächterin hervortreten. Zum Beispiel, wenn jemand eine „True-Crime-Veranstaltung“ auf dem Gelände machen will. „Verbrechen an Frauen sind keine Unterhaltung“, sagt Rita. Ein anderes Mal wollte eine „FLINTA-Initiative“ aus Frankfurt einen „FLINTA-Rundgang“ initiieren, zu Frauen wie Inge Meysel oder der Malerin Anita Rée und dazu auch den Garten der Frauen einbeziehen. Auch ihnen wurde abgesagt. Denn: „Wir Frauen haben lange für unsere Sichtbarkeit gekämpft und tun es bis heute. Das Wort FLINTA hat hier nichts zu suchen!“ Richtig wütend wird Rita Bake, wenn Männergruppen vorbeikommen und nach dem „Honka-Stein“ fragen. „Den gibt es hier nicht!“, entgegnet Rita dann kühl. „Wir erinnern hier an die Frauen und nicht an ihre Mörder!“ Ein weißer ovaler Stein zeigt die Porträtbilder der Opfer des Frauenmörders Honka: Gertraud Bräuer, Anna Beuschel, Frieda Roblick und Ruth Schult. Während ihr Mörder einen perversen Kult erfährt, war über das Leben der vier Frauen kaum etwas bekannt. EMMA hatte damals, 1977, als einziges Medium ihre Namen geschrieben und ihre Gesichter gezeigt. Über 50 Jahre später hat die Hamburger Historikerin Frauke Steinhäuser die Biografien aufgearbeitet. Und der „Garten der Frauen“ erzählt nun ihre Geschichte.
Erst im Oktober ist ein weiterer Gedenkstein dazugekommen, um an Annegret Bauer zu erinnern. Sie war Ende der 1980er Jahre Opfer des „Säurefassmörders“ Lutz Reinström geworden. Annegrets Nichte ist an den „Garten der Frauen“ herangetreten, um eine Erinnerung an ihre Tante in Würde möglich zu machen.
Wichtig ist Rita Bake und ihrer Gruppe auch, an die Berufe der Frauen zu erinnern: „Viele Menschen glauben gar nicht, welche tollen Berufe Frauen schon vor 100 Jahren hatten!“ Da wäre zum Beispiel Erna Mohr, eine deutsche Zoologin und Kustodin des Zoologischen Museums Hamburg (1894 – 1968). Sie war weltweit der erste Mensch, der verwaiste Fledermausbabys mit der Saugflasche aufzog. Ihrem Grab beigestellt ist die steinerne Skulptur einer Baumratte, deren Verhalten Erna Mohr wie keine andere erforscht hatte.Eine Grabstatue im Garten steht auch für eine Frau, die niemand mehr kennt. Eine wunderschöne Marmorstatue mit einem Cape und einem kleinen Hund zu ihren Füßen, die zum Grab von Marie Groot gehörte. „Der letzte Nutzungsberechtigte aus ihrer Familie wusste kaum etwas über sie. Ich habe immerhin herausbekommen, dass sie Hunde liebte und der Hund zu ihren Füßen ihr Dackel Peppi ist“, lacht Rita. Kunsthistoriker meinen, die Skulptur würde die Göttin Artemis zeigen.
Die 526 Frauen und einige Männer, die im Verein „Garten der Frauen“ Mitglieder sind, sind zu einer lebendigen Gemeinschaft geworden. Unter ihnen sind u. a. 40 Frauen, die Gartenarbeit leisten, acht Frauen, die Gruppen durch den Garten führen, sowie dutzende Ansprechpartnerinnen, die sich sonntags im Info-Häuschen abwechseln und Veranstaltungen organisieren. „Wir sind ein tolles Team“, schwärmt Rita und gesteht: „Es ist schön zu wissen, dass wir in dieser Gemeinschaft auch nach unserem Tod hier in unserem Garten zusammenbleiben.“
Rita Bake hat auch für sich vorgesorgt: Sie wird nicht innerhalb des „Garten der Frauen“ bestattet werden, sondern an der Hecke am Eingang des Gartens, wo bereits ihr Mann begraben ist. Sie bleibt für immer die Wächterin des „Garten der Frauen“.
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