Sportlerinnen oder Pornostars?

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Das Stadion ist restlos ausverkauft, 40000 ZuschauerInnen fiebern dem Einlauf der Footballerinnen entgegen, das heutige Match verspricht besonders aufregend zu werden. Es treten an: „San Diego Seduction“ gegen „Dallas Desire“. Es ist soweit: Die Spielerinnen rennen aufs Feld und das Gejohle wird bei ihrem Anblick noch lauter, denn: Die 14 Football-Ladies tragen Helm und Schulterschutz und ansonsten – fast nichts.

Ihre knappen Höschen enden haarscharf an der Schamhaargrenze, ihre Bustiers werden von überdimensionierten Silikon-Brüsten gesprengt. Ihren Oberschenkel umfasst ein schwarzes Band, das nicht zufällig an ein Strapsen-Strumpfband erinnert. Die Fans sind begeistert. Welcome bei der amerikanischen Lingerie-League! – der Damen-Football-Unterwäschen-Liga.

Das Phänomen hat einen Namen: „Sporno“ – die Kombination aus Sport und Porno. Zwei WissenschaftlerInnen an der Deutschen Sporthochschule Köln erforschen es. „Die zunehmende Sexualisierung des Sports ist ja schon länger offensichtlich und auch wissenschaftlich belegt“, erklären Jörg-Uwe Nieland und Daniela Schaaf. So hatte die Sportwissenschaftlerin Gertrud Pfister bereits vor zehn Jahren das „Kournikova-­Syndrom“ ausgemacht, benannt nach der russischen Tennisspielerin Anna Kournikova, die es dank lolitahafter Inszenierung trotz mäßiger Leistung zur größten Medien­aufmerksamkeit der Tenniswelt und hochdotierten Werbeverträgen brachte.

Sozialwissenschaftler Nieland und Kommunikationswissenschaftlerin Schaaf war aufgefallen, dass es „inzwischen eine deutliche Steigerung dieser Sexualisierungstendenzen gibt, die man schon als Pornografisierung bezeichnen muss.“ Dem gingen die beiden nach. Und waren überrascht „von Quantität und Qualität dieser Pornografisierung“.

Zum Beispiel von der Fotostrecke mit der brasilianischen Fußballerin Laísa Andrioli, die 2008 im Magazin Sexy, dem brasilianischen Playboy-Pendant, posierte. Die Nationalspielerin und Team-Kollegin von Weltfußballerin Marta, die im selben Jahr mit ihrem Team im Olympia-Finale in Peking triumphierte, bespielte in Sexy die ganze Palette weiblicher Unterwürfigkeit: Mit Strick und Sprossenwand oder in einem laufstallartigen Holzgitter-Bett, auf dem sich die 20-jährige Fußballerin mit einer Pinzette die letzten Schamhaare auszupfte. „Wir haben nicht erwartet, dass aktive Sportlerinnen solche Bilder von sich präsentieren“, sagen Schaaf und Nieland.

Dabei sind wir hier erst auf Stufe eins der „Sporno-Treppe“, die das Wissenschafts-Duo aufgestellt hat: der „Pornografisierung der medialen Kommunikation mit SportlerInnen“. Die ist auch hierzu­lande zu beobachten. Mehr als 30 deutsche Sportlerinnen haben sich seit 1995 – übrigens das Geburtsjahr des „Sportmanagements“, das es bis dahin als Berufsbild nicht gab – für den Playboy oder ein anderes einschlägiges Männermagazin ausgezogen, von Eiskunstläuferin Tanja Szewczenko über Fechterin Britta Heidemann bis Boxerin Regina Halmich. Allerdings gilt, im Gegensatz zur brasilianischen Sexy, für Promis die „Boobs and Butt-Regel“: Brüste und Po müssen gezeigt werden, das Geschlechtsteil nicht. Aber schon das gereicht der Sportlerin (und ihrem Manager) zum finanziellen Vorteil, wie Schaaf bei ihrer Untersuchung von über 72000 Werbe­anzeigen in zehn Jahren herausfand: Acht der zehn Sportlerinnen, die zwischen 1995 und 2005 am häufigsten als Werbe-Testimonials vorkamen, „hatten vorher eine erotische Medienpräsenz“. Wie Tennis-Genie Steffi Graf, die sich auf dem Höhepunkt der Steueraffäre ihres Vaters im ­Bikini in der amerikanischen Sports Illustrated zeigte. Manchmal sind Werbung und erotische Medienpräsenz auch dasselbe. Zum Beispiel bei Biathlon-Queen Magdalena Neuner, die in „heißen Dessous“ (Bild) für Mey-Unterwäsche wirbt.

Stufe zwei auf der Sporno-Skala: Die „Sexualisierung von etablierten ­Sport­arten“. Als Paradebeispiel gilt hier der Beachvolleyball: Der Weltverband FIVB wollte die Sportart für Zuschauer „attraktiver“ machen und änderte die Trikotordnung – nur für weibliche Spieler, versteht sich. Denen schrieb er Badeanzug oder Bikini vor. Und die Rechnung geht auf: Bezeichnenderweise sehen sich so viele Herren mit Begeisterung die verschwitzten knapp bekleideten Damen an, dass Beachvolleyball eine der raren Sportarten ist, bei denen die Sportlerinnen die Sportler in Sachen Sponsorenverträge und Preisgelder überholten.

Der Deutsche Basketball-Bund (DBB) hingegen lehnte eine Änderung der Kleiderordnungder Damen laut, die DBB-Präsident Ingo Weiss jedoch hart konterte: „Wir wollen auf keinen Fall, dass die Mädels demnächst im String-Tanga herumhüpfen, nur um drei Zuschauer mehr in die Halle zu locken!“ Sportkleidung, so Weiss, müsse nur eins sein: „athletengerecht“. Wenn man sich auf Stufe drei der Sporno-Treppe befindet, der „Neuschaffung von pornografisierten Sportarten“, spielt Athletengerechtigkeit ohnehin keine Rolle mehr. Die Bustiers der Lingerie-Football-League-Damen schützen die Spielerinnen wohl nur äußerst dürftig, wenn ihre Körper mit voller Wucht aufeinanderknallen.

Zumal die Ladies nur über rudimentäre Football-Kenntnisse verfügen: Ihre Schlüs­selqualifikation besteht in ihrer üppigen Oberweite. „Deshalb überrascht es kaum, dass zahlreiche Spielerinnen der Lingerie-League aus der Sex- und Porno-Branche kommen“, erklären Schaaf und Nieland. „Sowohl bei den öffentlichen Trainings als auch ihren Auftritten in Nachtclubs werden Merchandising-Artikel en masse verkauft.“

Die Geburtsstunde der Lingerie-Football-League ist die Halbzeitpause des Superbowls 2003, also des Endspiels der Männer-Football-Liga. Damals traten die Porno-Ladies zum ersten Mal an. Was als Pausenfüllerfür das Pay-TV gedacht war, lockte Millionen Zuschauer vor die Fernsehbildschirme, seit 2009 spielt die Lingerie-Football-League als Profi-Liga vor ­ausverkauften Stadien.

Stufe vier der Sporno-Treppe nennen Schaaf und Nieland: die „Adaption von Riten der Rotlichtbranche als neue Sportart“. Für ähnliche Zuschauerzahlen wie die Lingerie-League könnte womöglich das Pole-Dancing sorgen, wenn es im Jahr 2016 olympische Disziplin wird. Pole-Dancing olympisch? Ja, kein Witz. Wenn es nach dem Pole-Dance-Weltverband ­gegangen wäre, hätte der Stangen-Tanz aus dem Rotlichtmilieu schon 2012 in London zum Sportarten-Repertoire gehört. Aber das Internationale Olympische Komitee befand die ­Struk­turen der Sportart für „noch nicht ­aus­reichend“, stellte allerdings eine Zustimmung für Rio de Janeiro 2016 in Aussicht.

Was im Alltag längst gelaufen ist – Pole-Dancing-Kurse für die „fitnessbewusste Frau“ werden heute in jeder Kleinstadt angeboten – findet nun auch seinen Weg in die große Sport-Arena mit ihrem Millionenpublikum.

Und schließlich Stufe fünf: „Sport als Motiv in Sex- und Pornofilmen“. „Sport“ firmiert als feste Kategorie auf vielen Porno-Websites, aber nackte Frauen, die sich an Golfschlägern räkeln, kann man auch per Knopfdruck auf die Fernbedienung sehen: Die „Sexy Sport Clips“, die ab Mitternacht auf SPORT1 (früher: Deutsches Sportfernsehen) laufen, zeigen, was Frauen nicht können (einen Ball werfen oder ihn per Tennisschläger über ein Netz schlagen) und was sie können (sich ausziehen und am Schläger reiben).

Wie praktisch, dass sich der geneigte Zuschauer nach einem Frauenfußball-Bundesligaspiel oder der Übertragung der Leichtathletik-WM inclusive Diskuswerferinnen und Gewichtheberinnen mit Hilfe der „Sexy Sport Clips“ davon überzeugen kann, dass die (Geschlechter)Welt doch noch in Ordnung ist.

Womöglich gerät aber die Welt der Sportlerinnen langsam aber sicher aus den Fugen. „Wir kommen an einen Punkt, wo die sportliche Leistung und die Authentizität des Sports hinter der Attraktivität der Sportlerin zurücktritt“, befürchten die WissenschaftlerInnen. Da stellen sich weitere Fragen, zum Beispiel die: „Wird demnächst von Sportlerinnen erwartet, dass in ihrer Präsentationsmappe auch erotische Fotos sind? Drängt womöglich ihr Management Sportverband dazu?“ Nicht nur Spitzensportlerinnen sind betroffen.

„Auch bei der Mädchen-Handball-Mannschaft in der Kreisklasse könnte leicht jemand auf die Idee kommen zu sagen: Wir machen jetzt mal einen Nackt-Kalender, damit was in die Mannschaftskasse kommt oder ein lokaler Sponsor ­anbeißt. Und da kann ganz schnell ein Gruppenzwang entstehen“, fürchtet Jörg-Uwe Nieland.

A propos: Vielleicht sehen wir ja pünktlich zur Frauen-Fußball-WM die erste Nationalspielerin im Playboy. Doris Fitschen, Ex-Nationalspielerin und Marketing-Managerin der Nationalmannschaft jedenfalls, hätte nichts dagegen. „Wenn eine Spielerin das möchte, kann sie das machen. Wir legen ihr keine Steine in den Weg.“ Ist der DFB auch schon spornifiziert?                      

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