In der aktuellen EMMA

Männer-Manifest: Die große Lücke

Foto: Michael Thomas
Artikel teilen

Laut BKA erreichte die Opferzahl von häuslicher Gewalt Ende 2025 ihren Höchststand. Dass sich daher Grünen-Politiker und -Politikerinnen mit einem neuen Manifest für moderne Männlichkeit zu Wort melden, ist wichtig und löblich: Die Fähigkeit, sich selbst stets auf den Prüfstand zu stellen und Verbesserungsmöglichkeiten auszuloten, ist eine Errungenschaft unserer westlichen Zivilisation. Was also läuft schief bei „den Männern“? Welche Männer will das grüne Manifest ansprechen? Und vor allem: Wie lässt sich das Problem männlicher Gewalt wirksam angehen? 

Man habe, so schreiben die Initiatoren des Männermanifests, über Jahre vermittelt, wie ein Mann nicht sein sollte, ohne zu sagen, wie er sein sollte. Dadurch sei ein Vakuum entstanden, das von rechten Akteuren und Influencern der sogenannten Manosphere besetzt worden sei. 

Zwar hält das Manifest am feministischen Grundverständnis fest, versucht dieses nun jedoch um ein positives, identitätsstiftendes Angebot für Männer zu ergänzen. Moderne Männlichkeit solle Verantwortung, Fürsorge, Respekt und individuelle Freiheit verbinden und damit eine Alternative zu den Männlichkeitsentwürfen der politischen Rechten und der Manosphere schaffen. Der Parteivorsitzende Felix Banaszak fasste den Kern dieser neuen Männlichkeitsidee in einem Interview mit dem Playboy so zusammen: „Du kannst im Fitnessstudio pumpen gehen oder dir die Fingernägel lackieren. Von mir aus geh mit lackierten Fingernägeln pumpen.“ Nur eines gälte es zu vermeiden: „Sei kein Arschloch!“ 

Dass Grünen-Politiker ihre „harte Schale“ wiederentdeckt haben, ohne deshalb ihren weichen Kern aufgeben zu wollen, ist erfreulich und zeugt von einer gewissen kritischen Reflexionskraft, die aber letztlich selbst innerhalb eines eigenen progressiven Wertesystems operiert und nicht wirklich nach außen dringt, mit anderen Worten: Es spricht die falschen Männer an und zielt somit am eigentlichen Problem vorbei. 

Über die richtigen Adressaten schweigen sie sich weiter aus. Dass sich althergebrachte und misogyne Wertvorstellungen, die vielfach kulturell und religiös geprägt sind, längst in unserer Gesellschaft verfestigt haben, gilt bei den Links-Progressiven als politisch unerwünscht und wird daher ausgeblendet. 

Doch für die Frage, wie moderne Männlichkeit (und Weiblichkeit übrigens auch) verstanden und Gewalt gegen Frauen eingedämmt werden kann, sind die Prägungen aus der Ursprungskultur der Männer von grundlegender Bedeutung: Welche Werte werden einem Jungen auf den Weg gegeben? Ist ein junger Mann, der in einem familiären Umfeld mit kopftuchtragenden Frauen aufwächst, überhaupt fähig, von der Vorstellung zu abstrahieren, dass die Frau ihre „weiblichen Reize“ zu verhüllen habe, und seinem weiblichen Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen? Können Männer, denen man von Klein auf beigebracht hat, eine Frau als ihr Eigentum zu begreifen und über sie zu bestimmen, die in der westlichen Kultur errungene Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern jemals vorbehaltlos anerkennen? 

Warum haben die Initiatoren des Manifests es versäumt, auch diese Fragen zu stellen? Wer die „rechte Misogynie“ im Netz bekämpfen will, sollte auch die real gelebten Formen von kulturell bedingter Frauenfeindlichkeit in der eigenen Gesellschaft klar benennen. 

Solange das Täter-Opfer-Bild dem eigenen moralischen Selbstverständnis entspricht, stehen gerade Menschen aus dem links-grünen Spektrum gerne an vorderster Front, um generell gegen „den Mann“ zu schießen und mit inhaltsleeren Aussagen wie „Nicht alle Männer, aber immer ein Mann“ zu glänzen. Denn ein zentraler, wenn nicht gar elementarer Baustein des progressiven Denkgebäudes ist die Annahme, der (weiße) Mann sei Ursache oder Profiteur nahezu aller relevanten gesellschaftlichen Ungleichheiten. 

So war der Aufschrei im Fall Ulmen verständlicherweise groß, die Wut auf „den Mann“ stieg ins Unermessliche, und die Solidarität mit Collien Fernandes fiel nicht weniger deutlich aus. Über 250 Frauen aus Kultur, Medien und Politik forderten, unterstützt durch eine WeAct-Petition von Compact, eine nationale Strategie gegen männliche Gewalt. Dazu posierten sie in Berlin vor Plakaten mit der Aufschrift „mein Mann“, „mein Vater“, „mein Onkel“, „mein Nachbar“, „mein Freund“ – verbunden mit deren Gleichsetzung als „Täter“. 

Man hätte sich eine ähnliche medienwirksame Solidaritätsbekundung für das 16-jährige Mädchen gewünscht, das im vergangenen Jahr in einem Jugendclub in Berlin-Neukölln mutmaßlich vergewaltigt wurde. Für Empörung sorgte dabei der Vorwurf, dass weder die Leitung des Jugendclubs noch das Jugendamt die Polizei eingeschaltet hätten – aus Sorge, der jugendliche Tatverdächtige aus einem muslimischen Umfeld könne rassistischen Anfeindungen ausgesetzt werden. 

Das Grünen-Männermanifest läuft insgesamt ins Leere und lässt sich vielmehr als Eingeständnis einer verfehlten Politik verstehen, in der man über Jahre eine Ideologie kultivierte, die moralische Gewissheiten über eine unvoreingenommene Analyse der Wirklichkeit stellte. Ohnehin lässt sich fragen, ob sich das pseudo-progressive Denksystem mittlerweile nicht zu einem massiven Bollwerk einer in sich geschlossenen Logik entwickelt hat, das sich von außen nur schwer aufbrechen lässt. Hinweise auf mögliche Widersprüche und argumentative Unstimmigkeiten lässt man bewusst und gerne „rechts liegen“, um sich so in seiner (schein)moralischen Selbstgewissheit zu bestärken. Dass dabei längst errungene Freiheits- und Gleichheitsrechte ausgehöhlt werden, scheint im Eifer moralischer Selbstprofilierung kaum noch aufzufallen.

Ausgabe bestellen
 
Zur Startseite