Kein Bock auf Spaltung!

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Alice Schwarzer (EMMA) Katrin, du bist schuld, dass wir hier sitzen. Denn du hast mir diese Mail geschrieben, über die ich mich sehr gefreut habe.

Katrin Rönicke Ja, ich hatte in deinem Blog deinen Brief an Kristina Schröder gelesen. Darin kam das Wort „Alphamädchen“ vor, da dachte ich: Es ist schade, dass wir immer so viel übereinander reden, anstatt miteinander zu reden.

Alice Das sehen wir genauso! Mit Missy hatten wir ja schon vor dem Erscheinen des ersten Heftes einen Briefwechsel.

Stefanie (Missy) Ja, wir waren interessiert euch kennen zu lernen und wollten uns auch ein paar Tipps abholen.

Chris (Missy) Es waren aber nicht nur eure Erfahrungen als Magazin-Macherinnen. Es war ja 2008 so, dass es schon einen öffentlichen Schlagabtausch zwischen den so genannten „jungen Feministinnen“ und EMMA gegeben hatte. Darüber hatte ich mich geärgert, weil ich damals schon den Eindruck hatte, dass die Generationenkluft und die angeb­lichen Differenzen eher von den Medien aufgebauscht werden. Und dass es diesen Generationen-Konflikt eigentlich nicht gibt, nur Differenzen anhand von inhalt­lichen Positionen – die können aber ebenso gut innerhalb einer Generation verlaufen. Wir von Missy haben uns noch nie in ­Abgrenzung zur EMMA gesehen und woll­ten uns so auch nicht positionieren. Und ich dachte, wenn wir mal reden würden, dann würde das sehr schnell ausgeräumt.

Stefanie Lohaus Ich hatte zum Beispiel das Problem, dass die Medien die ganzen jungen Frauen, die 2008 auftauchten, in einen Topf geworfen haben. Dabei fand ich zum Beispiel das Buch „Neue deutsche Mädchen“ von Jana Hensel und Elisabeth Raether total fürchterlich. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was daran feministisch sein sollte.

Chris Köver Das habe ich ja damals auch in ­unserem Blog geschrieben: Die Medien haben vielleicht ein Interesse uns öffentlich gegeneinander auszuspielen, aber das ist nicht unbedingt unser Interesse. Selbst, wenn wir uns in gewissen Punkten nicht einig sind, sollten wir das nicht mitmachen. Gerade, weil wir wissen, dass das eine Backlash-Strategie ist.

Chantal Louis (EMMA) Genau! Darum sitzen wir ja jetzt hier zusammen.

Alice Ich habe schon mehrere Wellen ­dieser Spaltungsversuche zwischen den ­Generationen erlebt. Und übrigens wird diese Versuchung ja an beide Generationen herangetragen. Euch sagen sie: „Ihr seid doch jung und müsst euch nicht mit diesen alten Frustrierten gemein machen.“ Und ich soll mich immerzu von „den jungen Frauen“ distanzieren. Das fing schon in den frühen 1990er Jahren an. Da sollte meine Generation sich darüber beklagen, wie „unpolitisch“ die jungen Frauen doch seien. Dabei müsst ihr nicht denken, dass meine Generation so politisch war. Da gab’s ja dieselbe Palette wie heute: ­Bewusste, Unbewusste, Opportunistische, Desinteressierte. Der Punkt ist doch: Man kann ja durchaus inhaltliche Differenzen haben, aber die haben meist mit der ­Generationenfrage wenig zu tun. Gleichzeitig wäre es interessant, wo der Unterschied der Generationen wirklich zum Tragen kommt.

Chris Ein Unterschied ist sicher, dass wir von Missy – Steffi, Sonja und ich – erstmal einen akademischen Zugang zum Thema hatten. Da hat ja an den Unis inzwischen eine Institutionalisierung des Feminismus stattgefunden, so dass wir uns im Studium mit feministischer Theorie und Gender Theory auseinandergesetzt haben.

Stefanie Die Gesellschaft hat sich verändert, und unsere Art politisch zu denken und Politik zu machen, ist natürlich davon beeinflusst. Wir werden ja immer mal von älteren Frauen gefragt: „Das gibt es doch alles schon, warum müsst ihr jetzt wieder von vorn anfangen?“ Aber wir jungen Frauen müssen den Feminismus eben wieder neu für uns entdecken und mit unserem eigenen Alltag und unseren eigenen Erlebnissen abgleichen. Das ist ein wichtiger Prozess.

Katrin Das sehe ich anders. Es gibt doch gewisse Traditionen, die weitergegeben werden. Ich hab zum Beispiel früh gelernt, dass es so was wie die Menschenrechte gibt. Aber was ich nicht gelernt habe, ist, dass es auch Frauenrechte gibt. Das steht ja nicht in den Geschichts­büchern. Für mich als junges Mädchen, das zuerst in der DDR und dann im Schwabenland aufgewachsen ist, existierte der Feminismus gar nicht. Bis ich mit 18 in die grüne Politik kam. Darum giere ich regelrecht danach, die feministische Tradition aufzusaugen, die bis vor zehn Jahren völlig an mir vorbeigegangen ist.

Alice Und das ist ja kein Zufall. Denn die feministische Tradition ist nicht Mainstream. Natürlich muss man seine eigenen Erfahrungen machen. Wir Älteren können ja den Jüngeren nicht sagen: „Pass mal auf, das ist sowieso schon alles klar, darüber musst du gar nicht mehr nachdenken!“

Alle lachen

Alice Aber andererseits lernt die Menschheit, gibt es ein Kollektivwissen. Wir sitzen ja auch nicht mehr auf den Bäumen. Für meine Generation war es übrigens nicht anders. Auch wir haben ja Anfang der 1970er geglaubt, wir wären die ersten. Der erste feministische Aufsatz, der mich aufrüttelte, hieß „L’an zéro“ – Das Jahr null. Auch meine Generation kannte ­unsere großen Vorläuferinnen nicht. Am Anfang hat es Spaß gemacht, diese Pionierinnen der historischen Frauenbewegung zu entdecken: Hedwig Dohm, Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Minna Cauer – alles Namen, die auch ihr heute kennt. Aber irgendwann hat die Entdeckung dieser Frauenrechtlerinnen mich doch sehr beklommen gemacht. Ich dachte: Es kann doch nicht wahr sein, dass es das alles schon gab – und wir haben nichts gewusst! Und wir haben wieder bei Null angefangen – dabei hätten wir auf unseren Vorgängerinnen aufbauen können. Die Geschichtslosigkeit der Frauenemanzipation scheint mir eine der schärfsten Waffen gegen uns zu sein. Und deshalb regt mich so wahnsinnig auf, dass das schon wieder passieren könnte.

Chris Das sehen wir genauso! Es ist ein ­Problem, dass viele Frauen unserer Generation die feministische Geschichte nicht kennen und deshalb immer wieder denken, dass ihre Probleme individuelle Probleme sind. Wenn sie die Geschichte der Emanzipation kennen würden, wüssten sie: Das ist schon dreimal durchgekaut worden.

Chantal Hundert Mal.

Stefanie Wir stellen uns ja in dieser Tradition. Deshalb haben wir bei Missy ja auch bestimmte Rubriken wie das „Generationengespräch“ oder „Vor uns“. Mit denen wollen wir ein Bewusstsein dafür schaffen. Wir wollen im Gespräch mit den Müttern oder Großmüttern auch schauen, wie weit wir gekommen sind beziehungsweise wie erschreckend nah wir noch oder wieder an deren Realität vor 50 oder 70 Jahren sind.

Katrin Ja, und da war für mich das Buch „Wir Alphamädchen“ eine Offenbarung, weil da so zusammengepackt war, was ­Feministinnen alles schon gedacht und ­erreicht haben. Das war in mundgerechten Stücken verpackt und man braucht keine akademische Vorbildung, um das zu lesen.

Stefanie Das Problem beim Begriff „Alphamädchen“ ist, dass er einerseits von euch verwendet wird, Katrin, mit einer leicht ironischen Brechung. Andererseits wird er im feministischen Kontext oftmals auch für Karrierefrauen à la Schröder verwendet. Ich würde mich selbst nie als ­Alphamädchen bezeichnen.

Alice Der Begriff kommt ja auch nicht von den Frauen selbst, sondern ist auch ein mediales Konstrukt. Ähnlich wie das „Girlie“. Die „Alphamädchen“ waren schon eine Titelgeschichte im Spiegel, als es sie noch gar nicht gab. Und der Spiegel hatte den Begriff aus Amerika, wie so ­vieles. Da war ein Buch mit dem Titel ­erschienen.

Chantal Und es war mal wieder der Versuch des gegeneinander Ausspielens: Die frustrierten, prüden Alten in den lila Latzhosen gegen die frischen, sexy Mädels, die dieses unentspannte Gezeter doch gar nicht mehr nötig haben.

Alice Die Generationen gegeneinander auszuspielen, das ist ja bei Frauen ein vielschichtiges Spiel. Erstens sagt man der jungen Frau: Vergiss alles, was war und fang wieder bei Null an. Zweitens spekuliert man damit auf die gesellschaftliche Abwertung der älteren Frau. Drittens ­bietet man der (noch) jungen Frau den lohnenden Verrat an – bis auch sie 40 ist.

Alexandra Eul (EMMA) Das zieht ja auch die ganze Energie aus der Diskussion. Wenn man sich öffentlich nur über die Spaltung zwischen jungen und älteren Feministinnen unterhält, dann redet man eben nicht mehr über die Inhalte. Die inhaltliche Diskussion wird damit total ausgebremst und auf diesen angeblichen Zank reduziert. Und diejenigen, die sich vorher nicht mit Feminismus beschäftigt haben, lesen das und denken: Ach herrje, damit will ich nix zu tun haben!

Chris Als Missy rauskam, kam bei den Presseanfragen ja auch erstmal die Feststellung: „Ihr seid ja nicht so verbissen.“ Dann folgte die Frage: „Was ist denn jetzt das Neue am jungen Feminismus?“ Am Anfang haben wir noch brav mädchenmäßig überlegt, wie wir diese Frage beantworten. Dann haben wir sie einfach komplett abgeschmettert, weil es eben nicht den 1970er Jahre-Feminismus und den neuen Feminismus gibt. Es hat ja im Feminismus immer schon verschiedene Strömungen nebeneinander gegeben.

Alice Wir haben das schon mitgekriegt. Es wurde ja von Anfang an versucht, euch gegen EMMA zu positionieren. Was ja einfach lächerlich ist. Es gibt an den Kiosken hunderte Zeitschriften in Männerhand, dazu gehören auch die traditionellen Frauenzeitschriften. Und nur, weil es jetzt mal zwei feministische Zeitschriften gibt – die ja übrigens sehr ­unterschiedlich und eher ergänzend sind: ein Popmagazin und ein politisches ­Magazin –, wird da gleich die Konkurrenznummer suggeriert.

Stefanie Wir haben uns in unserer Selbstdarstellung doch auch auf euch bezogen. Wir haben gesagt: Missy ist eine Mischung aus EMMA, dem Musikmagazin Intro und ein bisschen Maxi ist auch dabei.

Chantal Auch wir bei EMMA müssen uns ja der Entwicklung aktuell stellen. Trotzdem denke ich manchmal, ich kann die Textbausteine aus alten Texten raus­kopieren und in den neuen einsetzen. Zum Beispiel beim Thema Prostitution. Da gibt es eine solche Ignoranz der Politik, dass wir jetzt seit zwanzig Jahren das Gleiche schreiben – müssen. Aber es gibt eben Themen, an denen man dranbleiben muss, obwohl schon längst alles Grundsätzliche dazu gesagt ist. Weil die Situation schlimmer wird. Bei den Essstörungen ist es dasselbe. Zu dem Problem hat EMMA 1984 (!) den ersten Sonderband rausgegeben.

Alexandra Mir passiert es oft, dass ich denke: Zu diesem oder jenem Thema muss EMMA unbedingt mal was machen! Aber wenn ich dann im Internet-Archiv nachschaue, stelle ich fest: Dazu gab es schon 1999 was. Oder auch 1989.

Chantal Oder 1979.

Chris Das geht ja selbst uns schon so, dass wir denken: Mein Gott, das und das Thema haben wir doch schon tausendmal durchdiskutiert.

Stefanie Aber das Problem ist: Wenn wir es nicht machen, macht es niemand.

Alexandra Man muss da auch von seinem eigenen Mikrokosmos abstrahieren. Wir sind ja alle von Menschen umgeben, wo feministische Themen ständig diskutiert werden. Aber wenn man einen Schritt rausgeht, stellt man fest: Da sind diese Themen gar nicht so präsent.

Chris Ich finde nicht, dass der Feminismus nicht Mainstream ist.

Alice Natürlich, eine gewisse feministische Idee ist in allen Köpfen. Der Feminismus ist heute keine Bewegung mehr, sondern ein Bewusstseinszustand.

Chris Genau!

Alice Und da gibt es in anderen Medien auch immer wieder Autorinnen und in zunehmendem Maße auch Autoren, die Themen so schreiben, dass ich mir sage: Sehr gut, das passiert jetzt schon, das müssen wir jetzt nicht mehr machen. Macht ihr bei Missy ähnliche Erfahrungen?

Stefanie Ja. Wir haben uns ja stark in ­Abgrenzung zu anderen Popkultur-Magazinen positioniert und deren Männerlastigkeit kritisiert. Und jetzt hat die Spex, die ja eine der wichtigsten deutschen Popkultur-Zeitschriften ist, eine Doppel­spitze mit einem Mann und einer Frau. Und in der ersten gemeinsamen Ausgabe gab es dann viele Themen, die genauso bei Missy hätten stattfinden können.

Alexandra Da hat Spex vermutlich auf euch reagiert. Haben sie in dieser Ausgabe nicht auch erklärt, dass sie jetzt mehr Frauen und mehr feministische Themen im Heft haben wollen?

Alice Das ist seit 34 Jahren auch die Funktion von EMMA: Die anderen Medien zu zwingen, das Thema nicht länger zu ignorieren – indem wir es öffentlich machen. Aber wie arbeitet ihr eigentlich?

Katrin Die Mädchenmannschaft war mein Einstieg. Jetzt habe ich mit Barbara Streidl und Susanne Klingner den Verein Frau Lila gegründet. Auch da arbeiten wir ehrenamtlich. Wir besprechen unsere Pro­jekte in Telefonkonferenzen – zum Beispiel, wie wir Frauen im Internet ­sicht­barer machen können oder sie für Wikipedia begeistern. Gemeinsam mit weiteren Mitgliedern aus Medien, Wirtschaft und Politik wollen wir von Frau Lila uns auch offline stärker einmischen. Wir hoffen, dass wir unsere Projekte mit Werbung und Spenden finanzieren können. Und wir wollen ein Portal einrichten, über das man zu allen guten deutschen Bloggerinnen kommt.

Alexandra Also eine Art Suchmaschine für Frauen-Blogs?

Katrin Eher wie ein digitales Frauenmagazin, dessen Inhalt durch Blogs erstellt wird.

Chris Wir von Missy wollten von Anfang an ein Unternehmen gründen, das uns auch finanziert, weil wir wussten: Um Missy auf dem Qualitäts-Level zu machen, der uns vorschwebte, müssen wir sie vollzeit machen. Wir haben ein Gehalt, aber ein sehr kleines und machen alle noch Jobs nebenbei: Sonja gibt Lehrveranstaltungen, Stefanie und ich arbeiten als freie Journalistinnen.

Stefanie Wir sind drei Chefredakteurinnen: Chris und ich und Sonja Eismann, die auch Gründungsmitglied von Missy ist, aber in Wien lebt.

Chris Zuerst haben wir uns Redakteurinnen genannt. Aber dann fanden wir: Nö, eigentlich sind wir doch Chefredakteurinnen!

Alle lachen

Chris Dann gibt es noch eine Reihe weiterer wichtiger Team-Mitglieder wie Margarita Tsomou, unsere Mitherausgeberin und Anzeigenleiterin, Daniela Burger, ­unsere Artdirektorin und Hedi Lusser, die Bildchefin. Wir sind also ein Kernteam von sechs Frauen, die das Magazin verantworten. Entscheidungen treffen wir mehrheitlich, aber es gibt so etwas wie ein Veto­recht. Wenn also Eine sagt: Mit dieser Entscheidung kann ich überhaupt nicht leben, dann muss das respektiert werden.

Alice Und es gab kein Veto gegen eure Beate-Uhse-Anzeige?

Chris Nein. Aber die wurde intensiv diskutiert. Wir sind nicht alle glücklich damit. Aber wir sind eben auf die Einnahmen aus Anzeigen angewiesen. Andere Anzeigen lehnen wir aber durchaus ab. Wir machen zum Beispiel keine Diät-Produkte und wir würden keine Anti-Cellulite-Werbung machen.

Alice Da würde ich eher Anzeigen für ­Diätprodukte bringen als die einer Porno-Firma. Aber am besten natürlich beide nicht! Doch an EMMA wäre Beate Uhse gar nicht erst rangetreten. Ihr habt euch so positioniert – als jung, cool und sexy.

Chris Was wir sagen, ist: Ein bewusster Umgang mit der eigenen Sexualität ist nichts Schlechtes, sondern etwas, das man Mädchen und Frauen vermitteln sollte …

Alice Das versteht sich doch von selbst! Das ist ja die Lektion Nr. 1 des Feminismus.

Chris … und deshalb greifen wir das Thema Sexualität häufig auf. Und wie es dann so ist, wenn man das redaktionelle Umfeld hat, kommen dann schnell die entsprechenden Anzeigenkunden.

Stefanie Würdet ihr denn Anzeigen für Sexspielzeug bringen?

Alice Warum nicht? Es geht ja nicht um Sexualität, sondern um Macht und Geschlechterrollen. Aber ist es nicht auch so, dass man jenseits der rosaroten Dinge über Liebe und Sex, die die Frauen gerne lesen und die man bedienen möchte, ernsthaft feministisch doch eigentlich nur über die politische Dimension von Sexualität schreiben kann? Denn ab einem ­gewissen Punkt wird es doch sehr privat.

Katrin Es ist doch eine politische Position zu sagen, dass Frauen ihre Sexualität selbstbewusst leben sollten. Ich habe kürzlich ein wunderbares Buch gelesen: „Sex – so machen’s die Frauen“. Da haben die Autorinnen Geschichten darüber gesammelt, wie Frauen ihre Sexualität leben, um zu zeigen: Das ist normal, das ist gut so, mach das mal! Das hat doch eine ­politische Dimension.

Alice Könnte es sein, dass es ein großes Missverständnis zwischen uns gibt? Und das betrifft die Pornografie-Debatte. ­Stefanie, du hast kürzlich in einem Interview gesagt, ihr hättet auch ein Problem mit Pornografie, glaubt aber nicht, dass man es mit einem Gesetz bekämpfen kann. Aber Schwestern, ihr glaubt doch nicht etwa, dass wir das glauben?

Stefanie So hatte ich die PorNo-Kampagne von EMMA immer verstanden: Als Kampagne, die Pornos verbieten möchte.

Alice Das ist doch nur die Spitze des Eisbergs. In der Kampagne geht es um Information und Aufklärung. Die Zuspitzung auf ein Gesetz war eine Provokation. So wie auch die Stern-Klage von 1978 (!) – von der wir wussten, dass wir sie verlieren würden, weil es gegen Sexismus kein ­Gesetz gab und gibt – eine politische ­Aktion war. Es gab ja ein Gesetz gegen Pornografie, das Pornografie als „Verstoß gegen Sitte und Anstand“ definierte. ­Darauf haben wir in den 1980ern reagiert und gesagt: Sitte und Anstand interessieren uns nicht, das sind für uns keine ­Kategorien. Für uns ist Pornografie die Darstellung sexueller Lust verknüpft mit Lust an Erniedrigung und Gewalt.

Chris Dann wären also Filme von Erika Lust oder anderen Filmemacherinnen, die sich als feministisch bezeichnen und versuchen, solchen Gewaltbildern entgegen zu arbeiten, gar keine Pornografie?

Alice Vermutlich nicht. Aber ich halte dieses Aufweichen des Pornografie-Begriffes für keinen Zufall. Eigentlich ist unsere Definition ja in den 1970er Jahren eine befreiende Definition gewesen, die reagiert hat auf das piefige Sitten-Gerede. Wir haben den Begriff Pornografie enger gefasst und gesagt: Für uns wird die so ­genannte Pornografie erst da zum Problem, wo sie ein Verstoß gegen die Menschenwürde ist. Erotik oder Nacktheit sind nicht unser Thema. Dann tauchten plötzlich Feministinnen auf, die sagten: „Wir machen feministische Pornografie!“ Warum haben die nicht zum Beispiel von „erotischen“ Filmen gesprochen? Wieso haben die auf den international von ­Feministinnen seit Mitte der 1970er Jahre eindeutig definierten Pornografie-Begriff rekurriert? Zu dieser Strömung gehörte ja auch dieses ganze zynische „Prostitution ist ein Beruf wie jeder andere“-Gerede. Und im übrigen auch der Versuch, die Pädophilie salonfähig zu machen. Auch dagegen hat EMMA sich schon in den 1970er Jahren gestellt. Denn dieser ganzen repressiven Sexualpolitik liegt eine zentrale Lüge zugrunde: Nämlich die ­Behauptung, es handele sich um Gleiche. Aber Kinder sind nun mal abhängig von Erwachsenen – und Frauen leider oft auch von Männern, ökonomisch oder emotional.

Stefanie Für mich ist Pornografie zunächst mal die Darstellung sexueller Handlungen mit dem Ziel, Lust zu erzeugen. Und in diesem Zusammenhang sehe ich auch ­feministische Pornografie.

Chantal Die Trennung zwischen „harmloser Pornografie“ und „Gewalt-Pornografie“ ist doch in Wahrheit kaum noch zu halten. Der Löwen-Anteil der Pornografie, die man im Netz findet, ist gewalttätig und frauenerniedrigend. Und was die so genannten „feministischen Pornos“ angeht: Da geht es mir tierisch auf den Wecker, dass die Macherinnen sich immer als „sexpositive“ Feministinnen bezeichnen. Das ist schon wieder so ein Spaltungsversuch, denn der Rückschluss ist ja, dass wir „sexnegative“ Feministinnen wären. Damit ­stehen Feministinnen wie wir EMMAs wieder in der prüden Ecke. Und diesen Spaltungsversuch haben auch die so ­genann­ten Alphamädchen in ihrem Buch voll mitgemacht. Wenn man gelesen hat, was in EMMA seit 30 Jahren über Pornografie steht, ist es schon befremdlich, was die Autorinnen uns da unterstellen. Da liegt der Verdacht nah, dass sie diese ­klischeebeladene Spaltung in junge, hippe, sexy Mädels und prüde, alte Schachteln ­bewusst herbeigeschrieben haben.

Katrin Also, wir drei hier haben ja jetzt den totalen Aha-Effekt, was den Pornografie-Begriff anbelangt. Dabei habe ich schon lange ein EMMA-Abo – aber ich habe mich über die Pornografie-Artikel immer geärgert, weil man sie mit dem Mainstream-Begriff von Pornografie ganz anders liest.

Chantal Aber das haben wir doch immer gebetsmühlenartig erklärt! Im letzten PorNO-Dossier haben wir es auf jede Seite geschrieben: „Pornografie ist die Sexualisierung von Erniedrigung und Gewalt.“

Alexandra Man muss wirklich sagen, dass es immer da steht. Das war übrigens diesmal meine Idee. Denn mir ging es nicht anders als euch, bevor ich zu EMMA kam. Ich dachte: Die EMMA ist klasse, aber leider etwas konservativ, wenn es um Sex und Erotik geht. Jetzt, seit ich ein halbes Jahr bei EMMA bin, sehe ich das ganz anders. Sowohl die Texte als auch die ­Mädels hier. Ich habe so gar nicht den Eindruck, dass die EMMAs frustriert sind …

Alle lachen

Alice Es gibt eben viele so genannte Missverständnisse, die in Wahrheit keine sind. Ideologien bzw. Klischees sind eben einfach stärker als die Realität. Ihr seid doch Kulturwissenschaftlerinnen und Feministinnen, da müsstet ihr doch eigentlich die ganze Debatte über diesen Begriff kennen. Es geht uns um das Propagieren, Verharm­losen und Verherrlichen sexueller Gewalt. Punkt. Ansonsten können sich die Leute von mir aus beim Sex an den Kronleuchter hängen. Das ist mir völlig egal, solange es unter freien gleichen Menschen passiert. Wir engen Sexualität nicht ein – wir befreien sie!

Chris Das, was ihr als Pornografie definiert, das finden wir …

Katrin Auch furchtbar!

Chris … indiskutablen Scheißdreck. Und es ist nicht wegzudiskutieren, dass 99 ­Prozent der Porno-Industrie genau das ist.

Katrin Dann ist ja auch das gar keine ­Differenz zwischen uns.

Alle lachen

Alice Was sind denn für euch die inhalt­lichen Prioritäten für die nächste Zeit? Was sind Themen, von denen ihr sagt: Die wollen wir angehen?

Stefanie Das ist schwierig zu sagen, weil wir weniger eine an bestimmten Punkten festzumachende politische Agenda haben. Natürlich haben wir bestimmte politische Forderungen, für die wir einstehen, zum Beispiel die Quote. Der Gedanke hinter Missy war ja: EMMA als politisches ­Maga­zin gibt es schon. Was es aber nicht gab, war ein Heft, das sich aus feministischem Blick mit Popkultur auseinandersetzt. Wir kommen ja aus der Kulturwissenschaft, und deshalb wollen wir den Kampf um Gleichberechtigung auf ­die­sem Feld führen.

Alice À propos diesem umstrittenen Begriff „Mädchen“ – da muss ich ja was gestehen. Am Anfang hab ich ja immer gedacht: Können die nicht mal erwachsen werden? Und jetzt musste ich feststellen, dass wir uns damals in Paris, wo ich ja meine frauenbewegten Anfänge hatte, nur „les filles“, die Mädchen, genannt haben. Und als ich nach Deutschland kam, hab ich immer gesagt: „Mädels, hört mal!“ Oder „Wir Mädchen müssen …“. Und dafür bin ich von den strengen deutschen Schwestern gleich mehrere Köpfe kürzer gemacht worden.

Katrin Siehst du! Und es ist ja auch nicht so, dass die Männer das nicht machen würden. Die haben auch ihren „Jungsabend“.

Alice Aber das Diminutiv in „Mädchen“ gibt es bei den Jungs und auch in anderen Sprachen nicht.

Katrin Aber „Girls“ ist ganz schrecklich. Bei unserem Namen spielt auch eine Rolle, dass wir als Zielgruppe ganz junge Frauen haben wollen. Wir sehen es ganz klar als Auftrag, dass wir die Tradition des Feminismus an die nächste Generation weitergeben.

Stefanie Ich mag „Mädchen“, nenne mich aber schon lange nicht mehr so. Den Begriff „Girlie“ fand ich allerdings schon immer ganz furchtbar, weil er in Deutschland gleichgesetzt wurde mit naiven Mädchen, die sich sexy kleiden und sich deswegen emanzipiert fühlen.

Chris Es gibt ja diesen Ermächtigungs­gedanken, also die Idee, einen eigentlich abwertenden Begriff positiv zu besetzen. Deshalb haben ja die Girlies angefangen, rosa zu tragen und Dinge abzufeiern, die vorher als „mädchenmäßig“ entwertet worden wären. Diesen Ansatz, das „Mädchensein“ aufzuwerten für Mädchen finde ich sehr gut, aber wir sind jetzt Frauen über 30 und ich möchte mich nicht mehr als „Mädchen“ oder „Girl“ bezeichnen.

Alice Das kann aber auch ins Auge gehen. Plötzlich ist die angeblich „neue“ Weiblichkeit wieder die ganz alte … Uns ist ja auch durchaus bewusst, dass wir für euch die Drecksarbeit machen. Und es freut uns, dass ihr dafür euer Schiff nicht so schwer befrachten müsst.

Chris Was meinst du denn damit?

Alice Ich meine die ganze Sexualpolitik: vom Missbrauch bis zur Vergewaltigung. Und auch zum Beispiel, dass ich da beim Kachelmann-Prozess verdammt allein stehe, obwohl da ja – unabhängig von der Schuld­frage – das uns alle angehende Problem der sexuellen Gewalt innerhalb von Beziehungen verhandelt wird.

Chris Aber es ist doch nicht so, dass das Thema sexuelle Gewalt bei uns nicht stattfinden würde. Zum Beispiel hatten wir gerade einen Beitrag über Street ­Harassment, also sexuelle Belästigung auf der Straße und wie Frauen sich dagegen wehren können. Ich geb’ euch schon recht: Das steht bei uns nicht so im Vordergrund wie bei euch. Aber es gibt ­bestimmte Themen, bei denen auch bei uns Schluss mit lustig ist. Bei Häuslicher Gewalt zum Beispiel, da sehen wir auch, dass es brennt.

Alice Verbuchen wir das also unter ­Gemein­samkeiten.

Stefanie Das Interessante ist: Unsere ­Generation kennt ja zuerst die Klischees über Feminismus. Ich bin mit der ganzen Bandbreite der Vorurteile über Feminismus aufgewachsen, bevor ich den Feminismus selbst kennengelernt habe. Es gibt einen Tagebuch-Eintrag von mir, da bin ich 15 und stelle fest, dass ich mich für Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaft interessiere. Und da diskutiere ich mit mir, ob ich eine Feministin bin. Da schreibe ich: „Aber ich hab doch einen Pferdeschwanz und mag Jungs!“ Es hat gedauert, bis ich diese Klischees abgebaut hatte und sagen konnte: „Ich bin Feministin!“

Chris Ich hab mich ab der Uni als Feministin bezeichnet. Und gegenüber meiner Familie hab ich das sehr vor mir herge­tragen, wohl auch als Rebellion gegen die Geschlechterrollen, die dort vorherrschten.

Alexandra Ich bin mit dem Feminismus groß geworden, weil meine Mutter recht feministisch ist und mir diese Ideen mit auf den Weg gegeben hat. Sie hat immer gesagt: „Alexandra, achte drauf, dass du einen guten Job kriegst. Bleib selbstständig! Sag deine Meinung!“ Das hab ich in der Schule vor mir hergetragen und viel Spott und Häme dafür geerntet. Aber mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass wir als Frauen eben doch nicht alle Chancen ­dieser Welt haben, sondern eher einen Riesen-Backlash erleben.

Stefanie Für mich waren der Einstieg in den Feminismus die Gender-Seminare in der Uni. Also ein wissenschaftlicher ­Zugang. Und das ist sicher auch ein ­Unterschied zwischen den Generationen.

Alice Meine Generation ist ja wirklich am Nullpunkt angetreten. Die Situation war desolat. Wenn eine Frau geheiratet hat, hatte sie überhaupt keine Rechte mehr. Kein Mensch wäre drauf gekommen, dass Frauen alles können, was Männer können. Schon gar nicht wäre jemand drauf gekommen, dass Männer sich um Kinder kümmern können. Und über jeden kleinen Fortschritt, den wir gemacht haben, haben wir uns wahnsinnig gefreut. Und wir haben in der Tat sehr viel erreicht. Die Emanzipation der Frauen ist ja wirklich eine Kulturrevo­lution! Und ihr seid ja nun wunderbarerweise in eine Welt reingewachsen, in der man euch sagt: Alles klar! Aber darum kommt bei euch die Frustration von der anderen Seite: Ihr staunt darüber, dass doch nicht alles so easy läuft wie erwartet.

Alexandra Und deshalb kann die Sache von mir aus auch gern wieder politischer werden. Oft ist es bei uns so viel Diskurs – und so wenig Aktivität. Viele junge Frauen merken heute erst zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt, dass was nicht stimmt. Wir sind sehr lange in der bequemen Situation, dass wir uns in der Schule und der Uni in einer Laborsituation aufhalten. Und erst danach merken, dass die Realität für Frauen anders aussieht.

Katrin Ich bezeichne mich erst seit drei Jahren als Feministin. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich von dieser Thea-Dorn-These losgesagt hatte. Die hatte ja in ihrem Buch „Die neue F-Klasse“ gesagt, der Begriff Feminismus sei „verbrannt“.

Chris Ich hatte schon früh Susan Faludis „Backlash“ gelesen und verstanden, dass die Vorurteile gegen den Feminismus Teil des strategischen Backlashs sind. Der wird von gewissen Leuten mit ­gewissen Interessen gegen den Feminismus losgetreten. Und deswegen will ich mir den Begriff „Feminismus“ nicht nehmen lassen. Aber viele junge Frauen, die im Prinzip mit uns über die Missstände einig sind, scheuen sich davor, sich so zu nennen.

Alice Klar. Die sehen ja schon an meinem Beispiel, was das kostete.

Stefanie Ich finde es auch deshalb so wichtig, mich als Feministin zu bezeichnen, weil ich mich bewusst in diese Tra­dition stellen will.

Alexandra In den USA ist es ja auch eine Selbstverständlichkeit, sich als Feministin zu bezeichnen. Dagegen sind wir in Deutschland in einem Entwicklungsland.

Katrin Das hängt in Deutschland so stark mit diesem Muttermythos zusammen. Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern. Als Frau gilt man erst als vollwertig, wenn man Mutter ist. Und das muss man dann ‚vollblut‘ sein. Eine Rolle, die mit Erwartungen völlig überfrachtet ist.

Chris Aber auch damit, dass der Backlash hier weniger stark bekämpft wurde. Die Dritte Welle, die in den USA ja unheimlich populär und schon fast mainstream war, kam ja bei uns weichgespült in Form der „Girlies“ an.

Alexandra Die meisten Menschen definieren Feminismus erstmal über die Klischees wie Sexfeindlichkeit oder Männerfeindlichkeit. Und so lange man den Begriff nicht für sich verwendet, ändert man an diesen Klischees nichts. Wir müssen diese Klischees brechen, indem wir als Femi­nistinnen an die Öffentlichkeit gehen. ­Feminismus ist nie sexfeindlich gewesen.

Alice Im Gegenteil! Unsere Großmütter haben nach dem achten Kind mal aus Versehen einen Orgasmus gehabt, wenn sie Glück hatten. Wir waren doch die ­ersten, die das Recht auf unseren Körper und unsere Lust proklamiert haben! ­Ausgerechnet uns Lustfeindlichkeit vorzuwerfen, das ist nicht ganz ohne Komik.

Stefanie Kürzlich habe ich auf den ­Jugendmedientagen einen Workshop ­gegeben, und der war der erste, der voll war. Da war ein 16-jähriges Mädchen dabei, das seit ihrem zehnten Lebensjahr ein EMMA-Abo hat! Ich hab das Gefühl, mit denen ist es wieder einfacher, über Feminismus zu reden. Die haben weniger Vorurteile als meine Generation.

Chantal Ist EMMA jetzt die junge Missy?

Alle lachen

Chris Wir könnten auch Veranstaltungen zusammen machen. Uns Themen suchen, bei denen das passt.

Katrin Das fände ich auch toll.

Alice Bei Frauen interessiert ja eigentlich immer nur der Streit. Wir sollen uns am besten das Gesicht zerkratzen.

Chris Au ja, wir machen Schlamm-Catchen!

Missy, das feministische Magazin für Popkultur erscheint alle drei Monate.

 

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