Die sanfte Wilde

Was ist denn so kompliziert an den Texten der F.M.? Ich meine ja, sie sind einfach und komplex, nicht kompliziert (worunter ich abwertend: wolkig, ungenau oder unnötigerweise verhĂŒllend und erkenntnishindernd verstehe). Das Gegenteil ist der Fall: F.M.s Literatur ist genau, sensibel und erkenntnisfördernd. Es kommt darauf an, ob du imstande bist, dich zu öffnen und deiner (eigenen) SensibilitĂ€t zu vertrauen.

Dieser Vorgang ist allerdings schon vonnöten, um eine so einfache Speise wie eine frische reife Tomate zu erschmecken, Geruch und Geschmack eines frischen Basilikumblattes, liebe Frauen und versprengte Leser. Literatur, wie sie Fritzi macht, kann von sensiblen, gutwilligen und nicht vorschnell Ă€ngstlich sich verschließenden Leserinnen/Lesern genossen werden, ausgeschlafen, in fröhlicher oder trauriger Gestimmtheit, aber ohne jede Krampfhaftigkeit, etwa der krampfhaften Suche nach einem Handlungsfaden. Vor lauter Fast-Food-Essen der LinearitĂ€t von Ketchup und Stories, die ĂŒbersichtlich einer Pointe zueilen, haben viele nicht gelernt, darauf zu achten, was ihnen Gaumen, Zunge, Nase mitteilen könnten; und schon gar nicht, was ihnen ihre SensibilitĂ€t zu bescheren imstande wĂ€re.

Mir scheinen manche Texte der F.M. etwas Textiles an sich zu haben, ein feines Sprach-Gewebe (das Halt und StĂŒtze gibt oder ist?), „wie", sagen wir, in einer FlĂŒssigkeit „wie" schwebend. Diese sanfte Kraft des Fließens kann so bei geglĂŒckter Rezeption ein Mit-Fließen entstehen lassen, eine Aktivierung eines (eigenen) privaten Assoziationsstroms, ein Mitgerissensein, Ă€hnlich dem Zustand der Verliebtheit.

Mayröckers ThemenfĂ€den beziehen sich auf Körperverfassungen, Alter, Abschied, Beziehungsprobleme; sie nehmen GesprĂ€chspartikel und Traumreste auf. Ihr neuestes Buch, „Lection", handelt nur von Frauen: der Mutter, der Ich-ErzĂ€hlerin und den beiden Pflegepersonen, sowie einer Pflegerin, die aus mehreren Personen zusammengesetzt ist, wie mir Fritzi erklĂ€rt. Es geht ihr nicht um das Abpausen sogenannter realer Personen, sondern um die sehr moderne Auflösung eines Ensembles von Eigenschaften (psychischen, emotionalen, auch verfestigten Gewohnheiten), das in der FlĂŒchtigkeit und zugleich Strukturiertheit eine Entsprechung findet. Ihr theoretisches Programm formuliert sie als permanentes Fließen und sich im Fluß sein lassen am besten selbst im ersten Satz der „Magischen BlĂ€tter I": „Die meine Arbeit begleitenden Theorien und Ansichten befinden sich in einem Zustand permanenter Bewegung, die zwar ihr Tempo Ă€ndert, sich aber an keinem Punkt fixieren lĂ€ĂŸt, weil dadurch die Arbeit selbst gestört wĂŒrde. Was ich jetzt zu meiner Arbeit sage, könnte nur eine Aussage ĂŒber einen fiktiven Fixpunkt sein und mĂŒĂŸte womöglich morgen widerrufen werden." Ohne Emanzipation explizit einzufordern, ist F.M.s Leben und Arbeiten ein permanentes BemĂŒhen um UnabhĂ€ngigkeit, ist ihre Literatur ein krĂ€ftiges Zeugnis ihrer kĂŒnstlerischer und intellektueller SelbstĂ€ndigkeit.

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