Sisterhood kills

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Es zerreißt die Frauen zwischen individueller Emanzipation und kollektiver Solidarität, zwischen männlichem Streben und weiblichem Wohlverhalten.

Und was höre ich gerade von Frauen ständig? ‚Bitte, tun Sie mich nicht wieder mit Frauen zusammen! Das Fürchterlichste ist, wenn ich mit Frauen arbeiten muss‘“, klagte Werbechef Leonhard in einem EMMA-Gespräch.

„Das Fürchterlichste“ – die drei weiblichen Mitdiskutantinnen quittieren diesen Aufschrei unisono mit Stöööööhnen: Ein leidiges Thema, kein weiteres Wort darüber. Offenbar liegt da ein ziemlich dicker Hund begraben.
Dann schildert Top-Werberin Heumann, wie ihre Zusammenarbeit mit Männern funktioniert: „Wenn ich mal was Neues oder ganz Eigenes sage, reagiert niemand, aber vier Stunden später präsentieren sie’s dann, als wär’s ihre eigene Idee.“ Das ist sicher nicht das, was eine sich unter gelungener, erfreulicher Teamarbeit vorstellt, aber anscheinend erwartbar, berechenbar und insofern verkraftbar.
Dennoch soll es nicht etwa das Furchtbarste für Frauen sein, mit Kollegen zusammenarbeiten zu müssen, sondern mit Kolleginnen? Und das, obwohl seit Jahren ein hohes Lied auf die Teamfähigkeit von Frauen gesungen wird, die Zahl der Untersuchungen unübersehbar ist, die zu Ergebnissen kommen wie: Frauen sind bessere Manager – Frauen sind bessere Mathematiklehrer – Frauen sind bessere Chefs. Gerade was die Kooperations- und Kommunikations-Fähigkeiten anbelangt, scheinen Frauen Männern überlegen zu sein – sicher nicht in jedem Einzelfall, aber tendenziell. So dass sogar die Zeit schon fragt: „Warum sitzen immer noch Deppen in den Chefetagen statt Frauen?“
In die Kritik geraten ist ein hauptsächlich von Männern praktizierter Arbeitsstil: Hierarchien, Konkurrieren und Platzhirschmentalität, Machtspiele und die Fixierung auf den Dienstweg. Dieser Stil mindert die Arbeitsqualität. Deshalb lässt eine Institution wie die Bundesanstalt für Arbeit verlauten: „Wo Frauen sind, wird das Klima offener, die Diskussion lebendiger und kommt man schneller zum Kern der Sache – was nicht immer angenehm ist, aber effizient.“ Es besteht also kein Zweifel: Viele Frauen können hoch kooperativ sein. Aber sie sind es anscheinend nicht immer auch gegenüber Geschlechtsgenossinnen.
Die Mär von der ‚Urrivalität‘ der Frauen, von ‚Stutenbissigkeit‘ und ‚Zickenkrieg‘ stimmt also doch? Geschenkt. Ebenso selten liegen den fraueninternen Konflikten allein persönliche Schwächen und Unfähigkeiten zugrunde. Denn die Konflikte mögen individuell geprägt sein, folgen aber durchaus einer Logik, das zeigen die Erfahrungen, Untersuchungen, Veröffentlichungen der letzten Jahre zu weib-weiblichen Verhältnissen.
Die Wertschätzung der Teamfähigkeit und Kommunikativität von Frauen verdeckt etwas Wesentliches: Nämlich dass Frauen nicht automatisch bessere Organisations- und Arbeitskulturen entwickeln als Männer. Frauen sind in der Regel nicht bereits da, wohin sich viele Männer erst entwickeln sollen, sondern woanders: Sie müssen aus einer anderen Lage und anderen Defiziten, aus anderen Einseitigkeiten herausfinden: vor allem aus mangelnder Abgrenzung sowie Angst vor Liebesverlust und Trennungen. Die damit einher gehende „unglückliche Selbstbehauptung“ (Kierkegaard) durch Neid, misstrauisches Vergleichen, Kleinmachen – und das bevorzugt gegenüber Geschlechtsgenossinnen – werden Frauen noch überwinden müssen, wollen sie mit Männern und Frauen kooperationsfähig sein.
Unglückliche Selbstbehauptung zeigt sich zum Beispiel in der Abwehr neu erworbener Stärke. So rät die Kölner Personalberaterin Ilse Martin einer Frau, die befördert wird – die Abteilung bzw. den Betrieb zu wechseln, um zu vermeiden, dass Kolleginnen einen Kleinkrieg gegen die Beförderte beginnen. Denn die wollen der Beförderten die eigenen Selbstzweifel unterjubeln, Motto: Das würde ich mir nie zutrauen. Als nächstes kommen Neid und üble Nachrede, sodann folgen Missachtung und das Unterlaufen von Arbeitsanweisungen.
Die fehlende Abgrenzung zeigt sich im permanenten Taxieren der anderen: Was ist sie, hat sie, kann sie, was ich nicht kann, habe, bin? Jedes Mehr der anderen wird als Minderung des eigenen Werts gedeutet. Der eigene Selbstwert wird gesteigert, indem die andere abgewertet wird. Es ist selten, dass eine Frau sich am höheren Leistungsvermögen, am besseren Auftritt, am besseren Erscheinungsbild, an größeren Erfolgen einer anderen, als gleich kategorisierten Frau freuen kann. Noch seltener ist es, dass sie es für sich zu nutzen weiß. Dieses potenzielle Bedrohtsein von Frauen durch andere Frauen führt zu subtilen Dynamiken bei Bewerbungsgesprächen.
„Bewerberinnen, die sich selbstbewusst und kompetent geben, werden von weiblichen Beobachtern als weniger sympathisch eingeschätzt als zurückhaltende Bewerberinnen“, schreibt Psychologie Heute. Der Erfolg der Starkolumnistin der Times zum Beispiel, die nebenbei noch drei kleine Kinder habe, lasse „andere berufstätige Mütter regelmäßig daran denken, sich zu erschießen“.
Auch Gruppenexperimente belegen es: Frauen ist es am liebsten, wenn alle gleich sind. Gleichheit empfinden sie als Schutz. Die Kommunikation ist daher auf Gleichheit ausgerichtet, Ungleichheit signalisiert Abgetrenntheit und macht Angst. So manche Frau hat mehr Angst vor Erfolg (die viel beschworene ‚Höhenangst‘) als vor dem Versagen, schreibt die Germanistin Bernadette Rieder. Denn bei Erfolg sind sie allein, während im Fall des Versagens sofort Unterstützerinnen und Trösterinnen auf der Matte stehen. Tatsache ist: In der Schwäche widerfährt Frauen durch Frauen Solidarität, in der Stärke allzu oft Missgunst.
Folge: Statt Seilschaften zu bilden, schotten sich auch besonders fähige oder erfolgreiche Frauen von Kolleginnen oft ab, lassen keine andere hochkommen, dulden keine neben sich und schlagen sich mehr oder weniger als Einzelkämpferinnen durch.
Was Wunder also, dass selbst in feministischen Gruppen eine Art Gleichheitsgebot herrschte. Wer dagegen verstieß, musste mit Sanktionen rechnen. ‚Trashing‘ hieß die entsprechende Methode Anfang der 80er Jahre, das dramatische Resultat: „Sisterhood kills“. Davon zeugen verheerende Konflikte in feministisch ausgerichteten Projekten, Initiativen und Gruppen der letzten Jahrzehnte. Die Wahrheit über die „Frauenbewegung zwischen Selbstorganisation und Selbstzerstörung“ verleiteten die Wiener Autorin Birge Krondorfer zu der verzweifelten Frage: „Fürchte deine Nächste wie dich selbst?“ – immerhin noch mit Fragezeichen.
Viele Feministinnen haben sich inzwischen auf diese Konflikte eingestellt. Gerade in selbstorganisierten Arbeitszusammenhängen von Frauen sind Supervision, Organisationsentwicklung und Coaching ein selbstverständlicher Teil des Arbeitsalltags. Hier wird der Neigung zum Gekränktsein entgegengearbeitet, und das Aushalten von Kritik und Erfolgen eingeübt. Überhöhte Ansprüche an sich selber, die Sehnsucht nach der ‚großen, guten Mutter‘ oder die Neigung, sich gegenseitig klein zu halten, werden problematisiert. In Seminaren zu weiblichem Konkurrenzverhalten werden falsche Erwartungen korrigiert und ein nicht an der Person, sondern an der Sache orientiertes Rivalisieren gefördert.
Die Vernetzung hat dabei einen hohen Stellenwert: Unterschiedliche Projekte, Institutionen und Einzelne treten in Austausch; aus dem Abstand heraus fällt es leichter, die Kompetenz und Bedeutsamkeit der anderen wertzuschätzen und sich so gegenseitig zu bestätigen. Dies alles ist sinnvoll, weil konkret hilfreich und anwendbar.
Es bleibt die Frage: Was macht es für Frauen so schwer, sich gegenseitig zu fördern und zu fordern, zusammenzuarbeiten, ohne dass die Beteiligten sich besonders gut verstehen, mögen oder sich in allem einig sind? Was macht die Kooperation in der Differenz ausgerechnet unter Frauen so schwer?
Die amerikanische Psychoanalytikerin Jessica Benjamin deutet die Schwierigkeiten psychoanalytisch: Das Gleichheitsgebot und die Trennungsangst weisen darauf hin, dass bei Frauen die Fähigkeit schlecht ausgebildet ist, andere als eigenständige, von ihnen getrennte und sich von ihnen unterscheidende Menschen anzuerkennen, mit denen gleichzeitig Verständigung möglich ist. Diese Fähigkeit zur wechselseitigen Anerkennung im Unterschied, die Fähigkeit, zwischen Bindung und Distanz zu wechseln, ist nicht einfach da, sie muss erworben werden. Dies geschieht im Kontakt mit unseren ersten Bezugspersonen, meist der Mutter.
Bisher ist sowohl bei Frauen als auch bei Männern diese Fähigkeit schlecht entwickelt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Mädchen bleiben traditionell eher in der Identifikation mit der Mutter, werden darin gehalten und verharren damit in einer unrealistischen Bindung; Jungs hingegen schneiden die Bindung zur Mutter eher ab – vor dem Hintergrund einer gegenüber Frauen zwischen Idealisierung und Abwertung schwankenden Gesellschaft. Die als bedrohlich erlebte Differenz wird in der Folge entweder ignoriert, übergangen, wegharmonisiert – was eher Frauen machen; oder abgewertet und zu beherrschen versucht – was eher Männer machen. Wobei sich die männliche Variante eher in machtvolle, hierarchische Zusammenhänge ummünzen lässt, in deren Rahmen auch Einbindung und Anerkennung gewährleistet sind, während die an die Bindungsebene geknüpfte weibliche Kooperation persönliche Übereinstimmung, Zuneigung und Sympathie verlangt, was naturgemäß selten alles auf einmal zusammenkommt. Auf dieser Basis gibt es oft nur alles oder nichts: Miteinander-Können oder Nicht-miteinander-Können, Eintracht oder Disharmonie, Dazugehören oder Ausschluss.
Durch diese radikalen Alternativen hat die Situation zwischen Frauen etwas Bedrohliches, frau fügt sich, bis ihr der Kragen platzt und nichts mehr geht. Aber auch die traditionell männlichen Kooperationsstrategien sind an ihre Grenzen geraten, wie nicht nur am Ruf nach weiblichen Kompetenzen zu sehen ist. Heute werden daher Alternativen gesucht zu den Polarisierungen, Gleichheitsgeboten oder Hierarchisierungszwängen.
Vor diesem Hintergrund erweist der von Feministinnen entwickelte Mentoring-Ansatz seinen Sinn, gerade auch für Frauen: Der Unterschied zwischen Mentorin und Mentee ist die Basis der Beziehung und ihrer Möglichkeiten und entschärft damit genau den heiklen Punkt, ja besetzt ihn positiv: Das höhere Vermögen einer anderen Frau wird institutionell akzeptiert. In dieselbe Richtung wirkt die schlichte Alltagspraxis: Je häufiger Frauen in für sie neuen Positionen und Rollen agieren, desto stärker wird der Druck, sich mit Kolleginnen zusammenzuraufen und einen sinnvollen Umgang zu finden – so wie die Werbefrauen, denen es auf Dauer nicht gelingen wird, Teams mit Kolleginnen ganz zu vermeiden. Die Praxis wird es also richten, bis zu einem gewissen Grad.
Die Schwierigkeit mit der „Anerkennung im Unterschied“ hat eine lange Geschichte und ist nicht mal eben qua Einsicht aus der Welt zu schaffen. Zumal sie heute infolge der Veränderungen an Brisanz gewinnt; diese beschwören das ständige Sichvergleichen und subtile Abwerten geradezu herauf und damit den gekränkt-neidischen Blick auf die andere: „Rivalitäten sind das Ventil für die Unvereinbarkeiten im Leben moderner Frauen“, so die amerikanische Journalistin Leora Tanenbaum.
Der Grund: ein steckengebliebener Emanzipationsprozess, eine ‚Emanzipation Light‘. In den letzten 50 Jahren haben Frauen zwar neue Rechte, neue Rollen, neue Arbeitsfelder, Wege in die Öffentlichkeit errungen. Diese Erweiterung ihrer Möglichkeiten ist aber nicht im erwarteten Maß mit einer Veränderung des Ganzen einhergegangen, des Arbeits- und Rollengefüges zwischen Frau und Mann, der gesellschaftlichen Ordnung. Das hat zur Folge, dass eine Frau, die die neuen Möglichkeiten nutzen will, das mit sich selbst zu regeln hat. Sie ganz allein muss die Doppelrolle schaffen – das Neue können und das Alte beherrschen. Das Frausein hinter sich lassen und gleichzeitig ganz Frau bleiben: kompetent und flexibel sein, kommunikativ, eigenständig, durchsetzungsfähig und auf möglichst glückliche Weise selbstbehauptend. Außerdem selbstverständlich attraktiv, einfühlsam, bescheiden, fürsorglich, beziehungsfähig, anschmiegsam, ausgeruht – und in höchstem Maße belastbar. Das klingt nach Doppelrolle mit Dreifachsalto.
Den Groll gegen diese unvereinbaren Anforderungen richten Frauen gegen sich selbst und gegen die Geschlechtsgenossinnen, die möglicherweise eine bessere Figur machen in der anspruchsvollen Konkurrenz um das richtige Lebensmodell.
Gern empfinden Frauen sich dabei als Opfer potenzieller Rivalinnen, gegen die sie in meist unbewusst-undurchsichtigen Manövern ihr Selbstwertgefühl zu behaupten suchen. Die teilweise absurden Spielarten unglücklicher Selbstbehauptung unter Frauen folgen also nicht nur der Logik von Gleichheitsgebot und Trennungsangst, sondern sind auch der (Selbst)Überforderung angesichts einer ‚steckengebliebenen‘ Befreiung geschuldet.
Doch unglückliche Formen der Emanzipation sind nicht allein die Sache der Frauen.
Emanzipationsprozesse entfalten immer eine verwirrende Logik. Der kanadische Politologe Charles Taylor macht darauf aufmerksam, dass sich seit der Aufklärung alle auf Gleichheit ausgerichteten Emanzipationsbewegungen in eine Falle manövriert haben: Die Einmütigkeit im Wollen und Verpflichtung auf Gleichheit – Voraussetzung für die Solidarität untereinander – wirken zwangsläufig homogenisierend. Sie betonen das Gemeinsame. Damit aber laufen sie dem Wunsch und der Notwendigkeit nach Respekt und Entfaltung im Unterschied zuwider. Das ist so lange unproblematisch, wie gemeinsam gegen etwas Aufgezwungenes gekämpft wird. Die Parole „Frauen gemeinsam sind stark!“ gehört in solch eine Phase des kollektiven Aufbruchs.
Emanzipation bedeutet jedoch in einem nächsten Schritt: Subjektwerdung. Das heißt, auf die Entwicklung einer persönlichen, im individuellen Inneren begründeten Identität setzen: Frau will – neben anderem – von jetzt an sie selbst sein. Feminismus steht im allgemeinen Bewusstsein allerdings noch immer für die Auseinandersetzung mit kollektiver Benachteiligung und damit nicht für die individuelle Stärke und Emanzipation. Das erklärt, warum gerade erfolgreiche Frauen mitunter allergisch sind gegen alles, was ihnen Feminismus-verdächtig vorkommt und warum sie der Frauenförderung hoch ambivalent gegenüberstehen.
So wird etwa die Frauenquote – eingeführt als Mittel gegen die selbstverständliche Männerüberquote – als peinlich empfunden, als mache erst die Quote Frauen zu Benachteiligten. Die ‚neuen Frauen‘ wollen ausschließlich in ihrer persönlichen Qualifikation und Leistungsstärke gewürdigt werden und nicht zum Kollektiv einer unterstützungsbedürftigen Spezies gehören. Die hochgradige Ambivalenz gegenüber Geschlechtsgenossinnen, der Ruch von Altbackenheit, der dem ‚unter Frauen‘ anhängt und angehängt wird, belastet die Zusammenarbeit von Frauen. Aber genau dies ist das Gebot im zweiten Befreiungsschritt: Sich nicht im Einzelkämpferinnendasein einschließen, sondern die Gemeinsamkeiten kennen, ohne die Unterschiede zu leugnen. Mit Methode – ohne Wahnsinn.
Claudia Koppert, EMMA September/Oktober 2005
Zum Weiterlesen: Claudia Koppert/ Beate Selders: ‚Hand aufs dekonstruierte Herz‘ (Helmer). ‚Emanzipation Marke West Light‘, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis Nr. 43/44/1996; Claudia Koppert (Hg.): ‚Glück, Alltag und Desaster. Über die Zusammenarbeit von Frauen‘ (Orlanda).

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