Lucie Veith, Sprecherin des Vereins Intersexuelle Menschen.
Lucie Veith, Sprecherin des Vereins Intersexuelle Menschen.

Intersexuelle: Wir sind so frei!

Wer Lucie Veith mit dem Satz „Guten Tag, Frau Veith!“ begrĂŒĂŸt, wird auf der Stelle freundlich, aber bestimmt eines Besseren belehrt: „Nein, nicht Frau Veith – Lucie Veith!“ sagt sie dann. Denn Lucie Veith sieht zwar aus wie ein Mensch, den die Gesellschaft gemeinhin als Frau bezeichnet, aber sie ist keine: Sie hat einen XY-Chromosomensatz. Aber wie man unschwer sieht, ist Lucie Veith auch kein Mann. Die Sprecherin des Vereins ­„Intersexuelle Menschen“ kĂ€mpft seit zwei Jahrzehnten dafĂŒr, weder das eine noch das andere sein zu mĂŒssen. Auf dem Weg dorthin haben sie und ihre MitstreiterInnen ­gerade einen Sieg errungen.  

Seit dem 1. November mĂŒssen Eltern, die ein Kind mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen bekommen haben, sich in der Geburtsurkunde nicht mehr fĂŒr „mĂ€nnlich“ oder „weiblich“ entscheiden. „Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem mĂ€nnlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen“, heißt es jetzt in §22 des Personenstandrechts. FĂŒr eine Gesellschaft, die bis dato darauf bestand, jedes neugeborene Kind in eine Schublade mit dem Etikett „MĂ€dchen“ oder „Junge“ zu stecken, ist das ein gewaltiger Fortschritt. Hat der Gesetzgeber doch nun endlich anerkannt, dass es eine ganze Menge Varianten dazwischen gibt.

Nicht Frau Veith – Lucie Veith!

Bis zur sechsten Schwangerschafts­woche sind Föten ohnehin zweigeschlechtlich. Erst dann sorgen Chromosomen und Hormone dafĂŒr, dass sich aus den Anlagen eine Klitoris oder ein Penis bilden, dass Hoden oder Eierstöcke wachsen. Bei etwa jedem 500. Fötus verlĂ€uft diese Entwicklung aber jenseits der eindeutigen Zwei­geschlechtlichkeit: So sind manche Föten mit XY-Chromosomen resistent gegen Testosteron. Weil sie das Hormon nicht aufnehmen, bleibt ihr Penis klein und sie entwickeln in der PubertĂ€t weder Bartwuchs noch eine tiefe Stimme. Wieder andere Babys sind augenscheinlich weiblich, haben aber innenliegende Hoden, die in der PubertĂ€t plötzlich mĂ€nnliche Hor­mone produzieren. Oder: Jedem zweitausendsten MĂ€dchen fehlt das zweite X-Chromosom, so dass die Eierstöcke nicht vollstĂ€ndig angelegt sind. Die Wissenschaft nennt die rund hundert Varianten „Disorders of Sex Development“, kurz DSD, also Störung der Geschlechtsentwicklung. Lucie Veith nennt es nicht „Störung“, sondern „Besonderheit“. Besonders in diesem Sinne sind allein in Deutschland etwa 1.500 Neugeborene. Insgesamt leben hierzulande rund 160.000 Intersexuelle.  

Seit November trĂ€gt das Personenstandsrecht dieser Tatsache Rechnung. Und dennoch ist das neue Gesetz fĂŒr Veith nur ein „erster Schritt“. Denn das grĂ¶ĂŸte Problem ist immer noch in der Welt: Die Tatsache, dass MedizinerInnen seit Jahrzehnten die Geschlechtsorgane intersexueller Kinder (und manchmal auch Erwachsener) operativ verstĂŒmmeln, weil sie nicht in die Norm passen. Da werden innenliegende Hoden entfernt, obwohl sie Hormone produzieren, die dann medikamentös ersetzt werden mĂŒssen. Da wird eine „zu große“ Klitoris verkleinert, sprich: abgeschnitten, weil sie nicht ins Bild passt.

FrĂŒher wurde das weibliche Lustorgan bei â€žĂŒbermĂ€ĂŸigem Wachstum“ nicht selten gleich ganz amputiert. Bis heute scheinen ÄrztInnen die kosmetische „Vereindeutigung“ der Genitalien ĂŒber den Erhalt des Lustempfindens zu stellen.

„Sowohl bei den Korrekturen in Richtung ‚weiblich‘ wie auch bei den Korrekturen in Richtung ‚mĂ€nnlich‘ nehmen die Mediziner jedes Mal in Kauf, dass das sexuelle Empfinden vermindert oder gĂ€nzlich zerstört wird, verbunden mit vorher nicht existierenden Problemen im harnableitenden System“, klagt der Verband „Zwischengeschlecht“ mit Sitz in der Schweiz. „Selten bleibt es bei einer einzelnen Operation, wegen sehr hohem Komplikationsrisiko muss meist mehrfach ‚nachgebessert‘ werden.“

Die Organisation nennt diese Praktiken die „Westliche Form der GenitalverstĂŒmmelung“. Und Lucie Veith prangerte die OPs im Namen der „Geschlechtsvereindeutigung“ in einer Rede, die sie im Februar 2012 vor dem Deutschen Ethikrat hielt, als „Menschenversuch mit katastrophalen individuellen Folgen“ an.

Sie selbst hat diese Folgen am eigenen Leib erlebt. Als in der PubertĂ€t ihre Menstruation nicht einsetzte, ging ihre Mutter mit der Tochter zum Arzt. Der erklĂ€rte nach einer Bauchspiegelung, dass „GebĂ€rmutter und Eierstöcke nicht so seien, wie sie sollen“. Fakt war: Das Kind, das als MĂ€dchen aufgewachsen war, hatte weder GebĂ€rmutter noch Eierstöcke, dafĂŒr aber innenliegende Hoden. Das erfuhr Lucie aber erst mit 23. Da schrieb man das Jahr 1979. FĂŒr die Ärzte stand ohne jeden Zweifel fest, dass der Mensch Lucie Veith nicht so bleiben konnte, wie er war.

„Dann begann der Wahnsinn“, erzĂ€hlt sie. „Man ist ĂŒber mich hergefallen. Viele unbekannte Menschen haben mich vaginal untersucht, auch mit schmerzhaft großen Instrumenten.“ Die Hoden, hieß es, mĂŒssten entfernt werden. Nach der Operation, die Veith heute als „Kastration“ bezeichnet, muss sie hoch dosierte Östrogene nehmen. „DarĂŒber habe ich meine Libido verloren und schwere Stoffwechselstörungen bekommen und extrem zugenommen. Ich fĂŒhlte mich stumpf, kalt, leer.“

Bis heute, klagen die VerbĂ€nde „Intersexuelle Menschen“ und „Zwischengeschlecht“, wĂŒrden Eltern vor allem von ÄrztInnen gedrĂ€ngt, ihr Kind einer Operation zu unterziehen und das „falsche“ Geschlechtsorgan mit dem Skalpell anzupassen. Dagegen setzen sich die Betroffenen, von denen in den letzten Jahren immer mehr ihre teilweise grauenvollen Schicksale öffentlich machten, zur Wehr.

Ihre Proteste riefen den Deutschen Ethikrat auf den Plan. Im Februar 2012 gab das Gremium eine „Stellungnahme zur ­Situation intersexueller Menschen“ ab. Und erklĂ€rte: „Irreversible medizinische Maßnahmen zur Geschlechtszuordnung bei Menschen mit uneindeutigem Geschlecht stellen einen Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen IdentitĂ€t und das Recht auf eine offene Zukunft und oft auch in das Recht auf Fortpflanzungsfreiheit dar.“ Die Entscheidung darĂŒber sei „höchstpersönlich“. Deshalb empfiehlt der Ethikrat, dass sie „grundsĂ€tzlich von den Betroffenen selbst getroffen werden soll“. „GrundsĂ€tzlich“ heißt aber: Es kann Ausnahmen geben. NĂ€mlich dann, wenn ein operativer Eingriff aufgrund „unabweisbarer GrĂŒnde des Kindeswohls erforderlich“ ist. So ganz eindeutig ist diese Empfehlung also nicht. Dementsprechend gibt es kein gesetzliches Verbot der Operationen am Kind.

Eine weitere Empfehlung des ExpertInnen-Gremiums setzte die Bundesregierung aber tatsĂ€chlich um und Ă€nderte das Personenstandsrecht. Doch stĂ¶ĂŸt diese Änderung bei den Betroffenen nicht auf einhellige Zustimmung. So befĂŒrchtet die Vereinigung „Zwischengeschlecht“, dass Eltern von Neugeborenen sich aufgrund der auffĂ€lligen Leerstelle in der Geburtsurkunde erst recht gedrĂ€ngt fĂŒhlen könnten, den Körper der Norm anzupassen.

Beim Verein „Intersexuelle Menschen“ jedoch betrachtet man das neue Gesetz als Fortschritt, denn vorher „wurden Eltern gezwungen, ihre intersexuellen Kinder in ein Geschlecht hineinzupressen“, sagt Sprecherin Veith. „Und die Medizin hat das als Aufforderung gesehen, den Rest auch noch anzupassen.“

Damit sich kĂŒnftig niemand mehr aufgefordert fĂŒhlt, gesunde Organe zu entfernen oder zu verstĂŒmmeln, kĂ€mpft Veiths Verein „Intersexuelle Menschen“ also nach wie vor fĂŒr ein klares Verbot der OPs, bis der betroffene Mensch in der Lage ist, seine oder ihre „ausdrĂŒckliche und informierte Einwilligung“ zu geben. Die Vereinssprecherin wĂŒnscht sich, „dass Kinder in Zukunft schon in der Schule lernen, dass es nicht nur Jungen und MĂ€dchen gibt, sondern mehr als viertausend Varianten.“ Denn: „Zu sagen, es gĂ€be zwei Geschlechter und die Natur bringe nichts anderes hervor, ist wie die Behauptung, die Erde sei eine Scheibe.“ 

www.intersexuelle-menschen.net

 

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