Hetzfeministinnen: Wer ist die Autorin?!

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Es war ein Tabubruch. Das wurde spätestens an den Reaktionen deutlich. Viele schrieben uns in dem Tenor: Endlich sagt es mal eine. Oder: Der Artikel war überfällig!

Doch wie liefen seit Veröffentlichung unseres Artikels „Berliner Szene: Die Hetzfeministinnen“ die Debatten innerhalb dieser von EMMA kritisierten ­Szene? Und was sagten die von uns Kritisierten selbst dazu? So einiges – wobei selbst ihr Schweigen aufschlussreich ist.

Anne Wizorek, die sich seit einigen Jahren als Netzfeministin Nummer Eins profiliert, reagierte erst mal gar nicht. Dafür aber die SpiegelOnline-­Kolumnistin Margarete Stokowski. Die klagte auf Twitter: „Was soll bitte fucking Netzfeminismus sein, dass macht nur Sinn, wenn es auch Straßen-, Papier-, Festnetzfeminismus gibt, und wo gibt es das bitte?“

Da ist was dran. Nur: Es waren Wizorek & Co selber, die den Begriff „Netz­feminismus“ geprägt haben. O-Ton ­Wizorek im NDR: „Den Begriff Netzfeminismus verwende ich, um ein bisschen zu definieren, dass natürlich mittlerweile ganz viele feministische Diskurse im Netz passieren, angestoßen werden und auch weitergeführt werden.“ Für die Medien ist diese „junge feministische Szene, die auf Twitter Kontakt zueinander hält“ (sueddeutsche.de) immer wieder Anlass, um die so genannten „Altfeministinnen um Alice Schwarzer“ (Wienerin) für ­gestrig zu erklären.

Die Mädchenmannschaft-Bloggerin Magda Albrecht, die zuletzt nach der ­Gina-Lisa-Demo feministischen Aktivistinnen „rassistische Ignoranz“ vorgeworfen hatte, wünschte sich nun plötzlich mehr Solidarität, auch von EMMA: „Wenn ich Kritik an Kommunikation und Inhalt des Gegenübers äußern will, ist solidarische Kritik cooler. Das schafft der Text nicht“, twitterte sie.

Und die Edition-F-Redakteurin Tere­sa Bücker, Mit-Initiatorin von #ausnahmslos und frühere SPD-Referentin, wähnte, die EMMA-Redaktion sei wohl „gemeinschaftlich betrunken auf die Tastatur gefallen“. Sie fragte auf Twitter: „Auf diesen Text von diesem Magazin eine Antwort verfassen?“ Eine Antwort blieb aus.

Stattdessen warf die Geschäftsführerin des Missy Magazines, Stefanie Lohaus, den EMMA-Redakteurinnen Chantal Louis und Alexandra Eul in der Radiosendung „Zeitpunkte“ im Kulturradio RBB vor, EMMA würde sie „als Person in Frage stellen“. Beweis: EMMA habe sie mit einer „seltsamen Beleidigung“ bedacht. Mit welcher? EMMA hatte geschrieben, Lohaus sei „Kulturwissenschaftlerin“. Das war uns neu, dass das eine Beleidigung ist. Aber Lohaus hatte noch mehr Klagen: „Alice Schwarzer tritt zu feministischen Themen ja gar nicht mehr in Erscheinung, nur noch im Zusammenhang mit Islam und Prostitution“, klagte sie in der Frankfurter Rundschau. Klar, die Themen haben ja auch mit Feminismus nichts zu tun.

Gleichzeitig freute sich Missy auf Twitter über neue Abonnentinnen und zitierte deren Motive für ein Missy-Abo. „Ich hasse Alice Schwarzer!“, zum Beispiel.

Missy-Redakteurin Hengameh Ya­ghoo­bifarah räsonierte über EMMA in der taz: „EMMA regt sich darüber auf, als rassistisch bezeichnet zu werden, wenn sie mal wieder Kanakinnen zugunsten von Abschiebungen instrumentalisiert“. Und: „Ich kann auch Lasagne machen und es Kartoffelgratin nennen, doch das wäre Lügen und Lügen ist haram. EMMA ist nicht feministisch, sondern imperialistisch.“

Nix verstanden? Verständlich. Genau dieses Problem mit dem Neusprech der Hetzfeministinnen ist ja auch schon Gegenstand des Artikels in EMMA.

Eine gängige Reaktion auf den EMMA-­Text lautete im Netz: „Ist das schlecht, einfach nur schlecht! Wer ist die Autorin?“ Ja, da sollte eine Schuldige her, aber dalli! „Warum?“ twitterte ein Mann zurück. „Damit man die in dem Artikel erwähnten Taktiken gegen die Autorin anwenden kann?“ (Anm. d. Red.: „Die Autorin“ ist die Redaktion. Für den Text haben mehrere von uns ihre Erfahrungen zusammengetragen.)

Aber es meldeten sich auch die, die unter den Wortführerinnen der Szene leiden. Susanna zum Beispiel. Sie war einst als junge Lesbe aus dem konservativen Bayern nach Berlin geflüchtet, in der Hoffnung, dort Teil einer „offenen, multikulturelle Frauen- und Lesbenszene“ zu werden. Doch es kam anders.

Susanna sagt: „Die Szene, die ich vorfand, war ebenso engstirnig und (manchmal) brutal wie die Hetero-Umwelt, aus der ich geflohen war. Mir ist von Anfang an aufgefallen, dass die Alternative zur bayrisch-katholischen Monokultur – in der ich übrigens wegen meiner nichtchristlichen Herkunft eine Außenseiterin war – die in Berlin präsentiert wird, sozusagen die spiegelbildliche Katastrophe dazu ist.“

Exemplarisch für diese „Berliner Monokultur“ war der Shitstorm auf das „SchwuZ“, ein Szenetreff für Schwule und Lesben. Den SchwuZ-MacherInnen war – zusammen mit der von ihnen eingela­denen Rapperin Sookee – wegen einer Veranstaltung „Transfeindlichkeit“ vorgeworfen worden. Darüber hatte EMMA in dem Artikel über den Hetz­feminismus berichtet.

Der transsexuelle Mann Till war bei dieser Diskussion dabei. Er berichtete auf der EMMA-Facebook-Seite: „Die Trans*menschen, die diesen unsäglichen Shitstorm losgetreten haben, waren ja noch nicht mal gewillt, Transfrauen und Transmännern zuzuhören. Ich als Transmann wurde angeblafft, dass ich als weißer Mann die Fresse zu halten habe und ich ja einen ekligen Bart habe und die Transfrauen wurden als Verräterinnen beschimpft.“ Und Till beobachtet schon länger: „Diese spezielle queerfeministische Szene, die EMMA hier kritisiert, hat in den letzten sieben Jahren beständig ihren Aktionsradius erweitert. Sie sind seitdem immer da, wo LGBTI oder Antirassismus draufsteht und drücken durch, dass nach queerfeministischer Lesart gedacht und gehandelt wird. Was dann verbreitet wird, hat oft nicht mehr so viel mit den Lebensrealitäten und Bedürfnissen vieler Lesben, Schwulen, Transsexuellen und Intersexuellen und auch Migrantinnen und Migranten zu tun. Da wird eine queere, intersektionale Wolke gebildet, respektive ein Elfenbeinturm gebaut, der de facto verwirrt und vor den Kopf stößt – und effektiv keine Verbesserungen herbeiführt.“

Doch Kritik an EMMA gab es auch. So forderte die Journalistin Birte Vogel, Initiatorin der Aktion „Wie kann ich helfen?“ für Flüchtlinge, dass „die Frauenrechtlerinnen in diesem Land sich solidarisch an einen Tisch setzen und einen Grundkonsens erarbeiten“. Da lud Wizorek auf Twitter gleich nach: „Na dann ­erklären sie das doch mal der EMMA @BirteVogel, die hat es ja leider nicht so mit intersektionalem Feminismus.“

Überraschenden Zuspruch gab es auch: von Maskulisten im Netz. Die fallen sonst eher durch antifeministische Kommentare auf und attackieren gerne EMMA. Aber jetzt: Auch unter Männerrechtlern helle Aufregung über den „Zickenkrieg der Feminate“. „Man(n) staunt!“, schrieb einer der Herren auf Twitter. Und: „Hätte nicht gedacht, dass ich mal die EMMA retweete“. Oder auch: „Hab dank EMMA endlich begriffen, was cis-hetero bedeutet.“

Diese ungewohnten Allianzen hielten allerdings nicht lange. Nach EMMAs Trump-Berichterstattung war es mit der jungen Liebe dann auch schon wieder vorbei. Und erst recht nach der „nicht abreißenden Kette von Huldigungen, die unsere patriarchalen Leitmedien Alice Schwarzer zum vierzigsten Geburtstag ihres Magazins EMMA entgegenbringen“ (O-Ton, Arne Hoffmann auf Genderama).

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