Iran: Gender-Wissenschaftlerin ist frei

Homa Hoodfar (li) kurz nach ihrer Freilassung. © Oman News Agency
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Eine gute Nachricht aus dem Iran: Die Wirtschaftsbeziehungen werden wieder aufgenommen. Das Land öffnet sich westlichen Touristen. Und seit der letzten Wahl im Februar übersteigt im Parlament „das erste Mal seit der Islamischen Revolution von 1979 die Zahl der weiblichen Abgeordneten die der Geistlichen“ (FAZ).

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Es gab weltweite Proteste gegen Hoodfars Verhaftung

Und noch eine Nachricht aus dem Iran, aber keine gute: Am 6. Juni haben die Revolutionsgarden die kanadisch-iranische Frauenforscherin und Anthropologin Homa Hoodfar nach einem Verhör in das berüchtigten Evin-Gefängnis verschleppt. Seither fehlt von der 65-jährigen Professorin jegliche Spur. Hoodfar ist im Iran geboren, lebt aber seit 30 Jahren in Montreal. Sie hat die kanadische, die irische und die iranische Staatsbürgerschaft.

Über 5.000 WissenschaftlerInnen aus der ganzen Welt haben seither in einer Petition die sofortige Freilassung der Professorin gefordert. Studierende protestieren unter #FreeHoma. Auch Amnesty International fordert, „Professor Homa Hoodfar sofort freizulassen“. Doch weder ihre Familie noch ihr Anwalt dürfen auch nur in Kontakt mit Hoodfar treten.

Homa Hoodfar reiste am 11. Februar in den Iran, um dort ihre Familie zu besuchen. Sie nutzte den Aufenthalt für eine Recherche zu iranischen Frauen in der Politik seit 1906. Ein Langzeitprojekt, an dem sie schon in Ländern wie Afghanistan gearbeitet hatte. Dafür besuchte sie die Bibliothek des iranischen Parlaments.

Inzwischen emeritiert, lehrt und forscht Hoodfar seit 1991 an der Concordia-Universität in Montreal. Sie hat zahlreiche Bücher über die Lebenssituation muslimischer Frauen in Ägypten, Pakistan, Afghanistan, und auch in Kanada veröffentlicht. Sie reiste regelmäßig in den Iran, bisher immer ohne Probleme.

Die Anklage: "versuchte feministische Unterwanderung"

Am Abend vor Hoodfars Abreise nach Kanada Anfang März stürmte der iranische Geheimdienst ihr Apartment und beschlagnahmte Computer, Handy und den iranischen Pass. Die Wissenschaftlerin konnte das Land nicht mehr verlassen. Bereits vor ihrer Festnahme als „Sicherheitsgefangene“ im Juni war sie mehrfach vom Geheimdienst verhört worden.

Auf den internationalen Druck hin erklärte die iranische Staatsanwaltschaft am 24. Juni: Professor Hoodfar sei angeklagt wegen „versuchter feministischer Unterwanderung und Sicherheitsfragen“. Flankiert wurde diese Erklärung von Medien, die den Revolutionswächtern nahestehen. Die berichteten über Hoodfars angeblich von langer Hand geplante Absicht, eine „feministische Revolution“ gegen die Islamische Republik anzuzetteln.

Homa Hoodfar ist Mitglied der Frauenrechtsorganisation „Women under Muslim Law“. Für ihre Recherche zur politischen Partizipation der Iranerinnen traf sie sich diesmal mit der bei den konservativen Mullahs verhassten Vizepräsidentin aus dem Ressort Frauen und Familie, Shahindocht Molaverdi. Das wurde ihr zum Verhängnis. Und nicht nur ihr.

„Sie nehmen Homa als Vorwand, um gegen Feministinnen im Iran zu ermitteln und Anklage zu erheben. Wir haben es mit einer regelrechten Kampagne der Staatsmacht zu tun, um jegliche feministische Aktivität im Land zu ersticken", sagt Azadeh Kian, Soziologin und Genderwissenschaftlerin an der Universität von Paris. Sie arbeitet seit Jahren mit Hoodfar zusammen. Im Gegensatz zu ihr ist die in Paris lebende Kian eine offene Kritikerin des Regimes. Seit der Grünen Revolution im Iran im Jahr 2009, bei der die Frauen an vorderster Front standen, ist sie nicht mehr in ihre Heimat gereist. „Es ist zu gefährlich“, erklärt sie.

"Die Staatsmacht versucht, jegliche feministische Aktivität zu ersticken"

Die Soziologin ist überzeugt, dass die Mullahs verunsichert sind wegen des Machtverlusts, den sie derzeit erleben. „Die rechtliche Situation der Menschen im Iran ist immer noch schlecht – aber die Gesellschaft hat sich enorm verändert. Frauen stehen in der ersten Reihe bei diesen Veränderungen“, sagt sie. Das aber habe den Druck auf die Iranerinnen erst recht erhöht.

Nur wenige Wochen vor Homa Hoodfar hatte die iranische Cyberpolizei mehrere Models verhaftet, die auf Insta­gram Fotos von sich ohne Kopftuch veröffentlicht hatten. Ihnen wird die „Verbreitung unmoralischer Inhalte und einer antiislamischen Kultur“ vorgeworfen. Die Mullahs werden nervös.

Aus gutem Grund macht sich auch Homas in London lebende Schwester ­Katayoon große Sorgen: „Wir wollen wenigstens wissen, ob es ihr gut geht. Dass sie keine Schmerzen hat und dass sie nicht misshandelt wird.“ Soweit zur im Westen so viel gelobten „Öffnung“ des Iran.

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Iran: Männer unter dem Schleier

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Wie absurd so ein Kopftuch sein kann, wird schlagartig klar, wenn nicht eine Frau es trägt, sondern ein Mann. Und genau das wollen diese Männer klarmachen, die sich im Iran, wo für Frauen Kopftuchzwang herrscht, verschleierten – neben ihren unverhüllten Frauen. Provokant stellen sie ihre Fotos in das für sie verbotene Netz, unter dem Hashtag #MenInHijab.

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Woanders in der Welt regieren Staatschefinnen 

„Ich habe den Schleier nur für eine sehr kurze Zeit getragen, aber ich war nicht mehr ich selbst“, sagt dieser Mann (Foto oben). „Das war ein schreckliches Gefühl, völlig inakzeptabel für jeden emanzipierten Menschen. Man verliert seine Identität. Jede Frau, die morgens aus dem Haus geht, muss so ihre Identität zurücklassen.“

„Das ist ja wohl das Mindeste, was ein Mann tun kann, um seine Frau zu unterstützen!“ sagt ein zweiter (Foto rechts). „Vor allem hier im Iran, wo die Islamische Republik propagiert, dass die Ehre eines Mannes vom Schleier seiner Frau abhängt.“ Und er fährt fort: „Es ist erschütternd zu realisieren, dass in einem Zeitalter, in dem woanders in der Welt Staatschefinnen regieren, die iranischen Frauen noch nicht einmal selbst bestimmen dürfen, was sie anziehen.“

60 Prozent der iranischen Studenten sind heute weiblich. Es rumort in der Ayatollah-Republik. Noch halten die Islamisten die Frauen mit Gewalt in Schach – aber es wird schwerer nach der wirtschaftlichen Öffnung.

Im Iran dürfen sich Frauen ihre Kleidung nicht aussuchen

Die Aktion der „Männer im Hijab“ läuft über Masih Alinejad, eine Iranerin, die heute in Amerika lebt und die schon 2014 die Aktion „My stealthy freedom“ (Meine heimliche Freiheit) initiiert hatte. Darin posieren Iranerinnen, die den Mut haben, das Kopftuch abzulegen. Sie riskieren damit ihre Freiheit.

Und in solchen Zeiten der Zwangsverschleierung und Entrechtung von Frauen in islamischen Ländern engagieren sich vor allem linke Frauen im Westen für „das Recht“, sich zu verschleiern – statt den Millionen unterdrückten Frauen zu helfen, die Zwangsschleier abzulegen. Es ist der reine Hohn.

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