Missbrauch: „Jagdgesellschaft“ im TV

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„Wo sind die Kinder?“ brüllt der Kommissar (Misel Maticevic) die Frau des Bauunternehmers (Jördis Triebel) an. Die tarnt kleine Mädchen als Töchter oder Nichten und verkauft sie an Männer. Zwei von ihnen, Vanessa und Laura, sind verschwunden. „Die Kinder?“ brüllt sie zurück. „Die Kinder sind überall!“

Deutschland: einer der besten Absatzmärkte für Kinderhandel

Das ist es, was der Spielfilm „Jagdgesellschaft“ über den einzelnen Kriminalfall hinausschreit: Diese Kinder – in tschechischen Dörfern an Menschenhändler verkauft oder von deutschen Prügelvätern auf die Straße getrieben und dort von Pädokriminellen aufgeklaubt - sind überall. Überall in Deutschland. Und die Täter sind es auch. Die sind nicht nur unter, sondern auch über uns. Der Staatssekretär, der Bauunternehmer und viele andere feine Herren sind es, die Mädchen und Jungen als „Nachtisch“ für ihre Partys bestellen. Sie sind die „Jagdgesellschaft“.

Es geht, wie schon im ersten Teil „Operation Zucker“ Anfang 2013 um die Verstrickung hoher und höchster Kreise in das Geschäft mit der Ware Kind. LKA-Kommissarin Karin Wegemann (Nadja Uhl), die resigniert aus dem operativen Dienst an die Polizeischule gewechselt war, kehrt zurück, als ihr ein Journalist eine Zeugin präsentiert: Mit Hilfe des Mädchens könnte ein Pädosexuellen-Ring geknackt werden. Die Kommissarin steigt ein – und scheitert ein zweites Mal an den bestens organisierten Netzwerken der Täter. Jedenfalls fast.

„Es raubt einem den Atem, dass all das auf recherchierten Tatsachen beruht“, sagt Regisseurin Sherry Hormann. Und Produzentin Gabriela Sperl versichert: „In Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer als wir es darstellen. Die Ergebnisse unserer Recherchen waren teilweise so krass, dass man sie gar nicht umsetzen konnte. Die Informationen, wie viele ‚Täter’ es bis in die höchsten politischen Hierarchien gibt, sind niederschmetternd.“

Produzentin Sperl: Die Wirk-
lichkeit ist noch viel schlimmer als im Film

Ursprünglich hatte Sperl einen Film über die Kinderprostitution in Katastrophengebieten wie Thailand oder Haiti machen wollen, wo Menschenhändler nach Tsunami und Erdbeben verwaiste und verirrte Mädchen und Jungen zu Geld machen. Aber schon bald führte die Spur sie zurück nach Europa. Genauer: Nach Berlin. Denn Deutschland gilt als „einer der besten ‚Absatzmärkte’ für den Handel mit Kindern“, wie für den Handel mit Frauen.

Im Anschluss an den Film wird Sandra Maischberger das Thema beleuchten: „Sexobjekt Kind – Kampf gegen organisierten Missbrauch“. Ihre Gäste sind: Julia von Weiler, Psychogin und Geschäftsführerin der Kinderschutzorganisation „Innocence in Danger“. Andreas Huckele, ehemaliger Odenwaldschüler und Opfer von Schulleiter Gerold Becker. Manfred Paulus, Kriminalkommissar a.D. kämpft heute gegen Prostitution, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig.

Und schließlich: Gisela Friedrichsen. Wir dürfen gespannt sein, was die Gerichtsreporterin des Spiegel zum Thema beitragen wird, denn bisher war sie regelrecht spezialisiert auf eine notorische Einfühlsamkeit in Täter und Attacken gegen mutmaßliche Opfer. 

Aktualisiert am 21.1.2016

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Das große Vertuschen

Patricia Richert & Andreas Huckele reden. Endlich! - © Fotos: Bettina Flitner
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Wie haben Sie beide sich kennengelernt?

Patricia Richert  Ich habe in der ZEIT ein Porträt über Andreas gelesen. Das war im November 2012, als er den Geschwister-Scholl-Preis bekommen hat. Und da hab ich ihm geschrieben und ihm das Buch „Weil wir so viele sind“ geschickt, in dem ich unter Pseudonym über meine Erfahrungen geschrieben habe.

Andreas Huckele  Und ich habe zurückgeschrieben und mich bedankt. So sind wir miteinander ins Gespräch gekommen.

Können wir Ihnen zumuten, noch mal genau zu sagen, was Ihnen auf der Odenwaldschule passiert ist, Andreas?

Überall konnte es passieren: Nachts im Bett, morgens beim Aufstehen, unter der Dusche...

Huckele  Ich bin 1981 mit zwölf Jahren auf die Odenwaldschule gekommen und war von 1982 bis 1985 in der „Heimfamilie“ von Gerold Becker. In diesen drei Jahren habe ich ungefähr 400 Übergriffe erlebt. Da war das ganze Spektrum dabei. Von einfach an mir rumfummeln und mich küssen über mir den Kiefer aufzwängen und mir die Zunge in den Mund schieben bis zu nächtlichen Überfällen. Und ich bin davon wach geworden, dass er mir wie ein Geisteskranker am Schwanz gelutscht hat. Ich dachte: Der reißt mir den jetzt ab! Wenn ich mich weggedreht habe, ist er von oben auf mich drauf und hat mich festgehalten. Das war ein Vergewaltigungs-Szenario. Und ich wusste drei Jahre lang nicht: Wann passiert es wieder? Es konnte ja überall passieren: Nachts in meinem Bett, morgens beim Aufstehen, unter der Dusche, in seiner Küche, in seinem Schlafzimmer. Ich wusste nicht, wann es passiert, aber ich wusste: Es passiert! Und zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit heute noch. Das ist das Brutale: Mein Alarmsystem ist in dieser Zeit so geschult worden, dass ich das bis heute nicht abstellen kann. Wenn ich zum Beispiel im Zugabteil sitze und da laufen sieben Gespräche, dann höre ich jedes davon.

Das waren also gewalttätige Übergriffe, die keinerlei Ambivalenz hatten. Darüber müssen Sie doch gesprochen haben?

Huckele Nein. Diese Erlebnisse waren so massiv, die habe ich sofort wegdissoziiert. Wenn mich mit 15 jemand gefragt hätte: „Sag mal, ist dir der Gerold mal zu nahe getreten?“, dann hätte ich „Nein“ gesagt. Um an die Bilder zu kommen, hätte es eine Person gebraucht, die der Sache ernsthaft nachgeht.

Wie funktioniert das? Sie wussten doch an jedem Morgen: Heute droht es mir wieder.

Huckele Ja. Und trotzdem war es für mich nicht zugänglich. Ich hätte es weder aussprechen noch hätte ich handeln können. Ich weiß heute, dass meine Lösung war, aus meinem Körper rauszugehen. Ich habe Bilder davon im Kopf, die ich abrufen kann. Da bin ich aus meinem Körper raus und schaue von draußen zu, was Becker mit dem Kind macht. Und das bin in dem Moment nicht ich. Bei anderen Menschen bleiben die Erinnerungen völlig abgespalten und tauchen erst nach Jahrzehnten durch einen Auslöser wieder auf.

So war es bei Ihnen, Patricia.

Richert  Ja. Ich war früher Flugbegleiterin und arbeite heute am Check-in derselben Fluggesellschaft. Mit 32 bin ich zum ersten Mal arbeitsunfähig geworden, weil ich plötzlich Flugangst bekommen habe. Ich musste eine Therapie machen und mich mit der Frage nach den Ursachen beschäftigen. Das habe ich dann getan. Meinen Beruf als Flugbegleiterin musste ich aber aufgeben. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gerade meine Tochter bekommen und von Anfang an Angst, dass ihr was passiert, dass sie missbraucht wird. Nach und nach hat sich herauskristallisiert, dass das meine eigene Geschichte ist.

Was ist Ihnen denn genau passiert?

Ich hatte das Gefühl: Ich bin wieder dort und erinnerte mich an einzelne Bilder.

Richert  Ich war als Sechsjährige zwischen 1965 und 1966 in einem Kinderheim in Würzburg. Meine Eltern hatten sich scheiden lassen und meine Mutter hat mich und meinen zweijährigen Bruder in der Zeit, in der sie sich Arbeit suchen und das Leben neu organisieren musste, in diesem katholischen Heim untergebracht. Wenn ich sie gefragt habe, wie lang ich da war, hat sie immer gesagt: „Das war nur eine kurze Zeit!“ Wie ich später als Erwachsene herausgefunden habe, waren es aber neun Monate. Die Erinnerungen sind stückchenweise zurückgekommen. Mit der Aufdeckung der Heimskandale und diesem großartigen Film „Und alle haben geschwiegen“ mit Senta Berger. Der war so dicht, dass ich das Gefühl hatte: Ich bin wieder dort. Ich erinnerte mich an einzelne Bilder und es gibt eine Therapieform, um diese Standbilder zum Laufen zu bringen. Was ich sehe: Mehrere nackte Menschen sind um mich herum, ich liege auf dem Boden und erwache aus einem betäubten Zustand. Das war bisher das Standbild. Wir haben dann weitergearbeitet und es wurde eine Gewaltszene daraus, in der ich mich gewehrt habe. Ich sehe auch eine Kamera und eine Leinwand. Und ich sehe eine Kapelle, die es in dem Kinderheim tatsächlich gibt. Es hat auch eine Penetration mit einem Gegenstand stattgefunden, und es wurde gefilmt. In der letzten Therapiestunde musste ich abbrechen, weil ich nicht ausgehalten habe, was da hochgekommen ist. Ich glaube, dass es einen Zusammenhang mit Exorzismus und Kult gibt. Ich habe zum Beispiel bei meinen Recherchen entdeckt, dass 1963 in Würzburg die „Bibel des Exorzismus“ herausgegeben wurde und der damalige Würzburger Bischof später auch in einen exorzistischen Todesfall einer jungen Frau verstrickt war. Aber immer, wenn ich danach frage, will niemand etwas davon wissen.

Ab wann haben Sie beide angefangen, darüber zu sprechen?

Richert  Ab 2002, als ich in eine neue Gewaltsituation geriet, also mit 43. Da habe ich auch angefangen, darüber zu schreiben.

Huckele  Ich bin mit 23 eines morgens völlig betrunken aufgewacht und wusste: Diese komischen Bilder, die ich im Kopf habe und von denen ich nicht wusste, wo die überhaupt herkommen, das sind keine Alpträume oder schräge Fantasien – das sind Erinnerungen. Alkohol und Drogen haben nicht mehr ausgereicht, um diese Bilder wegzudrücken.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Sie sich schon mit 13 regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit betrunken haben.

Huckele Ich habe instinktiv gespürt, dass es meine Überlebensstrategie ist, mich wegzuknallen. Das emotional Unaushaltbare soweit zu deckeln, dass es überlebbar wird.

Und als das dann mit 23 nicht mehr funktionierte?

Huckele  Ich habe jede Nacht von den Übergriffen geträumt. Das war der blanke Horror. Was ich aber wusste: Weitertrinken wird das Problem nicht lösen. Ich habe dann rausgefunden: Was mich in der Gegenwart und in meinem Körper hält, ist Bewegung. Und dann hab ich ganz viel Sport gemacht. Immer wenn ich gedacht hab, ich halt’s nicht mehr aus, bin ich laufen gegangen. Ich habe lange Triathlon gemacht und auch Sport studiert. Ich habe damals auch Therapieversuche gemacht, aber das war völlig nutzlos.

Warum?

Ich fühlte mich, als hätte ich brennendes Benzin in den Adern.

Huckele  Weil die Therapeuten nur verhaltenstherapeutisch mit mir gearbeitet haben. Die haben gefragt, was meine Ziele im Leben sind und wie ich dahin komme. Damals war man noch nicht so weit in der Traumatherapie. Dabei habe ich mich gefühlt, als ob ich brennendes Benzin in den Adern hätte. Man dreht extrem hochtourig. Das ist, wie wenn bei einem Auto bei 6 300 Umdrehungen die Maschine kaputtgeht, und ich war konstant immer auf 6 000. Und dann hat nicht mehr viel gefehlt und ich bin ausgeflippt. 2008 ging es mir gesundheitlich sehr schlecht. Und da habe ich mir dann einen Therapieplatz bei einer Psychotraumatologin gesucht. Das war sehr hilfreich.

1998 sind Sie zum ersten Mal an die Öffentlichkeit gegangen. Aber es passierte – nichts.

Huckele  Ich war ein paar Jahre clean, merkte aber: Der Zorn auf den Täter wird größer. Ich muss damit irgendwas machen. Da habe ich 1997 Becker einen Brief geschrieben und ihn aufgefordert: „Das, was du mit mir gemacht hast, ist sexueller Missbrauch. Verhalte dich dazu!“ Dann hatten wir einen Briefwechsel, in dem er sehr ausweichend geantwortet hat. 1998 kam Becker dann zurück an die Schule und hat ein Wochenend-Seminar mit Schülern in der Burg Waldeck gemacht. Da rief mich mein Schulfreund Thorsten an und sagte: „Becker ist zurück an der OSO. Wir müssen was machen!“ Daraufhin haben wir den Schulleiter und 26 Lehrer und Lehrerinnen angeschrieben, aber wir stellten fest: Die wollten von uns in Ruhe gelassen werden. Dann haben wir 1999 eine Zeitung gesucht, die die Sache öffentlich macht. Wir haben Jörg Schindler von der Frankfurter Rundschau gefunden, der den Artikel „Der Lack ist ab“ geschrieben hat. Und in dem steht eigentlich schon alles drin.

Das hätte ja ein ungeheurer Skandal sein müssen.

Huckele  Das dachten wir auch. An dem Morgen, als der Artikel erschien, dachten wir: Jetzt geht’s los. Jetzt kommt alles raus! Aber es ist nichts passiert! Keine Anrufe von Schulfreunden, kein Journalist, nichts! Wir waren fassungslos. Es gab allerdings Gespräche mit meinem ehemaligen Klassenlehrer, der vor Zeugen gesagt hat: „Was wollen die zwei Arschlöcher überhaupt?“ Und Sprüche wie: „Naja, die beiden hatten aber auch immer so kurze Hosen an.“

Wenn ein solcher Artikel schon ins Nichts und ins totale Schweigen fällt, wie war das dann erst bei Ihnen, Patricia?

Es heißt, der zuständige Pfarrer ist schon lange tot. Aber er wäre nett gewesen.

Richert  Ich hab es zuerst bei meiner Mutter probiert. Die hat gesagt, ich wäre krank, hysterisch und würde mir das alles nur einbilden. Und die Psychologen würden mich erst recht krankmachen. Ich vermute, dass meine Mutter als Kriegskind auch Dinge erlebt hat, über die sie nicht sprechen will und die sie auf diese Weise abzuwehren versucht. Die anderen in der Familie, die ich gefragt habe, wussten bezeichnenderweise gar nicht, dass ich im Heim war. Damit war das Thema in der Familie vom Tisch. Anfang dieses Jahres habe ich mich dann an das Bistum Würzburg gewandt, weil sie dort das Angebot machten, man solle sich an den Missbrauchs-Beauftragten wenden. In Würzburg ist das eine Frauenärztin, mit der ich in Kontakt getreten bin. Ich habe ihr meine Karteikarte aus dem Heim gegeben und sie gebeten, sich an meine Therapeutin zu wenden, damit die ihr berichtet, was passiert ist und ich nicht alles noch einmal erzählen muss. Dann könnte sie ihre Stellungnahme dazu schreiben und das weitergeben. Leider fehlt ihr jegliche Kompetenz zum Thema Traumatisierung, was dazu führt, dass sie das Gesagte fehlinterpretiert und damit der Kirche in die Hände spielt. Das geht nun seit Anfang des Jahres hin und her, es wird abgewiegelt und kleingeredet. Es heißt, der Pfarrer, der damals für das Heim zuständig war, ist schon lange tot, aber man könne sich auch überhaupt nicht vorstellen, dass er irgendwas mit Missbrauch zu tun hätte, denn der wäre doch sehr nett gewesen. Das finde ich bei allem, was man heute weiß, wirklich ungeheuerlich. Dann haben sie gesagt: Mit dem Orden, der das Heim geleitet hat, hätte das Bistum gar nichts zu tun. Aber ich soll die intimsten Details offenbaren, die dann in der Bischofskonferenz auf ihren „Wahrheitsgehalt“ geprüft werden. Trotz meiner ausdrücklichen Bitte an die Missbrauchs-Beauftragte, die Informationen meiner Therapeutin nur als Hintergrundwissen für ihre Stellungnahme zu verwenden, wollte sie doch alles an die Kirche weiterleiten. Aber wer garantiert mir, dass da nicht auch noch Täter sitzen, die sich dann wieder an meinen Schilderungen aufgeilen?

Andreas hat getrunken und Drogen genommen und dann exzessiv Sport getrieben. Wie haben Sie reagiert, Patricia?

Richert  Ich habe mir einen Beruf gesucht, in dem ich dauernd unterwegs war. Immer in neuen Welten, immer abgelenkt, immer auf der Flucht. Ich hatte sozusagen nie festen Boden unter den Füßen. Und ich habe viel über Essen kompensiert. Immer, wenn ich Stress hatte, habe ich gegessen und tue es zum Teil heute noch. Ich habe, wie Andreas auch, diese Übererregung in mir. Früher war ich immer sehr nervös und bin leicht explodiert. Später war ich mit meiner Tochter alleinerziehend und habe sie viel angebrüllt und ihr meine Wut übergestülpt. Andererseits war ich sehr überbehütend, eine Glucke und sehr streng, damit sie ja nicht abrutscht in Alkohol oder Drogen. Das kannte ich aus meiner Familie und wollte sie davor beschützen, indem ich alles um mich herum kontrolliere. Ich hab sie damit aber genau in das Gegenteil getrieben. Wir sind zu Hause nicht mehr klargekommen und sie ist dann mit 15 freiwillig in eine betreute Mädchen-WG gezogen. Die Mädchen hatten regelmäßigen Zugang zu Drogen und Alkohol und sind da schlechter rausgekommen als sie reingegangen sind. Die sind reihenweise abgestürzt.

Hat ihre Tochter auch sexuelle Übergriffe erlebt?

Richert  Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass meine Traumafolgestörungen ihr Leben sehr stark geprägt haben. Ein Ex-Freund von mir hat uns ein Jahr lang gestalkt, nachdem ich ihn aus dem Haus geschmissen habe, weil er in einem Streit gewalttätig wurde. Meine Tochter war damals zwölf und wir bekamen keine Hilfe. Das eine Jahr in Angst und Ohnmacht hat tiefe Spuren in unserem Leben hinterlassen. Ich wünschte, ich hätte sie davor bewahren können, aber ich weiß heute, dass unbearbeitete Traumatisierungen über Generationen weitertransportiert werden können.

Wann haben Sie denn zum ersten Mal mit einem Menschen darüber geredet, Andreas?

Huckele   Das war mit einer Ärztin. Ich hatte mit 23 aufgehört zu trinken, ging zu den Meetings der anonymen Alkoholiker und wollte in eine psychosomatische Klinik. Die Ärztin wollte mich aber zum körperlichen Entzug ins Krankenhaus einweisen. Da hab ich gesagt, dass das nicht geht, weil ich mit geschlossenen Einrichtungen schlechte Erfahrungen gemacht habe. Ich konnte aber auch damals nur sagen: „Da war Missbrauch.“ Ich habe die Bilder gesehen, hatte aber keine Worte dafür.

So groß ist das Verbot, darüber zu reden?

Um es aussprechen zu können musste es emotional aushaltbar werden.

Huckele  Es war bei mir nicht das Verbot. Der traumatische Schaden war so groß, dass das System die Erlebnisse so weit ausgelagert hatte, dass das Sprachzentrum keinen Zugriff mehr hatte. Das ist, als ob Sie einen Film schauen und die Leute sprechen Chinesisch. Sie können es nicht in Sprache übersetzen, es ist nicht decodierbar. Damals habe ich mir die Schuld daran gegeben. Ich dachte: Jetzt hättest du die Möglichkeit, darüber zu sprechen und aus der ganzen Scheiße rauszukommen und machst es nicht! Heute weiß ich: Um es aussprechen zu können, musste ich vorher was anderes machen. Es musste emotional erstmal aushaltbar werden.

Oft spielt ja bei den Opfern das Gefühl der Scham und des schlechten Gewissens eine Rolle. War das meine Schuld, hätte ich „Nein“ sagen können?

Huckele  Als ich Gerold Becker 1997 die Briefe geschrieben habe, hatte ich eine kurze Phase, in der ich mich gefragt habe: Hätte ich nicht „Nein“ sagen können? Aber dann hatte ich das sehr schnell klar: Ich hätte erstens nicht „Nein“ sagen können und es wäre zweitens auch nicht meine Aufgabe gewesen, „Nein“ zu sagen, sondern seine, die Grenze zu wahren. Aber das wollte Becker ja gar nicht. Wie wir heute wissen, war Becker ein pädokrimineller Serientäter.

Patricia, Sie haben ja bisher kein wirkliches Gegenüber. Da ist eine Institution, aber da sind keine Menschen, die Sie konfrontieren könnten.

Richert  Es gibt diese Menschen. An die komme ich noch nicht ran, aber ich gebe nicht auf. Es gibt ein Altenheim dieser Ordensschwestern, die das Heim betrieben haben, in Würzburg. Die habe ich Anfang 2013 angeschrieben und gefragt: Gibt es Schwestern von damals, die noch leben? Gibt es eine Akte? Gibt es Fotos? Zurück kam ein hingeschmierter Brief voller Rechtschreibfehler: Nein, wir haben nichts mehr. Auf Wiedersehen. Ich habe rausgefunden, dass die Absenderin des Briefes die Köchin ist. Das muss man sich mal vorstellen: Ich schreibe an einen Orden und die geben das an die Köchin weiter!

2010 waren zunächst die Übergriffe in katholischen Internaten bekannt geworden. Es müsste inzwischen doch ein Klima geben, in dem Sie offene Türen einrennen.

Ich schlug vor, einen Aufruf zu machen, ob es noch andere Betroffene gibt.

Richert  Nein, nicht mal bei der Presse. Zum Beispiel hat die Mainpost in diesem Jahr einen Artikel darüber geschrieben, dass die Kirche vertuscht und Akten vernichtet. Daraufhin hat die Kirche eine große Gegendarstellung gemacht. Dann habe ich mich an die Journalistin gewandt, die den Artikel geschrieben hatte und gesagt: „Ich fange gerade an, meinen Fall aufzurollen und es läuft keineswegs so, wie die Kirche es darstellt. Sie können mich gern als Präzedenzfall nehmen.“ Ich habe auch vorgeschlagen, einen Aufruf zu machen und zu fragen, ob es vielleicht noch andere Betroffene aus dieser Einrichtung gibt. Sie haben geantwortet: An meinem Fall bestände kein öffentliches Interesse.

Liegt denn jetzt bei der Odenwaldschule endlich alles auf dem Tisch, Andreas?

Huckele  Durch die scheinbare Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird suggeriert, dass die Kinder und Jugendlichen heute dort sicher sind. Es ist mir aber bis heute nicht klar, wie in der Odenwaldschule mit den Schülerinnen und Schülern gearbeitet wird, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Denn die gibt es ja. In jeder pädagogischen Einrichtung dieser Größenordnung gibt es Menschen, die Opfer sexualisierter Gewalt werden. Entweder, es findet also sexualisierte Gewalt in der Odenwaldschule statt – von Jugendlichen gegen Jugendliche oder von Erwachsenen gegen Jugendliche – oder es sind Kinder in der Einrichtung, die sexualisierte Gewalt woanders erlebt haben und die Unterstützung bräuchten. Die heutigen Schülerinnen und Schüler gegen die Opfer der Vergangenheit auszuspielen ist zynisch.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hat Einrichtungen dazu befragt, was sie zum Thema Missbrauch machen. Die Antwort war in der Tat erschreckend oft: „Das kommt bei uns nicht vor.“

Huckele  Aber das kann eben nicht sein. Wenn ich in eine Schule komme und frage: „Was macht ihr mit den Missbrauchsfällen?“ und ich kriege zur Antwort: „Wir haben gerade einen Übergriff von einem Lehrer auf einen Schüler, wir haben einen Übergriff von einem Schüler auf eine Schülerin, wir haben einen Übergriff von einer Lehrerin auf einen Schüler. Und wir haben da einen Ansprechpartner, der kümmert sich darum.“ Dann würde ich sofort mein Kind in diese Schule geben, weil ich wüsste: Sexualisierte Gewalt ist bei denen kein Tabuthema, die schauen den Tatsachen ins Gesicht und ignorieren sie nicht.

Wie waren die Reaktionen an der Odenwaldschule, nachdem Sie an die Öffentlichkeit gegangen waren?

Huckele  Eine ehemalige Lehrerin begrüßte mich vor ein paar Jahren mit den Worten: „Mensch, Andi, du hast immer noch so schöne blaue Augen wie früher!“ Das habe ich in meinem Buch geschrieben. Bei dem nächsten Treffen begrüßte sie mich mit den Worten: „Das hab ich so nicht gesagt!“ Ich fragte sie: „Gibt es noch irgendwas über mein Buch zu sagen?“ Worauf sie antwortete: „Also, gelesen hab ich es nicht. Aber vielleicht mach ich das demnächst mal.“ Die Geschichte bringt auf den Punkt, wie die drauf sind.

Haben Sie, Patricia, es Ihrer Tochter irgendwann gesagt und wie hat sie reagiert?

Richert  Ich habe es ihr gesagt und sie auch in meine früheren Aktivitäten einbezogen. Zum Beispiel habe ich mit Missio Aktionen gegen Sextourismus und Kinderprostitution gemacht. Und ich glaube, ich habe sie damit überfordert. Ich denke, sie hat sich durch die Entscheidung für den WG-Aufenthalt dieser Atmosphäre entzogen. Ich erwähne das Thema und meinen Kampf deshalb kaum noch in ihrer Gegenwart, denn ich glaube, ich habe ihr schon zu viel zugemutet.

Sie sind heute berufsunfähig und kämpfen bei der katholischen Kirche um eine Entschädigung.

Die offziellen Stellen mauern. Das ist so zermürbend.

Richert  Ja, ich bin zum zweiten Mal berufsunfähig geworden, als ich am Check-in die Sextouristen nach Bangkok abfertigen sollte. Es holt mich einfach an allen Stellen immer wieder ein. Ich bin seit Januar krank geschrieben und seither damit beschäftigt, über das Opferentschädigungsgesetz, den Heimkinderfonds, den Fonds der Katholischen Kirche eine Entschädigung oder bei der Rentenversicherung eine Berufsunfähigkeits-Rente zu bekommen. Das Problem ist: Sie setzen da in den Beratungsstellen Dilettanten und Verhinderer hin. Die haben einen Crash-Kurs bekommen und sollen jetzt wissen, was ein Trauma ist. Und die offiziellen Stellen, wie Rentenversicherung und Versorgungsamt, mauern zusammen mit ihren willigen Gutachtern und Amtsärzten ebenfalls. Das ist so zermürbend.

Sie engagieren sich beide im NetzwerkB, einer Organisation für Betroffene sexualisierter Gewalt. Was tun Sie da genau?

Huckele  Das Netzwerk arbeitet hauptsächlich auf politischer Ebene. Ziel ist es, Politiker dafür zu gewinnen, die Rechtslage zu ändern, vor allem in Bezug auf die ersatzlose Streichung der Verjährungsfristen bei sexualisierter Gewalt.

Die zivilrechtlichen Verjährungsfristen, mit denen das Opfer Schadenersatz beim Täter einklagen kann, sind ja schon von drei auf 30 Jahre angehoben worden.

Huckele  Das wird uns nichts nützen, solange die strafrechtlichen Verjährungsfristen immer noch so kurz sind. Ein Richter wird im zivilrechtlichen Verfahren immer fragen, wie das strafrechtliche Verfahren ausgegangen ist. Es gibt aber meist kein Strafverfahren, weil die Verjährungsfrist abgelaufen ist.

Richert  Und in meinem Fall sind auch die 30 Jahre zu kurz. Mich hat ja übrigens auch sehr gewundert, dass das alles kein Thema im Wahlkampf war.

Die Pädophilie-Debatte hat die Grünen zweifellos zwei bis drei Prozent Stimmen gekostet.

Richert  Ja, die Nicht-Aufarbeitung! Aber wenn eine Partei offensiv gesagt hätte: „Wir kümmern uns darum, das ist ein Thema für uns!“ dann hätte das eine Menge Stimmen gebracht. Es gibt doch so viele Betroffene.

Und was müsste noch passieren?

Wir müssen sexualisierte Gewalt tat-
sächlich zum Thema machen!

Huckele  Einrichtungen wie Schulen und Vereine müssen das Thema sexualisierte Gewalt tatsächlich zum Thema machen. Der erste Schritt dazu ist ganz einfach, dass alle, die dort arbeiten, sich zusammensetzen und sagen: „Wir reden jetzt darüber!“ Da muss die Schulleitung sagen: „Wir haben nächste Woche vier Stunden Konferenz, davon sprechen wir eine Stunde über sexualisierte Gewalt.“ Es muss Thema auf Elternabenden sein. Es gehört in die Ausbildung von Lehrern, Erziehern, Polizisten, Richtern, Staatsanwälten.

Richert  Wir brauchen mehr Therapeuten, die eine gute traumatherapeutische Arbeit machen können. Da haben wir flächendeckend zu wenig. Und die Krankenkassen müssen mehr Therapiestunden bewilligen. Man muss sich das alles erkämpfen. Eine Bekannte von mir, die seit fünf Jahren um ihre Rechte kämpft, bekam zu hören: „Wenn Sie die Kraft haben, Widerspruch gegen unseren Bescheid einzulegen, dann kann es Ihnen ja nicht so schlecht gehen.“ Und auch die Fonds legen die Hürden so hoch, dass viele aufgeben. Und das ist genauso gewollt, das hat Methode. Das ist ein Skandal.

Huckele  Wenn Sie eine Psychoanalyse machen, die nicht zur Aufarbeitung von Traumata geeignet ist, bekommen Sie 500 Stunden. Aber da, wo wirklich Not am Mann oder an der Frau ist, bekommt man nur 40 Stunden bewilligt.

Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Richert  Ich bin noch mittendrin herauszufinden, was passiert ist. Ich habe aber mittlerweile so viel Biss und Erfahrung, mich nicht mehr abwimmeln zu lassen. Ich gebe nicht auf.

Huckele  Ich bin dabei, ein Netzwerk zu gründen, das stärker an der Heilung arbeitet. Dort wird es einen Rahmen geben, in dem es möglich ist, die eigenen Erlebnisse auszusprechen. Bei Lesungen oder Vorträgen erlebe ich es immer wieder, dass am Ende jemand aufsteht und zum ersten Mal über seine Gewalterfahrungen als Kind spricht. Ich halte dann immer die Luft an, weil es ein so ungeschützter Rahmen ist. Aber wenn ich später frage, wie das für sie war, sagen sie alle: „Das war der Wendepunkt in meinem Leben!“ Von dem Moment an nimmt man das Zepter in die Hand. Und das ist ja das, was uns als Kindern passiert ist: Da hat uns jemand das Zepter aus der Hand genommen.

Das Gespräch führten Alice Schwarzer und Chantal Louis.

 

Weiterlesen
Jürgen Dehmers (Andreas Huckele): Wie laut soll ich denn noch schreien? (Rowohlt)
Andreas Huckele: Macht, Sexualität, Gewalt (Rowohlt, e-book)
Weil wir so viele sind (Lumen Verlag)

www.bittere-traenen-projekt.de
www.netzwerkb.org

 

 

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