Grüne Männer auf der Suche
Neulich war ich auf einer Robert-Habeck-Veranstaltung in Berlin. Der ehemalige Wirtschaftsminister, seit dem Ampel-Aus Dozent, Berater und Speaker, las beim Familienkonzert des Kammerorchesters Unter den Linden das Märchen „Peter und der Wolf“ des russischen Komponisten Sergej Prokofjew. Habeck, 56, gilt vielen meiner grünen Freundinnen als Traummann: umweltbewusst, auf eine verwuschelte, Erdkundelehrer-hafte Art attraktiv, machthungrig, anscheinend seiner Frau, Kinderbuchautorin Andrea Paluch (die beiden haben mehrere Werke gemeinsam verfasst), treu, Vater von vier Söhnen.
Ein Macher – auch, wenn viele seiner Kritiker das nicht unterschreiben würden. Habeck hat es seit Dienstschluss weit gebracht: Seit dem 1. August ist er Senior Advisor für die dänische Investmentgesellschaft Urban Partners (in Kopenhagen lebt er ohnehin). Der Investor für Stadtentwicklung verwaltet ein Multimilliarden-Vermögen. Der Verein Lobbycontrol sieht hier übrigens einen Interessenkonflikt, denn zu den Gesellschaftern zählt die deutsche Viessmann Generations Group, die aus einem Wärmepumpenhersteller hervorgegangen ist. Na, klingelt da was? Selbst, wenn man Habeck nichts Böses unterstellt: Er weiß, wie es geht. Die Robert-Formel: Hindernisse charmant wegmoderieren, aussitzen – und dabei windschnittig aussehen.
Noch mehr grüne männliche Alphatiere gefällig? Wie wäre es mit Cem Özdemir, dem Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg: ein kerniger, eloquenter Typ, der den Politikbetrieb in- und auswendig kennt und weiß, wie man einen Gegner aus der Kurve drückt. Özdemir ließ sich für Ehe Nr. 2 von dem medienerfahrenen Boris Palmer trauen und beherrscht die gesamte Klaviatur von hart bis herzlich, von charmant bis schwäbisch. Aus der Bahnhofskloake „Stuttgart 21“ wird „Stuttgart 31“? Des isch halt blöd.
Eigentlich haben die Grünen viele echte Typen – zumindest unter den Ü-50-Jährigen. Warum also hat sich jetzt eine Gruppe Landes-, Bundes-, und Europapolitiker hingesetzt und ein Manifest für Männer aufgesetzt (auch Parteichefin Franziska Brantner und Ex-Parteichefin Ricarda Lang haben übrigens mitgeschrieben)? Die Forderung: Männer sollten nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend sein.
Das ist zu unterstützen, wenngleich auffällt, dass bei den größten (männlichen) Politstars der Grünen eine gewisse Härte und Ellbogenmentalität nicht zu leugnen ist. Feiert die jetzt ein Comeback? Man wolle, so schreiben die Manifest-Menschen, ein Angebot machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann. Ah ja.
Es herrscht Unruhe in der Partei: Junge Männer wählen in Deutschland zunehmend AfD, andere suchen in der frauenhassenden Internetblase der „Manosphere“ Bestätigung ihres Weltbildes. War das Image von Tragetuch-Papas und Dadfluencern doch zu soft?
Dabei war schon der erste Grünen-Minister Joschka Fischer ein Politik-Platzhirsch. Der heute 78-Jährige kam zwar in Turnschuhen und lustig blinzelnd daher. Aber, machen wir uns nichts vor: Der ehemalige Außenminister war ein Machtpolitiker und heiratete später die bildschöne Vorzeigefrau Minu Barati.
Auch Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsident Winfried Kretschmann wirkt nicht so, als lasse er sich die Butter von der Brezel nehmen. Nicht nur in Coronazeiten galt er als Hardliner. Heiligs Blechle: Grüner sein und mansplainen, das passt offenbar auch.
Die heutige Grünen-Generation mag ein Problem mit dem Männerbild haben, ihre Vorgänger gingen es irgendwie selbstbewusster an.
Ex-Bundesumweltminister Jürgen Trittin galt lange als Posterboy der Politik, so fein bezwirnt und von oben herab lederte er gegen politische Gegner. Der ewig radelnde Grauschopf Christian Ströbele war hingegen ein lässiger Vorbote der heutigen Lastenradfahrer.
Und, wo bitte, soll Anton Hofreiter noch männlicher werden? Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag macht auf ruppigen Rebellen, sieht aus, als würde er täglich einen Kloben Holz hacken und spricht gefühlt nur noch von Waffen. Hofreiter ist 56.
Haben die Grünen also ein Männlichkeitsproblem – oder ein Generationenproblem? Sind es die Dominik Krauses (der grüne Münchner Oberbürgermeister, 35) und Felix Banaszaks (der aktuelle Bundesvorsitzende, 36), die die Herren in die Flucht schlagen? Die jungen Grünen bemühen sich allem Anschein nach, gute Männer und gleichberechtigte Partner zu sein. Hier und da mal ein markiger Auftritt beim CSD oder bei Lanz. Ansonsten eher Typen, die man zum Einkaufen schicken kann. Besser der Kompetenteste im Biomarkt als der Lauteste im Bundestag.
Apropos Einkaufen: Als der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck in einer ARD-Doku gestand, Müsli mit Wasser zu essen, weil er nicht zum Milchkaufen gekommen war, da schwante einigen: Das könnte auch der Typ sein, den ich daheim auf dem Sofa sitzen habe, so wenig, wie der neben seinem Job auf die Kette kriegt.
Das Männermanifest ist in der Partei schon jetzt heftig umstritten. Manche Mitglieder fürchten, das sei der Ruf nach Machos statt Memmen, Muckis statt Matcha. Aber stopp: Grünen-Chef Felix Banaszak gab im Februar ausgerechnet der Busenbibel Playboy ein Interview. Banaszak erklärte in dem klassischen Männer-Pornoblatt (an wen hat er sich da eigentlich gerichtet?): „Du kannst im Fitnessstudio pumpen gehen oder Dir die Fingernägel lackieren. Alles fein, der zentrale Punkt ist doch: Sei kein Arschloch.“
Das allerdings war den Grünen der ersten Generation völlig egal.
PS: Kann es sein, dass dem 36-jährigen Banaszak wirklich nicht bewusst ist, dass der Playboy seit über einem halben Jahrhundert der Feind Nr. 1 der Feministinnen war und ist? Und ein Interview im Playboy eine Ohrfeige für alle wahren Feministinnen ist?
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