In der aktuellen EMMA

Was ist die Manosphere?

Symbol für die Manosphere aus dem Film "Matrix": Blaue Pille oder rote Pille. Scheinwelt oder - angebliche - Wahrheit?
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Die Manosphere ist – vereinfacht ausgedrückt – ein ziemlich düsterer Mikrokosmos innerhalb des Internets mit antifeministischen Internetforen, Blogs, WhatsApp- und Telegram-Gruppen, Social-Media-Accounts und YouTube-Kanälen, auf denen Misogynisten über Frauen schimpfen und selbsternannte Lifestyle-Coaches Tipps geben, wie man in der heutigen Zeit ein „richtiger“ Mann wird. Viele der Männer, die sich in dieser tristen Ecke des Webs aufhalten, fühlen sich von der Gesellschaft ausgegrenzt und fürchten, dass die Männlichkeit ausstirbt. In ihren Augen wird die Welt immer weiblicher. Kurz gesagt: Die Manosphere ist kein besonders netter Ort.

Der US-amerikanische Soziologe Michael Messner veröffentlichte 1998 unter dem Titel „The Limits of The Male Sex Role“ einen Beitrag für Gender & Society, in dem er die Männerbewegung der 1960/70er beschreibt. Experten sehen in ihr den Urknall, der zur Entstehung der Manosphere geführt hat. Laut Messner kritisierte die Bewegung zunächst die traditionellen männlichen Geschlechterrollen, da diese als Belastung empfunden wurden. Eine Splittergruppe davon begann dann allerdings in den 1970er Jahren dem Feminismus die Schuld daran zu geben. 

Als in den 1990er Jahren das Internet aufkam, begannen diese Männer sich dann in Foren zu treffen und teilten dort ihre frauenfeindlichen Theorien. In den 2000ern wurden die Pick-up-Artists populär: selbsternannte Frauenhelden, die schüchternen jungen Männern beibrachten, wie man eine Frau erobert. Oft handelte es sich bei den Flirtstrategien um manipulative, teilweise sogar beleidigende Methoden. Ein klassischer Tipp lautete beispielsweise, einer Frau zu sagen, sie hätte eine große Nase. Auf diese Weise breche man angeblich ihr Selbstbewusstsein und verunsichere sie. Pick-up-Artists waren um 2007 schwer angesagt. Sie wurden in Lifestyle-Magazinen gefeaturt und hatten auf MTV eine eigene Show (The Pickup Artist). Im Internet entstand eine ganze Community von jungen Männern, die sich in Foren über ihr „Game“ – also ihre Flirt-Masche – austauschten.

Tatsächlich namentlich genannt wurde die Manosphere aber wohl erst 2009 zum ersten Mal, als ein Blog mit dem Namen The Manosphere auf blogger.com (damals noch blogspot.com) an den Start ging. Zu dem Zeitpunkt arbeitete ein gewisser Ian Ironwood im Marketingbereich einer Pornofilm-Firma. Eines Tages kam einer seiner Manager auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht Interesse daran habe, ein Buch darüber zu schreiben, wie man eine Frau verführt. Im Rahmen seiner Recherche für das Werk stieß Ironwood auf die Manosphere. 

Nachdem er sein Manuskript über das Verführen von Frauen abgeschlossen hatte, wandte er sich einem zweiten Projekt zu und veröffentlichte 2013 das Buch The Manosphere: A New Hope For Masculinity. Darin schreibt er: „Seit vierzig Jahren versuchen Männer, sich an die chaotischen Folgen der sexuellen Revolution und die Diktate des Feminismus anzupassen, und nun haben sie endlich genug davon. Da die Manosphere zu wachsen beginnt und an Bedeutung gewinnt, hat sie das Potenzial, eine Leitfigur für junge Männer zu sein, die mit ihrer Männlichkeit zu kämpfen haben. Eine Bibliothek für junge Erwachsene, die eine Partnerstrategie entwickeln, ein Zufluchtsort und Ratgeber für verheiratete Männer in schwierigen Zeiten und eine Gelegenheit für reife Männer, die Lektionen, die sie in ihrem Leben gelernt haben, weiterzugeben und eine neue Generation von Männern in die Welt einzuführen.“ In den darauffolgenden Jahren wurde der Begriff dann immer häufiger von den Medien verwendet, wenn sie über Gewalttaten gegenüber Frauen berichteten.

Eine große Rolle innerhalb der Manosphere- Community spielt eine rote Pille. Das Symbol stammt ursprünglich aus dem Film Matrix von 1999, in dem Morpheus dem Helden der Geschichte in einer Schlüsselszene zwei Pillen anbietet: „Nimm die blaue Pille, und die Geschichte hört auf. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was auch immer du glauben möchtest. Nimmst du die rote Pille, bleibst du im Wunderland, und ich werde dir zeigen, wie tief das Hasenloch hinunterführt.“ 

Der Held muss sich also entscheiden, ob er weiterhin in einer Scheinwelt leben – oder lieber einen Blick hinter den Vorhang werfen und die Wahrheit erfahren möchte. In der Manosphere ist die angebliche Wahrheit, dass wir eigentlich in einer von Frauen dominierten Welt leben und jede Form von Männlichkeit vernichtet werden soll. Eben die klassische Weltanschauung von Verschwörungstheoretikern. 

Wer die rote Pille genommen hat, muss sich die Frage stellen: Wie geht man nun mit dieser Information um? Zur Auswahl stehen – folgt man den Gesetzen der Community – zwei Optionen. 

Anhänger der Red-Pill-Community, die noch nie Sex hatten und sich schwertun, eine Partnerin zu finden, bezeichnen sich in der Manosphere als Incels – eine Abkürzung für „involuntary celibate men“, also Männer, die unfreiwillig zölibatär leben. Incels betrachten sich als Opfer einer vom Feminismus gesteuerten Gesellschaft und suchen die Schuld für ihre Sexflaute bei den Frauen, die sie meist als „Stacys“ bezeichnen. Diese seien geistlos, eitel, unhöflich und würden Incels nicht mal mit dem Hintern angucken, da die ja ohnehin nur an Sex interessiert seien. Für Incels ist mehr oder weniger eigentlich jede Frau eine Stacy. Ganz nach dem alten Spruch: Alles Schlampen außer Mutti. 

Der Psychologe spricht in so einem Fall gerne vom „Sündenbock-Phänomen“. Statt sich mit den eigenen Unzulänglichkeiten auseinanderzusetzen, gibt man die Schuld lieber den Frauen. Ein Verhalten, das vor allem bei Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein festzustellen ist. Also zum Beispiel bei jungen Männern. Die versammeln sich in Foren und lassen dort ihren Frust raus. Solche Gruppen werden von Sozialwissenschaftlern als Eigengruppe oder In-Group bezeichnet: eine Gruppe von Menschen, mit denen man sich identifiziert, wodurch ein Gefühl von Verbundenheit entsteht. 

Diese Zugehörigkeit zu einer Gruppe erzeugt ein Wir-Gefühl, das das Selbstbewusstsein der einzelnen Mitglieder stärkt. Es entsteht eine gewisse „Wir-gegen-die-anderen“-Mentalität. 

Ironischerweise wurde die Incel-Bewegung ursprünglich von einer Frau ins Leben gerufen. 1997 startete eine Frau mit dem Namen Alana aus Kanada das „Alana’s Involuntary Celibacy Project“. Die Webseite sollte eigentlich ein Zuhause sein für Männer und Frauen, denen es schwerfiel, eine Liebesbeziehung einzugehen, und wo sie sich austauschen konnten. Aber wie das halt so ist: Menschen entwickeln sich weiter. Alana begann ihre Bisexualität zu entdecken und sich selbst zu akzeptieren und wurde selbstbewusster im Umgang mit anderen Menschen. Sie reifte zu einem Menschen heran, der nicht mehr viel gemeinsam hatte mit der Person, die damals das Involuntary Celibacy Project gestartet hatte. Daher übergab sie die Homepage an jemand anderes, eine Person, die sie nicht kannte. Anschließend hat sie sich nie wieder mit der Seite beschäftigt. 

Jedenfalls nicht bis zu einem Tag im Jahr 2015. Da blätterte sie gerade in einem Buchladen durch eine Ausgabe des Politikmagazins Mother Jones, als sie zufällig auf einen Artikel über einen Attentäter stieß, der sich als Incel identifizierte. In einem Gespräch mit der amerikanischen Zeitschrift Elle im März 2016 berichtet Alana, wie sie beim Lesen des Artikels dachte: „Heilige Scheiße! Was habe ich da angezettelt?“ 

Heute ist die Incel-Szene beinahe vollständig in Männerhand. Sie schreiben sich in einschlägigen Foren ihren Hass von der Seele und teilen mit anderen Männern ihre Gewaltfantasien gegen Frauen, denen sie die Schuld an ihrer Einsamkeit geben. Das Centre for Countering Digital Hate registrierte in den ersten drei Monaten des Jahres 2025 über 2,7 Millionen Aufrufe der größten dieser Incel-Plattformen. Die Zahl der Mitglieder habe sich seit 2022 beinahe verdoppelt und lag im Frühjahr 2025 bei etwa 30.000. Das alleine wären schon zu viele. Aber leider gibt es auch noch andere Plattformen. Immer mehr von ihnen wagen sich aus dem Schutz der Dunkelheit ans Tageslicht und verbreiten ihre wilden Theorien in den populären sozialen Netzwerken, wo sie nette, unschuldige Jungs infizieren. 

2025 rückte das Netflix-Drama Adolescence die Incel-Community ins Scheinwerferlicht. In der britischen Mini-Serie ermordet ein dreizehnjähriger Junge eine dunkelhäutige Mitschülerin aus Wut auf Mädchen. Das Drama gewann bei den Emmy Awards – also dem Pendant zu den Oscars für Fernsehserien – acht Auszeichnungen und landete auf dem zweiten Platz der meistgesehenen Netflix-Serien aller Zeiten. Die Serie basiert auf einer Idee des Schauspielers Stephen Graham und des Drehbuchautors Jack Thorne, nachdem Graham vom Tod zweier Mädchen gehört hatte, die von Teenagern ermordet worden waren. Die Jungs sollen zur Incel-Community gehört haben. In den einschlägigen Foren posteten User über die Serie abstoßende Kommentare wie: „Scheiß auf die Schlampe. Sie hat es verdient. Schade, dass Jamie nicht auch noch Katies Affen-Freundin getötet hat.“ 

Viele Incels empfinden sich selbst als unattraktiv und betrachten sich als Verlierer in einem unfairen Wettkampf um die Gunst von Frauen. Häufig bezeichnen sie sich selbst daher auch als „Betas“ – das Gegenstück zum Alphamann. Sie vertreten die Ansicht, dass Frauen ihnen den Sex von Natur aus schuldig seien. Der Feminismus hätte Frauen jedoch vermittelt, dass sie ein Recht auf eine freie Partnerwahl hätten, weshalb sie sich alle ausschließlich auf attraktive Männer fokussieren würden. 

Incels sind überzeugt, dass 80 Prozent der Frauen nur mit den oberen 20 Prozent der männlichen Bevölkerung Sex haben möchten, den sogenannten Chads. Alle anderen Männer gehen leer aus. 

Tatsächlich gibt es eine große Bubble an jungen Frauen, die mit Männern einfach nichts mehr zu tun haben wollen. Eine Rache am Patriarchat und an den Dating-Dynamiken? In ihren Gruppen und auf Social Media werden Tipps ausgetauscht, um die Jungs zu demütigen. Die klassische Situation: In einer Bar oder einem Club geht ein Mann auf eine schöne Frau zu, um sie anzuquatschen. 

So weit, so normal. Wenn es kein Interesse gibt, wurde das meist von der Frau bekundet, und weiter geht die Nacht. Jetzt aber kommt der Frauenhass gegen die Männer ins Spiel, man könnte es auch als weiblichen Wutköder („Ragebait“) bezeichnen. Aussagen wie: „Du siehst aus, als könntest du nicht schwimmen“ sind noch relativ harmlos, dennoch irgendwie verletzend. „Wenn du größer wärst, glaubst du, es ginge dir besser?“ Ist für kleinere Männer eine Demütigung. Am härtesten landet aber immer: „Jetzt fühlst du dich sicher groß und stark, oder?“ 

Eine Abfuhr ist schon hart genug, wenn man aber dabei noch intelligent und unterschwellig beleidigt wird, führt das zu Resignation oder Wut. Dann setzt man sich mit den Jungs hin und haut ein paar frauenfeindliche Sprüche raus. Oder man geht mal in eines der Foren, in denen die eigene Kränkung verstanden wird, und suhlt sich im gemeinsamen Frauen-Hass. Doch wir müssen diese Spirale brechen. 

Die Macht der Kränkung ist nicht zu unterschätzen. Dann sucht man sich gerne die gleichgesinnten Männergruppen, die diese Dynamik des Hasses und der Entfremdung noch weiter befeuern. 

2024 waren laut Angabe des Branchenverbands der deutschen Fitnessstudios (DSSV) mehr Menschen Mitglied in einer Muskelschmiede als je zuvor. Insgesamt zählen die Studios 11,71 Millionen Mitglieder. Da kann das Ganze auch schnell toxisch werden und in Selbsthass umschlagen, weil man nie mit sich zufrieden ist und immer noch eine Stelle am Körper findet, die es zu verbessern gilt.

Innerhalb der Incel-Community gibt es noch mal eine düstere Steigerung zur „Red-Pill-Theory“: die schwarze Pille. Black Piller sind überzeugt, dass es bloß zwei Dinge gibt, die sie angesichts ihrer Einsamkeit tun können: das eigene Schicksal akzeptieren – was leider mitunter auch zu Suizid oder suizidalen Gedanken führt –, oder man verändert durch den Einsatz von Gewalt und Terror die Gesellschaft dahingehend, dass Frauen sich wieder auf die „normalen Typen“ einlassen. Weil sie zur Vernunft gekommen sind. Andernfalls muss man sie eben zwingen.

Weltweit weisen Behörden auf die wachsende Terrorgefahr durch Incel-Anhänger hin. Die Zahl der politisch motivierten frauenfeindlichen Straftaten stieg laut Bundeskriminalamt 2023 um 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2020 bezifferte eine Studie in The Australian Journal of Political Science die Zahl der Todesopfer durch Incel-Attentate in Nordamerika seit 2014 auf 50 Menschen. Mindestens 58 weitere Personen sollen verletzt worden sein.

Einer der bekanntesten Incels war Elliot Rodger. Der 22-jährige Amerikaner tötete im Mai 2014 sechs Menschen in der Nähe des Campus der University of California. Im Vorfeld hatte er ein 140 Seiten langes Manifest geschrieben, in dem er von einem „Krieg gegen Frauen“ spricht. „Ich werde alle Frauen für das Verbrechen bestrafen, mir Sex vorenthalten zu haben. Sie haben mich meine ganze Jugend lang sexuell ausgehungert und dieses Vergnügen anderen Männern gegönnt.“ Und: „Ich kann nicht jede einzelne Frau auf der Erde töten, aber ich kann einen vernichtenden Schlag versetzen, der sie alle bis ins Mark ihrer bösen Herzen erschüttern wird.“ Rodger richtete sich vor seiner Festnahme selbst durch einen Kopfschuss. Von vielen in der Incel-Community wird er als Held und Märtyrer gefeiert.

Im April 2018 fuhr ein Mann in Toronto, Kanada, mit einem Umzugswagen in eine Gruppe von Fußgängern. Zehn Menschen wurden dabei getötet und 15 verletzt. Auf der Facebook-Seite des Täters fand man einen Beitrag, in dem er Elliot Rodger lobte und zum „Sturz aller Chads und Stacys“ aufrief. 2020 erstach ein 17-Jähriger ebenfalls in Toronto vor einem Massagesalon eine 24-jährige Angestellte. Auf dem Messer waren die Worte „Thot Slayer“ eingraviert: ein Slang-Ausdruck, der sich wohl am besten mit „Schlampen-Mörder“ übersetzen lässt. In der Tasche des Täters fand man außerdem eine Notiz, auf der stand: „Lang lebe die Incel-Rebellion.“

TRISTAN HORX

Der Text ist ein Auszug aus "Die Zukunft der Männer. Eine Generation zwischen Wut und Utopie." von Tristan Horx (Reclam, 18 €)

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