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Sie kämpft für die Rechte der Hereros

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Im Januar 1904 begann die deutsche „Schutztruppe“ in Namibia ihren Vernichtungsfeldzug gegen die Hereros und Namas. Die hatten sich gegen die deutschen Kolonialherren aufgelehnt, die ihr Land enteignet und sie zur Zwangsarbeit rekrutiert hatten. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen und die Hereros unter dem Befehl von General Lothar von Trotha in die Wüste getrieben. Dort verhungerten und verdursteten über 80.000 Menschen. Lange weigerte sich Deutschland, das Massaker als Genozid anzuerkennen. Im Juli 2015, einhundert Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft in „Deutsch-Südwest-Afrika“, sprach die deutsche Regierung zum ersten Mal von einem „Völkermord“. Seither verhandelt sie mit Namibia über Wiedergutmachung. Esther Muinjangue ist Professorin für Sozialarbeit an der Universität Windhoek und Vorsitzende des „Ovaherero Genocide Comitees“. Das hat eine Klage gegen Deutschland bei den Vereinten Nationen eingereicht.

Esther, warum haben Sie Deutschland bei der UN verklagt?
Die Verhandlungen über den Genozid werden von der namibischen und der deutschen Regierung geführt. Aber wir Hereros und Namas sind nicht dabei. Und wir denken: Eine Verhandlung, in der es um den Völkermord an Hunderttausenden Hereros und Namas geht, sollte nicht ohne Hereros und Namas geführt werden. Das möchten wir einklagen.

Und was sind Ihre Forderungen?
Wir möchten, dass Reparationen direkt an die beiden Volksgruppen gezahlt werden. Denn das sind die beiden Gruppen, die von dem Massaker des General von Trotha betroffen waren. Damals gab es weder eine namibische Regierung noch politische Parteien. Hereros und Namas haben sich selbst regiert und waren souveräne Communities. Außerdem möchten wir garantiert haben, dass das Geld in die richtigen Hände kommt. Im Jahr 2004, als der 100. Jahrestag des Genozids begangen wurde, hat die deutsche Regierung eine so genannte „Spezielle Initiative“ gestartet, die den betroffenen Bevölkerungsgruppen zugute kommen sollte, also den Hereros und Namas. Dieses Geld wurde an die namibische Regierung gezahlt. Wir wissen nicht, was mit diesem Geld passiert ist. Bei uns ist es jedenfalls nicht angekommen.

Gibt es denn jetzt Aussicht auf Wiedergutmachungszahlungen?
Noch vor kurzem hat der deutsche Botschafter in Namibia, Christian Schlaga, erklärt: „Das Wort Reparationen existiert für uns nicht.“ Wie kann er das sagen, wenn die beiden Regierungen noch mitten in ihren so genannten Verhandlungen sind?

Haben Sie auch mit deutschen Politikern gesprochen?
Es sieht so aus, als ob die deutschen Politiker nicht mit uns sprechen möchten. Wir waren am 22. Februar in Berlin und haben am alljährlichen Marsch teilgenommen, der an die Opfer von Völkermorden erinnert. Aber der einzige Politiker, der sich mit uns getroffen hat, war Niema Movassat, ein Bundestagsabgeordneter der Linken.  

Wie litten speziell die Frauen unter der Kolonialherrschaft?
Sie wurden vergewaltigt und aus diesen Vergewaltigungen, die täglich passierten, sind viele Kinder entstanden. Sie finden noch heute Hereros und Namas mit eher gelblicher Gesichtsfarbe. Das sind die Nachfahren der deutschen Männer. Mein Großvater ist auch das Kind eines deutschen Soldaten, der meine Urgroßmutter vergewaltigt hat. Zweitens wurden die Frauen zu harter Arbeit gezwungen. Aber das Schrecklichste, was sie tun mussten: Die Deutschen haben Schädel von toten Hereros nach Deutschland geschickt, um an ihnen ihre so genannte Rassenforschung zu betreiben. Die Frauen mussten diese Schädel reinigen, das heißt, Haut und Fleisch entfernen und das Skelett freilegen. Man brachte also die Köpfe zu ihnen. Und es konnte sein, dass es der Kopf von jemandem war, den sie kannten: ihr Ehemann, ein Onkel oder eine Nichte.

Wie leben die Hereros heute?
Wir Hereros sind nur eine kleine Gruppe, was eine Folge des Genozids ist. Von ehemals 100.000 Hereros sind damals nur 15.000 übriggeblieben. Laut einer Volkszählung von 2015 sind wir heute etwa 250.000. Wir sind eine Randgruppe, und das hat auch Auswirkungen auf unseren ökonomischen Status. Wir sind Viehhalter und das hält uns am Leben. Aber unser Leben könnte sehr viel besser sein.

Wie haben Sie selbst es denn geschafft, Professorin zu werden?
Mein Vater hat das Land verlassen und so bin ich in einem Frauen-Haushalt mit meiner Mutter und meiner Großmutter aufgewachsen. Ich glaube, dass man sein Schicksal in die Hand nehmen und entscheiden kann, welche Zukunft man für sich selbst will. Und ich habe entschieden, dass ich ausbrechen und etwas erreichen möchte. Ich wollte also weiter zur Schule gehen. Dafür wurde ich beschimpft, weil ich zunächst keine Kinder bekam. Auch meine Großmutter war unglücklich und sagte: Du bist schon 20 Jahre alt und ich werde sterben, ohne dass ich meinen Urenkel in den Armen gehalten habe. Ich antwortete: Wer sagt, dass du so bald sterben wirst? Eines Tages wirst du deinen Urenkel im Arm halten – aber jetzt habe ich erstmal ein anderes Ziel! Ich habe mein erstes Kind dann mit 28 bekommen. Ich wollte in der männerdominierten Herero-Kultur etwas verändern! Also bin ich zu den Treffen gegangen, an denen Frauen eigentlich nicht teilnehmen dürfen. Und als ich merkte, dass sie mich dort akzeptieren, habe ich mich auch zu Wort gemeldet. Und heute bin ich Vorsitzende des „Ovaherero Genocide Committees“. Inzwischen gibt es dort eine Menge mehr Frauen und ich bin stolz darauf, ein Role Model für sie zu sein!

Wie geht es nun weiter mit Ihrer Klage?
Wir werden am 21. Juli in New York sein, dann ist der nächste Verhandlungstag. Am ersten Verhandlungstag hat Deutschland leider nicht teilgenommen. Wir hoffen, dass die deutsche Regierung diesmal einen Vertreter schickt.

 

Das Gespräch führte Chantal Louis.

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