Meine Geschichte

Der Traum vom Beruf der Lehrerin

Birgit Oelze (li), hier mit ihrer Mutter und Großmutter, ist Lehrerin in dritter Generation.
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Euer Artikel über Lehrerinnen in der Mai/Juni-EMMA hat mich inspiriert, die Geschichte der Lehrerinnen in meiner Familie aufzuschreiben: Meine Großmutter mütterlicherseits, geboren 1886 in Coburg, musste sich ihr Lehrerinnenstudium bei ihrem Vormund schwer erkämpfen. Ihr Vater war drei Tage vor ihrer Geburt gestorben. Sie hat in Berlin und Dresden „Nadelarbeit“ und „Leibeserziehung“ studiert und stand mit Gertrud Bäumer in Briefwechsel. In Ostfriesland bekam sie eine Stelle und lernte meinen Großvater kennen, der ebenfalls Lehrer war. Sie heiratete, musste ihren Beruf aufgeben und war nur noch „Frau Lehrer“. Ihr politisches Engagement als Liberale im Rat der Stadt Emden wurde jäh 1933 durch Hitlers „Gleichschaltungsgesetz“ beendet.

Ihre Tochter, meine Mutter, geboren 1919 in Emden, war die einzige aus ihrer Mädchenklasse, die nach dem Abitur studiert hat, und zwar in Koblenz, ein auf vier Semester verkürztes Pädagogik-Studium. Ihre erste Stelle bekam sie im besetzten Polen, in Gollub bei Thorn. Das Angebot ihres Schulrats – für die unbefestigten Wege ein Pferd und wegen der Gefährlichkeit eine Dienstpistole – lehnte sie ab. In Thorn lernte sie meinen Vater kennen, der dort als Fluglehrer stationiert war.

Meine Mutter war die einzige ihrer Mädchen-Klasse, die studierte

Nach dem Krieg bekam sie eine Stelle an der Schule in Emden, an der ihr Vater dann Rektor wurde. Da mein Vater nach dem Krieg keinen Beruf mehr hatte, finanzierte meine Mutter ihm, so gut es ging, sein Architekturstudium in Bremen. Als er eine Stelle in Emden als Architekt bekam, sollte meine Mutter selbstverständlich ihren Beruf aufgeben. „Doppelverdiener“ gab es nicht! Auch sie musste um ihre Berufstätigkeit kämpfen und war viele Jahre die einzige verheiratete Lehrerin mit Kind in Ostfriesland.

Ich, ihre Tochter, bin 1944 in Leer geboren, und nach dem Abitur habe ich an der PH in Göttingen studiert. Meine erste Stelle hatte ich in einem kleinen Dorf bei Peine. Mein Hauptfach war „Werken“. Darin wurden aber nur die Jungen unterrichtet, die Mädchen hatten parallel immer noch „Nadelarbeit“.

Als ich für ein Projekt für meine Arbeit zur 2. Lehrerprüfung auch die Mädchen meiner 9. Klasse dazu nehmen wollte, hat mir mein Schulleiter das mit den Worten verboten (1970): „Mädchen gehören nicht in den Werkraum!“ Auf Vorschlag meiner SchülerInnen haben wir unsere „Produktion“ in die nahen Herbstferien verlegt, den Werkraum ausgeräumt, unsere „Fabrik“ in der Pausenhalle aufgebaut und dort eine Woche lang, jeden Vormittag vier Stunden, konzentriert gearbeitet. Es waren unsere schönsten Herbstferien, von denen die ehemaligen Schülerinnen heute noch erzählen.

Als mir mein Mann (ebenfalls Lehrer) nach unserem Kurzbesuch auf dem Standesamt 1975 sagte, dass er jetzt bestimmen könne, ob ich weiter arbeite oder nicht, habe ich schallend gelacht, weil ich dachte, er mache einen Witz. Dass das bittere Realität war, habe ich erst viel später erfahren!

Mein Fach war "Werken" - und eigentlich sollte ich nur Jungen unterrichten...

Von uns drei Frauen habe ich am längsten in dem Beruf durchgehalten. Nach dem Aufbau der 1. Integrierten Gesamtschule 1971 in Hannover, zwei Kindern, Mann, Hund, Seminarleiterin in der zweiten Phase der LehrerInnen-Ausbildung, Initiatorin des Internationalen Frauentreffpunktes, jeden Mittwoch im Stadtteilladen (mit Männerverbot!), „Frauen für den Frieden“ (gegen den Nato-Doppelbeschluss), Frauengesprächskreisen, „Frauen tragen Schwarz“ (gegen den Golfkrieg) – um nur einige Freizeit-Aktivitäten zu nennen (alle durch EMMA angeregt) – war bei mir die Luft raus. Mit 47 Jahren wurde ich frühpensioniert.

Aber sobald ich wieder krabbeln konnte, habe ich Alphabetisierungskurse an der Volkshochschule gegeben und ausländische Frauen aus den Flüchtlingsheimen in Deutsch unterrichtet. Seit 14 Jahren genieße ich, die preußische Beamtin auf Lebenszeit, nun als systemische (Familien) Therapeutin in meiner kleinen psychologischen Privatpraxis die Unabhängigkeit von jeglichen Vorschriften!

Birgit Oelze, 72, Garbsen (EMMA-Leserin von Anfang an)

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