„Das Patriarchat wiederherstellen!“

Konservative und Rechte, die über die Islamisierung Europas besorgt sind, beschuldigen gern den Feminismus. Er habe die westlichen Gesellschaften geschwächt und damit die „demografische Invasion“ der Muslime überhaupt möglich gemacht. So prophezeite Mark Steyn in seinem Bestseller „America Alone: The End of the World As We Know It“ die Verwandlung von Europa in „Eurabia“. Er schreibt: „Mit ihrem bizarren Beharren auf dem Recht der Frau zu entscheiden, ob sie Kinder bekommt oder nicht, haben Feministinnen maßgeblich dazu beigetragen, dass europäische Frauen ihr Leben künftig in einer Kultur fristen werden, in der Frauen überhaupt nichts mehr entscheiden können.“

Dieser niederträchtige rhetorische Trick – eine Attacke auf den Feminismus mit der Sorge über die Frauenfeindlichkeit islamischer Fundamentalisten zu begründen – taucht in der islamfeindlichen Literatur immer wieder auf. Jetzt hat sie ihren Höhepunkt erreicht in Anders Behring Breiviks 1500-Seiten-Manifest „2083: Eine europäische Unabhängigkeits-Erklärung“. Selten war die Verbindung zwischen Frauenhass und rechtem Nationalismus so klar. Einige Zeugen haben berichtet, dass der Täter während seines Amoklaufs auf Utoya zuerst gezielt auf die schönsten Mädchen geschossen hat.

Breivik beschreibt sich selbst als ein desillusioniertes Produkt der liberalen norwegischen Polit-Elite, dessen Wut auch aus den instabilen Familienverhältnissen resultiert, in denen er aufgewachsen ist. Sein Vater war Diplomat, zunächst in London, dann in Paris stationiert. Breiviks Eltern ließen sich scheiden, als er ein Jahr alt war. Seine feministische Mutter habe dann einen norwegischen Kapitän der Armee geheiratet, sein Vater eine Diplomaten-Kollegin, die Breivik als „moderate Kultur-Marxistin und Feministin“ bezeichnet. Und obwohl er seinen Stiefvater als konservativ beschreibt, beklagt er sich über seine „super-liberale und matriarchale Erziehung“, die „dazu beigetragen hat, mich zu feminisieren“.

Der Wahn der „Feminisierung“ spukt durch das gesamte bizarre Dokument. „Die weibliche Manipulation der Männer ist in den letzten Jahrzehnten institutionalisiert worden und Ursache der Verweiblichung der Männer in Europa“, schreibt er. Er gibt den erstarkten Frauen die Schuld für seine eigene Isolierung und erklärt, er fühle sich abgeschreckt vom „destruktiven und selbstmörderischen Sex and the City-Lifestyle (moderner Feminismus, sexuelle Revolution...). In diesem Setting sind Männer keine Männer mehr, sondern metrosexuelle und emotionale Wesen, deren Bestimmung es ist, der feministischen New Age-Göttin ein unkritischer Seelenverwandter zu sein.“

Wütend und einsam wandte Breivik sich der internationalen Rechten zu. Bemerkenswert an seinem Manifest ist unter anderem die Tatsache, dass er kaum auf norwegischen PolitikerInnen und AutorInnen eingeht. Statt der norwegischen Feministinnen attackiert er Betty Friedan (Anm.d.Red.: Die Autorin des 1963 erschienen Buchs „Der Weiblichkeitswahn“). Die meisten AutorInnen, die er zitiert, sind AmerikanerInnen wie Mark Steyn, KanadierInnen oder EngländerInnen.

Die Lektüre dieser AutorInnen half ihm offensichtlich dabei, seinen Frauenhass in eine politische Ideologie zu gießen und sich zum neuen Kreuzritter zu stilisieren. Er greift das Argument auf, dass egoistische westliche Frauen den muslimischen bevölkerungspolitischen Feldzug ermöglicht hätten und erklärt, dass nur eine Restauration des Patriarchats die europäische Kultur retten könne. Eines der Bücher, auf die er sich bezieht, ist Patrick Buchanans „The Death of the West“, in dem es heißt: „Das Erstarken des Feminismus bedeutet das Ende der Nation und das Ende des Westens.“

Dabei ist die demografische Theorie, der Feminismus sei schuld am Geburtenrückgang, schlicht falsch. Fakt ist, dass in modernen Industrieländern der Feminismus mit höheren Geburtenraten korreliert. Wohingegen katholische Länder wie Polen, Spanien oder Italien die niedrigsten Geburtenraten haben, weil diese Gesellschaften wenig tun, um den Wunsch der Frauen nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu realisieren.

Nichtsdestotrotz klammert sich die Rechte an die Vorstellung, dass der Feminismus die westlichen Gesellschaften von innen heraus zerstöre. Diese Politik der angeblich notwendigen „Wiedervermännlichung“ haben Breiviks Wahn geschürt. Und so schreibt er, während er vorgibt, gegen die muslimische Unterdrückung der Frauen zu sein: „Der Niedergang der europäischen Zivilisation hängt davon ab, wie standhaft europäische Männer Widerstand gegen den politisch korrekten Feminismus leisten.“ Wenn rechte Kräfte die Kontrolle über Europa gewännen, „werden wir die patriarchalen Strukturen wieder herstellen“. Schließlich würden Frauen, die unter diesen neuen Strukturen „konditioniert“ seien, „ihren Platz in der Gesellschaft kennen“.

Breiviks wahnsinnige Tat ist der Idee von der männlichen Überlegenheit ebenso geschuldet wie der Ideologie des christlichen Nationalismus. Die beiden gehören immer zusammen.
Michelle Goldberg, The Daily Beast

Den vollständigen Artikel auf Englisch lesen:
The Daily Beast

Mehr zum Thema:
Alexandra Bader auf ceiberweiber

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Kommentare

Ich arbeite gerade das preisgekrönte Buch "A Norwegian Tragedy" von Aage Borchgrevink durch. Dieser hat sich umfassend mit Breiviks Kindheit befasst. Einzigartig bzgl. dieses Massenmörders ist, dass er im Alter von drei jahren für 3 Wochen stationär zusammen mit seiner ihn alleinerziehenden Mutter von einem Team aus acht psychiatrischen Mitarbeitern begutachtet wurde. Der Autor zeigt ein dramatisches Bild auf. Breiviks Mutter hatte Tendenzen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie vernachlässigte ihren Sohn, empfand ihn als gefährlich, schlug ihn, sexualisierte ihn, sprang hin und her zwischen Nähe und Hass usw.

Borchgrevink kommentiert Breiviks Manifest und seinen Hass auf Frauen, Feministen und auch sein politisches Ziel, dass das Sorgerecht automatisch auf den Vater übergehen solle, ebenso wie natürlich seine Taten sensibel und ohne zu entschuldigen vor dem Hintergund dieser traumatsichen Kindheitserfahrungen. Ein lesenwertes Buch, Vielleicht auch für die EMMA?

Profilfoto von Angelika Mallmann

Lieber Sven, Danke für den Hinweis! Herzliche Grüße, Angelika /EMMA Redaktion

Ich selber bin als Kind ebenfalls einer schwer geistesgestörten Alleinerziehenden ausgesetzt gewesen, die mich begrabschte, schlug und zu Beginn meiner Sexualität anfing, in mir das Ungeheuer "Mann" zu sehen. Gerade weil man lernt, damit umzugehen, wird man dann auch in der Folge zu einem Menschen, der alle möglichen ich-gestörten psychopathischen Frauen anzieht. Meine wenige Versuche in meiner Jugend, Hilfe zu erhalten, der Mutter zu entkommen, trafen beim Jugendamt auf im Rückblick wohl feministische Frauen, bei denen mein persönliches Schicksal nicht ins Weltbild passte und die mir erklärten, ich müsse mich um meine arme Mutter kümmern. Später an der Uni lernte ich, dass ich als Mann privilegiert sei, von demselben Typ Frauen.

Ich glaube, was viele Frauen nicht sehen, ist, dass Männer allzuoft in einer Umgebung aufwachsen, in der ihr Frauenhass vorprogrammiert ist, weil sie von hassenswerten Frauen umgeben sind, denen sie kaum entkommen können - nicht zuletzt der Stellung von Müttern in Familien wegen, und seien sie psychopathisch, ausnutzend, berechned etc. pp.

Wenn man so aufwächst, dann ist schon Glückssache, wenn man auf die paar Frauen trifft, die einen vermuten lassen, dass auch Frauen Menschen sind - und es kostet einige Kraft, den Rest seines Lebens lieber hierauf zu vertrauen, als auf die überwältigende andersartige Erfahrung.

Manchen Leuten begegnet aber nie die andere Erfahrung - schon alleine, weil sie irgendwann zu den Monstern wurden, vor denen sie selber mal fliehen wollten.

Noch ein Nachtrag - meiner Meinung nach ist die komplette Auslieferung des männlichen Nachwuchses an oftmals psychopathische Mütter, die ihre Familie tyrannisieren, der wesentliche Reproduktionsmechanismus des "Patriarchats" - der eben mit lauter Männern endet, die erstens Frauen nicht innerlich an sich heranlassen, zweitens ihre Ohnmachtserfahrungen durch Dominanzwünsche kompensieren; drittens auf Grund ihres erlernten Verhaltens Familie und Gesellschaft in einer Weise strukturieren, die Frauen "fern" hält - also wieder mit einer unglaublichen Macht im privaten ausstattet, um ihre Familie zu tyrannisieren.
Ein Kreislauf aus Abhängigkeiten.

An die Emmas noch der Hinweis, dass aktuell Breiviks Vater ein Buch veröffentlicht hat, in dem er auf die kaputte Familie seines Sohnes eingeht: http://www.welt.de/vermischtes/article132386003/Breiviks-Vater-bricht-se...
Zudem möchte ich auf ein Interview mit Aage Borchgrevink hinweisen, in dem er in knapp 5 Minuten die Dinge klar und rational beim Schopfe packt: https://www.youtube.com/watch?v=8Fwn7Z__ag0
Und an haspa, deren Beiträge ich erst jetzt entdeckt habe: Ich würde es nicht so einseitig formulieren, da Väter in vielerlei Hinsicht destruktiv in Familien agieren können und es auch tun. Aber: (und das ist mein großer Kritikpunkt im Allgemeinen bzgl. feministischen Analysen zur Gewalt) Die Gewalt und der Missbrauch an kindern, der von Frauen ausgeht (vor allem als Mütter, in vielen Ländern aber auch durch Tanten, Lehrerinnen usw.) wird unterschätzt, kaum beachtet und in Gewaltursachenanalysen fast gar nicht einbezogen.

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