Missbrauch: ARD zeigt „Jagdgesellschaft“

„Wo sind die Kinder?“ brüllt der Kommissar (Misel Maticevic) die Frau des Bauunternehmers (Jördis Triebel) an. Die tarnt kleine Mädchen als Töchter oder Nichten und verkauft sie an Männer. Zwei von ihnen, Vanessa und Laura, sind verschwunden. „Die Kinder?“ brüllt sie zurück. „Die Kinder sind überall!“

Deutschland: einer der besten Absatzmärkte für Kinderhandel

Das ist es, was der Spielfilm „Jagdgesellschaft“ über den einzelnen Kriminalfall hinausschreit: Diese Kinder – in tschechischen Dörfern an Menschenhändler verkauft oder von deutschen Prügelvätern auf die Straße getrieben und dort von Pädokriminellen aufgeklaubt - sind überall. Überall in Deutschland. Und die Täter sind es auch. Die sind nicht nur unter, sondern auch über uns. Der Staatssekretär, der Bauunternehmer und viele andere feine Herren sind es, die Mädchen und Jungen als „Nachtisch“ für ihre Partys bestellen. Sie sind die „Jagdgesellschaft“.

Es geht, wie schon im ersten Teil „Operation Zucker“ Anfang 2013 um die Verstrickung hoher und höchster Kreise in das Geschäft mit der Ware Kind. LKA-Kommissarin Karin Wegemann (Nadja Uhl), die resigniert aus dem operativen Dienst an die Polizeischule gewechselt war, kehrt zurück, als ihr ein Journalist eine Zeugin präsentiert: Mit Hilfe des Mädchens könnte ein Pädosexuellen-Ring geknackt werden. Die Kommissarin steigt ein – und scheitert ein zweites Mal an den bestens organisierten Netzwerken der Täter. Jedenfalls fast.

„Es raubt einem den Atem, dass all das auf recherchierten Tatsachen beruht“, sagt Regisseurin Sherry Hormann. Und Produzentin Gabriela Sperl versichert: „In Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer als wir es darstellen. Die Ergebnisse unserer Recherchen waren teilweise so krass, dass man sie gar nicht umsetzen konnte. Die Informationen, wie viele ‚Täter’ es bis in die höchsten politischen Hierarchien gibt, sind niederschmetternd.“

Produzentin Sperl: Die Wirk-
lichkeit ist noch viel schlimmer als im Film

Ursprünglich hatte Sperl einen Film über die Kinderprostitution in Katastrophengebieten wie Thailand oder Haiti machen wollen, wo Menschenhändler nach Tsunami und Erdbeben verwaiste und verirrte Mädchen und Jungen zu Geld machen. Aber schon bald führte die Spur sie zurück nach Europa. Genauer: Nach Berlin. Denn Deutschland gilt als „einer der besten ‚Absatzmärkte’ für den Handel mit Kindern“, wie für den Handel mit Frauen.

Im Anschluss an den Film wird Sandra Maischberger das Thema beleuchten: „Sexobjekt Kind – Kampf gegen organisierten Missbrauch“. Ihre Gäste sind: Julia von Weiler, Psychogin und Geschäftsführerin der Kinderschutzorganisation „Innocence in Danger“. Andreas Huckele, ehemaliger Odenwaldschüler und Opfer von Schulleiter Gerold Becker. Manfred Paulus, Kriminalkommissar a.D. kämpft heute gegen Prostitution, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig.

Und schließlich: Gisela Friedrichsen. Wir dürfen gespannt sein, was die Gerichtsreporterin des Spiegel zum Thema beitragen wird, denn bisher war sie regelrecht spezialisiert auf eine notorische Einfühlsamkeit in Täter und Attacken gegen mutmaßliche Opfer. 

Aktualisiert am 21.1.2016

Nadja Uhl als LKA-Kommissarin Karin Wegemann auf der Spur eines Pädokriminellen-Rings.
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