Ahmad Mansour - Foto: Heike Steinweg
Ahmad Mansour - Foto: Heike Steinweg

Islamisten sind Rassisten!

Herr Mansour, Ihr gerade erschienenes¬†Buch hei√üt ‚ÄěGeneration Allah ‚Äď Warum wir¬†im Kampf gegen den religi√∂sen Extremismus¬†umdenken m√ľssen‚Äú. Warum m√ľssen¬†wir das?
Sp√§testens seit den Attentaten in Paris¬†begreifen wir, wie oberfl√§chlich die Politik¬†bisher agiert hat und wie sehr man auf Aktionismus¬†setzt. Man reagiert immer erst,¬†wenn es knallt. Da hei√üt es dann, das w√§ren¬†bedauerliche Einzelf√§lle und das h√§tte mit¬†dem Islam gar nichts zu tun. Aber wir h√§tten¬†l√§ngst dar√ľber reden m√ľssen, warum¬†und in welchem Ausma√ü sich Jugendliche,¬†die in diesem Land aufgewachsen sind, von¬†unseren Werten entfernt haben. Es findet¬†keine Debatte √ľber die Ursachen statt. Eine¬†fl√§chendeckende Strategie, mit der wir diese¬†Menschen erreichen, bevor sie sich radikalisieren,¬†gibt es nicht. Und nicht nur das.¬†Die Politik erlaubt auch, dass ausgerechnet¬†Leute, die Teil des Problems sind, damit¬†beauftragt werden, die Deradikalisierungs und¬†Pr√§ventionsarbeit zu √ľbernehmen.¬†Und das ist nicht nur falsch, es ist auch sehr¬†gef√§hrlich.

Meinen Sie Verb√§nde wie den ‚ÄěZentralrat¬†der Muslime‚Äú mit seiner r√ľckw√§rts gewandten¬†Auslegung des Islam?¬†
Ich m√∂chte keine einzelne Organisation¬†nennen. Aber klar ist: Wenn unser Innenminister¬†die Aufgabe, die Fl√ľchtlinge zu integrieren,¬†jetzt diesen Verb√§nden √ľbertr√§gt,¬†dann hat er immer noch nicht verstanden,¬†wo und wie das Problem eigentlich entsteht.

Es gibt keine Strategie, mit der wir Menschen erreichen, bevor sie sich radikalisieren.

Nämlich wo?
Unser Problem sind eben nicht nur Hassprediger und Salafisten. Wir m√ľssen viel fr√ľher anfangen, n√§mlich bei einem problematischen Islamverst√§ndnis. Ich spreche von Geschlechtertrennung und Tabuisierung der Sexualit√§t, von Buchstabengl√§ubigkeit und von Angstp√§dagogik,¬†von einem patriarchalen Gott, der genauso¬†funktioniert wie der Vater: Er straft und¬†l√§sst nicht mit sich diskutieren. Da gibt es¬†keinen Platz f√ľr Zweifel und Selbstentfaltung.¬†Ich rede von einem Opferdiskurs¬†und von Feindbildern: Der Islam ist nur¬†Opfer, der Westen und die Juden sind die¬†T√§ter. Wer so ein Islamverst√§ndnis predigt,¬†schafft die Basis f√ľr eine Radikalisierung.¬†Die Islamisten haben nichts Neues¬†erfunden. Sie bauen auf dem auf, was die¬†Jugendlichen zu Hause oder in manchen¬†Moscheen sowieso schon geh√∂rt haben¬†und treiben es auf die Spitze. Nat√ľrlich¬†brauchen wir muslimische Akteure, die¬†sich gegen Gewalt aussprechen und die¬†Jugendlichen auf ihre Art und Weise erreichen.¬†Aber wir d√ľrfen nicht zulassen, dass¬†diese Leute nur Lippenbekenntnisse gegen¬†den Extremismus ablegen. Aber genau das¬†ist leider h√§ufig der Fall.

Die Politik m√ľsste also umdenken und¬†ihre bisher ja durchaus innige Zusammenarbeit¬†mit den Islamverb√§nden auf den¬†Pr√ľfstand stellen?¬†
Unbedingt. Die Moscheevereine, die¬†ernsthaft Aufkl√§rungsarbeit betreiben,¬†sollte man nat√ľrlich unterst√ľtzen. Aber¬†wir sollten unsere Partner sehr sorgf√§ltig¬†ausw√§hlen.¬†

Alle, die dieses orthodoxe Islamverst√§ndnis¬†kritisieren, werden gern als Rassisten¬†gebrandmarkt. Das gilt auch f√ľr Lehrerinnen¬†und Lehrer, die an den Schulen Alarm¬†schlagen.¬†
Genau. Und das ist eine der Ursachen¬†daf√ľr, dass der Islamismus so gro√ü werden¬†konnte. Die gleichen Leute, die die Ursachen¬†f√ľr Rechtsextremismus zu Recht in¬†der Mitte der Gesellschaft suchen, tun¬†den islamischen Extremismus als Randph√§nomen von Einzelpersonen ab. Das ist¬†rassistisch.

Sie fordern, dass die Schulen und Jugendzentren das Thema in ihre Lehrpläne aufnehmen. 
Ja, und da meine ich nicht nur das¬†Thema Islam und Islamismus, sondern¬†auch Demokratiebildung, Wertevermittlung¬†und kritisches Denken. Wir m√ľssen¬†die Kinder und Jugendlichen erreichen¬†und ihnen Angebote machen, bevor die¬†Salafisten das tun. Die Kinder bringen die¬†Probleme ja mit in die Schulen, die wollen¬†√ľber ihre Biografien oder den Nahost-Konflikt reden.¬†

Wer zulässt, dass ein musli-
misches Mädchen
weniger lernt,
ist ein Rassist.

Sie sagen: Die Salafisten machen die bessere Sozialarbeit. Was muss sich denn an unserer Sozialarbeit ändern, damit wir die Jugendlichen erreichen?
Zunächst mal: Ich kenne viele Lehrer und Sozialarbeiter, die superengagiert sind und sich Sorgen um diese Jugendlichen machen. Das Problem ist, dass unsere Sozialarbeit in den 1970er und 1980er Jahren steckengeblieben ist. Deshalb machen wir Angebote, die weit weg von den Welten dieser Jugendlichen sind. Die Lehrer kennen deren Probleme und deren Sprache gar nicht.

M√ľssen LehrerInnen nicht auch darauf¬†bestehen, dass unsere demokratischen¬†Werte akzeptiert werden, zum Beispiel die¬†Gleichberechtigung der Geschlechter?¬†
Nat√ľrlich. Wir m√ľssen eine klare Sprache¬†sprechen. Wer nicht erlaubt, dass ein¬†M√§dchen am Schwimmunterricht teilnimmt,¬†ist ein Rassist. Wer in Kauf¬†nimmt, dass ein muslimisches M√§dchen¬†weniger lernt als ein nicht-muslimisches,¬†ist ein Rassist. Auf keinen Fall d√ľrfen wir¬†unsere Werte relativieren. Aber wir m√ľssen¬†R√§ume schaffen, wo wir auf einer¬†emotionalen Ebene mit den Jugendlichen¬†√ľber ihre Themen reden. Und wenn man¬†sie dann nach ihren Argumenten fragt,¬†werden sie ganz schnell merken, dass sie¬†eigentlich keine haben.¬†

Sie selbst arbeiten unter anderem im¬†Projekt ‚ÄěHeroes‚Äú mit Jugendlichen. Wie¬†sprechen Sie die an?
Meine Kollegen und ich lassen sie ihre¬†Meinung sagen und stellen sie dann in¬†Frage. Die Jugendlichen haben ja meist¬†einfache Botschaften im Kopf, die sie wiederholen,¬†ohne gro√üartig dar√ľber nachgedacht¬†zu haben. Und wenn wir anfangen,
das zu hinterfragen, dann merken sie, dass¬†das, was sie sagen, keinen Sinn macht.¬†Wir wollen den Jugendlichen Denkanst√∂√üe geben und Alternativen aufzeigen.¬†Diese Alternativen sind f√ľr sie oft nicht¬†sichtbar.

Unsere Lehr-
pl√§ne m√ľssen
auch demokra-
tische Werte vermitteln.

Was w√ľrden Sie Lehrerinnen und Lehrern¬†raten?
Das ist zun√§chst ein Problem der Politik.¬†Denn die Politik hat die Lehrerinnen und¬†Lehrer im Stich gelassen. Sie h√§tten schon¬†in der Ausbildung bef√§higt werden m√ľssen,¬†einerseits ein Wir-Gef√ľhl zu vermitteln,¬†damit diese Sch√ľlerInnen nicht das
Gef√ľhl haben, dass sie nicht Teil dieser¬†Gesellschaft sind. Andererseits h√§tten die¬†P√§dagogInnen ermutigt werden m√ľssen,¬†radikale Tendenzen zu erkennen und zu¬†bek√§mpfen. Wir m√ľssen Lehrpl√§ne konzipieren,¬†in denen es nicht nur um
Leistung und Wissensvermittlung geht, sondern auch um die Vermittlung demokratischer Werte.

Sie beklagen, dass die Zahl radikaler Prediger, die in Deutschland gezielt auf Jugendfang gehen, enorm gestiegen sei. Was können wir dagegen tun? 
Wenn ein solcher Prediger kein deutscher¬†Staatsb√ľrger ist und er sich gegen Demokratie¬†und Menschenrechte ausspricht,¬†muss er sofort ausgewiesen werden.¬†Punkt. Aus. Aber oft handelt es sich um¬†deutsche Staatsb√ľrger und da k√∂nnen wir¬†zun√§chst nicht viel machen. Wir m√ľssen¬†diese Leute beobachten und wenn sie sich¬†gegen das Grundgesetz aussprechen, m√ľssen¬†sie bestraft werden. Da darf es keinen¬†Islam-Rabatt geben.

Die Situation scheint gerade zu eskalieren.¬†Nach den Attentaten von Paris √ľbt sich Pr√§sident¬†Hollande in martialischer Kriegsrhetorik und in Deutschland munitionieren¬†sich rechte Gruppierungen, was wiederum¬†zu weiterer Radikalisierung von Muslimen¬†f√ľhren wird. Glauben Sie, dass wir das alles¬†√ľberhaupt noch zur√ľckholen k√∂nnen?¬†
Rechtsradikale und Islamisten bedienen sich gegenseitig. Das Beste, was Pegida passieren konnte, sind diese Anschläge. Und das Beste, was den Islamisten passieren konnte, ist Pegida. Trotzdem glaube ich an die verantwortungsvolle Mitte dieser Gesellschaft. Sie ist hoffentlich in der Lage, das Problem zu erkennen und ihm mit Vernunft und nachhaltigen Konzepten zu begegnen. Dazu brauchen wir nur eins: Endlich eine verantwortungsvolle Politik, die begreift, dass es hier um eine Generationenaufgabe geht, die man nicht mit Aktionismus bewältigen kann.

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Weiterlesen
Ahmad Mansour: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen den religi√∂sen Extremismus ¬≠umdenken m√ľssen (S. Fischer, 19.99 ‚ā¨)

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Kommentare

"Ich spreche von Geschlechtertrennung und Tabuisierung der Sexualit√§t, von Buchstabengl√§ubigkeit und von Angstp√§dagogik, von einem patriarchalen Gott, der genauso funktioniert wie der Vater: Er straft und l√§sst nicht mit sich diskutieren. Da gibt es keinen Platz f√ľr Zweifel und Selbstentfaltung. Ich rede von einem Opferdiskurs und von Feindbildern."

Letztlich geht es um ein Menschenbild und Lebenswelten, die wir hier in Europa auch einst hatten. Wir haben also Erfahrungen damit, wie wir dieses "mittelalterliche" Weltbild verändern können. Zu denken geben sollte uns, dass "dieser Gott so funktioniert wie ein Vater". Verändern wir die Rollenbilder, die Familie, die Erziehung, ermöglichen wir mehr Freiheit, dann wird auch dieser Gott ein anderer werden, egal was im Koran steht. Das wird noch ein langer Weg, aber wir haben es auch geschafft.

Diese Expertise liegt bereits seit Ende 2010 vor: "Gewaltphänomene bei männlichen,
muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Präventionsstrategien" http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung2/Pdf-Anlagen/gewaltphaeno...

Sie unterst√ľtzt letztlich die Aussagen von Mansour im Interview. Ganz wesentlich wird auch auf die Bedeutung der Elternarbeit hingewiesen. Mich wundert es, dass PolitkerInnen diese Dinge nicht medienwirksam besprechen.

In allem kann ich Herrn Mansour nur voll und ganz zustimmen! Wieder ein sehr treffender Artikel zum Thema Islamismus in der Emma.
Nur fehlt mir im Zusammenhang mit der Wertediskussion, wie sie auch in diesem Artikel wieder zum Ausdruck kommt, die Tatsache, dass wir doch selber kaum mehr nach unseren humanistischen, solidarischen, demokratischen Werten leben! Der galoppierende Neoliberalismus sorgt f√ľr eine Doppelmoral in unserer Gesellschaft: Vorgeblich halten wir unsere tollen westlichen Werte hoch, aber in Wirklichkeit regiert bei uns doch l√§ngst nur noch das Recht des St√§rkeren (= Reicheren). Im Gegensatz zu diesen widerspr√ľchlichen und zynischen Botschaften unserer Gesellschaft an die Schw√§cheren und Ausgegrenzten hat der Islamismus so gro√üe Attraktivit√§t, weil er h√§lt, was er seinen Anh√§ngern verspricht. Wir m√ľssen daf√ľr sorgen, dass unsere Werte auch wieder gelebt werden: von der Wirtschaft, den Wohlhabenden, den Politikern und von UNS ALLEN!

aus der "verantwortungsvolle(n) Mitte unserer Gesellschaft", die zur Zeit leider √ľberall sonst zu wenig zu Wort kommt. @ MS Garfield: "..der Islamismus (hat) so gro√üe Attraktivit√§t, weil er h√§lt, was er seinen Anh√§ngern verspricht". Ja, Salafisten und andere islamistische Seelenf√§nger versprechen jungen M√§nnern heute nicht mehr nur die 40 Jungfrauen nach dem gegl√ľckten Selbstmordattentat. Wer bereit ist, f√ľr den IS in Syrien/Irak zu k√§mpfen, kriegt neben der Lizenz zum allg. brutalen Qu√§len und T√∂ten auch noch eine Sklavin, mindestens. Zum Beispiel eine Jesidin oder eine Christin oder eine andere Ungl√§ubige. Die erleben dann, was "das Recht des St√§rkeren" wirklich bedeutet.

aus der "verantwortungsvolle(n) Mitte unserer Gesellschaft", die zur Zeit leider √ľberall sonst zu wenig zu Wort kommt. @ MS Garfield: "..der Islamismus (hat) so gro√üe Attraktivit√§t, weil er h√§lt, was er seinen Anh√§ngern verspricht". Ja, Salafisten und andere islamistische Seelenf√§nger versprechen jungen M√§nnern heute nicht mehr nur die 40 Jungfrauen nach dem gegl√ľckten Selbstmordattentat. Wer bereit ist, f√ľr den IS in Syrien/Irak zu k√§mpfen, kriegt neben der Lizenz zum allg. brutalen Qu√§len und T√∂ten auch noch eine Sklavin, mindestens. Zum Beispiel eine Jesidin oder eine Christin oder eine andere Ungl√§ubige. Die erleben dann, was "das Recht des St√§rkeren" wirklich bedeutet.

Ich habe mir das eindrucksvolle Interview von Sabatina James angesehen, die, nachdem sie sich gegen ihre Zwangsverheiratung wehrte und zum christlichen Glauben √ľbertrat, von ihren eigenen Eltern mit dem Tode bedroht wurde und sich seitdem nur mit Personensch√ľtzern bewegen kann und im Verborgenen leben muss.
https://m.youtube.com/watch?v=p2dp5qWNU7k
Und ich dachte mir ähnliches, wie Anabel Schunke:
http://www.rolandtichy.de/feuilleton/medien/lanz-weisse-deutsche-maenner...

Neu und auch ermutigend, dass zunehmend (muslimische) M√§nner auf die falsche Toleranz und die hierzulande zunehmende Legitimierung und Relativierung der eklatanten Frauenunterdr√ľckung im Islam (aber auch aufs Schauerlichste in Indien, und tw. in traditionell buddhistischen und streng katholischen L√§ndern, in allen patriarchalen Religionen/ Regionen) hinweisen und sich √∂ffentlich √§ussern.
Die, die eigentlich ZUST√ĄNDIG w√§ren , unsere Errungenschaften mit aller Kraft zu verteidigen √ľben sich in Multi-Kulti Relativiererei und falscher Toleranz, n√§mlich die meisten √∂ffentlich auftretenden Gr√ľnen und linken Frauen‚Ķ.
Aufgekl√§rte , demokratische, an gesellschaftlichem Fortschritt und Menschen-( also AUCH Frauen-) rechten interessierte Frauen und M√§nner aller L√§nder , Hautfarben, spirituellen Pr√§ferenzen , lasst uns zusammen arbeiten und f√ľr unsere Anschauungen eintreten!

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