Frauenmarsch: Flop oder Erfolg?

Necla Kelek (re) tanzte in erster Reihe, ebenfalls vorne dabei: Christa Stolle von TdF (hinten li).
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Es war ein bunter, fröhlicher Protestzug, der an diesem Samstag durch Hamburgs Einkaufsmeile Mönckebergstraße führte. "Wir Frauen sind in Bewegung!" - "Macht eure Töchter stark!" - "Nein heißt Nein!", riefen die Demonstrantinnen im Chor. Junge wie Alte, Dunkle wie Helle, Religiöse wie Nichtreligiöse marschierten Schulter an Schulter durch die Hansestadt. Und auch einige Männer hatten sich in den Zug eingereiht. Hamburgs erster "Frauen- und MigrantInnenmarsch" blieb seinem Motto treu: Ein vielfältiger Protest sollte es sein. Und eine Premiere: Erstmals haben in Deutschland Frauen und Männer protestiert, die sich gegen beides zugleich wehren wollen: Gegen Rechte und gegen Islamisten.

Hourvash Pourkian hat die Demo inittiert.
Hourvash Pourkian hat die Demo initiiert.

"Los, lauft mit, schließt euch an", ruft Hourvash Pourkian den Passantinnen und Passanten am Straßenrand zu. So manche kommen ihrer Aufforderung nach. Die iranischstämmige Unternehmerin, die seit über zehn Jahren in Hamburgs Integrationspolitik aktiv ist, hatte die Demo zusammen mit ihrem Verein "Kulturbrücke Hamburg" initiiert. An diesem Tag hat sie die Rolle der Motivatorin. Denn anstatt der erhofften 3.000 sind nur etwa 300 Menschen gekommen. "Sie haben mit ihrer Kampagne gegen uns Erfolg gehabt", klagt Hourvash. 

Sie, das ist leider nicht nur der Scharia-gläubige Moscheenverband "Schura Hamburg", der sich im Vorlauf öffentlich von dem multikulturellen Frauenmarsch distanziert, also quasi zum Boykott aufgerufen hatte. Auch die stellvertrende Bürgermeisterin der Hansestadt, Katharina Fegebank von den Grünen, fühlte sich nach dem Boykottaufruf der Schura bemüßigt, ihre geplante Teilnahme an dem Multikulti-Marsch abzusagen.

"Erster Frauen- und Migrantinnenmarsch floppt" titelte daraufhin das Hamburger Abendblatt am Tag darauf hämisch auf seiner Webseite - ohne über die brisanten politischen Hintergründe aufzuklären. 

Die Schura hatte zusammen mit der anonym agierenden Initiative "Sisters' March" aus Hamburg den Initiatorinnen des Frauenmarsches vorgeworfen, dass sie zu der „Diffamierung von ethnischen und religiösen Minderheiten“ beitragen. Stein des Anstoßes war Pourkians kopftuchkritische Haltung.

Was die FreundInnen der Scharia jedoch vor allem auf die Barrikaden gebracht hatte: Die Veranstalterinnen hatten die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek als Rednerin eingeladen. Die Migrantentochter war mit "Die fremde Braut – ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“ (2005) die Erste, die es gewagt hatte, den Islam und die patriarchalen Strukturen innerhalb der eigenen Community zu thematisieren.

Doch Necla Kelek ließ sich nicht einschüchtern. Sie ist - wie alle selbstkritischen MuslimInnen - Widerstand aus den eigenen Reihen gewohnt. Die Autorin und Aktivistin von Terre des Femmes tanzte ausgelassen in erster Reihe zu der Musik aus dem Lautsprecherwagen. Sie ist nicht alleine auf die Demo gekommen. Neben ihr laufen zwei weitere Frauen von Terre des Femmes: Geschäftsführerin Christa Stolle und Gründerin Ingrid Staehle. "Es war für uns völlig klar, dass wir heute hier sein werden", sagt Stolle. Denn schließlich stehe an diesem Tag in Hamburg endlich mal die Kritik an der Frauenfeindlichkeit im Zentrum des Protestes.

Im Gegensatz zum Frauenmarsch in Amerika. Stolle klagt: "Schauen wir uns doch den Women's March in den USA mal genauer an. Da protestieren die Pionierinnen der Frauenbewegung zusammen mit Islamistinnen. Durch solche Schulterschlüsse werden Frauenrechte doch verwässert und unglaubwürdig." Das sollte in Hamburg nicht wieder passieren.

Auch die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes erlebt immer wieder massive Anfeindungen wegen ihrer Kritik an Burka und Kopftuch, vor allem aus orthodox-mulimischen Kreisen, aber auch von Linken. "Es ist bedrückend, dass wir heute in einer Zeit leben, in der Frauen wieder Angst haben müssen, ihre Meinung offen zu sagen", findet Ingrid Staehle, die Terre des Femmes 1981 in Hamburg gegründet hat.

Ali E. Toprak, Bundesvorsitzender der kurdischen Gemeinde in Deutschland, war es ebenso wichtig, an diesem Tag dabei zu sein. "Ich finde es unerträglich, dass sich bestimmte Gruppen mit dem politischen Islam verbünden. Es geht hier doch um Errungenschaften wie Aufklärung, Frauenrechte und das Recht auf Religionskritik", sagt er. "Alle Demokraten müssen endlich Farbe bekennen, vor allem die Männer!" Verständnis für linke Feministinnen, die sich mit Islamisten verbünden, hat der Kurde wenig: "Diese Frauen sollen lieber für Frauenrechte kämpfen, anstatt für das Recht auf das Kopftuch."

Dass mitten in Deutschland einer kritischen Deutsch-Türkin ein Redeverbot erteilt werden soll, hat nicht nur Toprak erschüttert. Gleich mehrere Frauen sind mit Schildern angereist, auf denen steht: "Wir wollen Necla Kelek reden hören!"

 

Viele - wenn auch nicht alle - applaudierten, als Kelek zu guter Letzt ans Mikro trat. Und vielleicht hätten gerade die mitmarschierenden Frauen vom Deutschen Frauenrat besser nicht demonstrativ den Platz verlassen, als Necla Kelek das Wort ergriff.

"Eine Frau wird nicht als Muslimin geboren, sie wird dazu gemacht", ruft Kelek ins Mikro (in Anlehnung an das berühmte Zitat von Simone de Beauvoir). Von den Vätern, die die Herrschaft über die Frauen aufrecht erhalten wollen; den Müttern, die die Töchter zur Unterwerfung und die Söhne zu Prinzen erziehen; den Brüdern, die ihre Schwestern bewachen, sprach die in Istanbul Geborene. "Es ist nun unsere Aufgabe, uns einzumischen und die Verantwortung für die Verbesserung unserer Situation zu übernehmen", richtet die Deutsch-Türkin Kelek das Wort direkt an die muslimischen Frauen. Applaus.

Für Hourvash Pourkian ist der Protest nur der Anfang einer zukünftige Vernetzung mit Gleichgesinnten aller Herkünfte. Denn nur ein Schulterschluss zwischen denen, die in Deutschland geboren sind und den Zugezogenen (wie Pourikan) kann uns Frauen in diesem Land unsere gemeinsamen Rechte sichern.

Alexandra Eul

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Schura boykottiert Frauenmarsch

Teheran am 8. März 1979: Die Iranerinnen gehen für ihre Freiheit auf die Straße.
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In Hamburg wird es morgen eine Premiere geben. Im Jahr der Frauenproteste werden sich um 14 Uhr auch in der Hansestadt auf dem Rathausmarkt Frauen (und sicher auch etliche Männer) versammeln, die sich - in Deutschland erstmalig - gegen beides zugleich wehren wollen: gegen die Rechten und gegen die Islamisten! Oder wie es die Veranstalterinnen des Hamburger „Frauen- und MigrantInnenmarsch" formulieren: „Weder die rechtspopulistische Propaganda noch der religiöse Fanatismus darf an Boden gewinnen“.

Bis vor wenigen Tagen ließ sich alles gut an, die Initiatorinnen freuten sich auf tausende Teilnehmerinnen. Doch plötzlich gerieten sie in ein scharf munitioniertes Störfeuer: am Abzug die Scharia-Freunde vom Verband "Schura Hamburg". Sie wollen den Frauenmarsch verhindern.

„Es passiert gerade genau das, wogegen wir auf die Straße gehen. Sie wollen Frauen wie mich mit ihrer Kampagne zum Schweigen bringen und uns spalten“, sagt Hourvash Pourkian vom Verein „Kulturbrücke Hamburg“. Sie hat den Marsch initiiert. Gegen Rechtsradikale, die Flüchtlingsheime in Brand setzen; befeuert von RechtspopulistInnen, die nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen Frauenrechte Stimmung machen. Aber auch gegen Islamisten, die mit ihrer Ideologie in Moscheen mitten in Deutschland „Gehirnwäsche betreiben“ und die Frauen radikal entrechten wollen.

Hourvash Pourkian
Hourvash Pourkian

Seit über zehn Jahren ist die Unternehmerin Pourkian in der Hamburger Integrationspolitik aktiv, bis Ende 2011 als Vertreterin im Integrationsrat der Stadt. Die Menschen müssten „endlich aufwachen!“, findet die im Iran geborene, die 1974 mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert ist. Also wurde sie aktiv. Sie druckte Flyer und verteilte sie nicht nur in der Stadt, sondern auch in Flüchtlingsunterkünften. „Darüber haben sich gerade viele Migrantinnen sehr gefreut“, erzählt sie. „Mit und ohne Kopftuch"

Auch offizielle Unterstützung fand sich rasch, darunter Terre des Femmes, Der Paritätische Wohlfahrtsverband, der Landesfrauenrat Hamburg, die Landeszentrale für politische Bildung, die Frauenstiftung filia und auch die Stadt Hamburg. Etwa 3.000 Frauen und Männer werden erwartet.

Als Rednerinnen lud Pourkian die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek ein, die auch im Vorstand von Terre des Femmes sitzt; sowie die Ex-Feme Zana Ramadani, die gerade mit ihrem autobiographischen Buch „Die Verschleierte Gefahr“ Furore macht. Zanas Eltern kommen aus Mazedonien.  

Doch Montag dieser Woche änderte sich plötzlich alles. Der Anruf kam um halb sechs, erinnert sich Pourkian. „Ein Vertreter der Schura war am Telefon. Er hat mir das folgende Angebot nahe gelegt: Wenn ich Necla Kelek und Zana Ramadani auslade, würden sie alle Frauenverbände mobilisieren, die unter ihrem Dach vereint sind.“ Wenn nicht....

Die Schura ist der „Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg“, der Name kommt von den Räten der Religiösen. Unter dem Dach der Schura sind nicht nur über 30 Hamburger Moscheen, sondern auch eine Vielzahl von „Frauen-, Jugend-, Studenten und Bildungsvereinen“ vereint. Der Verband plädiert offen für die Scharia.  Auf seiner Webseite ist zu lesen: „Als Bürger dieser Gesellschaft, in Anbetracht der Grundsätze der Menschenrechte und Demokratie wie auch der Dynamik des islamischen Rechts und der kollektiven Vernunft, besteht für uns keine Unvereinbarkeit zwischen Grundgesetz und Scharia."

Und er kämpft für das "Recht" auf das Kopftuch: „Frauen müssen das Recht haben, sich nach islamischen Vorschriften zu kleiden, auch am Arbeitsplatz und auch im öffentlichen Dienst.“

Unter dem Dach der Schura finden sich auch Moscheen wie das „Islamische Zentrum Hamburg“. Das Zentrum beruft sich in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens direkt auf den iranischen Großayatolla Khamenei. Auf der Webseite des Islamischen Zentrums heißt es unter anderem: Der Handel mit dem „räuberischen und feindlichen Besatzer Israel" ist verboten. Und Frauen dürfen ein Kleid, dessen Farbe zum Dunkelblau neigt, nur tragen, solange daraus „keine Verdorbenheit erfolgt“. Etc., etc.

Pourkian lehnte die Forderung des Schura-Vertreters, ihre Gäste auszuladen, entschieden ab. „Ich will ja genau solche Frauen wie Necla Kelek und Zana Ramadani auf die Bühne bringen. Mutige, emanzipierte Frauen mit Migrationshintergrund.“ Das sieht die Schura natürlich ganz anders.

Inzwischen steht auf der Schura-Webseite ein offizielle Distanzierung, also quasi ein Boykottaufruf zum Frauenmarsch. Den hat der Islamische Rat zusammen mit dem „Sisters’ March" aus Hamburg verfasst. Die Organisation hatte in Anlehnung an den Women’s March am 8. März auch eine Demo auf die Beine gestellt. Pourkian war dabei. „Ich habe damals total viele Frauen dafür mobilisiert“, erinnert sie sich. Auch ihrerseits hatten die anonym agierenden Hamburger "Schwestern" bisher den von Pourkian initiierten Marsch unterstützt.

Necla Kelek
Necla Kelek

Jetzt aber verkünden die Sisters kryptisch: „Wir möchten uns solidarisch zeigen mit unseren muslimischen Mitmenschen.“ Was sie damit meinen? „Am Beispiel ‚Frauen und MigrantInnenmarsch’ zeigt sich, wie leicht es derzeit für populistische Positionen und Stimmen ist, sich auf prominenter Bühne zu präsentieren.“ Namentlich „wissenschaftlich und politisch umstrittene Personen wie Necla Kelek“, eine „prominente Vertreterin von anti-islamischen Weltanschauungen.“

Unterzeichnet ist die „Distanzierung" unter anderem von der DITIB (!) Hamburg und Schleswig-Holstein, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg und dem interreligiösen Frauennetzwerk Hamburg. Dass eine islamistische Organisation wie DITIB sich nicht über so einen emanzipatorischen Frauenmarsch freut, überrascht nicht, schließlich ist der Verband der verlängerte Arm von Erdogan. Aber der Paritätische Wohlfahrtsverband?

Im Selbstverständnis des Hamburger Frauenmarsches fand sich bis vor einigen Tagen noch ein Statement zum Kopftuch: „Das Kopftuch ist nichts Islamisches. Es ist ein historisches Produkt der patriarchalen Gesellschaft, um Frauen zu kontrollieren. Viele entscheiden sich für das Kopftuch, um in Ruhe gelassen zu werden.“

Inzwischen bezeichnet Pourkian diese Sätze nur noch als „ihre persönliche Ansicht“. Verständlich. Sie will den Schulterschluss und den für Samstag geplanten Frauenmarsch retten. Auf der Webseite des Hamburger Frauenmarsches steht nun: „Das Thema des Kopftuches ist für den Marsch nicht relevant und wird dort unsererseits nicht diskutiert werden.“ Ob das die Schura besänftigt?

Dabei ist Pourkian eine von Millionen, die von dem Thema Verschleierung existentiell betroffen sind. Ihre Familie verließ den Iran 1974, also nur wenige Jahre vor der Errichtung von Chomeinis Gottesstaat. „Mein Vater hat jede Form von Religion immer abgelehnt. Er war ein Feminist, der Simone de Beauvoir gelesen hat und uns Töchter gezielt gefördert hat“, erinnert sie sich.

Die Reden von Necla Kelek und Zana Ramadani hat Pourkian zunächst einmal aus dem Programm gestrichen. Necla Kelek wird trotzdem da sein, zusammen mit MitstreiterInnen von Terre des Femmes. Sie ist davon überzeugt, dass viele Frauen, Kopftuch oder nicht, sich freuen würden, wenn sie das Wort ergreift. Und sie ist entschlossen: „Ich lasse mich von Islamisten nicht einschüchtern!“

Nicht nur Kelek hofft darauf, dass viele Frauen, egal welcher Herkunft, die mutige Initiative von Pourkian und ihren Mitstreiterinnen unterstützen.

Termin
"Hamburger Frauen- und MigrantInnenmarsch", am 13. Mai, Start: 14 Uhr am Rathausmarkt

Richtigstellung
In einer ursprünglichen Fassung des Artikels wurde berichtet, auch die Jüdische Gemeinde Hamburg habe die Distanzierungserklärung der Schura von dem ‚Frauen- und MigrantInnenmarsch‘ unterzeichnet. Diese Darstellung traf nicht zu. Die Jüdische Gemeinde Hamburg hat weder die Distanzierungserklärung unterzeichnet noch auf sonstige Weise Unterstützung für dieses Statement kommuniziert oder sich anderweitig zu der Veranstaltung geäußert. Wir haben die entsprechende Passage in dem Artikel deshalb entfernt. Die Redaktion.

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